Grundlagen: PostScript, eine Seitenbeschreibungssprache

PostScript — im professionellen Desktop Publishing auf Mac und PC ein alter Bekannter. Auf dem ST ein Neuling, der Dank langer Reifezeit für die nötige Hardware und mittlerweile mehreren ST-Program-men alle Aussichten hat, zum Shooting Star in der Atari-Welt zu avancieren.

Dem unbedarften Anwender stellt sich die Frage, was PostScript denn nun eigentlich ist. Unbedarfte Antwort: eine universelle Seitenbeschreibungssprache. Aha, jetzt wissen wir es.

Um den entscheidenden Vorteil von PostScript zu verstehen, muß man sich die sonst übliche Ausgabeform von Programmen klar machen. Nehmen wir z. B. ein Grafikprogramm. Es muß normalerweise zwei verschiedene Ausgabegeräte ansteuern: den Bildschirm und einen Drucker. Üblicherweise bestimmt die Auflösung des Druckers auch die Auflösung der Zeichnung, der Bildschirm ist relativ uninteressant. Ist der Drucker nun in der Lage, auf dem Papier in der x- und y-Achse pro Zoll 300 Punkte zu drucken, spricht man von einer 300x300 dpi (Dots per Inch) Auflösung. Dieser Wert ist bei den meisten Laserdruckern heute üblich. Die Ansteuerung des Druckers durch die Software erfolgt normalerweise über einen Druckertreiber, der genau auf die speziellen Eigenschaften und vor allem auf die Druckauflösung des jeweiligen Geräts abgestimmt ist. Haben Sie mit der Grafiksoftware eine Linie gezeichnet, die waagerecht auf dem Blatt liegt und genau ein Zoll lang ist, dann übermittelt der Druckertreiber dem Drucker eine lange Liste von Koordinaten, die jeden Punkt dieser Linie repräsentieren. Im Falle eines 300-dpi-Druckers sind das 300 Wertepaare für die Koordinaten.

Bei einer komplexen Zeichnung ist leicht auszurechnen, wieviele Daten zu speichern und zu übertragen sind. Der gravierendste Nachteil ist allerdings, daß die Linie eben nur bei einer Auflösung von 300 dpi wirklich ein Zoll lang ist. Verwenden Sie eine andere Ausgabeeinheit, hat Ihre Zeichnung unter Umständen nicht mehr viel mit Ihrer ursprünglichen Vorstellung zu tun.

Der Trick bei PostScript besteht darin, nicht mehr alle Punkte einzeln an den Drucker zu schicken, sondern die gesamte Seite durch eine Reihe mathematischer Funktionen zu beschreiben. Eine Linie beginnt an einem Punkt und endet an einem anderen Punkt. Dazwischen sind alle Punkte schwarz. So banal diese Formulierung auch klingen mag, sie trifft den Punkt. Denn jetzt ist es völlig egal, ob Sie die Seite auf einem Laserdrucker mit 300 dpi oder einer Fotosatzmaschine mit 2540 dpi ausgeben. Die Linie wird zur Linie in der gewünschten Länge, und die Qualität des Ergebnisses hängt nur noch von der Auflösung des Ausgabegerätes ab.

Dabei macht es auch keinen Unterschied, ob Sie Linien, Grafiken, Bilder oder Text drucken wollen.

PostScriptfähige Software behandelt alles, was auch dem Bildschirm erscheint, als Grafik und zerlegt jede geplante Druckseite in eine Reihe mathematischer Formeln. Das Ausgabegerät muß in der Lage sein, diese Formeln wieder in die gewünschte Form zurückzurechnen. Die meisten Druckerhersteller haben heute Postscript-fähige Geräte in ihrer Produktpalette oder bieten Nachrüstsätze für ihre Drucker an. Besonders interessant für Desktop Publisher ist die hohe Verbreitung von Belichtungsstudios, die Postscript-fähige Belichter besitzen. Dort bringen Sie Ihre Dokumente auf Film und anschließend gleich in die Druckerei. Dieser Weg ist übrigens wesentlich preiswerter, als viele Anwender denken, und die Qualität ist erheblich besser, als bei der Ausgabe über einen Laserdrucker. Sie sind auch nicht mehr darauf angewiesen, daß das Belichtungsstudio auch einen ST mit Calamus, entsprechendem RIP (Raster Image Prozessor) und Linotronic besitzt. Geben Sie Ihre Postscript-Datei auf einer 3,5-Zoll-Diskette ab, dann sollte auch ein PC Ihre Daten lesen können. Postscriptdateien sind in einem genormten Format gespeichert und lassen sich auf anderen Anlagen einsetzen.

Doch was hat der Anwender mit PostScript selbst zu tun? Genau genommen gar nichts. Die Seitenbeschreibungssprache Postscript ist eine spezielle Programmiersprache, die alle Bilder mathematisch beschreibt. Doch mit ihr gehen nur die Programmierer der Anwendersoftware um. Ziehen Sie im Grafikprogramm eine Linie, bedeutet dies in der Postscript-Sprache z. B. »120450 lineto«. Damit ziehen Sie eine Linie von der bisherigen Cursor-Position zum neuen Koordinatenpaar 120,450. Neben den Grundfunktionen wie Cursor bewegen, Linien, Kreise etc. zeichnen beherrscht PostScript eine Reihe komplexer grafischer Funktionen: vergrößern, verkleinern, drehen etc. Daneben besitzt PostScript Eigenschaften höherer Programmiersprachen. So verarbeitet es logische und arithmetische Verknüpfungen, erkennt Prozeduren und verwaltet Variablen. Das Grafikprogramm setzt Ihre Mausaktionen auf dem Bildschirm jetzt in solche Funktionen um und schickt diese an den Drucker. Dort sitzt ein Postscript-Interpreter, der im Speicher des Druckers die Seite wieder zusammensetzt. Erst dann erfolgt der Ausdruck. Auf die gleiche Art und Weise behandelt ein Postscript-Programm Schrift. Sie benötigen zum Schreiben bzw. zum Drucken spezielle PostScript-Fonts. Kommt Ihnen die ganze Sache inzwischen vielleicht irgendwie bekannt vor? GEM-Fonts, Signum-Fonts oder gar Calamus? Genau, alle verwenden eigene Fonts, die zum Schreiben und Drucken nötig sind. Allerdings ist der Font-Markt auf dem ST von Insellösungen gekennzeichnet. Und abgesehen von den Vektorfonts für Calamus sind die übrigen Fonts nicht in der Größe beliebig zu verändern.

Bei den PostScript-Fonts sieht die Sache anders aus. Sie liegen wie die Vektorfonts nur in einer Größe vor, und jedes Postscript-Programm verarbeitet alle Postscript-Fonts in jeder beliebigen Größe. Ein Blick über den ST-Zaun hinweg, in den Garten wo Nachbars Apple reifen, zeigt eine so große Auswahl an professionellen Fonts, daß einem armen ST-Anwender die Augen übergehen. Leider sind diese paradiesischen Zustände auf dem Atari bisher noch nicht eingetreten. Die PostScript-Programme »Publishing Partner Master V1.8« und »That's Write PostScript« verwenden derzeit nur die eigenen Postscript-Fonts. Für den Publishing Partner Master ist allerdings zum Ende des Jahres die Version 2.0 angekündigt, die in der Lage sein soll, beliebige Fonts zu verwenden - auch vom Mac oder PC. Sollte das gelingen, wird dem ST ein weiterer Anteil am DTP-Markt zufallen und die marktbeherrschende Rolle von Calamus stark gefährdet sein.

Was ist nun zum Betrieb von PostScript nötig? Neben der PostScriptfähigen Software benötigen Sie einen entsprechenden Drucker. Das Angebot ist groß, fast alle namhaften Druckerhersteller haben Postscript-Laserdrucker im Angebot. Die Preise reichen von 4000 Mark bis an das Ende Ihres Bankkontos. Achten Sie jedoch darauf, daß der Drucker zusätzlich eine Emulation besitzt, die den normalen Betrieb am ST erlaubt. Mit einer HP-Emulation nutzen Sie das Gerät dann auch unter den meisten anderen ST-Programmen. Eine Alternative zu den üblichen Postscript-Druckern ist der Atari-Laserdrucker in Verbindung mit dem Programm »Ultrascript«. Das emuliert die PostScript-Interpretation auf der Druckerseite und macht den Atari-Laser zum preiswerten PostScript-Drucker.


Wolfgang Klemme
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