Calamitäten: Calamus, ein König mangels Konkurrenz

Desktop Publishing dreht sich beim Atari ST um Calamus. Dieses Programm beherrscht heute den Markt. Treffend läßt sich hier ein Sprichwort anwenden, mit dem ein bekanntes Softwarehaus um Ihren Besuch auf der Atari-Messe warb: Unter den Blinden ist der Einäugige König. Zweifellos arbeitet Calamus nach einem zukunftsweisenden Konzept, allerdings stecken in diesem Programm noch viele Fehler, die das Arbeiten damit zu einem Geduldspiel machen oder, wie Atari in ihrer Werbung sagt: erlebnisstark.

Statt die Basis zu schaffen für die kontinuierliche Entwicklung, es von Fehlern zu befreien, gleitet der Blick in die vernebelte Ferne ab. Auf ein schwankendes Fundament setzen die Entwickler Stein um Stein. Manchmal hat man den Eindruck, hier gilt es nicht, ein erfolgreiches Produkt auf den Markt bringen, sondern es tobt der Wettkampf Atari ST gegen den Rest der DTP-Welt. Wichtiges gerät dabei aus dem Blickfeld: Beispielsweise versprach der Hersteller von Calamus die Lieferung von Fonts innerhalb einer Woche, nach Monaten ist immer noch nichts lieferbar. Die Worte Versprechen und Versprecher ähneln sich vielleicht zu sehr. Das geht so weit, aus einer Laune heraus eine Zeitschrift ins Leben zu rufen. Dabei verbirgt leider eine Orgie aus Typographie und Farbseparation die nötige Information für den Leser. Das bestätigt den Eindruck: Weit weg von jeder Realität wollen die Macher beweisen, daß Calamus eine eierlegende Wollmilchsau ist.

Wie reagiert Atari? Mit einem Wort: entsprechend. Man schaut diesen Spielereien eine Weile zu, springt bald begeistert auf den DTP-Zug auf, denn wer Desktop Publishing macht, kauft leistungsfähige, sprich: teure Geräte. Soft- und Hardwarehersteller schließen sich mit wehenden Fahnen an; verständlich, endlich ist ein potentes Klientel in Sicht. Auf Ataris Initiative hin schießt ein DTP-Center nach dem anderen wie Pilze aus dem Boden. Daß alles auf Sand gebaut ist, scheint niemanden zu stören: Wenn du heute kannst borgen, verschieb es nicht auf morgen. Manche fühlen sich allerdings gelackmeiert. Sie kauften Calamus für 399 Mark und bekamen nicht gesagt, daß dieses Produkt bald 798 Mark kostet und daß entsprechend die Preise für Updates steigen.

Wieder einmal ändert sich beim Hersteller der Anspruch an Calamus. Das ganze Programm wird umgekrempelt. Zur Atari-Messe '90 erscheint ein neuer Calamus, gesplittet in drei Ausstattungsvarianten. Durch eine »Modultechnik« lassen sich Programme hinzuladen. War er in der Meinung der Calamusmacher vorher schon der Stern am DTP-Himmel, gerät er jetzt zur Supernova. Aber durch dieses Konzept potenziert sich die Fehlerrate. Was die Calamusmacher aber nicht anficht, schließlich sehen sie Software als lebendes Objekt. Nur, zwischen lebend und kränkelnd ist ein bedeutungsvoller Unterschied.

Was Calamus fehlt, ist eine echte Konkurrenz. Das beste Beispiel sind die beiden Basic-Interpreter für den ST. Beide Firmen lieferten sich bei der Entwicklung eine wahre Schlacht. Immer höhere Leistungssteigerungen, angefacht jeweils durch Neuheiten des Konkurrenten, ließen zwei hervorragende Produkte entstehen. Ob einer von beiden ohne solch massiven Konkurrenzdruck diese Klasse erreicht hätte, ist unwahrscheinlich.

Die Lösung des Dilemmas: Schlachtet endlich die heilige Kuh. Nur durch harten Konkurrenzdruck entstände vielleicht ein akzeptabler Calamus, oder durch die natürliche Auslese eine neue DTP-Ära ohne Calamus.


Horst Brandl
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