Sequencer Live Plus: Freie Sicht

Nur wenige Entwickler beweisen bei der Komposition von Arbeitsoberflächen ein derart glückliches Händchen wie Soft-Arts-Programmierer Harald Plontke. Auch sein neuestes Programm »Live Plus« ist optisch wahrhaft bestechend.

Hier lassen sich alle wichtigen Voreinstellungen festlegen

Der Conductor bestimmt - ähnlich wie ein Mastertrack - Tempo-und Metrikänderungen

Das neue »Priority Contrast Concept« ( PCC ) zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Soft-Arts-Produktpalette. Der Trick: Das Bild wird hauptsächlich grau gehalten. Schwarzweiß-Kontraste werden vermieden. Nur dort, wo das Programm die besondere Aufmerksamkeit des Anwenders erfordert, arbeitet Priority Contrast Concept mit Kontrasten. Selektierte Objekte stellt das Programm grundsätzlich schwarz dar. Alle Teile des Bildschirms, an denen gerade nicht gearbeitet wird, bleiben grau. Dieses Erscheinungsbild wird von plastischen Knöpfen und Displays unterstützt. Ein weiterer wichtiger Punkt im Programmaufbau nennt sich »Intelligent Mouse Operation» (IMO). Im Mittelpunkt steht hier die Maus als zentrales Steuerelement. Ohne Zuhilfenahme von Tasten werden sämtliche Operationen mit der linken und rechten Maustaste ausgeführt, wobei die Bedienung in allen Editoren identisch ist. In vielen Situation ahnt das Programm förmlich die Absicht des Benutzers. Wird ein Ton im Key-Editor am Ende angeklickt, so ändert sich beim Ziehen die Notendauer — wird er vorne angeklickt, läßt sich der Ton an der Zeitachse verschieben. Auch die Länge eines Mausklicks beeinflußt die Reaktion des Programms: Klickt der Anwender z.B. lange auf einen Ton, wird dieser abgespielt; bei einem kurzen Klick selektiert das Programm die Note. Konsequent werden Einfach- und Doppelklicks beider Maustasten ausgenutzt, so daß auf Tools und Tastaturkürzel verzichtet werden kann. Lediglich aus Gründen der GEM-Konformität wurde die übliche Menüleiste installiert. Allerdings sind sämtliche Menüfunktionen auch alternativ über die Tastatur erreichbar. Lob für das Online-Help-Display. Alle möglichen Mausoperationen werden dort stets angezeigt. Zur Abrundung des Konzepts lizensierte Soft Arts ein bewährtes Midi-Betriebssystem - Steinbergs multitaskingfähiges M-ROS. Mit einem Swit-cher können mehrere Programme gleichzeitig auf dem ST arbeiten. Der Clou: der Sequenzer läßt sich aus jedem anderen M-ROS-kompatiblen Programm z.B. ein Klangeditor bedienen. Über die Tasten des Zahlenblocks kann der Sequenzer gestartet, gestoppt, vor- oder zurückgespult werden.

Live Plus besteht aus zehn Pages bzw. Editoren. In der Hierarchie ganz oben befindet sich der Performance Editor. Hier können bis zu 32 Songs zu einem abendfüllenden Konzert verknüpft werden. Aber auch LP-Konzepte, Filmoder Videomusiken etc. lassen sich damit komfortabel konziperen. Eine Tabelle zeigt die jeweiligen Startzeiten-Pausen zwischen den Parten werden dabei ebenfalls berücksichtigt. Übersichtlicher die Darstellung auf der Zeitachse: Trotz unterschiedlicher Songlängen lassen sich hier kompakte Sets z.B. für Disco-Gigs ausarbeiten. Für jeden Song können in einem Notizblatt Hinweise angegeben werden. Beispiel: Song 3: Echo auf Volume 3 stellen, Nebelmaschine klar? Während des Soloteils Stratocaster für den nächsten Song vorbereiten. Doch eine Performance-Datei beinhaltet mehr als lediglich eine Reihenfolge von Songs. Auch die Daten des Style-Editors und Synthesizer-Setups werden abgesichert.

Raffinierte Dateiverwaltung

Der Drumeditor

Interessant für Live-Musiker ist der LS-Mode. Jedem Song wird auf dem Midi-Keyboard eine bestimmte Note zugeordnet. Damit läßt sich bequem vom Keyboard der Sequenzer mit dem richtigem Song starten.

Neu: Eine raffinierte Absturz-Sicherung verhindert bei einem Absturz Datenverlust. Unmöglich? Zauberei? Keine Spur. Programmierer und technisch Interessierte unter Ihnen wissen, daß sich die Zeiger im Betriebssystem auch verbiegen läßt. Statt Bomben erscheint einfach eine File-Select-Box. Als letzte Arbeitshandlung vor dem Sturz in digitale Nirvana läßt sich so der Speicherinhalt sichern. Daß diese Idee einem Atari Programmier-Team eingefallen ist, zeigt ein weiteres Mal das hohe technische Wissen der Atari-Designer und gibt Aufschluß über den Standard der Atari-Gemeinde.

Die eigentliche Arbeitsumgebung ist der Song-Editor: Der Aufbau erinnert auf den ersten Blick an das bewährte Cubase-Prinzip -aufgenommen wird auf einem virtuellen Mehrspurband. Auf jeder der maximal 32 Spuren lassen sich bis zu 200 verschiedene Parts aufzeichnen, die man mit der Maus bequem auf der Zeitachse hin- und herschieben kann. Über das Clipboard lassen sich Tracks und Parts in andere Songs kopieren. Wichtig für die Timing-Genauigkeit: die Tracks werden von oben nach unten abgespielt, also

Der Haupteditor mit Displays zum Zuschalten

Akkordsteuerung mit Leedsheet-Display

Automatische Midimischung

Track 1, Track 2 etc. Tracks verfügen über eine Track-Adresse, eine Mutetaste, sowie eine Solofunktion. Die Addresse bezeichnet den Midikanal und den Midiport. Dabei bezeichnet der Buchstabe A den Atari-Port, B und C senden jeweils über M-ROS an andere Programme, D, E etc. sind für die Verwendung von Geräten mit weiteren Midiports wie z.B. Unitor oder Midex vorgesehen. Außerdem gibt es wie in Cubase Track-Modi: Damit lassen sich Drumtracks, Mixertracks, Key- oder Styletracks selektieren. Die wichtigsten Midiparameter können für jeden Track als Abspielparameter definiert werden. Dazu gehören Soundwechsel, Lautstärke, Ausschlagdynamik, Kompression, Transponieren, Delay und die Tonhöhen-Beeinflußung durch Keytrack-Steuerung (Pitch). Doch nicht nur für die Spuren lassen sich Abspielparameter einstellen — auch einzelne Parts innerhalb der Tracks können mit Play-Parametem verändert werden. Neben den üblichen Track-Variabein lassen sich hier außerdem Loops einstellen. Für den LS-Modus gibt es außerdem eine Trigger-Note, einen Prioritäts-Button sowie einen Button für den Play-Modus. Für Schnitte und das Kleben von Parts genügt ein Klick mit der Maustaste. Im Cycle-Modus wird der Abschnitt zwischen den beiden Locatorpunkten - über dem Taktlineal als Dreiecke dargestellt - wiederholt. Auch der Aufnahmemodus verfügt über eine Dialogbox mit Record-Parametern. Dabei läßt sich ein Punch-In- bzw. Punch-Out-Punkt bestimmen. Aufgezeichnet wird wie üblich entweder im Replace-Modus — das Material wird komplett neu eingespielt, vorhandene Daten werden gelöscht -oder im Overdub-Mode. Eine Spezialität zum flexiblen Arrangieren bietet Live Plus mit dem LS-Mode. Dabei werden die Triggemoten aufgezeichnet, die — wie oben erwähnt — jeweils einen bestimmten Part bzw. Song einstarten. Somit lassen sich schnell und unkompliziert verschiedene Arrangements austesten.

Live Plus bietet einen überaus komfortablen Multichannel Record Modus. Bis zu 16(1) Midikanäle lassen sich gleichzeitig aufzeichnen. Recht praktisch, da bekanntlich allein eine Midi-Gitarre auf 6 verschiedenen Kanälen gleichzeitig sendet. Zum Vergleich: Cubase gestattet lediglich das zeitgleiche Aufnehmen von 4 Midikanälen. Im Song-Editor lassen sich Mididaten zusätzlich zum maschinenorientierten Arbeiten auch als Styles organisieren. Im Gegensatz zu Songs verfügen Styles über 4 Tracks mit jeweils drei Varianten. Mit der Triggernote kann der Anwender beliebig zwischen diesen Varianten wechseln. Das Besondere dabei: Styles lassen sich in normale Songs einbinden. Erstellt und bearbeitet werden Styles im Style-Editor. Hier lassen sich die Grundelemente eines Songs mit fremden Stilrichtungen verknüpfen. Styles erlauben es auch, neue Grundstrukturen schnell und effektiv zu entwickeln. Ein Style ist ein maximal 16 Takte langes, sich wiederholendes bzw. variierendes Begleitmuster; es besteht aus einer Drums-, Baß- Harmonie-und Ostinato-Spur. Über das Clipboard lassen sich beliebig Parts aus einem Song in den Style-Editor kopieren. Bei der Bearbeitung kann der Anwender direkt von der Style-Page in einen der Editoren wechseln. Jeder Abschnitt verfügt über drei Variationen, wobei mit den Cursortasten, per Keyboard mittels Triggernoten oder durch Mausklicks zwischen den Varianten gewechselt wird. Für jede Variation werden dazu Cross-Points eingestellt. An diesen Punkten wird ein Ablaufpfad verlassen, sofern dazu ein Umschalter umgelegt wurde. Dadurch wird auch bei wildem Hin- und Herschalten das korrekte Timing bewahrt. Die harmonische Steuerung erfolgt innerhalb Styles über einen programmierten Keytrack oder in Echtzeit per Keyboard. Der Drumtrack wird in der Regel mit einer Drummatrix gekoppelt.

Songs werden zu einem abendfüllenden Programm zusammengefaßt

Style Editor findet man sonst nur in Arrange-Programmen

Der Song-Editor

Harmonisch wird der Track natürlich nicht transponiert. Der Baßtrack spielt eine monotone Melodie, wobei lediglich die Begleitung für die Tonika (1. Stufe) eingespielt werden muß. Der Track wird vielmehr durch die Akkordsteuerung und der eingestellten Skala im Keytrack-Editor beeinflußt. Für Baßtracks ohne Akkordsteuerung läßt sich der Ostinato-Track verwenden. Der Chord-Track benötigt lediglich eine Rythmusvorgabe. Sie arbeitet dabei wie die bekannten Begleitautomaten von Alleinunterhalter-Key-boards.

Der Sysex-Editor

Zur Bearbeitung des eingespielten Materials dient der Key-Editor. Ein graphisches Keyboard zeigt in Verbindung mit einem Taktlineal Tonhöhe und -länge des Events. Außerdem zeigt ein graphisches Controller-Display Daten wie Velocity, Aftertouch, Pitchwheel etc. als Balken. Mit dem Gummiband lassen sich dabei z.B. Ein- und Ausblendungen oder Pitch-Glide-Effekte schnell realisieren. Diese praktischen Displays lassen sich je nach Bedarf zu- und abschalten.

Live Plus besitzt außerdem einen Midi-Mixer. Das Display zeigt eine vordefinierte realistische Nachbildung eines automatisierten 65 Kanal-Mischpults mit Motorfadern. Für jeden Kanal lassen sich damit separat Controllerdaten aufzeichnen. In der Grundeinstellung stehen die ersten 16 Fader ( Kanal 1-16 ) auf Controller 7 (Volume). Ein Motorfader läßt sich für jeden Kanal zu- und abschalten. Mehrere Regler können zu Gruppen zusammengefaßt und per Sub-Regler abgemischt werden. Da Live Plus im Aufbau und Prinzip an Cubase erinnert, hier zum Abschluß noch ein Vergleich von beiden Programmen:

  1. Harddisk Recording: In Cubase läuft’s bereits - Soft Arts arbeitet fieberhaft an einer Falcon-HD-Lösung.
  2. Editoren: Cubase bietet einen Score-Editor, Grid-Editor mit Liste, einen Key-Editor zur grafischen Bearbeitung von Controllerdaten, Logical Editor für Mathematiker. Live Plus arbeitet mit einem integrierten Editor mit zuschaltbaren Displays für Listen und Controllerdaten.
  3. Notendruck: Cubase bietet integrierten Notendruck. Für professionellen Notensatz bieten beide Hersteller jeweils ein separates Notensatzprogramm.
  4. Besondere Features:

WERTUNG

Live Plus

Hersteller: Soft Arts
Preis:

Vorteile: hervorragende Oberfläche, Absturzsicherung, Styles lassen sich in Songs einbinden, hohe Auflösung

Einschränkungen: noch kein HD-Recording, keine DNA-Mikro-Grooves, einfache Quantisierungsfunktionen

Vertrieb: Soft Arts, Postfach 127762, 1000 Berlin 12
Manfred Neumayer


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