Atari-Einsatz bei der Feuerwehr: »Auf den ST können wir nicht mehr verzichten«

Wenn die Werksfeuerwehr der Optischen Werke Carl Zeiss ausrückt, gibt ein ST lebenswichtige Hinweise zur richtigen Brandbekämpfung, Auch sonst erleichtert der Computer dem Kommandanten Werner Prokoph die Verwaltungsarbeit.

Wer ihn besuchen will, braucht viel Geduld. Rund eine halbe Stunde vergeht beim Ausfüllen von Formularen und zahlreichen Ausweiskontrollen, bevor ich endlich meinen Gesprächspartner treffe: Werner Prokoph, bei der Firma Carl Zeiss zuständig für den allgemeinen Betriebsdienst sowie Kommandant der 44-köpfigen freiwilligen Werksfeuerwehr. Die Firma Carl Zeiss, hauptsächlich bekannt durch Brillengläser, Linsen, Mikroskope und Ferngläser, beschäftigt hier im Hauptwerk Oberkochen

auf rund 200000 Quadratmetern fast 8000 Mitarbeiter. Als wir Prokophs Büro betreten, fragt er mich mit einem verschmitzten Lächeln: »Na, haben Sie das obskure Objekt der Begierde schon entdeckt?« Prokoph deutet auf den Mega ST 1, der zusammen mit einer Megafile-60 Festplatte und einem 24 Nadel-Drucker in der Ecke steht. Auf die Frage, wieviele STs bei der Firma Zeiss im Einsatz sind, gibt mir der 49-jährige eine zunächst enttäuschende Antwort: »Insgesamt nur zwei, mein Mega ST1 und der 1040er in der Feuerwache. Sonst verwenden wir nur große EDV-Anlagen.« Trotzdem hat der »kleine« Atari eine nicht zu unterschätzende Aufgabe: Im Notfall steht er der Werksfeuerwehr mit Rat zur Seite. Die Mitglieder der Zeiss-Werksfeuerwehr arbeiten als normale Angestellte in den unterschiedlichsten Einsatzbereichen. Meldet einer der 1500 Ionisationsmelder einen Brand oder schlägt eine Abteilung Alarm wegen Chemikalienauslauf, Wasserschaden oder eines sonstigen Betriebsunfalls mit Personengefährdung, erhalten die Feuerwehrleute per Funkempfänger das Einsatzsignal. Zwischen 50 und 100 mal im Jahr rücken die 44 Feuerwehrleute aus, um kleine und große Schäden zu beheben und damit die Sicherheit der knapp 8000 Angestellten zu bewahren.

Das Hauptwerk der Firma Carl Zeiss in Oberkochen beschäftigt rund 8000 Mitarbeiter. Im Brandfall trägt ein Atari ST einen entscheidenden Teil zu ihrer Sicherheit bei.

Im Einsatzfall treffen sich die Feuerwehrmänner in der Feuerwache, ziehen sich blitzschnell um und nehmen die notwendigen Instruktionen vom Kommandanten Werner Prokoph entgegen. Nach nicht mal drei Minuten sind die Helfer dann am Einsatzort. Der erste Mann, der die Feuerwache erreicht, besetzt das Funkgerät und schaltet gleichzeitig den 1040 ST ein. Durch eine Batchdatei startet der Computer innerhalb von 45 Sekunden automatisch die Datenbank-Software »Adimens« und lädt die Datenbank »Gefährliche Stoffe« von Keudel AV-Technik. Handelt es sich um einen Unfall, bei dem Chemikalien ausgelaufen sind oder brennen, schlägt die Stunde des Atari: Der zuständige Feuerwehrmann erhält von den Kollegen am Einsatzort die Namen der entsprechenden Chemikalien oder deren UN-Nummer (UN steht für »United Nations«. Jede Chemikalie besitzt eine als UN-Nummer bezeichnete festgelegte Kennziffer; Anmerkung der Redaktion). Der »Gefährliche Stoffe«-Datenbank entnimmt die Feuerwehr die wichtigsten Daten zu der jeweiligen Chemikalie. Besonders wichtig ist in diesem Fall, welche speziellen Eigenschaften wie Brennpunkt oder Reaktion mit anderen Stoffen die Chemikalie besitzt. Aus diesen Daten entnimmt die Werksfeuerwehr, welche Maßnahmen, wie beispielsweise die Art des Löschmittels, sie ergreifen muß. Der Computer hilft, hier wertvolle Sekunden zu sparen. »Wir brauchen im Notfall schnell die nötigen Informationen. Wenn wir erst zahllose Bücher durchsuchen müßten, kann es schon zu spät sein«, erklärt Prokoph und zeigt auf sieben umfangreiche Nachschlagewerke in seinem Bücherschrank. Warum aber gerade der ST? »Unsere Großrechenanlagen sind vernetzt. Keinem Programm können wir eine bestimmte Priorität zuteilen. Also muß ein eigener Rechner diese verantwortungsvolle Aufgabe übernehmen. Der ST ist dafür ideal geeignet, da durch die einfache und übersichtliche Bedienung auch ein Laie schnell arbeiten kann. Bei der Feuerwehr geht's nun mal um Sekunden.«

»Wir brauchen im Notfall schnell wichtige Informationen«

Doch ohne die richtige Software ist der beste Computer nichts wert. Werner Prokoph vertraut seit mittlerweile drei Jahren auf die Adimens-Datenbank »Gefährliche Stoffe«. Sie liegt jetzt in der Version 2.1 vor und enthält 18364 Stoffnamen und Synonyme. Zu jedem Stoff existieren noch zahlreiche stoffspezifische Angaben und Hinweise, was beim Umgang mit der Chemikalie zu beachten ist. Demnächst werden auch Maßnahmen zur Ersten Hilfe enthalten sein. Seit kurzem hatauch die Firma Dornier die Datenbank in ihr ALICE-System (Adaptierbares Leitsystem für die Interaktive Computerunterstützte Einsatzbearbeitung) integriert. Außerdem setzen zahlreiche andere Personen, die mit Chemikalien zu tun haben, die Datenbank ein. Einmal jährlich veröffentlicht Keudel AV-Technik eine neue erweiterte Version. Dem professionellen Einsatz angemessen ist der Preis: 4542 Mark kostet die »Gefährliche Stoffe«-Datenbank. Für Werner Prokoph akzeptabel: »Wenn's einmal gebraucht wird, hat sich's schon bezahlt gemacht.« Er bezeichnet den ST in Zusammenarbeit mit der Keudel-Datenbank »fast schon als ein Rettungsgerät. Ich möchte ihn nicht mehr missen.«

Erste Berührung mit dem »Computer-Feuerwehrmann« machte Prokoph vor vier Jahren bei einer Vorführung des Keudel-Programms »Feuerwehr im Einsatz«, einer Einsatzsimulation, die heute noch für Übungen bei der Werksfeuerwehr Carl Zeiss läuft. Prokoph kaufte sich einen 1040 ST und arbeitete fast ein Jahr ausschließlich mit diesem Programm. Als sich ein Bekannter privat einen ST anschaffte, kam Prokoph »auf den Geschmack« und setzte seinen Computer auch für andere Aufgaben ein. Als Mitglied des örtlichen Schützenvereins verwaltete er mit dem Data Becker-Programm »Datamat« alle anfallenden Daten. Schließlich erhielt er vom Zeiss-Vorstand grünes Licht zum Kauf des Mega STs. Werner Prokophs Begeisterung für den Atari und seine »kinderleicht zu bedienende Oberfläche« wuchs immer mehr. Mit Datamat baute der gelernte Verwaltungsangestellte zahlreiche Datenbanken auf, verwaltete alle anfallenden Daten vom Inspektionstermin des Zeiss-Fuhrparks über die Inventarlisten der Feuerlöschgeräte bis hin zu »seinen« Feuerwehrleuten. »Wissen Sie, da ich vom Verwaltungsdienst komme, bin ich eigentlich ein fauler Hund und möchte mir das Leben so einfach wie möglich machen«, schmunzelt Prokoph und führt mir stolz seine endlosen Datenbanken vor. Möchte er nicht vielleicht auf ein anderes Datenbanksystem umsteigen? »Warum? Solange es funktioniert, bin ich damit zufrieden. Außerdem hat diese alte Datamat-Version 2.01 einen wichtigen Vorteil: Da der Computer beim Laden stets auf meine spezielle Bootdiskette im Laufwerk A: zugreift, kann ich meine Daten vor unbefugtem Zugriff schützen, indem ich einfach die Bootdiskette abends mit nach Hause nehme. Für die Verwaltung der gefährlichen Stoffe ist Adimens ideal, für meine anderen Datenbank-Anwendungen ist es mir zu langsam, wenn viele Datensätze zu verwalten sind. Außerdem ist Adimens so hervorragend, daß es für mich fast schon zu komfortabel ist.«

Auch sonst setzt Werner Prokoph auf »alt, aber bewährt«: Für Schreibarbeiten verwendet er »Beckertext ST«, weil »ich die integrierte Rechenfunktion praktisch finde. Welches andere Programm kann das schon?« Für eine kleine Adressverwaltung vertraut er dem 1985er-Oldi »C-Adress«: »Normalerweise kann ich beim Etikettendrucken jedes Etikett immer nur einmal drucken. C-Adress bietet aber auch eine Funktion, wo ich beispielsweise 100 Adressaufkleber von ein- und derselben Person drucken kann. Ein uraltes Ding - funktioniert noch.«

»Man darf den Computer als Hilfsmittel nicht überbewerten«

Ein Umstieg auf den PC kommt für Werner Prokoph nur in Frage, wenn »er genauso bedienungsfreundlich ist wie mein Atari ST. Bisher habe ich nichts Vergleichbares gefunden.« Auf die Frage nach eventuellen Mängeln an seinem Computer fällt dem Feuerwehrkommandanten nur der Bildschirm ein, da er »leider nicht entspiegelt ist«. Diesen Nachteil macht Prokoph mit einer speziellen Entspiegelungsscheibe der Zeiss-Schwesterfirma Schott Glaswerke wett. Auch auf die Software des ST läßt Prokoph nichts kommen: »Bisher habe ich mir meine Abstürze immer noch selbst produziert.«

Trotzdem sieht Werner Prokoph den Computer nicht als vollwertigen Ersatz für einen Menschen. Zwar erspart ihm der ST nach eigenen Angaben eine volle Schreibkraft, beispielsweise beim Anfertigen von Serienbriefen oder Terminplänen. »Aber vergessen Sie nicht, daß letztendlich doch ein Mensch für das verantwortlich zeichnet, was aus dem Computer herauskommt. Der Mensch muß nach wie vor den Computer kontrollieren, also zum Beispiel Rechnungen überprüfen. Man darf den Computer als Hilfsmittel nicht überbewerten, aber auch nicht in den Schatten stellen.«

Weitere Informationen zur Datei »Gefährliche Stoffe« erhalten Sie bei Keudel AV-Technik GmbH, Robert-Bosch-Str. 16, 7750 Konstanz

Die Brandwache ist nur im Einsatzfall besetzt

Thomas Bosch
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