Die perfekte Verwandlung: Spectre im Netzwerk

Mac-Emulator Spectre arbeitet im Netzwerk und mit dem Atari-Laser zusammen

Die Entwicklung der Macintosh-Emulatoren ist mit einem Namen verknüpft: Dave Small. Und sie wird bestimmt von einer Frage: Wann hat der Emulator den Mac eingeholt? Die Antwort ist klar: Jetzt!

Wir Journalisten sind dazu angehalten, vorsichtig mit absoluten Urteilen umzugehen. Besonders bei Emulatoren ist die Einschätzung mit Risiken verbunden, man muß den emulierenden und den emulierten Computer kennen und einen Großteil der Software im Betrieb erlebt haben, um über die Zuverlässigkeit eines Emulators zu berichten.

Gerade das Thema Mac-Emulator auf dem ST ist aufgrund der engen Verwandtschaft beider Computer eine heikle Sache. Wozu braucht man überhaupt so ein Ding? Hat der eigene Computer nicht genügend Software? Die weite Verbreitung beider Rechnertypen sorgt für mannigfache Begegnung, sei es am Arbeitsplatz, sei es im privaten Bekanntenkreis. Die Frage nach dem Nutzen beantwortet daher jeder Anwender am besten nach seinen persönlichen Bedürfnissen. Interessanter ist die Frage, was kann der eine, das dem anderen fehlt? Hier war bisher vor allem der Preis ein entscheidendes Argument. Ein ST mit Mac-Emulator belastet die Haushaltskasse deutlich weniger als das echte Gerät. Gerüchten zufolge soll ab Herbst die bisherige Mac-SE-Serie auslaufen. Dann kommt eine Nachfolgeserie mit 68030er in Kompakt- und in Modulbauweise. Der Preis für den neuen Kompakten liegt voraussichtlich bei ca. 3000 Mark. Das Gerät soll mit 2 MByte RAM und 20 MByte Festplatte ausgestattet sein. Es enthält die 256 KByte-ROMs und bietet damit Farbe sowie System 7.0 und Multifinder. Der Clou: Dieser Computer ist allen Anwendern zu diesem Preis zugänglich. Damit wäre das Original wesentlich preiswerter als ein ST mit Emulator.

Für alle, die bereits einen ST haben und trotzdem nicht auf die professionelle Software des Mac verzichten wollen, ist der Emulator immer noch die günstigste Lösung.

Mit den beiden neuesten Streichen der Programmierer und Entwickler zieht der Spectre jetzt endgültig mit dem Original Mac SE bzw. Mac Plus gleich. Der Spectre GCR als letzte Station der Entwicklung war bereits in der Lage, auf dem Mac formatierte und geschriebene Disketten direkt zu lesen und zu schreiben. Dennoch fehlte bisher die Möglichkeit der Vernetzung. Der Mac besitzt eine eingebaute Netzwerkkarte, das »Appletalk«, mit dem sich die Geräte problemlos verbinden lassen. Vorteilhaft ist dieses Netzwerk vor allem für kleine Firmen, Büros, Schulen oder Hochschulen, in denen mehrere Geräte aber nur ein oder zwei der teuren Ausgabegeräte wie z. B. ein Laserdrucker stehen.

»STalk« nennt sich das entsprechende Gegenstück für den Atari ST mit Spectre-Emulator. Bisher sind in der Bundesrepublik etwa zehn Karten im Einsatz. Die Auslieferung großer Stückzahlen ist für den Spätsommer vorgesehen. Wir haben uns die Karte im täglichen Einsatz angesehen. Außerdem liegen diesem Bericht die Erfahrungen mehrerer Anwender zugrunde.

Beim STalk handelt es sich um eine Platine, die einfach im Erweiterungsslot des ST steckt. Außerdem hängen Sie zwei Kabel mit Klammern an die entsprechenden IC-Beinchen im Computer, und fertig ist der Einbau. Lötarbeiten sind nicht erforderlich. Nach Auskunft von Fearn&Music, dem deutschen Hauptanbieter des Spectre, läuft STalk auch mit Hardwareerweiterungen wie »Hypercache« und dem Matrix-Großbildschirm. Für diese Konfiguration bietet allerdings das Original Mega-Gehäuse keinen Platz mehr, der Umbau, z. B. in einen Tower ist nötig. In diesem Falle ist auch die Verstärkung des Netzteils anzuraten.

Die STalk-Karte paßt in jeden Mega 1/2/4 und ist absolut kompatibel zum Mac Plus. Dabei ist die Karte im Prinzip unabhängig von Spectre. Die Entwickler planen entsprechende Software, die ein reines ST-Netz bzw. den gemischten Betrieb von Mac und ST erlaubt.

Doch bleiben wir bei der Mac-Emulation. Für die Vernetzung sind außerdem noch pro Platz eine kleine Adapterbox sowie entsprechende Kabel nötig. Die Firma DataTalk liefert entsprechende Teile. Die Kosten belaufen sich auf ca. 100 Mark pro Platz. Die Startsoftware des STalk wird vom System gestartet, die Netzwerkkarte ist damit installiert. Für die Übertragung von Daten via Netz gibt es entweder das professionelle Programm »Tops«, das sehr komfortables Arbeiten gestattet, oder eine einfachere PD-Lösung, die ebenfalls ohne Schwierigkeiten funktioniert. Der Preis für STalk liegt derzeit bei etwa 550 Mark.

Die praktische Arbeit mit STalk funktioniert. Daten oder Programme von der Platte eines anderen Macs zu laden oder dorthin zu schicken sowie den Drucker anzusprechen, ging ohne Probleme. Vor allem unter dem Multifinder macht die Arbeit richtig Spaß.

Spectre GCR jetzt auch im Netzwerk

Wer nicht bereit ist, Unsummen für die Original Apple Drucker auszugeben, findet im Atari Laserdrucker SLM 804 einen preiswerten Ersatz. Zwei Stuttgarter Programmierer schrieben ein »Init«, das dem Atari-Laser die volle Auflösung von 300 dpi beibringt. Der Spectre beherrschte bisher nur eine Auflösung von 150 dpi. Dazu benötigen Sie die entsprechende Druckertreiber-Software wie z. B. »Mac Print«. Sie spricht den Atari-Laser mit diesem Init wie einen HP Laserjet II kompatiblen Drucker an. Das neue »SLM 804 Init« übersetzt die Grafikbefehle der »Printer Control Language« (PCL) und baut im Speicher zunächst eine 300 dpi Seite auf. Eine speicherfressende Lösung, daher benötigen Sie für diese Anwendung mindestens 2 MByte RAM im ST. Ein weiterer Nachteil: Da nur die Grafikbefehle umgesetzt sind, sind die eingebauten Fonts nicht zu verwenden. Die Installation ist einfach. Sie stellen den Spectre auf »Printer = Parallel«, installieren den HP-Treiber und kopieren das SLM 804 Init in den Systemordner. Nach dem Neustart erscheint das Init-Symbol auf dem Desktop, der Treiber ist korrekt installiert.

Die Ausdrucke über Apple LaserWriter und Atari Laser zeigen kaum Unterschiede. Zieht man den Preis der beiden Geräte in Betracht, ist der Atari Laser vollkommen konkurrenzfähig. Die abgebildete Seite, bei der die seitliche Beschriftung der Abb. 2 innerhalb der Umrandung steht, ist ein Postscript-Druck, die andere stammt aus dem Atari Laser bei dem der Toner schon etliche Seiten in Gebrauch war.

Der letzte Punkt der Neuvorstellung widmet sich der Spectre-Soft-ware. Diese liegt mittlerweile in der Version 2.67c vor und emuliert bis zur topaktuellen 6.04 Version des Original Mac Systems. Auch der Multifinder läuft unter dem Emulator. Für die nächste Update-Version soll bereits das System 6.05 implementiert sein.

Hier ein paar Software-Namen, die bei der Vorbereitung dieses Artikels auf dem Bildschirm erschienen: Pagemaker, Wings, Exei, Canvas, MacDraw, FoxBase, Write-Now, Turbo Pascal, Cricket Graph, Tops und diverse Adobe-Produkte. Aufgrund der Gespräche mit Spectre-Anwendern gewann ich den Eindruck, als ob jetzt ein sehr hartes Rennen zwischen Atari und Apple beginnen würde. Beide Computer kennen eine Reihe von Anwendungen, in denen sie dem jeweils anderen ein gutes Stück voraus sind. Für alle, die bereits einen Atari haben und sich trotzdem mit dem Mac auseinandersetzen wollen, ist der Spectre ein absolut zuverlässiger Ersatz. Stellt sich die Frage, ob gut 1000 Mark für den GCR inclusive ROMs nötig sind, oder ob der 128er nicht auch genügt. Beide Emulatoren akzeptieren die neue Software. Damit gelingt auch die Zusammenarbeit mit STalk.

Der einzige Unterschied ist die Fähigkeit des GCR, Mac-Disketten direkt zu lesen und zu schreiben. Dazu ist allerdings ein absolut genau justiertes Laufwerk erforderlich. An allen Stellen, wo mehrere Emulatoren oder ein Original-Mac und Emulatoren im gemischten Einsatz sind, genügt ein GCR, und beim Rest kommt man mit 128ern preiswerter weg.

Dave Small, der Entwickler des Spectre, kommt zur Atari-Messe nach Deutschland. Man darf gespannt sein, wann er die vorerst letzte Apple-Bastion angreift, die Farbfähigkeit des Mac II. Mit dem GCR und STalk steht jedenfalls außer dem Atari ST bereits ein »echter« Macintosh Plus auf dem Schreibtisch.

Kaum Unterschiede erkennbar: Die obere Abbildung ist ein Postscript-Druck, die untere stammt vom Atari-Laser.

Wolfgang Klemme


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