Durch Dick und Dünn: Mit Korgs M3R und Geerdes Softworkstation in die Top Ten

Nur wenigen Synthesizern war es in den letzten Jahren vergönnt, die Ruhmeshalle der unsterblichen Keyboards zu betreten. Eine dieser seltenen Spezies ist die Korg »M1 Workstation«, die nun über beinahe zwei Jahre hinweg unaufhörlich in Funk und Fernsehen zu vernehmen ist. Die M3R bietet dieselbe gute Soundqualität, verfügt nahezu über dieselben Features und kostet rund 1000 Mark weniger als die M1-Rackversion »M1R«. Wie ist es möglich, fragen Sie sich jetzt, ein nahezu ebenbürtiges Gerät zu einem so günstigen Preis anzubieten? Die Antwort auf diese Frage ist einfach: durch eine Abmagerungskur. Die M3R präsentiert sich als schnuckeliger Racksynthesizer mit nur einer Höheneinheit. Ebenfalls erheblich abgemagert findet man auch das interne WAVE-ROM (Festspeicher für diverse Samples), das die Korg Entwickler von 4 auf 2 MByte reduzierten. Auch der in der M1 integrierte Sequenzer mußte der Schlankheitskur weichen, was allerdings den computerbetuchten MIDI-Freak nicht weiter stört.

Mit der Verringerung der Gehäusemaße geht zwangsweise eine Verringerung der Bedienungselemente einher. Im Gegensatz zur hervorragend bedienbaren MI muß sich der M3R Besitzer mit acht z.T. doppelt belegten Tastern sowie einem lediglich 2*16 Zeichen großen LC-Display zufriedengeben. Das Editieren der zahlreichen Parameter gerät so häufig zum nervenaufreibenden Zeitvertreib. Abhilfe schafft hier die Fernbedienung »RE1«, die nach Entrichtung weiterer 700 Mark für eine der MI ähnliche Arbeitsumgebung sorgt. Mehr Anlaß zur Freude gibt die Betrachtung der Rückseite des Expanders: neben den obligatorischen drei MIDI-Buchsen und dem Anschluß für die RE1 finden sich hier neben den Stereo-Ausgängen noch zwei weitere Einzelausgänge.

Die M3R ist 16-stimmig polyphon, verfügt über achtfachen Multimode und arbeitet wie auch ihre großen Schwestern mit der von Korg entwickelten AI (Advanced Integrated) Synthese (spezielles Verfahren zur Tonerzeugung). Als Grundbausteine für die Klangsysnthese dienen hierbei 16-Bit- Samples, die sogenannten »Multisounds«. »Advanced Integrated« bedeutet, daß die zur Verfügung stehenden Sound-Bausteine einen weiten Bereich von Synthesewelten klanglich integrieren. Das WAVE-ROM setzt sich sowohl aus den wohlbekannten Sinus-, Sägezahn- und Rechteckschwingungen (auch Samples) als auch aus im Multisample-Verfahren entstandenen Natursounds und DWGS-Waves (aus Natursounds extrahierte Schwingungen) zusammen. 90 solcher Multisounds sind zusammen mit 45 Drum-Samples (Schlagzeugsounds) im M3R WAVE-ROM verankert. Weitere PCM-Daten laden Sie über zusätzlich erhältliche ROM-Cards nach, wobei die M3R auch MI PCM-Cards anstandslos verarbeitet.

Diese Multisounds sind weitgehend mit denen in der MI identisch, beinahe jeder Ml Sound läßt sich also mit der M3R reproduzieren. Klangeinbußen sind auch bei sorgfältigem Vergleich nur schwer festzustellen, und das trotz des nur halb so großen ROMs der M3R. Nun wäre die M3R aber nicht mehr als ein bloßer Preset-Sample-Player, bestünde nicht Gelegenheit, die Multisounds nach dem altbekannten »Oszillator-Filter-Hüllkurve«-Prinzip zu editieren. Einen derart bearbeiteten Multisound legen Sie als »Program« in einem der 100 Program-Speicher ab. Weitere 100 Speicherplätze stehen Ihnen beim Einsatz einer RAM-Card zur Verfügung, die Ihren Platz in der M3R rechts neben dem PCM-Kartenschacht auf der Vorderseite findet. Eine Sonderstellung bei den Programs nehmen die Drumsounds ein. Besteht ein Program normalerweise aus einem einzigen Multisound, so kombinieren Sie im Drum-Edit- Modus mehrere Drum-Samples zu einem Drumset. Das fertiggestellte Drumkit benötigt anschließend nur einen einzigen der wertvollen Speicherplätze. Doch auch die Programs sind noch nicht der letzte Schritt bei der Sound Programmierung: Die oberste Ebene der Klang-Hierarchie bilden die »Combis« (Kombinationen). Wie der Name schon andeutet, lassen sich in den Combis bis zu acht Programs als sog. »Timbres« miteinander kombinieren. Für jedes einzelne Timbre stehen hier nochmals umfangreiche Manipulationsfunktionen zur Verfügung. So verstimmen Sie z.B. bei Bedarf die Sounds gegeneinander oder legen fest, in welchem Tastaturbereich die Programs ertönen sollen. Auch der MIDI-Empfangskanal ist für jedes Program frei einstellbar. 100 solcher Combis finden in der M3R Platz.

Um ein weitverbreitetes Mißverständnis aufzuklären: nicht die einzelnen Combis sind im Multimode abrufbar, sondern die Combis selbst sind der Multimode. Um auf verschiedenen MIDI-Kanälen unterschiedliche Sounds zu spielen, weisen Sie den einzelnen Timbres einer Combi unterschiedliche MIDI-Kanäle zu.

Als besonderer Leckerbissen zur Soundveredelung besitzt die M3R zwei digitale Multieffektprozessoren mit je 33 Effekten. Jedes dieser Effektgeräte erzeugt bis zu zwei Effekte gleichzeitig, so daß Sie Ihre Sounds entweder mit zwei Stereooder vier Mono-Effekten würzen können. Selbstverständlich besteht auch die Möglichkeit, die vier Effekte auf die vier Einzelausgänge zu verteilen. Die Effekteinstellungen sind bei der M3R immer Teil einer Combination, d.h. mit Aufruf einer Combi ändern sich auch die Effektparameter.

Das Fazit unserer Betrachtungen ist kurz und bündig: Die M3R ist ein echter Knüller. Ob nun als »Standalone«- Gerät oder als Ergänzung in einem größeren MIDI-Setup, die M3R ist in jedem Fall eine gute Wahl, die durch Flexibilität, hervorragende Sounds und unproblematische Handhabung überzeugt. Weniger begeisternd geriet den Korg Konstrukteuren nur - wie eingangs angemerkt - die »Benutzeroberfläche« des Expanders, dank derer die Programmierung eigener Sounds fast unmöglich ist. Glücklicherweise sind wir als Computerbesitzer nicht auf die teure Fernbedienung RE1 angewiesen, sondern können uns aus den um die Käufergunst buhlenden Scharen von Editorsoftware die passende auswählen.

Die Hauptseite von 1st Track mit aktiver Work-Bcx: 24 Spuren reichen auch für komplexe Arangements.
Neue Combinations programmieren Sie bequem im Combi-Editor: M3R-Sounds entstehen ohne Aufwand.

Ein besonders gelungener Vertreter dieser Gattung ist die »M3R Multitasking Softworkstation« des Berliner Softwarehauses Geerdes. Das Wort »Softworkstation« läßt schon erahnen, daß es sich bei diesem Programm nicht um ein reines Editorprogramm handelt, sondern um eine »All-in-one«-Lösung mit integriertem Sequenzer. Ein genauerer Blick auf die Verpackung bestätigt dann auch unsere Vermutung: Zusätzlich zum M3R-Editor integrierten die Geerdes-Programmierer auch das bekannte 24-Spur Recordingprogramm »1st Track« in der Version 2.0. Auf der Begleitdiskette zu dieser Ausgabe finden Sie eine in weiten Teilen funktionstüchtige Version der Softworkstation.

Nach dem Laden des Programms befinden Sie sich im »Combination Manager«, dem Soundeditor. Bevor Sie jedoch Ihrem Tatendrang freien Lauf lassen dürfen, will das Programm in einem Startfenster von Ihnen wissen, wie Sie im weiteren vorzugehen gedenken. Da bei der Demoversion Teile der Ml-Dl-Routinen deaktiviert und so u.a. Bulk-Dumps von Programs und Combis nicht möglich sind, sollten Sie die dritte Funktion »Load both banks and send program bank« anklicken. Dann wählen Sie aus der Dateiauswahlbox die Bank »PRESET.COM« aus. Ihr ST sendet und empfängt zwar in diesem Fall keine Daten von der M3R. Er hat aber die Factory-Pre-sets (Werksklänge) in seinem Speicher, so daß Sie, wenn Sie die Fak-tory-Presets in der M3R wiederherstellen (siehe Handbuch), identische Klangdaten in Computer und Synthesizer vorliegen haben und diese Sounds problemlos mit der M3R Softworkstation editieren können.

Um Combis oder Sounds zu bearbeiten, ziehen Sie diese einfach aus der Combination, bzw. Program-Bank auf den »Stack« und invertieren sie per Mausklick. Im Anschluß hieran genügt ein Klick auf das »Edit«-lcon, und Sie gelangen auf die entsprechende Arbeitsseite. Auch von den jeweiligen Editoren heraus haben Sie Zugriff auf die auf dem Stack befindlichen Objekte.

Möchten Sie die VDA und VDF Hüllkurven im Program-Editor auch grafisch editieren, klicken Sie lediglich auf das »Scroll«-lcon, und schon stehen die entsprechenden Hüllkurvengrafiken zur Manipulation per »Maushandzeichnung« bereit.

Auch der 24-Spur-Sequenzer »Ist-Track« ist zum Großteil funktionstüchtig. Abgesehen vom Laden und Speichern von Songs haben Sie hier Gelegenheit, alle Features des Recordingprogramms nach Herzenslust auszuprobieren und kennenzulernen. Bevor Sie mit der Aufnahme an einem Song beginnen, müssen Sie zunächst einen Track aktivieren: Anschließend wählen Sie mit den »Drop in«- und »Drop out«-Buttons, wieviele Takte Musik Sie aufnehmen möchten. Jetzt klicken Sie mit der Maus auf die Record-Taste, die daraufhin zu blinken beginnt. 1st Track nimmt noch nicht auf, sondern gibt durch das Blinken erst seine Aufnahmebereitschaft zu erkennen. Erst mit Betätigung des »Play«-Icons startet 1st Track den Aufnahmevorgang. Übrigens arbeiten Sequenzer und Editor im Multitasking-Verbund, d.h. bei Bedarf wechseln Sie bei laufendem Sequenzer in den Editor-Teil, um dort Ihren Sounds den letzten Schliff zu verleihen. Sie möchten den Editor in andere Multitasking-Umgebungen (M-ROS, SoftLink) einbinden? Kein Problem, der Editor läßt sich auch starten, ohne den Sequenzer mit hinzuzuladen. Starten Sie in diesem Fall das Programm »KORG_M3R.PRG« auf der TOS-Diskette.

Ohne Ihrem ganz privaten »Testergebnis« vorgreifen zu wollen, möchten wir am Ende dieses Artikels nicht unerwähnt lassen, daß uns das Gespann M3R und Geerdes Softworkstation ausnehmend gut gefällt. Für 298 Mark erhalten Sie sowohl einen gut durchdachten Editor als auch ein wirklich brauchbares MIDI-Recordingprogramm zu einem konkurrenzlos niedrigen Preis. Zwar kann 1st Track den Großen auf dem Sequenzermarkt nicht ganz das Wasser reichen, gibt aber vielen Musikern bereits genügend Funktionen zur Realisierung ihrer musikalischen Vorstellungen in die Hand. Deshalb lautet unser Urteil: Ein sehr empfehlenswertes Programm.(tb)

Bezugsquellen: Editor: Geerdes MIDIsystems, Bismark-str. 84,1000 Berlin 12 (Demoversion auf TOS-Diskette), Korg M3R: Musik Meyer GmbH, Postfach 1729,3550 Marburg 1


Kai Schwirzke
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