BASiCHART: Evolution der Rechenkünstler

BASiCHART, eine Tabellenkalkulation aus deutschen Landen

Begann die Softwareentwicklung auf dem Atari ST stürmisch mit Spielen, Textverarbeitung und Grafikprogrammen, war es anfangs schwer, ein brauchbares Tabellenprogramm zu bekommen.

Licht ins Dunkel brachte 1987 das Programm »BASiCALC« von T. Rubach. Endlich gab es eine Tabellenkalkulation auf dem ST in erträglicher Geschwindigkeit und das für nur 78 Mark. Doch richtige Freude kam mit diesem Programm noch nicht auf, fehlten doch neben der Grafik noch Sortieralgorithmen und eine Makrosprache. Nachdem »Beckercalc/3« und vor allem »LDW-Power-Calc« erschienen, wurde es ruhig um BASiCALC. Doch der Schein trügt, kampflos räumt der Veteran das Feld nicht. Die Programmierer setzten sich an den Computer und schicken mit BASiCHART (Version 1.07) ein erheblich erweitertes Programm in die Schlacht um die Anwendergunst.

Bild 1. Das Erscheinungsbild von BASiCHART

Man erhält BASiCHART in einem Plastik-Ringordner mit einem ca. 300seitigen Handbuch. Das Handbuch ist eine prächtige Ausgabe seiner Gattung und stellt das 32-seitige Vorgängerheftchen bei weitem in den Schatten. Es eignet sich sowohl zum Nachschlagen als auch als gut bebildertes Lehrbuch. Weiter enthält der Ringbuchordner zwei Disketten, auf denen sich das Programm (ca. 209 KByte) und die für GDOS notwendigen Zutaten, wie z. B. Fonts, befinden. Für die Installation auf einer Festplatte sind über 100 Hilfsdateien zu kopieren. Nach dem Starten muß das Programm erst einmal die beliebten Tabellenkalkulationstests über sich ergehen lassen. Der berühmte SAVAG E-Test, bei dem in 1000 Zellen die Formel »TAN(ATAN(EXP-(LN(WURZEL(Zellinhalt darüber) 2))))+1« steht, erbringt den sensationellen Wert von 15 Sekunden. Zum Vergleich: das schnelle LDW benötigt dafür etwa die doppelte Zeit. Trotzdem sei vor Freudensprüngen gewarnt, da alle weiteren Eingaben bei der Neuberechnung dann ebenfalls diese Zeit beanspruchen, was ein flüssiges Arbeiten erschwert.

Trotzdem ist die Geschwindigkeitssteigerung gegenüber den Vorgänger BASiCALC (Version 1.21) mit 27 Sekunden beachtlich. Die Handhabung des Programms überzeugt. Beim Scrollen nach unten zeigt sich zunächst ein weiches Softscrolling, das sich bei Dauerbetätigung der Pfeiltaste nach unten in ein sehr schnelles Bildschirmverschieben wandelt. Ein abschaltbares Gitter erleichtert die Zellensuche. Besondere Gitterlinien zeigen Seiten begrenzungen an - genial. Die Spaltenbreite läßt sich mit der Maus einstellen, und mit Schiebepfeilen wandern Sie im Arbeitsblatt. Zahlen stellt das Programm mit Dezimalpunkt dar.

Bild 2. Die Grafikfähigkeiten enden nicht bei 2-dimensionalen Darstellungen

Mit dem Einfrieren von Titeln gestalten Sie Ihr Arbeitsblatt übersichtlich. Elegant ist das Kopieren in Blöcken gelöst, durch Tastendruck kopieren Sie eine Formel oder einen Text. 130 fertig implementierte Formeln stehen bereit. Genügt das nicht, definieren Sie eigene Formeln.

Sollten Sie mit einem HP-Taschenrechner groß geworden oder FORTH-Freak sein, dann ist Ihnen die »Umgekehrte polnische Notation« (UPN) in Fleisch und Blut übergegangen. BASiCHART unterstützt diese Form. Benötigen Sie eine ausgefallene Einheit hinter den Zahlen (vielleicht Bq), legen sie diese selbst fest. Die Druckerausgabe ist, wie unter »1st Word Plus«, sehr einfach über eine Druckdatei geregelt.Mit dem Grafikteil stellt sich BASiCHART neben Beckercalc und LDW 2.0. Es setzt neue Akzente, beispielsweise durch freie Wahl der Tiefe für die 3. Dimension. Ein eigenes Grafikmenü erlaubt eine Vielzahl von Eingriffen in die Grafik.

Der Ausdruck erfolgt über GDOS. Das gibt ein hervorragendes Druckerergebnis, wirft aber auch Speicherplatzprobleme auf, wenn nur 1 MByte RAM zur Verfügung steht und Accessories und Festplattentreiber zusätzlich Speicher beanspruchen.

Viele Jahre herrschte Dürre auf dem Gebiet der Tabellenkalkulationen für den ST. Jetzt tummeln sich einige bemerkenswerte Rechenspezialisten auf dem Markt. BASiCHART ist dabei ein alter Bekannter in neuem Gewand.

Bild 3. Die Menüpunkte des Rechenteils

Doch wo viel Licht ist, soll es auch Schatten geben. BASiCHART erlaubt jetzt das Sortieren, sogar nach deutschen Regeln mit den Umlauten, Makros sucht man jedoch vergebens. Unglücklich: In einem definierten Block ist der Cursor schlecht erkennbar. Die meisten Tabellenkalkulationen kennzeichnen Formeln durch das Voranstellen eines Klammeraffen. BASiCHART hingegen untersucht jede Eingabe nach möglichen Formeln. Dieses Vorgehen führt dazu, daß die Texteingabe »SUMME« zunächst eine Fehlermeldung verursacht, die einen Anfänger mit BASiCHART verunsichern muß. An diesem Verfahren liegt es auch, daß der Zeigemodus (d. h. in einer Formel auf eine Zelle zeigen) erst umständlich durch die Insert-Taste oder Maussteuerung aufzurufen ist. Die voreingestellte »manuelle Neuberechnung« muß man erst aufwendig auf »automatische Neuberechnung« beim Programmstart einstellen. Mehrere Fenster gleichzeitig lassen sich nicht öffnen. BASiCHART hinterläßt einen zwiespältigen Eindruck. Auf der einen Seite glänzt das Programm mit Fähigkeiten, die es bei keinem Konkurrenzprodukt gibt. Andererseits fehlen Funktionen, die man in anderen Programmen schätzen lernte, wie z. B. Makros. Kopfschmerzen bereitet vor allem der Untertitel »kompatibel zu Industriestandards«. BASiCHART ist weder in der Bedienung noch bei den Daten zu dem Industriestandard kompatibel, den nun mal »LOTUS 1-2-3« setzt; höchstens sind Ähnlichkeiten zu verzeichnen. Ich möchte sogar sagen:

Gerade bei den inkompatiblen Stellen von BASiCHART liegen seine Vorzüge. Das Programm ist all denen zu empfehlen, die nicht auf Kompatibilität Wert legen und ein preiswertes Programm mit einem besonderen Leistungsumfang, gerade bei den Grafikfunktionen, suchen. BASiCHART kostet 198 Mark. Wer keinen Wert auf den Grafikteil legt, erwirbt besser BASiCALC für ca. 100 Mark. Für Besitzer einer älteren BASiCALC-Version besteht für 100 Mark eine Upgrade-Möglichkeit. Für 10 Mark gibt es eine Demoversion. (wk)

POINT Computer GmbH, Gollierstr. 70,8000 München 2

WERTUNG

Name: BASiCHART
Preis: 198 Mark
Hersteller: Point Computer
Stärken: Starker Grafikteil □ hohe Rechengeschwindigkeit und -genauigkeit □ eigene Funktionsdefinitionen durchdachte Blockoperationen
Schwächen: Keine Makros □ Formeln ohne vorangestellten Klammeraffen □ inkompatibel zu Lotus 1-2-3 in weiten Bereichen

Fazit: Schnelles, preiswertes Tabellenprogramm für Anwender, die nicht unbedingt kompatibel zum Industriestandard sein müssen.

Bild 4. Die Funktionen des Grafikteils

Christian Opel
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