Partnersuchsystems »Parsusys ST«: Datenlust und Liebes-Pein

Der Atari ST avanciert dank des Partnersuchsystems »Parsusys ST« zum Vermittler für das traute Glück zu zweit. Doch die Programmierer entwickelten das Programm aus weit unromantischeren Beweggründen.

Die Kreisstadt Schrobenhausen liegt an der Bundesstraße 300, auf halber Strecke zwischen Augsburg und Ingolstadt. Hier, im flurbereinigten Oberbayern, eingebettet in Kuhweiden und Spargelfelder, entstand »Parsusys«: ein weiterer Versuch, ein uraltes Problem der Menschheit zu lösen — dieses Mal mit digitalen Mitteln.

Das Hauptproblem der Welt, wußte schon Kurt Tucholsky, zerfällt in zwei Teile: In Männer, die eine Frau suchen und Frauen, die einen Mann suchen. Die Suchenden zusammenzubringen, verspricht eine jährliche wachsende Zahl von Eheanbahnungsinstituten. Diesen »eine sinnvolle Unterstützung zu geben« hat sich Johann Hörmann zum Ziel gesetzt. Doch es war weniger der romantische Trieb, seinen Mitmenschen zu helfen, der den 36jährigen Schrobenhause-ner dazu bewog, seine Programmierkünste in den Dienst ehelicher Zweisamkeit zu stellen. Vor zwei Jahren kam ihm die Idee, ein Partnersuchsystem zu entwickeln: »Ich habe jeden Samstag die Zeitung gelesen. Und als ich da die meterlangen Riemen von Partnerschaftsanzeigen gesehen habe, da wußte ich auf einmal: Hier ist eine Marktlücke für ein Datenbankprogramm.« Daten und Datenbanken sind ein »Spleen« von ihm: »Schließlich besteht das ganze Leben irgendwie aus Daten.«

Seinem Datenspleen geht der Schrobenhausener am Feierabend nach. Im Hauptberuf ist der Gründer und Alleininhaber von »Hörmann Software« Prüfer in der Qualitätssicherung. »Bei einer großen Firma aus dem Rüstungsbereich«, wie er zögernd erzählt. Deshalb will er auch nicht fotografiert werden. Der Fotograf versucht, ihn trotzdem zu ein paar Fotos zu überreden. Erst nachdem er ihm versprochen hat, ihn nur von hinten abzulichten, stimmt Johann Hörmann schließlich widerstrebend zu. Doch nach drei Aufnahmen mit abgewendetem Kopf ist Schluß: »Fotografieren Sie lieber den ST, der ist schließlich das Wichtigste«, rät er uns. Kein Glück hat der Fotograf bei Hörmanns Freund und Mitprogrammierer. Auch der arbeitet hauptberuflich in der bayerischen Rüstungsindustrie. Auch er hat Angst vor Schwierigkeiten mit seinem Arbeitgeber, wenn dieser erfährt, womit er seine Freizeit verbringt. Am liebsten wäre es ihm, gar nicht erwähnt zu werden. Wir einigen uns nach einiger Diskussion darauf, ihn in unserem Bericht lediglich »Peter« zu nennen.

Die beiden verbindet das gemeinsame Hobby »Daten, Dateien und Datenbanken« schon seit mehreren Jahren. Das erste gemeinsame Projekt war »Multiprogramm«, eine Dateiverwaltung für den Commodore 64. »Das Beste, was es seinerzeit für den C 64 gab«, wie Johann Hörmann stolz erklärt. Im folgenden Jahr kam »Multidatei« für den Amiga und seit anderthalb Jahren arbeiten die beiden an Parsusys ST. Peter übernimmt dabei das Schreiben des Quellcodes, Johann Hörmann ist für die Programmideen und das Testen verantwortlich. Testen hat bei ihrer gemeinsamen Arbeit einen hohen Stellenwert. Parsusys beispielsweise haben sie »ausgetestet bis zur Bewußtlosigkeit«, erzählen sie, und fast entschuldigend fügt Johann Hörmann hinzu: »Was ich machen will, will ich eben gut machen.«

Beide arbeiten lieber »langsam und gründlich«, denn »es soll Spaß machen und perfekt sein«: »Wer unter Termindruck arbeitet, bekommt nur Ärger.«

Adimens und 1st Word Plus

Es stört die beiden gar nicht, ein Programm wegzuwerfen und noch mal ganz von vorne anzufangen, wenn es nicht ihren Anforderungen entspricht. »Was hilft Ihnen denn das, wenn das Programm fertig, aber nicht schnell genug ist?«, fragt Johann Hörmann. Und beantwortet seine Frage im gleichen Atemzug: »Das hilft Ihnen gar nix.«

Das Partnersuchsystem, das wir vorgeführt bekommen, ist daher bereits das dritte seiner Art. Die ersten beiden Versionen waren für die Anforderungen des momentan einzigen Kunden, einem Eheanbahnungsinstitut im fränkischen Gunzenhausen, zu langsam.

Jetzt arbeitet Parsusys ST auf der Basis der relationalen Datenbank »Adimens ST 2.3«. Darin eingebunden ist »1st Word Plus«.

Die das Liebesglück Suchenden werden nach insgesamt 25 persönlichen Kriterien wie Staatsangehörigkeit, Religion oder Zahl der Kinder erfaßt. Aber nur nach neun Kriterien kann gesucht werden. Peter: »Wichtig sind bei Eheinstituten so Sachen wie Kinder, Alter und Größe«. Auf die Frage, ob denn auch nach dem vorhandenen Kriterium »Sexualität« gesucht werden kann, schüttelt er lachend den Kopf: »Nein, denn erstens lügen Männer sowieso über Sex, da sind Frauen viel ehrlicher. Und außerdem ist das nach der Erfahrung der Institute für eine dauerhafte Beziehung kein ausschlaggebendes Kriterium.«

In jeden Datensatz gibt das Institut im zweiten Arbeitsgang die Vorstellungen vom gewünschten Partner ein. Ein Sachbearbeiter holt sich nun beispielsweise auf die linke Hälfte des Bildschirms den Datensatz eines männlichen Kunden. Automatisch durchsucht Parsusys die Datensätze aller Frauen, ob sie mit den Wünschen des Mannes übereinstimmen. Knapp 20 Sekunden dauert es, bis die hoffentlich ideale Partnerin gefunden ist — länger benötigt Parsusys für das Vergleichen von zweitausend Datensätzen anhand der neun möglichen Suchkriterien nicht. »Adimens alleine«, erzählt Peter stolz, »ist bei einer vergleichbaren Suche fünf- bis sechsmal langsamer.« Obwohl er auf Adimens schwört: »Bis auf das Problem, daß Adimens nur 250 Variablen verwalten kann, möchte ich mit keiner anderen Datenbank tauschen.«

Nach dem Suchlauf zeigt Parsusys die gefundenen Datensätze der Reihe nach auf der rechten Bildschirmhälfte an. Per Tastatur (»Maussteuerung bringt doch sowieso nix, wer Tastatur gewöhnt ist, bleibt dabei«) blättert der Sachbearbeiter die gefundenen Datensätze durch und entscheidet nach Gefühl, welche potentielle Partnerin wohl am besten paßt. Johann Hörmann: »Der Sachbearbeiter muß letztlich entscheiden: Ist bei den beiden eine gemeinsame Zukunft möglich oder, auf bayerisch gesagt, ist es a Schmarrn.« Ist es nach Ansicht des Sachbearbeiters kein Schmarrn, kopiert er mit wenigen Tastendrucken die Datensätze in 1st Word Plus, und der angeschlossene Nadeldrucker druckt per Se-rienbrieffunktion an Frau und Mann einen »Partnervorschlag« aus. Beide Datensätze sind ab diesem Zeitpunkt automatisch für weitere Suchläufe gesperrt. Die Sperrung wird erst dann wieder aufgehoben, wenn die zwei Suchenden nach einem ersten oder zweiten Treffen feststellen mußten, daß es doch ein Schmarrn war. »Dann beginnt die Prozedur eben wieder von vorne.«

Vermittlung in fünf Minuten

Für eine einzelne Vermittlung braucht das Gunzenhausener Eheanbahnungsinstitut Laux, das seit einem knappen halben Jahr mit Parsusys ST arbeitet, »keine fünf Minuten mehr«. Ohne Computer war »die Arbeit nicht mehr zu bewältigen«. Das mühselige Hantieren mit Karteikarten gehört dank des Atari STs inzwischen der Vergangenheit an. Zwar gibt es auch in großen Heiratsinstituten Computer. Das sind aber in der Regel PC-Netzwerke und große Mainframes, und die »können sich kleine Institute in der Regel nicht leisten«.

Johann Hörmann ist deshalb guter Hoffnung, bald einen Großteil der 800 Heiratsinstitute, die es in Deutschland gibt, als Kunden zu gewinnen. Je nach Ausstattung will er zwischen 1000 und 6000 Mark für Parsusys ST haben.

Trotz Programmierer-Talent und schnellem Prozessor: Atari ST und Parsusys können nicht verhindern, was das russische Sprichwort weiß: »Die Liebe hat ihre eigene Sprache. Die Ehe kehrt zur Landessprache zurück.« (uh)

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Das ST-Magazin will Sie, liebe Leser, über das gesamte Anwendungsspektrum des ST informieren. Deshalb sind wir ständig interessiert an Stories, die den ST im praktischen Einsatz zeigen. Falls Sie ein besonders interessantes, neuartiges oder auch exotisches Anwendungsbeispiel kennen, setzen Sie sich bitte mit uns in Verbindung — Stichwort »Stories«.


Joachim Graf


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