Herbst-Comdex in Las Vegas: Mega STE und Portfolio-Power

Von 12. bis 16. November 1990 öffnete die bekannteste amerikanische Computermesse Comdex wieder ihre Pforten. Viele Neuheiten für Atari ST und TT versprechen ein interessantes 1991.

Reges Treiben am Atari-Stand. Im Mittelpunkt der neue Mega STE

Die wichtigste Neuheit präsentierte die Firma Atari selbst. Auf ihrem Stand gab es unter anderem den neuen Mega STE im eleganten TT-Look zu sehen, eine Art »Professional«-Ausführung des 1040 STE. Im Gegensatz zu seinem kleinen Bruder ist die CPU des neuen Ataris standardmäßig auf 16 MHz getaktet. Wahlweise lassen sich durch einen bereits vorhandenen Steckplatz die Coprozessoren MC68881/MC68882 nachrüsten. Das Betriebssystem sowie die Benutzeroberfläche GEM befinden sich im 256 KByte-ROM, die RAM-Kapazität beträgt 2 oder 4 MByte. Auch am Desktop des Mega STE hat sich einiges getan: Wie beim TT können Sie jetzt Programme auf dem Desktop ablegen. Das mitgelieferte Kontrollfeld-Accessory ist erheblich bedienungsfreundlicher als die bisherige ST-Version, beispielsweise ist nun ein Mausbeschleuniger enthalten. Die anderen technischen Daten sind weitgehend mit dem bisherigen 1040 STE identisch. So verfügt auch der Mega STE über eine Palette von 4096 Farbtönen, programmierbaren Sample-Sound mit Stereo-Ausgabe, einen eingebauten HF-Modulator für den Anschluß an einen Fernseher, vertikales und horizontales Hardware-Scrolling, Blitter-Chip zum schnellen Verschieben von Speicherbereichen, die Atari-obligatorischen MIDI-In-und MIDI-Out-Buchsen sowie Steckplätze für sechs Joysticks oder Paddles.

STE mit TT-Komfort

Der Mega STE stellt dieselben Auflösungen wie sein kleiner Bruder dar (640x400 monochrom, 640x200 mit 4 Farben gleichzeitig, 320 x 200 mit 16 Farben gleichzeitig). Das integrierte doppelseitige Laufwerk formatiert Disketten auf 720 KByte Speicherkapazität und liest und schreibt auch im MS-DOS-Format.

Die Hardware des Mega STE steckt wie schon erwähnt im Gehäuse des Atari TT, allerdings haben sich die Designer bei der Farbgebung wieder für das typische Atari-Grau entschieden. Auch die Anschlüsse auf der Rückseite kommen TT-Kennern bekannt vor: Zwei Audio-Cinchbuchsen zur Soundausgabe, die Monitorbuchse, zweimal die serielle Schnittstelle RS232C beispielsweise zum Betrieb eines Modems, ein serieller High-Speed-und ein LAN (Netzwerk)-Anschluß, die parallele Druckerschnittstelle sowie die Buchse für ein zweites Diskettenlaufwerk existieren im STE wie im TT. Ebenfalls vorhanden sind der externe DMA-Anschluß für Festplatte, CD-ROM und Laserdrucker. An der Seite befindet sich der ROM-Port zur Aufnahme von 128 KByte-ROMs. Zum voraussichtlichen Liefertermin und Preis konnte Atari keine Angaben machen.

In den Genuß des UNIX-TTs kamen die Comdex-Besucher noch nicht. Dafür konnte man sich an der Leistungsfähigkeit des kleinen Laserdruckers SLM 605 erfreuen, den TOS in dieser Ausgabe ausführlich testet.

Wie eine Bombe schlägt in den USA der kleinste MS-DOS-kompatible Computer der Welt ein. Zahlreiche Firmen stellen Software und Zusatzhardware für den Portfolio vor. Zur schnellen und einfachen Programmentwicklung präsentierte Atari den »PowerBASIC-Compiler« von Spectra Publishing, der ohne weitere Hilfsprogramme selbstständig lauffähige COM- und RUN-Dateien erzeugt.

An weiteren Portfolio-Softwareneuheiten gab's unter anderem das Hypertext-System »Hyperlist« sowie den »Superorganizer« zu sehen, der den Möglichkeiten der eingebauten Term in Verwaltung um ein vielfaches überlegen ist. Der Superorganizer besitzt ein Lotus 1 -2-3 kompatibles Spreadsheet und einen komfortablen ASCII-Texteditor. Im Hardwarebereich zogen eine 20-Mbyte- Festplatte und Schnittstellen-Erweiterungen die Aufmerksamkeit auf sich.

Software für ST und TT

Mit »Codekeys« liegt ein programmierbarer Makro-Recorder vor, der sämtliche Maus- und Tastaturoperationen aufzeichnet und wieder abspielt, sogar in TOS-Programmen ohne GEM-Unterstützung. Das Abspielen erfolgt wahlweise in Echtzeit oder mit der größtmöglichen Geschwindigkeit. Codekeys zeichnet bis zu 32 Makros auf. Im integrierten Editor bearbeiten und verändern Sie die Makros nachträglich. CodeKeys kostet 39,90 Dollar (ca. 70 Mark).

»Codekeys«, ein programmierbarer Makrorecorder für TOS und GEM

Der Nachfolger der Textverarbeitung »Wordflair« steht ab September in den amerikanischen Regalen und kommt voraussichtlich im April 1991 unter dem Namen »Wordflair II« nach Deutschland. Goldleaf Publishing verpaßte dem Programm zahlreiche gravierende Neuerungen wie zum Beispiel Spaltensatz, Funktionen zum Laden von IMG- und GEM-Metafile- Dateien, Rechenoperationen, vom Desktop Publishing bekannte Gestaltungsfunktionen sowie eine Mini-Tabellenkalkulation. Wordflair II wird etwa 150 Dollar kosten (ca. 300 Mark). »Touch Up« nennt sich ein neues vielversprechendes Zeichenprogramm von Migraph. Das Programm verarbeitet alle gängigen Bildformate und erlaubt, den freien Speicherplatz auf der Festplatte für umfangreichere Zeichnungen als Zwischenspeicher zu nutzen. Die nächste Comdex findet vom 20. bis 23. Mai 1991 in Atlanta statt.

Desolate Informationspolitik

Atari präsentierte auf mehreren Messen den TT mit einer Taktfrequenz von 16 MHz. Erst als sich von vielen Seiten Kritik an der TT-Rechenleistung regte, setzte man den Prozessortakt in letzter Minute auf 32 MHz hoch. Um ein ähnliches »Ausstellungsobjekt« scheint es sich um den auf der Comdex präsentierten Nachfolger des Mega ST, den Mega STE zu handeln. Atari ist nicht bereit, wichtige technische Detailfragen zu beantworten.

Atari scheint die Chance nicht nutzen zu wollen, das schlechte Image der TT-Einführung wett zu machen und den Anschein einer vernünftigen Modellpflege zu wahren.

Horst Brandt, Chefredakteur
Thomas Bosch


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