Gespräch mit Atari-Präsident Sam Tramiel: »Die Leute sind nicht dumm«

Wie sieht Atari in drei Jahren aus? Welche Vorteile hat der ST gegenüber dem Commodore Amiga? Was verbirgt sich in den Einkaufstüten, die der Atari-President ins heimische Kalifornien mitnimmt? Drei von vielen Fragen, auf die uns Atari-Chef Sam Tramiel (38) Antwort gab.

Ataris President Sam Tramiel und Redakteur Tarik Ahmia

ST-Magazin: Mr. Tramiel, wie gefällt Ihnen Deutschland?

Sam Tramiel: Ich fühle mich sehr wohl und freue mich jedesmal, wenn ich in Deutschland bin. Mir gefällt es sehr gut hier. Ich denke aber auch zurück, was hier in der Vergangenheit geschah, aus welchen Gründen es geschah und was für ein Wahnsinn diese Zeit war. Und das ist kaum 45 Jahre her. Wieso konnte es so weit kommen? Heute ist hier alles so wundervoll. Die Leute sind sehr nett und ich genieße die Zeit.

ST-Magazin: Sie waren bereits im letzten Jahr auf der Atari-Messe.

Sam Tramiel: Ja, genau. Das erste Mal war ich 1963 in Deutschland, als ich 13 Jahre alt war. Während der letzten 25 Jahre besuchte ich Deutschland regelmäßig.

ST-Magazin: Sie haben ein paar Einkäufe in Düsseldorf gemacht. Verraten Sie unseren Lesern, welche Mitbringsel Sie mit nach Hause nehmen?

Sam Tramiel: Aber klar. Ich habe zwei Stoffpuppen von Steiff für meine beiden kleinen Kinder und einige CDs für meine Frau und mich gekauft. Ich weiß zwar nicht wieso, aber die CDs sind hier sehr viel billiger als in den USA. Morgen werde ich noch etwas Eiswein kaufen (»Eiswein is wunderbar«),

ST-Magazin: Wir fragen uns, ob der Präsident von Atari auch einen Atari zu Hause stehen hat?

Sam Tramiel: Oh! Einen Atari? Nein. Zu Hause habe ich viele Ataris. Dort habe ich einen 520er und einen 1040er stehen, meine Kinder spielen mit einem 800 XL und dem 7800-Videospiel. Außerdem sind wir von unserem »Star Wars«-Spielautomaten sehr begeistert.

ST-Magazin: Einen echten »Star Wars«-Automaten mit Vektorgrafik ...

Sam Tramiel: ...und Spielkabine. Ich habe die »Empire Strikes Back«-Erweiterung. Die ist wundervoll. Alle Kinder aus der Nachbarschaft kommen in unser Haus, um mit dem Automaten und den Computern zu spielen. Schon Vierjährige sind dabei und sorgen dafür, das immer etwas los ist.

ST-Magazin: Sie mögen also Computerspiele?

Sam Tramiel: Oh ja. Ich liebe Computerspiele.

ST-Magazin: Spielen Sie auch mit dem ST?

Sam Tramiel: Na klar.

ST-Magazin: Was ist Ihr Lieblingsspiel?

Sam Tramiel: Zur Zeit ist »Ninja« sehr beliebt. Wir haben zwei Söhne und eine Tochter. Meine beiden vier- und siebenjährigen Jungs lieben das Spiel, deshalb spielen wir häufig »Ninja«. Meine Tochter ist dreizehn und ein echter Backgammon-Fan. Sie hat sich das Spiel mit dem Computer selbst beigebracht und ist seitdem eine gute Backgammon-Spielerin.

ST-Magazin: Können Sie uns drei Gründe nennen, die zur Zeit dafür sprechen, einen Atari ST und keinen Commodore Amiga zu kaufen?

Sam Tramiel: Nun, da gibt es einige Gründe.

Ein Argument ist das bessere Preis-/Leistungsverhältnis des ST. Der Schwarzweiß-Monitor ist auch ein wichtiger Faktor. Der hochauflösende SM124 erlaubt einen preiswerten Einstieg in das ST-System. Dank des guten Monitors ergeben sich viele Alltags-Anwendungen für den ST im Desktop Publishing- und Textverarbeitungs-Bereich.

Von großer Bedeutung ist auch die Kompatibilität der ST-Familie. Unsere STs mit MC68000-Prozessor sind voll kompatibel zur neuen Workstation mit 68030-Prozessor.

ST-Magazin: Sie sprechen von Ihrem Unix-System Atari TT, das Sie auf der Comdex vorstellen?

Sam Tramiel: Ja. Der TT unterstützt TOS ebenso wie Unix System V, Version 3.1 und den VMEbus.

ST-Magazin: Aber der TT kostet 10000 Mark.

Sam Tramiel: Nein. (Pause)

ST-Magazin: Nein?

Sam Tramiel: Nein, der TT kostet weniger, sehr viel weniger als 10000 Mark. Ich kann Ihnen noch keinen endgültigen Preis nennen, aber ich garantiere Ihnen, daß der TT sehr viel weniger kostet. 10000 Mark ist der Preis des Transputer-Systems.

Die ST-Familie entwickelt sich stetig weiter. Shiraz Shivjis Team »liebt« diese Technik und hat ein ganzes Spektrum von ST-Com-putern als Ziel. So eine konsequente Familien-Philosophie gibt es für den Amiga meines Wissens nicht.

ST-Magazin: Bringt Atari neben dem 68030-System auf der Comdex auch ein neues Chipset für den ST mit neuem Grafik-und Soundchip heraus?

Sam Tramiel: Nein. Für die normalen STs bringen wir in diesem Jahr nichts Neues mehr. Warten Sie aber bis zum zweiten Quartal 1989...

Auf der Comdex sehen Sie das 68030-System und den Atari-Laptop. Wir bieten den Grafikchip des Abbaque als Steckkarte an. Er heißt übrigens nicht mehr »Charity«, sondern »Blossom« (Blüte), wegen seiner vielen Farben.

Die Entwicklung des Laptop ist bereits abgeschlossen. Er ist voll ST-kompatibel und verfügt über ein neuartiges LC-Display, das ein Spezialchip namens »Shadow« steuert. Anstelle der Maus besitzt der Laptop einen Trackball. Er wird in Japan gefertigt. Wir liefern ihn ab Januar für unter 1000 Dollar aus.

ST-Magazin: Sie haben keine Bedenken, daß der Amiga den ST im Verkauf überrundet?

Sam Tramiel: Nein, wir fürchten das nicht, denn es ist bisher noch nicht geschehen.

ST-Magazin: Wann beginnen Sie mit der Auslieferung des Atari TT?

Sam Tramiel: Wir hoffen, daß die ersten Seriengeräte Anfang 1989 die Kunden erreichen. Softwareentwickler bekommen den TT schon im November. Tatsächlich ist der TT schon kurz vor der Comdex auf einer Pariser Messe zu sehen.

ST-Magazin: Sie führen »ernsthafte« Anwendungen wie Desktop Publishing als Kaufanreiz für den ST gegenüber dem Amiga an. Dennoch ist es eine Tatsache, daß zum Beispiel in den USA sehr viel mehr Leute den ST mit Farbmonitor als mit dem Schwarzweiß-Monitor kaufen. Folglich ist der ST dort in erster Linie ein Spiele-Computer.

Sam Tramiel: Wir haben den Markt der Vereinigten Staaten bisher überhaupt nicht angegriffen. Als wir vor drei Jahren den ST auslieferten, kauften die Leute den 520 ST mit Farbmonitor zum Spielen und zur Unterhaltung. Der Markt der »ernsthaften« Anwendungen ist von uns bisher völlig unberührt, wie überhaupt der gesamte US-amerikanische Markt.

ST-Magazin: Gibt es dafür einen Grund?

Sam Tramiel: Ja, fehlende DRAMS (Speicherbausteine).

Als wir das Unternehmen 1984 übernahmen, hatte Atari USA noch erhebliche Kopfschmerzen, sowohl mit den Kunden als auch mit hohen Schulden. Es war ein totales Durcheinander.

Wir entschlossen uns deshalb, zunächst nach Europa zu gehen. Hier kennen wir den Markt, haben gute Freunde und die richtigen Leute, so daß wir mit einem »sauberen« Unternehmen anfingen. Es lief dann alles bestens, der ST wurde ein großer Erfolg. Wir planten zunächst, den US-Markt im Herbst 1987 anzugreifen. Doch der europäische Markt forderte so viele STs, daß wir die US-Offensive verschoben. Als es im Frühjahr 1988 dann soweit war, gab es keine billigen DRAMs mehr. Wir hätten die Computer für die USA vom europäischen Gerätevolumen abzweigen müssen.

Wir warten deshalb noch so lange, bis sich die DRAM-Preise normalisieren.

ST-Magazin: Atari hat seinen DRAM-Lieferanten Micron Technology wegen zu teurer DRAMs verklagt. Wie ist das Verfahren ausgegangen?

Sam Tramiel: Wir haben uns auf einen außergerichtlichen Vergleich geeinigt.

ST-Magazin: Bezieht Atari heute noch DRAMs von Micron?

Sam Tramiel: Ja, Micron beliefert uns. Ich hoffe, diese Zusammenarbeit verstärkt sich weiter.

ST-Magazin: Bitte erzählen Sie unseren Lesern etwas über das Entwicklerteam bei Atari. Wie viele Leute arbeiten in dieser Gruppe?

Sam Tramiel: Wir haben weltweit drei Entwicklergruppen. Neben dem Team in Sunnyvale arbeitet in Tokio und neuerdings auch in Braunschweig jeweils ein Team an neuen Produkten. Insgesamt sind das ungefähr 80 Leute.

Während in Sunnyvale die Forschung und Entwicklung der Prototypen stattfindet, arbeitet die Gruppe in Tokio am Produktions-Design, der Mechanik und den Gehäusen. Jedes Team macht das, was es am besten kann.

ST-Magazin: Die Produktionsstätten liegen in Taiwan. Wie sieht die Fabrik dort aus?

Sam Tramiel: Es ist eine große Anlage auf einer Fläche von 23000 m2. Ungefähr 1400 Leute arbeiten dort. Viele Arbeitsschritte sind automatisiert, dennoch gibt es noch einen großen Teil Handarbeit.

Die nächste Fabrik eröffnen wir in den USA. Sie wird vollkommen automatisch produzieren.

Wir planen außerdem eine Fertigung in Europa, sobald die DRAM-Schwierigkeiten gelöst sind.

ST-Magazin: Glauben Sie, daß die DRAM-Knappheit in absehbarer Zeit beseitigt ist?

Sam Tramiel: Oh ja. Wir haben gerade einen Vertrag mit einem großen europäischen Hersteller abgeschlossen, der unsere DRAM-Versorgung sehr verbessert.

ST-Magazin: Gibt es etwas Neues von den PCs zu berichten?

Sam Tramiel: Auch die PCs leiden unter der DRAM-Knappheit. Obwohl wir gerade unseren 386er PC5 präsentierten und die PC-Reihe in kleinen Stückzahlen produzieren, konzentrieren wir uns in erster Linie auf den ST. Der PC-Markt existiert auch ohne uns. Wenn wir aber den ST nicht unterstützen, dann gute Nacht, ST!

Das Braunschweiger Team übernimmt in Zukunft die Entwicklung der PCs.

ST-Magazin: Wir hörten, daß es bald ein Telespiel auf ST Basis gibt.

Sam Tramiel: Ja, das stimmt. Es ist Mitte 1989 im Handel.

ST-Magazin: Nutzt es das neue Chipset für den ST, das wir vorhin erwähnten?

Sam Tramiel: Ja. Auch die bisherigen STs lassen sich damit aufrüsten. Momentan wird an den Chips noch gearbeitet.

Wir können über alles reden, nur nicht über das.

ST-Magazin: Stimmt es, daß Atari die USA-Tournee der Musikgruppe »Tangerine Dream« sponsort?

Sam Tramiel: Oh ja, wir sind einer der Hauptsponsoren.

Tangerine Dream war eine der ersten Firmen, äh, Gruppen natürlich, die den ST im MIDI-Bereich einsetzte. Als sie uns von ihrer Tournee erzählten, sagte ich meine Unterstützung sofort zu, da ich ihre Musik sehr gerne höre. Außerdem ist die Tournee eine gute Werbung für Atari. Überall hängen Plakate, ihre Platten weisen auf den Atari ST hin und sogar die Rückseite der Eintrittskarten ist mit unserem Logo bedruckt. Aber auch die »Pointer Sisters« setzen Atari ST-Computer während ihrer Konzerte ein.

ST-Magazin: Sie sollten herausfinden, wer die geniale Idee hatte, dem ST ein MIDI-Interface zu geben.

Sam Tramiel: Das kann ich Ihnen sagen: Shiraz Shivji.

ST-Magazin: Alle warten auf das CD-ROM und die Wechselplatte. Wie sieht es damit aus?

Sam Tramiel: Das CD-ROM ist schon lange fertig. Bevor wir es unseren Kunden anbieten, möchte ich aber noch mehr Software und Anwendungen haben. Wir arbeiten schon länger mit Sonopress und Bertelsmann daran und planen, ab Dezember die ersten Geräte auszuliefern.

Ich war überrascht, daß bereits einige Firmen die Wechselplatte anbieten. Wir sind der Ansicht, daß das Zusammenspiel mit dem ST noch nicht hundertprozentig ist. Erst, wenn alles einwandfrei funktioniert, liefern wir die Platte aus.

ST-Magazin: Mr. Tramiel, wie wird Atari in drei Jahren aussehen?

Sam Tramiel: Ich schätze, daß die 68030-Maschine in drei Jahren sehr viel billiger ist und etwa die Stellung eines 1040 ST von heute einnimmt. Es hängt aber alles davon ab, wie sich die Preise für das DRAM entwickeln. Denn das DRAM bestimmt den Preis eines Computers. Sobald Speicherbausteine billig sind, können wir einen 68030-Computer für den Massenmarkt anbieten. Für 1000 Dollar bekommt der Kunde dann eine außerordentlich leistungsstarke 68030-Maschine mit einigen MByte RAM, die sowohl Unix-als auch TOS- und PC-Software verarbeitet.

ST-Magazin: Aber was tun mit so viel Leistung?

Sam Tramiel: Auch 1978 stellten wir uns diese Frage, als der Commodore PET mit 8 KByte Arbeitsspeicher herauskam. Damals hieß es: Oh mein Gott, ein 8-KByte-Computer, das ist ja fantastisch. Heute ist so ein Computer ein Witz. Er muß heute 512 KByte RAM haben, oder niemand spricht von ihm.

Die Leute finden immer eine Anwendung für den Arbeitsspeicher. Außerdem gilt: Je mehr RAM wir haben, desto einfacher ist der Computer zu bedienen. Je großzügiger die Hardware ausgelegt ist, desto komfortabler wird die Software. Denken Sie nur an eine umgangssprachliche Texteingabe oder an eine Bedienung mit gesprochenen Befehlen.

Ich bin davon überzeugt, daß der durchschnittliche Verbraucher ein schwierigerer Kunde als der Büroanwender ist. Büroangestellte arbeiten sich langsam in ein System ein, besuchen Kurse und studieren Handbücher. Zu Hause will niemand so viele Mühen auf sich nehmen. Anschließen und arbeiten heißt die Devise. Das wollen wir in Zukunft noch mehr fördern.

ST-Magazin: Mr. Tramiel, vielen Dank für das Gespräch.

(am)


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