Er kam, sah und scripte: Script, Textprogramm Nummer zwei von Application Systems

»Signum« war das erste professionelle Textprogramm für den Atari ST. Es setzte Maßstäbe, doch in vielen Bereichen war es ein wenig zu komplex, zu schwierig, zu teuer. »Script« ist in allen Dingen ein wenig kleiner. Aber was es will, macht es sehr gut.

Script erhebt den Anspruch, ein Programm für Einsteiger und Fortgeschrittene zu sein. Einfache Bedienung verbunden mit leistungsstarken Funktionen zur flexiblen Textverarbeitung sowie ausgezeichnete Druckergebnisse - das alles zu einem Preis von knapp 200 Mark. Ein hohes Ziel, das Script, soviel schon vorab, in allen Punkten erfüllt.

Doch der Reihe nach: Script, Version 1.0 (c) 1990, präsentiert sich in der für Textverarbeitungen auf dem ST gewohnten äußeren Form. GEM-Fenster nehmen maximal vier Texte auf. Die Befehle sind über Pull-Down-Menüs mit der Maus oder über Tastaturkürzel zu erreichen. Das Programm verarbeitet ein eigenes Dateiformat mit der Kennung ».STX« sowie das ASCII -Format. Ein spezielles Filterprogramm konvertiert »1st Word Plus«-Texte, wobei die Textattribute erhalten bleiben. Zusätzlich lassen sich Bilder im STAD-, Signum- oder 32K-Format laden. Script kennt Blockoperationen nach dem »Cut und Paste«-Prinzip. Die Blöcke markieren Sie mit der Maus, bei Erreichen der Bildschirmgrenze scrollt der Text in die jeweilige Richtung weiter. Über die »Suchen & Ersetzen-Funktion« ist wenig zu berichten. Sie arbeitet angemessen schnell und unterscheidet Suchrichtung, Groß/Kleinschreibung sowie Einzelwörter. Script läßt sich im Desktop anmelden, so daß Sie ».STX«- Dateien direkt per Doppelklick starten. Bemerkenswert, weil nicht immer so üblich, ist die Behandlung von ASCII-Dateien. Beim Laden erzwingen Sie durch die gedrückte Shift-Taste direkt Absätze, die Script erkennt. Beim Speichern eines Script-Dokuments ignoriert das Programm einen eventuell eingestellten linken Rand. Manche Programme erzeugen hier störende Leerzeichen.

Neben diesen allgemeinen Funktionen sind bei Script drei herausragende Aspekte zu nennen: das »Lineal« zur Formatierung des Textes, die flexible Handhabung von Fußnoten sowie Kopf- und Fußzeilen und die Verarbeitung von Signum-Fonts. Die Lineale sind ein mächtiges Werkzeug zur Gestaltung des Textes. Sie bestimmen den rechten und linken Rand, die Textformatierung und den Zeilenabstand. Außerdem gibt es vier Tabulatortypen und eine Einrückung für den Absatzanfang. Das Besondere an den Linealen ist ihr Wirkungsbereich.

Texte gestalten mit Zeilenlineal

Jeder Absatz des Textes besitzt sein eigenes Lineal. Zusätzlich ist eine beliebige Anzahl übergeordneter Lineale für zusammengefaßte Absätze denkbar. Script verarbeitet neben Fußnoten auch Kopf- und Fußzeilen in beliebiger Anzahl. Bis zu 20 Fußnoten schluckte Script auf einer Seite ohne Schwierigkeiten. Geht die letzte Fußnote über mehrere Zeilen und paßt nicht mehr vollständig auf die Seite, erscheint sie korrekt weitergeführt auf der nächsten Seite.

Die vollständige Übersicht der Pull-Down-Menüs demonstriert bereits die Leistungsfähigkeit des Programms

Zudem gelten in den Fußnoten ebenfalls die Textlineale. Unterschiedliche Zeilenabstände in Haupttext und Fußnoten lassen sich damit sehr leicht realisieren. Es ist bei der feinen Abstufung durch Script jedoch eines zu beachten: Der Zeilenabstand muß der Höhe des Zeichensatzes angepaßt sein. Eine 17-Punkt-Schrift ist bei einem Zeilenabstand von 10 natürlich nicht mehr vernünftig zu lesen. Hilfreich ist hier die Automatik für Zeilenabstände, die sich jedoch auf Wunsch abschalten läßt.

Einen Haken hat die Fußnotenverwaltung aber doch noch. Steht z.B. auf Seite 1 in der letzten Zeile eine Fußnotenziffer, erscheint diese erst auf Seite 2. Sinnvoller wäre, die ganze Zeile automatisch mit auf die nächste Seite zu ziehen. Eine kleine Einschränkung ist auch die feste Vorgabe des Abstandes zwischen Haupttext und Fußnoten. Diese Schwierigkeiten lassen sich jedoch durch das Einfügen einer Zeile mit Leerzeichen umgehen.

Der dritte herausragende Aspekt bei Script ist die Verwendung von Signum-Fonts, und zwar für Anzeige und Ausdruck. Es stehen fast alle Fonts des reichhaltigen SiFox-Pools zur Auswahl.

Zudem sind registrierte Anwender von Script automatisch diesem Pool angeschlossen. Im Programm gibt es die üblichen Attribute wie Fett, Unterstrichen etc. Nachträgliche Umformatierungen sind über die Blockfunktion problemlos zu bewältigen. Als hilfreich erweist sich dabei die fast vollständige Steuerung über Tastaturkürzel oder Makros. Die Kürzel sind an verbreitete Standards, z.B. MS-DOS, Macintosh oder der Unix Systeme angepaßt. Vor allem die Bewegung im Text über die Shift/Control Pfeiltasten-Kombinationen geben ein Beispiel, wie sich bewähre Standards auch auf dem ST durchzusetzen beginnen.

Makros realisiert ein mitgeliefertes Zusatzprogramm mit Namen »Mini-Protos«, das im Auto-Ordner installiert sein sollte. Ein solches Makro sorgt z.B. automatisch für die Hochstellung der Fußnotenziffern. Makros lassen sich mit Mini-Protos jedoch nicht ändern. Dazu benötigen Sie eine Vollversion von Protos, dessen Preis von 69 Mark in Anbetracht seiner sonstigen Fähigkeiten durchaus angemessen ist. Die wichtigsten Funktionen beherrscht Mini-Protos bereits, so daß man als normaler Script-Anwender auf Protos gut verzichten kann.

Ausführliche Beschreibungen der verfügbaren Makros finden sich im hervorragenden Handbuch. Die klare Gliederung in Erklärungen für Einsteiger, Referenzteil, angereichert durch viele Tips und das umfangreiche Stichwortverzeichnis machen es zu einem Vorbild seiner Gattung. Zwar macht es auf den ersten Blick mit seinem Pappdeckel und der Spiralbindung nicht so viel her wie ein stabiler Schuber, doch seine inneren Werte gleichen das mehr als aus. Wer dieses Handbuch einmal richtig gelesen hat, der bracht es praktisch nicht mehr. Eine Gesamtbeurteilung von Script fällt leicht. Das Programm erschließt sich dem Einsteiger fast intuitiv, den Wünschen des Fortgeschrittenen hält es mit seinem Leistungsumfang stand. Für alle, die kurze Briefe und lange Texte oder umgekehrt schreiben wollen, ist Script die richtige Wahl. Besonders Studenten dürfen sich freuen, endlich einen würdigen Nachfolger für das immer noch mit rätselhaften Fehlern behaftete »1st Word Plus« zu haben. Script zeichnet sich durch eine gelungene Kombination von zahlreichen sinnvollen Details wie beispielsweise Hilfslinien bei TABs und eine hohe Betriebssicherheit aus.

Im Rahmen dieses Testes mußte Script seine Qualitäten übrigens einem Computerneuling beweisen, der die Abschlußarbeit zum zweiten Staatsexamen damit verfaßte -durchaus ein harter Brocken, den das Programm mit Bravour löste. Dabei traten folgende Probleme zutage: Script verfügt über keine automatische Trennung mit Algorithmus oder Wörterbuch. Da man jedoch auch automatische Trennungen immer noch einmal überprüft, ist die Script-Lösung der »nachträglichen Trennungen bei Bedarf« akzeptabel. Die einmal manuell gesetzten Trenn striche verwaltet das Programm dann automatisch. Sie verschwinden gegebenenfalls bei einer Umformatierung oder Textänderung und tauchen später, falls nötig, wieder auf.

Die eingelesenen Grafiken behandelt Script als Buchstaben, eine seitliche Beschriftung ist bisher nicht vorgesehen. Diese Einschränkung ist nicht tragisch, da sich Grafiken auch nachträglich mit dem Fotokopierer in den Ausdruck einsetzen lassen. Der für diesen Zweck nötige Spaltensatz wäre auch in manch anderer Anwendung wünschenswert, er ist wohl dem günstigen Preis zum Opfer gefallen. Für entsprechende Anwendungen ist natürlich auch noch »Signum« da.

Das Kopieren zwischen mehreren Texten ist denkbar einfach: Block mit der Maus markieren, Textfenster wechseln und Block kopieren
Sehr gut gelöst: Die Fußnotenliste schafft Überblick. Leider ist der Wechsel zwischen Fußnoten nicht über die Tastatur zu erreichen

Das von vielen GEM-Programmen als systembedingte Unlösbarkeit bezeichnete Nachlaufen des Cursors oder der Tastaturwiederholung trat in dem mir vorliegenden Script nicht auf. Einzig im Blocksatz mit dem automatischen Ausgleichen der Buchstabenabstände löschten Backspace oder Delete bei längerem Festhalten manchmal zwei oder drei Zeichen mehr als geplant. Es geht also doch, wenn man will!

Natürlich sind noch einige Kleinigkeiten, z.B. kleine Probleme mit Tabulatoren am Beginn einer Fußnote oder Wechsel zwischen Fußnoten per Tastaturkürzel anzumerken, doch beeinträchtigt dies die Qualität des Programms nicht. Script ist bereits jetzt aufgrund seiner Leistungsfähigkeit, einfachen Bedienung und extrem hohen Betriebssicherheit unbestritten die Nummer eins unter den preiswerten Textprogrammen.

WERTUNG

Name: Script
Preis: 198 Mark
Firma: Application Systems

Stärken: sauber programmierte GEM-Applikation □ einfache Bedienung □ hohe Betriebssicherheit □ WYSIWYG □ gutes Handbuch □ Fuß- Kopf- und Endnoten-Verwaltung □ flexible Textgestaltung durch Textlineale □ erlaubt Bilder einbinden □ übersichtliche Fußnotendarstellung

Schwächen: kein Spaltensatz □ Fußnotenwechsel nur über Maus

Fazit: Textverarbeitung für Einsteiger und Fortgeschrittene und in seiner Preisklasse die absolute Nummer 1


Wolfgang Klemme
Links

Copyright-Bestimmungen: siehe Über diese Seite
Classic Computer Magazines
[ Join Now | Ring Hub | Random | << Prev | Next >> ]