GFA-Basic: Im Westen nichts Neues?

Fast ein Jahr ist es her, als durch eine lapidare Bandansage aus Düsseldorf die Welt der GFA-Basic-Programmierer einzustürzen drohte: »Die Zweigstelle Düsseldorf der GFA-Systemtechnik wurde geschlossen. Sie erreichen unseren telefonischen Support von nun an dienstags und donnerstags von 15-17 Uhr unter 02 11/5065-286.«

Die Gerüchteküche brodelte und viele Programmierer meinten, es sei sinnvoll, so schnell wie möglich alle GFA-Produkte abzustoßen und sich nach neuen Programmiersprachen umzusehen. Wir wollten wissen, wie es mit dem einst so beliebten GFA-Basic weitergeht und haben in unserem Interview (1) mit Les Player und Frank Ostrowski folgendes erfahren:

ST-Magazin: Les, sagen Sie uns kurz, welchen Job Sie bei GFA machen.

Player: Ich bin als Managing Director von GFA Data Media (UK) Ltd. (2) momentan in Deutschland, um die GFA-Systemtechnik gesundzuschrumpfen. Wir hatten hier fantastische Erfolge, vor allem natürlich mit unserem GFA-Basic von Frank. Aber leider hat die Düsseldorfer Filiale auch einen gewaltigen Kostenapparat entwickelt, so daß im letzten Jahr nur noch Verluste gemacht wurden.

ST: Mußte aber deshalb gleich die komplette Filiale geschlossen werden, so daß nur noch mit einem Anrufbeantworter gearbeitet wird?

Player: Ich denke, ja. Zum Verständnis dieser Strategie muß man wissen, daß ich diesen Job in ähnlicher Art schon öfter gemacht habe. Es gab mal eine Firma Atari, die hatte zigtausend Mitarbeiter weltweit. Mein Job war es u. a., als die Tramiels Atari kauften, die deutsche Atari (damals noch in Hamburg) zu schrumpfen. Wir haben viele Leute entlassen müssen und mit drei Mitarbeitern in Raunheim neu angefangen. Das war 1985. Mittlerweile geht es der GFA Deutschland ähnlich wie Atari vor 1985. Zuviel Verwaltung, zuwenig Profit. Wir haben deshalb resolut dichtgemacht und in diesem kleinen Bürokomplex startet die deutsche GFA-Systemtechnik quasi neu. Sie existiert also und arbeitet nach wie vor, wenn auch marketingmäßig im Atari-Bereich momentan extrem schlecht, zugegeben! In Düsseldorf sitzen momentan fünf Köpfe und rauchen, wie sie den Compiler für die MS-DOS-Version rasch fertig bekommen. Hauptsächlich ist natürlich Frank hiermit beschäftigt. Der Compiler steht kurz vor der Fertigstellung. Er reicht für etwa 75 bis 80 Prozent aller Anwenderfälle schon aus.

ST: Wie sieht Ihre Planung für GFA-Basic aus?

Player: Nach Auslieferbeginn des MS-DOS-GFA-Ba-sic-Compilers soll der Compiler für Windows-GFA-Basic komplettiert werden.

Ostrowski: Wir werden hier nur noch wenig Mehrarbeit haben, wenn der DOS-Compiler erstmal stabil genug ist.

Player: Danach wird wieder intensiv am Atari-GFA-Basic gearbeitet. Wir wissen natürlich, daß der Markt hier sehr stark war und ist. Das Problem ist, daß ich mit den Versprechungen der alten GFA-Systemtechnik leben muß, die sie den MS-DOS-Anwendern machte. Den Compiler zu diesem Preis und dem zugesagten Termin zu machen, war von Anfang an aussichtslos. Jetzt aber müssen wir ihn zumindest fertigstellen. Alles andere wäre unseriös. Schließlich können wir die MS-DOS-Anwender jetzt nicht einfach links liegen lassen.

Ulf Dunkel sammelt im Maus-Netz Vorschläge für Verbesserungen, Kritikpunkte, Bugreports etc. zum Atari-GFA-Basic, die er an die GFA-Systemtechnik weiterleitet. Er ist zu erreichen im Brett: GFA-Basic.Ger oder persönlich unter: Ulf Dunkel @OS

ST: Sehen Sie wirklich einen Sinn darin, weiter auf den MS-DOS-Markt zu setzen, während Ihr vorhandener Atari-Markt durch die nebulöse Marketingpolitik mehr und mehr zusammenbricht?

Player: Wir wissen, daß der Basic-Markt dort sehr eingefahren ist. Doch wir wollen zumindest unser Versprechen halten und den Compiler liefern.

ST: Und dabei verlieren Sie zigtausend User im ST-Bereich.

Player: Der Atari ist bei uns in England leider immer noch zu sehr Spielecomputer. Am stärksten waren wir bisher mit unserem Basic hier in Deutschland. Leider können wir Frank nicht zweiteilen, um gleichzeitig mehrere Produkte weiterzuentwickeln.

Ostrowski: Ja, es kostet jedesmal fast eine Woche, bis ich wieder richtig auf dem anderen Prozessor zu Hause bin, zumal die Compiler in Assembler entwickelt werden. Ständiges Springen zwischen Intel und Motorola ist völlig ausgeschlossen. Dabei käme nichts mehr zustande.

ST: Viele Umsteiger von Atari- auf MS-DOS-GFA-Ba-sic sind erschrocken über die Schwierigkeiten, die Programme zu portieren. Gibt's dafür von GFA Hilfsprogramme?

Player: Es wird ein Programm geben, das aus Atari-Programmen wirklich fast auf Knopfdruck lauffähige MS-DOS-Programme kompiliert und dabei die GEM-Oberfläche des Atari mit als Quasi-GEM für den MS-DOS-Rechner generiert. Das Programm, von einem Engländer entwickelt, ist fast fertig. Natürlich ist allgemein die Umstellung mühsam, wenn man oberflächenspezifische oder betriebssystem-nahe Befehle verwendet und dann von GEM nach Windows wechseln möchte. Das Problem gibt es aber in allen Programmiersprachen.

ST: Wie sieht Ihre weitere Produktpflege aus?

Player: Es wird in Kürze in der führenden Atari-Zeitschrift in England eine kostenlose Disk mit GFA-Basic 3.5 geben (Interpreter & Compiler). Wir möchten so die englischen Anwender ans Programmieren heranführen. Das Handbuch muß man dann natürlich nachkaufen. Auch in Deutschland und Holland planen wir diese Aktion.

ST: Wird es, konkret gesprochen, eine Version 4.0 des GFA-Basic für Atari-ST/ TT-Rechner geben?

Player: Ja, irgendwann sicher. Es gibt jetzt eine mittelfristige Planung mit drei Kategorien:

  1. Kontinuierlicher Support: für GFA-Basic (Atari, Amiga, MS-DOS, Windows) und sämtliche GFA-Produkte, die damit zu tun haben, sowie ggf. einige weitere...
  2. Support bis Ende 1992: GFA-ASSEMBLER (noch ein Update)
  3. Kein Support: GFA-Fakt etc.

Das Problem bei GFA-Basic ist, daß Frank völlig überlastet ist und die Pflege des Produktes für Atari-Rechner gern abgeben möchte. Hierzu haben wir schon einige Gespräche mit Assembler-Programmierern geführt. Es soll so aussehen, daß der oder die Programmierer einen TT mit 100-MByte-Platte und 19-Zoll-Monitor zum Entwickeln gestellt bekommen, dazu den kompletten Sourcecode in Assembler und natürlich Unterstützung durch Frank.

Ostrowski: Leider haben wir bei den bisherigen Gesprächen noch keinen geeigneten Programmierer gefunden. Der Sourcecode ist auch für Assembler-Profis nicht unbedingt ausreichend kommentiert und die meisten scheuen den Fulltime-Job. Vielleicht kann man ja einen Aufruf im ST-Magazin machen?

ST: Wir haben bisher schon eine Wunschliste, die durch meinen Aufruf im Maus-Netz zusammenkam, mitgebracht und würden uns freuen, wenn der eine oder andere Punkt bis zur Version 4.0 überarbeitet wäre. Wesentlicher Wunsch der meisten Programmierer ist die Unterstützung von Multitasking-Betriebssystemen und eine Hilfe zur »sauberen Programmierung«.

Ostrowski: Es wird einen GEM-Editor geben, der mit (irgendeinem) Schalter wahlweise benutzt werden kann. Wer’s nicht will, bleibt bei der alten Oberfläche. Leider habe ich noch keine Zeit gehabt, mich für das Atari-GFA-Basic ins neue Multitasking einzuarbeiten. Auch andere Wünsche werden natürlich berücksichtigt. Zunächst wird eine saubere Abfrage zum ACCVPRG-Status eines Programms eingebaut und die bekannten Bugs des 3.6-Compilers werden entfernt. Voraussichtlich gibt’s vor dem Sprung zur Version 4.0 noch ein Update auf 3.7 oder 3.8 — genaues kann ich leider momentan nicht sagen. (mn)

(1) GFA-Systemtechnik GmbH, Postfach 190240, 4000 Düsseldorf' 11, Tel. 0211/ 5065-286, Fax 0211/5065-288

(2) GFA Data Media (UK) Ltd., Kingswood House, 12 Shute End, Wokingham, Berkshire, RG 11 1BJ, Tel. (GB) (0734) 794941 Fax (GB) (07 34) 890682
Ulf Dunkel



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