Schattenspiel der Lebensfreude: R. Walter produzierte eine goldene LP — trotz seiner Behinderung

Der Jazz-Pianist und Tonmeister Reinhard Walter komponiert große Orchester-Arrangements mit dem Sequenzer-Programm »Notator« und dem ST. Ganz nebenbei erfand er eine neue Art des Umgangs mit der »grafischen Benutzeroberfläche«. Denn Reinhard Walter ist blind.

Die DDR am Ende. 40 Jahre Stalinismus legten die gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung des anderen Deutschlands in Ketten. Doch in wenigen Tagen ist der Spuk vorbei. Das Ende eines repressiven Systems schafft Platz für ein neues Selbstverständnis der gegängelten Bevölkerung. Auch die kleine Welt des Atari ST nimmt Anteil an der bevorstehenden Blüte. Eine erste Atari-Ausstellung noch vor der Währungsunion in Ost-Berlin setzte den Startschuß für die rasche Verbreitung des bis dato in DDR-Ingenieurs- und Uni-Kreisen beliebten ST. Es bedarf keiner besonderen Prophetie, dem ST auf dem neuen, nunmehr DM-Territorium eine rosige Zukunft vorauszusagen. Wir erzählen Ihnen deshalb lieber eine Geschichte, die vor der Wende begann: eine Geschichte aus den Tagen des »real existierenden Sozialismus«, in der Improvisation das einzige Mittel war, den Fängen der Planwirtschaft zu entgehen.

Die Geschichte berichtet von einem behinderten Menschen, der sich mit viel Initiative, genialen Ideen, eigenem Geld und westlicher Technologie einen modernen Arbeitsplatz einrichtet. Ein maßgeschneiderter Arbeitsplatz, der seine schwere Behinderung vergessen läßt, dessen Ausstattung sogar nichtbehinderte Kollegen regelmäßig nutzen. Es ist die Geschichte von Reinhard Walter (49) aus Ost-Berlin.

Reinhard Walter ist ausgebildeter Diplom-Tonmeister, Jazzpianist mit Klavierabschluß und von Geburt an blind. Seit 30 Jahren arbeitet der Vollblutmusiker beim Rundfunk der DDR. Heute betreut er als Musik-Toningenieur Platten-Produktionen von Klavier-Einspielungen bis hin zu großen Orchesterwerken. Aber er arrangiert und produziert auch in eigener Regie, von Filmmusik über Big-Bands bis zum swingenden Jazz. Vor sechs Jahren begann Walter deshalb mit dem Aufbau eines Tonstudios in den eigenen vier Wänden. Die dort über MIDI vernetzten Synthesizer erlauben ihm die Musik-Komposition und -Produktion in nahezu jeder beliebigen Besetzung. Er hoffte aber auf weitere Vorzüge der neuen Technologie: »Wie komme ich ohne Keyboard zu einer musikalischen Aussage, um mich anderen verständlich zu machen? Mit welchem Kommunikationssystem gebe ich einem sehenden Musiker am effektivsten zu verstehen, was er spielen soll?«.

Die neue MIDI-Schnittstelle zwischen Synthesizer und Computer (MIDI = Musical Instruments Digital Interface) brachte die Lösung für Reinhard Walters bis dahin beschwerliche Kommunikation mit anderen Musikern: »Es gibt keine Orchester-Partituren in Braille-Schrift. Lange Zeit schrieb ich deshalb meine Partituren mit einem eigenen System in Blindenschrift. Die Partitur diktierte ich dann notenweise auf Tonband. Das Tonband schrieb ein Bekannter ab und verfaßte eine Notenschrift-Partitur. Diese Partitur ging anschließend zum Kopisten, der für jedes Instrument die Stimmen herauszog. Schließlich bekamen die Musiker die Noten. Bei der Probe haben wir dann erstmal die ganzen Fehler rausgemacht«.

»Wie mache ich einem sehenden Musiker verständlich, was er spielen soll?« Mit MIDI kam die Lösung.

Reinhald Walter, ein Vollblutmusiker
Unterstützung durch ein Sprachausgabemodul
Walter arbeitet mit dem Notator

Mit einem Commodore 64 gelingt Reinhard Walter 1984 der Einstieg in das automatische Notenschreiben. Auch wenn die Software zu wünschen übrig läßt, so ist er in der Lage, Arrangements mit dem Keyboard einzuspielen und die Noten auszudrucken: »Das Programm war primitiv und verarbeitete nur sechs Notensysteme gleichzeitig, was für ein großes Orchester nicht besonders viel ist. Der Arbeitsspeicher reichte nur für kleine Arrangements. Schwierigkeiten bereitete auch die grobe Aufteilung eines Taktes in maximal 192 Taktraster. Da war es mit der Agogik nicht weit her (Agogik [griech.: Lehre von der individuellen Gestaltung des Tempos], Anm. d. Verf.).« Doch das sind Details verglichen mit den Problemen, die der Umgang mit einem Computer an sich für sehbehinderte Menschen aufwirft. Doch bereits für den C 64 bekommt Reinhard Walter das visuelle Medium Computer mit einem ebenso einfachen wie genialen Trick in den Griff.

Was Reinhard Walter nicht sieht, das läßt er sich beschreiben. Und in diesem Fall am besten gleich durch die Maschine: An der Druckerschnittstelle ist eine elektronische Sprachausgabe angeschlossen, die Reinhard Walter auf Tastendruck die Bildschirm-Koordinaten des Cursors ansagt. Im Laufe der Zeit hat sich Walter diese »Leitzahlen« jeder Funktion eingeprägt und beherrscht jetzt das Programm ohne jede Einschränkung. Als er 1988 auf den ST und das Sequenzer-Programm »Notator« von C-Lab umsteigt, stellt sich das Problem in ähnlicher, wenn auch verschärfter Form: Der ST ist ein grafisch orientierter Computer, die Vielfalt der Pull-Down-Menüs und Funktionen multipliziert für Walter die Menge der zu lernenden Leitzahlen. Doch für den »Riesensprung« in der Qualität des Programmes nimmt er die Arbeit auf sich.

Wie schon beim C 64 läßt er sich die gesamte Anleitung auf Tonband sprechen, fertigt in Braille-Schrift Tabellen mit allen Funktionen und den zugehörigen Leitzahlen an und läßt sich von einem Informatiker des DDR-Rundfunks ein Accessory schreiben, das die gute alte C64 Sprachausgabe ansteuert. »Heute ist das kein Problem mehr«, schätzt Reinhard Walter, »Jeder Sehbehinderte ist in der Lage, in so ein Programm reinzukommen«: »Zeile 43, Spalte 75«, gibt die knorrige Automaten-Stimme bekannt. Notator ist zum Speichern bereit, Reinhard Walter hat die Save-Funktion aktiviert. Für ihn ist die blinde Beherrschung eines derart komplexen Programms zunächst eine Frage der Lern-Methode: »Es gibt nichts, was man nicht lernen kann. Wenn man erstmal hinter die Logik des Systems kommt, ist es einfach. Mir ist es immer wichtig, erst das System zu verstehen und dann die Einzelheiten. Aus Einzelheiten sich ein System zusammenzubauen ist für einen Sehbehinderten sehr viel schwieriger, weil die Dimensionierung des Gesamtsystems von vorne herein unbekannt ist. Ich schließe lieber vom Großen auf die Einzelheiten«.

Das 24-Spur-Mischpult verleiht den letzten Schliff
Die Bedienung der Geräte hat Walter im Kopf

So nahm er es sich vor und so arbeitet er heute tatsächlich traumwandlerisch sicher mit einem Programm, dessen Ergebnisse ihn sichtlich begeistern: »Als sehbehinderter Musiker kann ich es mir nicht leisten hinten anzustehen, da muß alles perfekt stimmen, zum Beispiel der tolle Notendruck. Mitleid empfinde ich als unangenehm. Vorurteile muß man anfahren, die Unsicherheiten kommen oft von den Nichtbehinderten.« Wohl wahr. Wie es bei einem Menschen seiner Musikalität nicht verwundert, verlangt Reinhard Walter in allen Bereichen seiner Arbeit nach Authenzität. Der ST ist sein professionelles Werkzeug zum Arrangieren mit Synthesizern, nur, bitteschön, keine »Computermusik«. Der Sound soll natürlich bleiben. Selten arbeitet Walter mit Schlagzeug-Patterns, spielt eine Figur lieber eigenhändig 8 Takte lang durch und schätzt dann gerade die kleinen menschlichen Fehler. Fünf Synthesizer, vom DX7II bis zum Kawai K1, stehen ihm dabei zur Seite. Aufnahmen führt er acht Spur analog oder mit einem normalen DAT-Recorder durch, das 24-Spur Mischpult verleiht den letzten Schliff.

Reinhard Walter besaß schon immer Reise-Freiheit, den größten Teil seines Verdienstes steckte er dabei in neue Gerätschaften, wohlgemerkt zum Kurs von 1:7. Seit 18 Jahren geht Walter im Rundfunk mit professioneller Aufnahmetechnik um. Die Technische Universität Dresden entwickelte speziell für ihn ein elektromechanisches Instrument, mit dem er die Aussteuerung jedes Kanals einer großen 24-Spur Aufnahme-Maschine »erfühlt«.

Welch glückliche Hand er dabei an den Tag legt, zeigte vor zwei Jahren die Verleihung einer goldenen LP für das von ihm produzierte Jazz-Album »Swinging Pool«; auch wenn er die Auswahl-Kriterien dieser DDR-Novität schon damals für »sehr eigenartig« hielt. Dem Jazz gehört jedoch nach wie vor sein Herz. Ihm widmet er sich am liebsten, wenn er routinemäßige Auftragsarbeiten à la »Volksmusik-Medley«, oder auch »Hoppel-Poppel-Musik«, wie er es formuliert, hinter sich gelassen hat.

Sein Computer begleitet Reinhard Walter aber über die Musik hinaus: »Heute habe ich Zugriff auf Bildschirm- und Videotext, biete meinen Service über die Postbox an, habe keine Wege mehr und bin trotzdem in die allgemeine Kommunikation eingebunden. Die digitale Ebene des Computers erlaubt mir die Darstellung jeder Information in Blindenschrift.« Und so gibt es nur wenig, das Reinhard Walter nicht interessiert: »Mein Leben ist Bewegung. Und was sich nicht bewegt, ist tot.«

Wir danken Andreas Gradert, West-Berlin, für die Unterstützung der Recherchen.

»Zeile 43, Spalte 75« schnarrt die Maschine. Was der Komponist nicht sieht, läßt er sich beschreiben.


Tarik Ahmia
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