Kostensenkung im Kleinverlag

Der Traum vom eigenen Verlag verwandelte Buchverkäufen oft nicht die Ausgaben, sich schon für viele Ein-Mann-Verleger zum Alptraum. Die Folge: Pleite. Nicht so beim Grafenstein-Verlag. Trotz fleißiger Arbeit decken die Erlöse aus Hier halten vier Atari 1040 STs die Kosten im Griff.

Eine alte Villa im Münchner Westen: Vorbei an zwei Stockwerken mit Wohnräumen steigen wir hinauf in den ausgebauten Speicher. Wer würde hier oben einen ganzen Computer-Park vermuten?

Hier befinden sich die Büros des Grafenstein-Verlags. Ihm gelang es durch konsequenten Computereinsatz, die Erfassungs-, Layout- und Belichtungskosten auf ein erträgliches Maß zu senken. Die wichtigsten Teile der Hardware: zwei Macs und vier 1040 STs, jeder ausgestattet mit einem Mac-Emulator vom Typ »Aladin«.

1986, das Jahr der Umstellung

Reinhold von Grafenstein gründete seinen Kleinverlag vor zehn Jahren. Er veröffentlichte im Lauf der Zeit zwei Buchreihen, zum einen Sketche und Einakter für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, zum anderen Handbücher für Schauspieler und Theatergruppen, Autoren, Musiker, Journalisten, Fotographen, Filmer und bildende Künstler. Zur Zeit arbeitet er gerade an einer neuen pädagogischen Reihe.

Im Frühjahr 1986 entschloß sich Grafenstein, Texte nicht mehr mit einer Typenradschreibmaschine, sondern mit einem Computer zu erfassen. Da es damals nur wenig brauchbare DTP-Programme für den ST gab, entschied er sich für den wesentlich teureren Macintosh von Apple. Für einen Mac Plus, einen Apple Imagewriter, den Nadeldrucker aus dem Hause Apple, und das Textverarbeitungsprogramm »Word« wurde er mit etwa 13 000 Mark zur Kasse gebeten.

Bereits im nächsten Jahr stellte Grafenstein fest, daß mit dieser Minimalkonfiguration die Arbeiten in seinem Verlag nicht zu bewältigen waren. Daher erweiterte er seinen Gerätepark um eine 20- MByte-Festplatte für 4000 Mark und um einen zweiten Mac Plus für 6400 Mark. 1988 gab er weitere 10000 Mark für einen LaserWriter IINT aus. Die Gesamtinvestition für seine Mac-Anlage: über 33000 Mark. Die Ergebnisse, die er mit diesen Computern erzielt, stellen ihn bis heute sehr zufrieden.

Allerdings gab es im Arbeitsablauf von der Textabgabe bis zum Druck der Bücher auch mit der Apple-Anlage Eng- stellen. Da die Autoren ihre Manuskripte auf Papier lieferten, mußten diese im Verlag als erstes von einer Typistin mit dem Macintosh erfaßt werden. Dieser Arbeitsgang kostete viel Zeit und Geld. Daher suchte Grafenstein nach einem Weg, diesen Schritt zu umgehen. Er fand die Lösung des Problems in einem ST mit dem Mac-Emulator Aladin. Der Verlag erwarb vor knapp zwei Jahren einen 1040 ST mit Mac-Emulator. Ihn stellte er den Autoren zum Schreiben der Beiträge zur Verfügung. Die knapp 2000 Mark, mit der diese Investition zu Buche schlug, fiel gegen die Gesamtkosten seiner Computeranlage kaum mehr ins Gewicht.

Der Autor verfaßte nun sein Werk unter Aladin mit der Textverarbeitung Word. Zum Schluß lieferte er seinen Beitrag auf Diskette zusammen mit dem ST im Verlag ab. Die Dateien werden per Nullmodemkabel auf den Mac übertragen und dort unter dem DTP-Programm »Pagemaker« formatiert. Die Ausgabe der Dokumente auf dem LaserWriter erfolgt in einer Größe von 140 Prozent. Bei der Belichtung verkleinert die Druckerei die Seiten als kostenlosen Service wieder auf 100 Prozent. Dieses Verfahren bringt eine scheinbar höhere Auflösung, da die gedruckten Dokumente schärfer wirken. Die Ausgabe auf dem Laserdrucker liefert als Vorlage für den filmlosen Werkdruck bis zu einer Druckauflage von 4000 Stück akzeptable Ergebnisse. Bei höheren Auflagen muß die Ausgabe der Qualität zuliebe direkt auf einem Laserbelichter erfolgen, z.B. auf einer Linotype. Dadurch entstehen zusätzliche Belichtungskosten.

Mobile STs senken die Kosten

Dieses auf den ersten Blick etwas ungewöhnliche Verfahren bewährte sich in der Zwischenzeit so gut, daß der Grafenstein Verlag heute bereits vier STs besitzt, von denen drei sich ständig bei den unter Vertrag stehenden Autoren befinden. Der vierte ST wurde in den Räumen des Verlags fest mit einem der beiden Macs via Nullmodem verbunden und dient als Konvertierstation.

Grafenstein ärgert sich heute, daß es 1986 noch keine für seine Bedürfnisse brauchbare DTP-Software für den ST gab. Er ist inzwischen so von diesem Computer und vom DTP-Programm »Calamus« überzeugt, daß er fürs nächste Jahr den Kauf eines Atari TT mit Calamus zur Formatierung seiner Druckvorlagen ins Auge faßt. Die kleinen STs dienen dann weiter zur Texterfassung, die Macs helfen bei Schriftverkehr und Verwaltung.

Für eine schnelle Umstellung spricht, daß in Spitzenzeiten die beiden Macs die Arbeit schon heute nicht mehr bewältigen. Und im Preis-Leistungs-Verhältnis haben ST und TT gegenüber den Apple-Computern deutlich die Nase vorne. Denn für den Preis eines Mac Plus bekommt man drei STs. (uh)

Ulrich Hofner

Grafenstein Verlag, Thuillestr. 9, 8000 München 60

Computereinsatz mit Profit

ST-Magazin: Warum haben Sie sich gerade für den ST als mobile Erfassungsstation entschieden?

Grafenstein: Diese Computer waren vom Preis her für den Verlag tragbar und durch einen Emulator zu den Macs kompatibel. An den Apple-Computern führte bei unserem Einsatz im Jahre 1986 kein Weg vorbei. Inzwischen ist aber mit Calamus ein derart professionelles Softwarepaket für den ST verfügbar, daß wir diese Maschinen nun auch zur Formatierung der Bücher heranziehen können. Und betrachtet man die Preise für diese beiden Systeme, so gewinnt der ST eindeutig. Für ein Mac-DTP-System veranschlage ich heute zwischen 20000 und 25000 Mark, für das gleiche System auf ST-Basis etwa 7500 bis 8500 Mark.

ST-Magazin: Dem ST haftete lange das Image eines Spielecomputers an. Haben Sie keine Angst, daß Sie der Händler im Falle eines Defektes im Stich läßt? Beim Mac soll der flotte Service ja im relativ hohen Preis inbegriffen sein.

Grafenstein: Nein, denn ich habe es bei meinem ersten Mac erlebt, daß der Verlag 14 Tage ohne Computer auskommen mußte, da eine Reparatur so viel Zeit in Anspruch nahm. Bei den STs dauert eine Reparatur zwar manchmal noch länger. Aber da ich für den Preis eines Mac Plus drei ST erhalte, trifft mich der Ausfall eines STs nicht so hart. Im Verlag stehen ja noch die beiden anderen bereit. Die Arbeit bleibt daher nicht liegen.

ST-Magazin: Welche Vorteile bringt der Computereinsatz Ihrem Verlag?

Grafenstein: Abgesehen davon, daß sich ein Buch wesentlich schneller publizieren läßt, vereinfacht der Computer auch die Überarbeitung von Neuauflagen. Besonders Kleinverlage, die ja bekanntlich meist nicht über unerschöpfliche finanzielle Mittel verfügen, profitieren vom Computereinsatz. Aber auch andere Einrichtungen wie Schülerzeitungen, Literaturbüros und Autorenverbände oder -vereine erhalten erst mit preisgünstigen Computern wie dem ST ein Mittel an die Hand, mit dem sie professionelle, d. h. abnahmefertige, Druckvorlagen abliefern können. Entfallen Kosten für die Texterfassung und Formatierung, nehmen Verleger Manuskripte leichter an. Als ich den Verlag gründete, fielen für ein Buch Satzkosten in Höhe von 4000 bis 10000 Mark an. Heute zahle ich mit Computerunterstützung nur etwa 1500 bis 3000 Mark. Vielleicht ein kurzes Beispiel zur Situation von Bühnenautoren: Die Bühnen verlangen Theaterstücke meist in einem speziellen Format. Das Rollenmaterial wird auf querbedruckten DIN-A5-Blättern benötigt. Dies bedeutet für einen Verlag erhöhte Satzkosten bei einer vergleichsweise sehr niedrigen Auflage. Daher ist der Bühnenautor, der sein Werk als fertige Druckvorlage abgibt, in einer besseren Position als einer, der ein mit einer Schreibmaschine verfaßtes Script einreicht. Zumindest, was die Annahme seines Scripts durch einen Bühnenverlag anbelangt.

ST-Magazin: Herr Grafenstein, wir danken für dieses Gespräch.


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