Public Domain - Aus Sicht der Programmierer

Im Gespräch: Die Entwickler bekannter PD-Programme

Ihre Programme können ohne weiteres mit professionellen Produkten konkurrieren. Trotzdem verzichten diese Autoren auf den kommerziellen Vertrieb und stellen Ihre Entwicklungen als Public Domain zur Verfügung. In TOS begründen sie diese Entscheidung und berichten über ihre Erfahrungen mit den Shareware-und PD-Konzepten, mit Händlern und Anwendern.

Henrik Alt, Programmierer des beliebten Virenkillers »Sagrotan«

Henrik Alt (Sagrotan): Mein Sagrotan-Projekt ist nur ein Hobby«

Der Virenkiller »Sagrotan« ist unter ST-Anwendern schon lange kein Geheimtip mehr. Daß sich jeder das zuverlässige »Desinfektionsmittel« kopieren darf, ist der Verdienst von Henrik Alt. Der 28-jährige Diplom-Ingenieur entwickelte Sagrotan und hält das Public-Domain-Programm seit nunmehr zwei Jahren auf den aktuellen Stand der Virenbekämpfung.

Sagrotan entstand ursprünglich aus Hilfe zur Selbsthilfe: »Als in unserem Computerclub vor zwei Jahren ein Virus auftauchte und dringend Hilfe benötigt wurde, schrieb ich die erste Version von Sagrotan. Ich stellte das Programm einem PD-Vertrieb zur Verfügung, aber erst nach den ersten Presse-Veröffentlichungen verbesserte sich sich das anfangs geringe Echo schlagartig«.

Die Anzahl der registrierten Anwender nahm so schnell zu, daß Henrik Alt über kommerzielle PD-Händler nicht unglücklich ist: »Parallel zur Berufstätigkeit investiere ich nur einen kleinen Teil meiner Zeit in Sagrotan. Ich selbst kann daher auch nur ein paar Bestellungen bearbeiten.« Ohnehin betrachtet er sein Sagro-tan-Projekt von vorne herein als Hobby, denn »man könnte auch als Shareware nicht davon leben«. Durch die vielen Public-Domain-Händler habe Sagrotan eine hohe Verbreitung erreicht. Nur ein jedermann zugänglicher Virenkiller, so lautet Alts' Erfahrung, schärfe das Bewußtsein gegen die nicht zu unterschätzende Virenbedrohung wertvoller Software und verbessert letztlich die Chancen der Abwehr.

Thomas Tempelmann, Autor des Disassembler/Systemmonitors »Templemon«

Thomas Tempelmann (Templemon): »Für Shareware ist die Ehrlichkeit der Leute unverzichtbar«

Thomas Tempelmann, hauptberuflich Entwickler des Megamax Modula 2-Compilers, schrieb vor vier Jahren den bis heute verbreiteten »Templemon«, einen Public-Domain-Disassembler/Monitor: »Ich wollte nur das, was ich für mich selbst brauche, auch anderen Programmierern zur Verfügung stellen. Es wäre nicht fair gewesen, den Leuten über einen Händler dafür Geld abzunehmen. So ersparte ich mir auch die Weiterentwicklung und den ständigen Service, wie es ein kommerzielles Programm verlangt. Professionell entwickle ich den Modula-Compiler, davon lebe ich. PD-Software ist immer ein 'Abfallprodukt' meiner eigentlichen Arbeit«, begründet Tempelmann aus heutiger Sicht seine Entscheidung für den Public Domain-Vertrieb. »Am Anfang haben mich die Händler noch persönlich mit der Bitte angeschrieben, mein Programm in ihren Pool aufnehmen zu dürfen. Diese Selbstverständlichkeit ist längst verflogen; das ärgert mich etwas. Ich sehe, daß die damit völlig selbstverständlich ihren persönlichen Reibach machen. Obwohl so etwas dem Gedanken von Public Domain widerspricht. Das gefällt mir überhaupt nicht. Public Domain ist, wenn die Leute privat und umsonst kopieren. Trotzdem hat ein Programmierer überhaupt keinen Einfluß auf den PD-Vertrieb. Ein gutes PD-Programm landet immer auch beim Händler, dagegen kann man sich in der Praxis nicht wehren. Es wäre nur fair, die Programmierer am Gewinn zu beteiligen. Die Welt wäre ohne PD-Händler nicht ärmer. Im Gegenteil: Vor ein paar Jahren funktionierte die Selektion auf privater Tauschbasis besser, es gab weniger Schund-Software. Von Shareware haben sowohl Programmierer als auch Kunden mehr«, meint Tempelmann. Voraussetzung: »Für Shareware ist die Ehrlichkeit der Leute unverzichtbar. Mit der jetzigen Zahlungsmoral kann in Deutschland kein Programmierer davon leben.«

Stefan Eissing und Gereon Steffens, das Team, das die Benutzeroberfläche »Gemini« schuf

»Shareware ist fair«, finden Stefan Eissing und Gereon Steffens.

Seit der Vorstellung ihrer neuen Shareware-Benutzeroberfläche »Gemini« vor einem halben Jahr strömt auf die beiden ST-Programmierer ein pausenloses Echo der ST-Anwender ein.

Stefan Eissing Mit-Programmierer von Gemini: »Kompromiß zwischen Freiheit und Kommerz«

Die tägliche Post neuer und alter Gemini-Anwender überzeugt Eissing und Steffens zusehends vom Shareware-Konzept, denn auch der traditionelle Vertriebsweg über den Software-Handel stand anfangs zur Diskussion: »Wir halten Shareware für fair, weil jeder das Programm in Ruhe zu Hause testet. Uns Programmierern sitzt kein Vertrieb im Nacken, der uns wegen neuer Versionen in Zugzwang bringt. Die Weiterentwicklung des Programms ist allein unsere Entscheidung.«

Den Vertrieb von Gemini über PD-Händler haben der Noch-Student Eissing und der UNIX-Programmierer Steffens explizit ausgeschlossen.Gemini läßt sich nur über Mailboxen, privaten Softwaretausch oder direkt von den Autoren beziehen: »Wir sehen nicht ein, daß diese Leute mit unserer Software Geld verdienen.« Obwohl in Gemini bis heute einige Mannjahre Programmierarbeit stecken, wollen die beiden (noch) nicht die »kommerzielle Dimension« (Eissing) betreten. Shareware bot sich als idealer Kompromiß an, der die Arbeitskraft der beiden nicht nur an Gemini fesselt und ihre Kreativität von Verwaltungskram und Hotline-Service verschont: »Gemini ist unser erster Versuch im Shareware-Sektor. Das Echo war so positiv, daß wir bis heute praktisch ganz Europa abgedeckt haben. Die Entwicklung hat uns Spaß gemacht.

Wenn man aber den Stundenlohn ausrechnet, wird einem schlecht. Von den 50 Mark jedes ehrlichen Anwenders zu leben, ist ziemlich schwierig. Dazu müßte die Zahlungsmoral höher sein. Es gibt aber leider immer noch Leute, die sagen Ich hab's, also was soll ich dafür zahlen?'. Natürlich haben wir keine Kontrolle, ob die Gemini-Anwender alle bezahlen. Alles hängt letztendlich von der Ehrlichkeit der Anwender ab. Im Vergleich zum kommerziellen Vertrieb schätzen wir aber, daß die schlechte Zahlungsmoral die sonst fälligen Raubkopien in etwa aufwiegt.«


Tarik Ahmia


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