Editorial - Anschluß

Mit Betriebssystemen ist das so eine Sache: Sie greifen direkt auf die Ressourcen eines Computers zu und machen ihn erst zu dem, was er ist. Nahezu jedes Programm greift darüber auf die Hardware-Fähigkeiten des Rechners zu. Ergo: Erst das Betriebssystem macht den Computer.

Andererseits ist auch das TOS eine spezielle Art von Programm — und Programme haben bekanntlich alle irgendwelche kleine Fehler.

Zur Geburtsstunde der ST-Serie gab es das TOS auf Diskette. Erst als Atari damit zufrieden war, wanderte es ins ROM. Aber auch danach gab es noch einiges zu verbessern. So mauserte sich das TOS in mehreren Schritten zur Versionsnummer 1.4. Ein einfacher Austausch der ROM-Bausteine genügte, um die Vorzüge der neueren Versionen zu genießen. Die meisten STs arbeiten auch heute noch mit dieser Version. Nichtsdestotrotz schleppt auch das »Rainbow TOS« noch so einige kleine Unschönheiten mit sich herum. Also arbeiteten die Betriebssystem-Väter weiter an ihrem System, um Fehler zu beheben und neue Fähigkeiten zu implementieren. Leider hatte dies auch einen entscheidenden Nachteil: das TOS wurde länger und länger. Schließlich paßte es einfach nicht mehr in den, bei den »kleinen« Maschinen vorgesehenen, Adreßraum. So verfügen nur die Rechner der STE- und TT-Serie über ein größeres TOS. Für die Besitzer älterer Geräte hieß das: Anschluß verpaßt — Update unmöglich. Enttäuschung machte sich breit und sorgte für erhebliche Unzufriedenheit in der Atari-Gemeinde.

Dies rief andere Programmierer auf den Plan. Von Betriebssystem-Aufsätzen verschiedenster Spielarten, bis hinauf zum komplett umgemodelten TOS war bald alles zu haben.

Diese Flickereien haben zwar einen hohen Standard erreicht, viele Anwender stehen solchen Nachbesserungen aber skeptisch gegenüber — das Stichwort hieß: Kompatibilität. Schließlich bewegte man sich beim Einsatz dieser Modifikationen ein Stück vom Original weg. Diese Entwicklung gab es auch bei den DOS-Maschinen. Hier weiß der Anwender nie, ob alle Applikationen auf seinem Computer korrekt laufen. Anwendungsprogrammierer warnten vor ähnlichen Entwicklungen beim TOS.

Doch war da kaum eine Alternative: Nur mit dem Kauf eines neuen Computers konnten Anwender zu aktuelleren TOS-Versionen aufsteigen. Für viele zu teuer. Also griffen sie doch zu obengenannten Produkten, um wenigstens ein bißchen am Fortschritt teilzuhaben.

Nach langem Zögern hat auch Atari die Gefahren dieser Entwicklung erkannt und stellte endlich die Weichen in Richtung Original-Update. Eine Platine kann mit den Betriebssystem-Versionen über TOS 1.4 bestückt werden und paßt die Adreßlagen entsprechend an. Damit ist der Zug für die Anwender, die die ST-Serie in der Vergangenheit liebgewonnen und schließlich auch groß gemacht haben, also keineswegs abgefahren: Anschluß gewährleistet. Diese weise Entscheidung wird Furore machen. Trotzdem kann ich nur sagen: Weiter so Atari!

In diesem Sinne,


Uwe Wirth
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