Wo bleibt Tempus Word?

Dirk Beyelstein, Geschäftsführer von CCD

TOS: Auch auf der CeBIT'90 war »Tempus Word« nicht in der endgültigen Version zu sehen. Was ist der angestrebte Liefertermin?

Dirk Beyelstein: Die Frage nach der endgültigen Version eines Software-Produkts halte ich für absolut utopisch, da es diese wohl nie geben wird. Wir haben uns für die Entwicklung von Tempus Word sehr hohe Ziele gesteckt und werden diese auch in die Realität umset-zen. Wir gehen, gemessen an unseren eigenen Maßstäben, davon aus, daß es einen Status 1 des Programms bis zur Atari-Messe geben sollte.

TOS: CCD bietet für rund 450 Mark die nicht-verkaufsfähige Version 0.9 an, der noch zahlreiche Funktionen fehlen. Will sich CCD die Beta-Tester sparen?

Dirk Beyelstein: Diese Frage halte ich für relativ provokativ. Wir haben unserem Kind lediglich offen und ehrlich den Status gegeben, den es unserer Meinung nach momentan verdient - nämlich den Versionslevel 0.9x. Sicher hätten wir auch einfach nur die Menüeinträge kürzen bzw. mit der Bezeichnung »vorgesehen für Update« versehen und den Level 1 eintragen können, aber was ist dem Anwender gegenüber ehrlicher? Außerdem sparen die jetzigen Anwender 200 Mark gegenüber dem offiziellen Verkaufspreis der Version 1.0 und erhalten einen kontinuierlichen Support einschließlich der vollständigen Version 1.0. Von einer Einsparung der Beta-Tester kann keine Rede sein, zumal wir trotzdem zusätzliche Testpersonen haben, um so den größten Teil eventueller Probleme immer schon vorher herauszufiltern.

Ich frage mich da eher bei einem Teil der offiziell als Version 1 auf dem Markt befindlichen Programme, ob da nicht alle Anwender als Beta-Tester mißbraucht werden, die dann für die Fehlerbereinigung in Form eines Updates auch noch saftige Update-Gebühren bezahlen dürfen. Wir halten da unseren Weg für erheblich fairer, da wir dem Anwender indirekt ja sogar etwas zahlen. Außerdem weiß er so wenigstens, woran er ist.

TOS: Sind 450 Mark nicht sehr viel Geld, wenn man bedenkt, daß viele Funktionen noch gar nicht implementiert sind?

Dirk Beyelstein: Hätten wir die Funktionen gar nicht erst angegeben, wäre die Frage wohl kaum in dieser Form aufgekommen. Wenn Sie die bereits implementierten Funktionen einer näheren Betrachtung unterziehen, werden Sie mit Sicherheit Schwierigkeiten haben, mir ein umfangreicheres Alternativ-Programm zu benennen. Der Preis ist in Anbetracht des schon vorhandenen und noch zu implementierenden Funktionsumfangs verbunden mit dem gesteckten Qualitätsanspruch sicher mehr als gerechtfertigt. Annähernd vergleichbare Programme in der IBM-Welt kosten gut das Dreifache und auch auf dem Atari ST hat sich inzwischen professionelle Software mit halbwegs »normalen« Preisen etabliert. Höchstleistung hat ihren Preis in Form von längeren und aufwendigeren Entwicklungszeiten, was aber letztendlich wieder dem ambitionierten Anwender zugute kommt.

TOS: Warum zieht sich die Entwicklung so lange hin?

Dirk Beyelstein: Ich halte die bisherige Entwicklungszeit für ein derart komplexes Programm noch für durchaus normal, vor allem wenn man bedenkt, daß wir mit einem (Fast-) Versionslevel 1 in einem Zeitraum von rund drei Jahren ohne jegliches Anwender-Feedback sicherlich einen Vergleich mit dem bereits fast zehn Jahre in der Entwicklung befindlichen renommierten Programm »Microsoft Word 5.0« nicht zu scheuen brauchen. Schwierigkeiten gibt es grundsätzlich bei der Softwareentwicklung, seien sie nun bedingt durch die Hardware, das Betriebssystem oder den Softwaretechnisch angestrebten Problemlösungs-Algorithmus. Das Problem liegt dabei in der ständig wachsenden Komplexität des Gesamtwerks, das inzwischen aus ca. 3 Millionen Byte Assembler-Quelltext besteht. Es gab bisher aber noch kein Problem, das nicht lösbar gewesen wäre. Aufgrund der hohen zu verwirklichenden Ansprüche ist es nur leider sehr schwer abschätzbar, welcher Aufwand für die Realisation getrieben werden muß. Genau hier liegt die Ursache für zeitliche Verschiebungen in der Gesamtplanung. Tempus Word ist ein kompliziertes, vielschichtig strukturiertes Gebilde, ähnlich einem Schweizer Uhrwerk. Dies mag etwas geschwollen klingen, doch haben wir manchmal den Eindruck, daß viele Leute sich nicht einmal annähernd vorstellen können, was für ein Aufwand hinter all den hübschen Funktionen eines solchen Programms steckt -und sei es nur so etwas scheinbar lapidares wie die sich jeder Größe und Lage automatisch anpassende Schreibmarke.

TOS: Wir danken für dieses Gespräch. (tb)


Thomas Bosch
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