Die Macintosh-Emulatoren Spectre 128 und Aladin im Test

Nachdem wir den »Spectre 128« in der Ausgabe 4/89 des ST-Magazins kurz vorstellten, hatten wir mit einigen Problemen zu kämpfen, die unseren Macintosh-Emulator laufend abstürzen ließen. Die Vermutung, daß die alten Versionen der 128-KByte-ROMs die Ursache seien, bestätigte sich allerdings nicht. Nach einigem Experimentieren stellten wir fest, daß offensichtlich unsere Systemdatei Version 4.3 schadhaft war. Bewaffnet mit der allerneuesten Apple-Systemsoftware versuchten wir erneut unser Glück, und siehe da — Spectre lief ab sofort einwandfrei. Außerdem erhielten wir auf der Comdex in Chicago noch die neueste Version 1.9F. Bei ihr sind gravierende Fehler der alten Version 1.75 beseitigt, beispielsweise die Tastaturbelegung (Cursortasten) und die gröbsten Probleme mit Hypercard. Vorläufige Sound-und Laserdrucker-Routinen sind ebenfalls implementiert.

Da der Macintosh und daher auch die Emulatoren ein anderes Diskettenformat als der ST verwenden, lassen sich Dateien zwischen beiden Systemen nicht ohne weiteres transferieren. Über die genaue Installation des Spectre schweigt sich das englischsprachige Handbuch weitgehend aus, der Anwender ist also auf seine Erfahrung angewiesen. Hat man Zugriff auf einen Macintosh, ein Nullmodemkabel und ein Mac- und ein ST-Terminal-programm, ist man fein raus. Man überträgt vom Macintosh die benötigten Dateien und Programme auf eine TOS-Diskette und konvertiert diese anschließend ins Spectre-Format. Ein kleines Programm namens »Tranverter« (transfer und convert), das im Lieferumfang enthalten ist, erledigt diese Aufgabe in beide Richtungen mit Bravour.

In diesem Punkt schneidet das Handbuch von »Aladin« deutlich besser ab: Hier findet der Anwender genau beschrieben, wie er Dateien zu übertragen hat. Nicht einmal eine Anleitung zum Bau eines geeigneten Kabels wurde vergessen. Ein Übertragungsprogramm für den Mac und eines für den ST gehören zum Lieferumfang, jedoch benötigt man auch hier einen »echten« Macintosh, um die benötigten Dateien zu konvertieren. Nachdem die erste Systemdiskette und einige Programme im Spectre-Diskettenformat vorliegen, geht es los, und unser Testkandidat muß sich am bisherigen Spitzenreiter der Macintosh-Emulatoren Aladin (Version 3.0) messen lassen.

Unterschiedliche Installation

Bereits bei der Installation auf Festplatte treten erste Unterschiede auf. Bedingt durch die alten 64-KByte-ROMs läßt sich Aladin nicht von einer HFS-Partition (Hierarchical File System) booten. Aladin benötigt für seine Arbeit also mindestens zwei Partitionen. Das System ist von einer MFS-Partition (Macintosh File System) zu starten, die Programme liegen auf einer zweiten HFS-Partition.

Spectre 128 bootet, dank der neueren 128-KByte-ROMs des Mac Plus, direkt von einer HFS-Partition. Da man meistens mehrere Mac-Partitionen anlegt, empfiehlt sich ein Festplattentreiber, der, anders als das Atari-Original, mehr als vier Partitionen unterstützt. Die Firmen Supra, ICD oder Eickmann bieten solche Treiber an.

Wer von der Geschwindigkeit des Aladin 3.0 bei Festplattenzugriffen begeistert war, wird beim Spectre nur ungläubig den Kopf schütteln. Das Tempo beim gesamten Dateihandling ist atemberaubend, oft glaubt man, mit einer großen RAM-Disk zu arbeiten. Auch beim Kopieren von Dateien auf Diskette überflügelt Spectre Aladin.

Natürlich stellt sich bei einer Emulation eines anderen Computers immer die Frage, wie kompatibel ist der Clone? Um es gleich vorwegzunehmen — fast alle Macintosh-Programme, die wir übertragen hatten (es waren immerhin einige Megabyte), liefen zumindest teilweise mit der Emulation. Auf der Spectre-Diskette findet der Käufer einen »Bugreport«. Darin beschreibt Dave Small, der Programmierer von Spectre, genau, unter welchen Voraussetzungen oder nach welchen Aktionen es zu Systemabstürzen kommen kann. Generell verabschieden sich alle Programme, die direkt und damit verbotenerweise auf die Macintosh-Hardware, zum Beispiel auf Appletalk, zugreifen. Bei diesem Problem ist bemerkenswert, daß Aladin die Zugriffe auf die Appletalk-Hardware sauber abfängt. Es kommt daher, anders als bei Spectre, /u keinen Abstürzen.

Es war eine reine Freude, mit Programmen wie Fullwrite, Cricket Draw und so weiter zu arbeiten. Viele Programme, die auf Aladin wegen der fehlenden Unterstützung der 128-KByte-ROMs nicht laufen, bereiten unter Spectre keine Probleme. Die Geschwindigkeit, mit der diese Applikationen ihren Dienst verrichten, ist deutlich höher als bei einem Macintosh Plus, sie ist etwa mit der eines Macintosh SE vergleichbar. Bedingt durch die vielen Zugriffe des Systems und des Finders auf die Massenspeicher ist es natürlich von Vorteil, wenn diese in Windeseile erledigt werden.

Der um 30 Prozent größere Atari-Bildschirm wertet die Mac-Programme auf. Da Apple sehr strenge Programmier-Richtlinien herausgegeben hat, unterstützen zumindest die neueren Programme diese höhere Auflösung. Als ein anderes Problem erwies sich die Ausgabe von Dokumenten auf den Drucker. Der Macintosh unterstützt hier nur den hauseigenen Imagewriter, der zu nichts und niemandem kompatibel ist, sowie den Apple-Laserwriter oder andere Post-script-Laserdrucker. Wer einen dieser beiden Drucker zur Verfügung hat, ist fein raus. Problematisch wird es, wenn man einen Epson-kompatiblen oder einen NEC-Drucker besitzt. Diese verstehen die Grafikbefehle des Imagewriters nicht. Der Spectre-Benutzer wird hier allein gelassen. David Small schlägt in seinem Handbuch verschiedene Druckertreiber von Fremdherstellern vor. Dies hat jedoch folgenden Schönheitsfehler: Diese Treiber müssen bei Drittanbietern gekauft werden und sind relativ teuer. Man sollte zwischen 150 und 300 Mark für einen Treiber veranschlagen.

Spectre unterstützt ab Version 1.9 den Atari-Laser SLM 804 bei Hardcopies. Man benötigt das Programm »Epstart« (etwa 150 Mark) der Firma Softstyle, um den Laser anzusprechen. Dieses Utility paßt den Imagewriter-Treiber so an, daß er alle Epson-Drucker korrekt ansteuert. Dabei fängt Spectre ähnlich wie »Laserbrain« auf der Atari-Seite die Grafikdruckbefehle im Epson-Format ab, baut damit eine Druckseite auf und schickt sie dann an den SLM 804. Professionelle Qualität erreicht dieses Verfahren allerdings nicht, da die Auflösung des Screen-dumps lediglich 72 dpi (Punkte pro Zoll) beträgt. Wir konnten im Rahmen unseres Tests die Druckqualität allerdings gar nicht beurteilen, da uns Spectre hier beharrlich seine Dienste verweigerte: Er lieferte ausschließlich weiße Seiten.

Auch was die Druckerausgabe betrifft, schneidet Aladin deutlich besser ab als Spectre. Zum Lieferumfang dieses Emulators gehören Druckeranpassungen für den Epson FX 80/MX 80, den NEC P6 (360 dpi) und seit neustem auch für den SLM 804 (300 dpi).

Die neuesten Versionen der beiden Emulatoren sind auch nicht mehr stumm. Da sich die Hardware von ST und Macintosh bezüglich der Tonerzeugung gänzlich unterscheiden, war dies wohl eine besondere Herausforderung für die Programmierer von Aladin und Spectre. Der Macintosh benutzt einen eigenen D-/A-Wandler, der die Sounddaten immer mit einer Frequenz von 22 kHz ausgibt. Bei Spectre wird während und vor allem nach der Soundausgabe der Prozessor sehr belastet (bis zu 50 Prozent), so daß das Programm langsamer läuft. Gelegentlich konnten wir beobachten, daß der Emulator während der Soundausgabe in seinen Bildschirmspeicher schreibt. Aladin bremst nach der Soundausgabe den ST nicht und bietet zusätzlich die Möglichkeit, einen externen D-/A-Wandler an den Centronics-Port anzuschließen.

Fazit: Die Macintosh-Emulatoren haben mittlerweile einen hohen Grad an Perfektion erreicht. Aladin gefällt vor allem durch viele Details, wie Resetfestig-keit, der Funktion, Disketten direkt vom Macintosh-Modus aus zu formatieren, der Tastaturanpassung und der Unterstützung der Funktionen »Neustart« und »Ausschalten«. Unbefriedigend ist allerdings die fehlende Unterstützung der 128-KByte-ROMs, denn mit den alten 64-KByte-ROMs laufen neuere Mac-Programme wie Hypercard nicht. Für den Herbst kündigten die Aladin-Entwickler aber eine Version an, die auch diese Programme unterstützt. Das 80seitige Handbuch ist komplett in Deutsch geschrieben.

Der Spectre 128 fasziniert vor allem durch seinen schnellen Bildschirmaufbau und die flotten Festplattenzugriffe. Dank der 128-KByte-ROMs laufen auch neuere Programme. Die kleinen Details, wie »Formatieren«, »Neustart« und »Ausschalten« fehlen leider. Wählt man eine dieser Funktionen an, so kommt es zum Absturz. Bei »Neustart« und »Ausschalten« wird unter Umständen sogar eine eventuell vorhandene Festplatten-Partition zerstört. Das Handbuch ist wie die gesamte Software bis jetzt leider nur in englischer Sprache erhältlich.

Wie fast immer wäre eine Kombination beider Produkte das Optimum: Die Bedienerfreundlichkeit und Betriebssicherheit des Aladin gepaart mit der Geschwindigkeit und den 128-KByte-ROMs des Spectre. Beide Hersteller arbeiten jedoch mit Hochdruck daran, Ihre Produkte weiter zu perfektionieren. Eine neue Spectre-Version, mit Namen Spectre GCR, soll es diesem Emulator ermöglichen, Macintosh-Disketten direkt zu lesen. Die Firma Eickmann bietet ein ROM-Port-Modul mit dem Namen »Exchanger« an, mit dessen Hilfe man mit dem ST original Macintosh-Disketten in das Aladin-Format konvertiert. Mit diesem Modul ist man nicht mehr auf einen »echten« Macintosh zum Konvertieren der Programme angewiesen.

Interessant wird es mit Sicherheit, wenn der Atari TT auf den Markt kommt. Schneller Prozessor, großer Bildschirm und bereits eingebauter Zilog SCC 8530 (Apple Talk?) bieten den Mac-Emulatoren ein neues Betätigungsfeld — warten wir es ab. (uh)

Wertung
Name:Aladin Version 3.0
Preis:598 Mark
Anbieter:Softpaquet
Stärken:
* sehr bedienerfreundlich * hohe Betriebssicherheit * Druckertreiber werden mitgeliefert
Schwächen:
* unterstützt nur 64-KByte-ROMs * Transferprogramm unterstützt nur die Richtung vom ST zum Aladin
Fazit:
das professionellere und ausgereiftere Produkt unseres Vergleichstests
Wertung
Name:Spectre 128 Version 1.9F
Preis:898 Mark
Anbieter:Gadgets by Small
Stärken:
* schnelle Bildschirmausgabe * hohe Geschwindigkeit bei Zugriffen auf Massenspeicher * 128-KByte-ROMs * gutes Transferprogramm
Schwächen:
* ungenügende Druckerunterstützung * Formatieren im Mac-Modus nicht möglich * relativ häufige Systemabstürze
Fazit:
Spectre 128 ermöglicht wegen seiner 128-KByte-ROMs den Zugang zur neueren Mac-Software, läuft insgesamt jedoch noch instabil

Spectre 128: Computer Mai, Weißenburger Platz l, 8000 München 80

Aladin: Softpaquet International, Postbus 6250, 2702 AG Zoeter-meer, Niederlande

Wer ist der Sieger?

Ein reiner Vergleich der beiden Macintosh-Emulatoren »Aladin« und »Spectre 128« wird diesem Thema nicht gerecht, denn zu unterschiedlich sind die Philosophien, die hinter beiden Produkten stehen. Aladin erblickte vor etwa drei Jahren das Licht der ST-Welt. Die Entwickler versuchten, das große Vorbild Macintosh bis zu einem gewissen Grad zu emulieren. Im großen und ganzen ist ihnen dies auch gelungen. Die implementierten Funktionen arbeiten korrekt. Dabei fiel besonders angenehm auf, daß man sich nicht mit Ankündigungen aufhielt, was die nächste oder gar die übernächste Version alles können soll, sondern in dieser Branche eher unüblich die endgültigen Produkte der Öffentlichkeit vorstellte. Als ein erfreulicher Nebeneffekt dieser Philosophie glänzt: Aladin seit jeher durch seine hohe Bedienerfreundlichkeit und die vielen im-plementierten Kleinigkeiten und Details. Der Aladinkäufer wurde von den Entwicklern auch nie alleine gelassen: Kam eine neue Version auf den Markt, konnte sich jeder registrierte Kunde mit einem Update eindecken. Spectre 128 ging einen anderen Weg: Dave Small entwickelte zunächst den Mac-Emulator »Magic Sac«. Dieser nutzte wie Aladin nur die 64-KByte-ROMs und lief zu Beginn sehr instabil. Erst mit den letzten Versionen konnte man professionell arbeiten. Dies bedeutete in der Praxis, daß der Kunde als Beta-Tester diente. Dave Small trennte sich von seiner damaligen Firma und gründete Gadgets by Small. Dieses Unternehmen stellte dann auch den Spectre der staunenden Öffentlichkeit vor, der als erster Mac-Emulator mit den 128-KByte-ROMs arbeitet. Das Nachsehen hatten natürlich die Käufer des Magic Sac, denn sie kommen nicht in den Genuß eines preiswerten Updates. Sie müssen den Neupreis berappen, wollen sie die großen ROMs nutzen. Auch sehe ich es als nicht sehr kundenfreundlich an, wenn Herr Small in seinem Handbuch schreibt, daß die im Moment verfügbare Version 1.9F eigentlich noch eine Betatest-Version darstellt — damit hat es der Käufer letztendlich schwarz auf weiß, daß er als Beta-Tester fungiert. Sollten noch schwerwiegende Fehler im Programm auftauchen, so dient diese Aussage als Entschuldigung schlechthin, denn es war ja nicht das endgültige Produkt, sondern »nur« eine Test-Version.

Dennoch darf man nicht übersehen, daß Spectre 128 bis jetzt der einzige Macintosh-Emulator für den ST ist, unter dem auch die neuere Mac-Software läuft. Diese Tatsache an sich ist schon bemerkenswert. Geht die Entwicklung wie die des Vorgängers Magic Sac weiter, dann wird Spectre 128 sicher auch so weit reifen, daß der Anwender in der Lage ist, professionell mit ihm zu arbeiten.

Wenn man diese Gesichtspunkte in die Betrachtung dieser beiden außergewöhnlichen Programme mit einbezieht, dann gewinnt Aladin das Rennen der beiden Kontrahenten zum jetzigen Zeitpunkt noch deutlicher, denn die meisten Anwender kaufen sich einen Macintosh-Emulator, um mit diesem ernsthaft und professionell zu arbeiten. Das ist gegenwärtig nur mit Aladin möglich.

Uns interessiert natürlich besonders, wie Sie, lieber Leser, als Kunde diese Problematik sehen. Soll ein Programm möglichst frühzeitig, unter Umständen sogar als Betatest-Version, auf den Markt gebracht werden? Dies bietet den Vorteil, daß solche Programme frühzeitig einem breiten Publikum zur Verfügung stehen, allerdings mit allen Einschränkungen einer Test-Version. Oder sollten die Entwickler ihr Produkt erst dann auf den Markt bringen, wenn es voll ausgetestet und weitgehend fehlerfrei ist? Schreiben Sie uns Ihre Meinung.

Mit freundlichen Grüßen Ulrich Hofner Redakteur
Robert Stähler


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