Laborant Professional: Die Chemie im Griff

Wenn gewerbliche Anbieter keinen Markt »sehen« oder überteuert sind, greifen genervte Anwender oft selbst in die Programmier-Tasten.

Doch zunächst zum Einsatzbereich von Laborant Professional: Das Programm eignet sich weniger für Routine als für individuelle Untersuchungen, z. B. in der Forschung. Dort werden neue Produkte entwickelt, neue Produktionsverfahren erforscht und neue Meßmethoden ausgetestet. Die Arbeit erfordert je nach Arbeitsgebiet und Fortschreiten der Arbeit die unterschiedlichsten Analysen und Berechnungen. Dies ist der Bereich, in dem sich Laborant Professional heimisch fühlt und seine volle Leistungsfähigkeit entfalten kann. Die Software bietet die Möglichkeit, mit komplexen Formeln zu arbeiten, komplette Reaktionsgleichungen aufzustellen, verschiedene Analysen nachzuvollziehen und statistisch aufzuarbeiten.

Einschaltbild von Laborant Professional

Die gewonnen Daten werden zur weiteren Verarbeitung durch andere Programme bereitgestellt. An dieser Stelle zeigt sich Laborant Professional wiederum von einer sehr freundlichen Seite. Es enthält die Möglichkeit verschiedene andere Programme, wie beispielsweise Statistik-, Plotter/ Grafik-und Textprogrammen zu kombinieren. Datenkompatibilität mit Programmen wie Plotter.»GFA«, »Curfit«, »SciGraph«, »LDW Power-Calc« und auch gängigen MSDOS-Programmen.

Grundsätzlich ist es empfehlenswert die ausführliche Anleitung, die wahlweise als ASCII-Text oder als 140seitiges TeX-Dokument vorliegt, auszudrucken, um die Übersicht zu behalten. Es ist relativ schwierig, die einzelnen Funktionen im Programm streng nach Arbeitsgebieten zu trennen, da sich die verschiedenen Funktionen überschneiden. Zumindest würden Sie den Überblick in einem Wust von Menüs schnell verlieren. Das Handbuch bietet die Unterteilung in die Arbeitsgebiete und erlaubt Ihnen somit ein schnelles und effektives Arbeiten mit Laborant Professional, auch wenn Ihnen der Umgang mit Computern weniger geläufig ist. Bevor Sie loslegen, sollten Sie aber die Installationshinweise am Schluß des Handbuches beachten, um unnötige Schwierigkeiten zu vermeiden.

Die Voraussetzung für die Arbeit mit dem elektronischen Chemiker ist ein ST mit 1 MByte RAM oder mehr und einer Auflösung von mindestens 640 x 200 (mittlere ST-Auflösung); in einem TT fühlt sich das Programm ebensowohl, besonders wenn es Fast-RAM vorfindet. Zwei Diskettenlaufwerke sind ausreichend, aber eine Festplatte ist empfehlenswert. Die Arbeitsumgebung besteht aus einer GEM-Oberfläche mit einem Hauptfenster, weiteren bei Bedarf (Thermochemie, Meßwerte), klar verständlichen Eingabemasken und übersichtlichen Selektoren und Übersichtstabellen. Relevante Funktionen sind per Hotkey erreichbar. Funktionen werden GEM-klassisch aus der gut bestückten Menüzeile ausgewählt.

Suchen Sie sich in der Anleitung das gewünschte Arbeitsgebiet aus und lassen Sie sich durch das Programm leiten. Entweder werden Sie um Eingaben gebeten (Formeln oder Zahlenwerte) oder Sie wählen per Mausklick eine Funktion in einem übersichtlichen Fenster aus. Die Ergebnisse können zum Teil entweder gedruckt oder gespeichert werden. Im letzteren Fall kann je nach Bedarf der Datentyp gewählt werden. Im Bedarfsfall werden weitere Modifikationen (zum Beispiel bei TeX-Berichten) von Ihnen erfragt. Ihre Eingaben werden, soweit möglich, auf Plausibilität geprüft. Damit sollte der gröbste Unfug durch Falscheingaben zu verhindern sein. Laborant Professional ist also bemüht, dem Benutzer möglichst weit entgegenzukommen.

Allerdings vermißten wir manche interessante Kombinationsmöglichkeiten, wie etwa die Wertübernahme einer Berechnung (z. B. eine Molmasse) in eine andere Berechnung (z. B. eine Reaktionsgleichung); der Wert muß separat errechnet und neueingetippt werden.

Auch ist aus mancher Funktion der Ausstieg etwa wegen falscher Auswahl manchmal problematisch, d. h. nur an bestimmten Punkten möglich. Dagegen ist die Verwendung von Formelmakros, die natürlich auch gespeichert werden können, ein großer Vorteil. Damit können Sie sich für jeden Arbeitsabschnitt eine passende Makro-Bibliothek zusammenstellen und fortan deutlich zügiger bei den Eingaben arbeiten. Genauso die Tatsache, daß die Berechnung der Molmassen von Formeln nicht anhand starrer Tabellen stattfindet wie oft in anderen Programmen.

Periodensystem als Hilfe

Ihr Informationsbedürfnis wird einmal durch ein ausführliches Periodensystem gestillt, weiterhin können Sie Informationen über Kationen und Anionen abru-fen, Molmassen berechnen, Formeln prüfen und zahlreiche Einheitenumrechnungen vornehmen. Während Kristallwasser bei den Berechnungen kein Problem darstellen, hat das Programm allerdings mit Komplexverbindungen so seine Probleme. Weiterhin gibt es Tabellen mit Naturkonstanten, Spektrallinien, Dichtetabellen von Lösungsmitteln. Zum Teil gibt es auch weiterführende Informationen zu jedem Tabelleneintrag, besonders deutlich beim PSE. Hier wird Ihnen zum Beispiel zu jedem Element weitergehende Informationen (Dichte, Schmelz/ Siedepunkt, Elektronegativität, etc.) angezeigt. Leider können Sie keine dieser Informationen direkt in eine Berechnung einfließen lassen, die Tabellen haben also eine reine Nachschlagefunktion. Ein kleines Formeltraining ist auch möglich, hierbei wird Ihnen der Trivialname einer Formel genannt und Sie sollen die zugehörige Formel eingeben. Auch eine Art der Unterhaltung, in jedem Fall eine nette Auflockerung.

Eine Schwachstelle in den sonst recht komfortablen Berechnungen (Gleichungsmengenanalyse, empirische Formel, etc.) ist die Tatsache, daß meistens nur von Reinsubstanzen ausgegangen wird. Eine Nachbearbeitung des Ergebnisses, um es auf eine technische Substanz oder ein Gemisch beziehen zu können, ist in der Regel zusätzlich nötig.

Arbeitsfenster zur Biochemie

Zu den Arbeitsgebieten selbst: Die Anleitung beginnt nach den allgemeinen Bedienungsgrundlagen mit Molmassen und Berechnungen sowie Titrationen. Die Titrationen beschränken sich allerdings auf reine Säure-Basen- und vergleichbare Titrationen, andere Umsatztitrationen werden leider nicht berücksichtigt. Damit ist dieser Bereich auf Normallösungen, Molaritätsbestimmungen und einfachen Titerbestimmungen beschränkt. Eine quantitative Titration (Verbrauch mal Faktor durch Einwaage und Titer ergibt soundsoviel von der bestimmten Substanz) ist hier nicht unterzubringen. Die Umrechnungshilfen (Mischungskreuz, Maßlösungen, Gasgesetze) beschränken sich in der Regel auf Werte in Berechnungsformeln einzusetzen, sind jedoch meistens praktikabel einsetzbar. Der Bereich Lösungen besteht zum größten Teil aus simplen Umrechnungen nach dem Dreisatz, es stört aber die Vernachlässigung der Tatsache, daß es bei den Einsatzstoffen auch um Substanzen mit einer Reinheit ungleich 100 Prozent handeln könnte. Es mag sein, daß sich mit genügend Einarbeitungszeit eine Lösung für dieses Problem zeigt, auf Anhieb ist eine schnelle Variante leider nicht erkennbar.

Der Bereich spezieller Berechnungen befaßt sich mit der Berechnung verschiedener pH-Werte, Gefrierpunkterniedrigung sowie der Biochemie. Letztere bietet Ihnen weitergehende Hilfen, die sich speziell auf die Biochemie beziehen (Kürzel der Aminosäuren und Nucleotide, Eingaberegeln) so daß die Arbeit auch hier problemlos gestaltet. Die optischen Methoden sind reine Einsetz- und Umrechnungsformeln, allerdings wurden hier die gängigsten Methoden abgedeckt. Auch die Dichtebestimmung mit Pyknometer stellen reine Rechenhilfen dar. Die Elektrochemie ist neben den Rechenhilfen wiederum mit weiterführenden Übersichten und Hilfen versehen. Hier mag es manchmal irritierend sein, daß die einzelnen Fragen in Fenstern kommen, anstatt eines übersichtlichen Menüs.

Ein weiterer Bereich ist die Sammlung und Verarbeitung von Meßwerten. Die Verarbeitung beschränkt sich auf die Anwendung verschiedener statistischer Formalismen. Wenn Sie grafische Darstellungen wünschen, so sollten Sie die Meßwerttabelle an ein externes Programm weiterleiten und dieses die weitere Bearbeitung erledigen lassen. Daher ist das nächste Kapitel der Anleitung auch dem Datentransfer und den unterschiedlichen Formaten gewidmet. Das Spektrum der Thermochemie ist weit gefächert, auch hier werden zum Teil recht umfangreiche Um- und Berechnungen durchgeführt. Gleiches gilt für den Bereich des linearen Gleichungssystems.

Fazit: Laborant Professional ist eine benutzerfreundliche Hilfe in der forschenden Chemie, indem es als Schnittstelle zwischen der praktischen Arbeit und den endgültigen auswertenden bzw. dokumentierenden Programmen als Rechenhilfe und Meßwerterfassung dient. Auch kann zum Teil eine Vorabauswertung mit Laborant Professional getroffen werden, in jedem Fall ist eine der Stärken die breite Datenkompatibilität zu weitergehenden und spezialisierten Programmen. Einige, zum Teil in der Praxis doch erhebliche Einschränkungen trüben zwar das Gesamtbild, aber bei dem Engagement des Autors dürften diese Mängel schon bald zur Vergangenheit gehören. Sehr erfreulich ist, daß dieses Programm als Public Domain zu haben ist und dennoch gepflegt wird wie kaum ein kommerzielles Produkt. Bei regelmäßiger Benutzung sollten Sie Ihrem Herzen einen Stoß geben und dem Autor einen Obolus zukommen lassen, (thl)

Laborant Professional finden Sie in der Maus Ludwigshafen oder auf unserer PD-Leserdiskette zu dieser Ausgabe (siehe Infokasten im News-Teil!)


Olaf Boos


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