Antic - Ein amerikanischer Traum

Sie ist unglaublich, aber trotzdem wahr: Die Entstehungsgeschichte der großen amerikanischen Computerzeitschrift für Atari-Computer. Eng verknüpft mit dem Schicksal von Atari erlebte sie die Höhen und Tiefen dieses Computer-Herstellers hautnah mit. Hören Sie die Geschichte von Jim Capparell dem Herausgeber von Antic und Start, zwei großen US-Zeitschriften für den ST.

Wer in den USA einen Atari-Computer besitzt, der kennt das Magazin Antic. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um einen Atari 400, 800 oder das Flaggschiff ST handelt. Der Name Antic ist mit den Atari-Computern genauso verknüpft, wie ein Zwilling mit dem anderen. Nur wenige kennen die Entstehungsgeschichte dieses Magazins. Sie ist das Paradebeispiel für den immer wieder angeführten amerikanischen Pioniergeist. Gegründet von einem ehemaligen NASA-Programmierer, der vom Zeitungsmachen keine Ahnung hatte und einfach voller Enthusiasmus und Atari-Fieber eine Zeitung für die Computer ins Leben rief, die ihn faszinierten.

Was bewog einen ehemaligen NASA-Programmierer, seinen sicheren Job aufzugeben und ohne jede Fachkenntnis ins Zeitschriftengeschäft einzusteigen? Ist er ein Pokerspieler, ein Verrückter oder ein cleverer Geschäftsmann, der doch genau wußte, was er tat? Im Mai besuchten wir in den Redaktionsräumen den Herausgeber und Gründer von Antic, Jim Capparell, in der Second Street 544 in San Francisco. Antic Publishing produziert in diesen Räumen nicht nur das Magazin Antic, sondern auch »STart«, ein dreimonatlich erscheinendes ST-Heft.

In einem Backsteinhaus, das innen ebensowenig verputzt ist wie außen, erzählte uns Jim seine Geschichte und damit die von Antic. Jim erlebte die Geburt der Entertainment-Computer so wie nur wenige. Er ging mit einigen anderen Programmierern an einem sonnigen Tag in Sunnyvale, mitten im Silicon Valley, in ein kleines Restaurant und sah dort den ersten Computerspiele-Automaten der Welt: »Pong«. Kurz vorher war Nolan Bushnell hier und bekam mit viel Überredungskunst die Erlaubnis, seinen ersten Computer- Spieleautomaten aufzustellen. Er erzählte dem Wirt von seiner neu gegründeten Firma »Atari«, und daß diese Automaten der große Renner werden. Der Wirt kannte Bushnell schon einige Zeit und viele andere, die ebenso eigene Firmen gegründet hatten und schnell wieder in Konkurs gingen. Er hielt nichts von dem Automaten, aber viele Gäste waren Programmierer, und da erhoffte er sich ein bißchen Umsatz. Programmierer stehen auf solche verrückten Sachen. Genauso war es auch bei Jim. Der Automat war für ihn sofort Anziehungspunkt. Man diskutierte ihn heftig. Natürlich stand die Programmierung im Vordergrund und nicht die Marktchance. Jim ahnte nicht, hier die Geburtsstunde von Atari hautnah miterlebt zu haben, und daß dies die Grundlage einer milliardenschweren Industrie war.

Die gigantischen Ausmaße der Computerspiele-Industrie beweist allein die Tatsache, daß die Heimversion dieses »Pong« in 17 Prozent aller amerikanischen Haushalten Einzug fand.

Der erste »Heimcomputer« war aber kein Atari, sondern ein Apple. Die beiden Studenten Steven Jobs und Steve Wozniak entwickelten den Apple in einer Garage. Bushnell war begeistert und engagiert dagegen ein ganzes Entwicklungsteam und investierte viel Geld, um 1980 mit seinem Atari 400 Furore zu machen. Jim: »Der Atari barg in seinem Gehäuse mehr Chips als alle anderen kleinen Computer dieser Zeit und mehr Chips bringen mehr Leistung.« Das hatte seinen Preis. Ein Atari 400 mit 8 KByte RAM, einer Folientastatur und einem Kassettenrecorder zur Datenspeicherung kostete 458 Dollar. Kurz darauf folgte der Atari 800 mit einer besseren Tastatur, 16 KByte RAM und einem Diskettenlaufwerk für 1680 Dollar. Einen Atari 800 wollte Jim unbedingt haben.

Er schrieb an Atari und schilderte seine Biofeedback-Experimente, die er bei der NASA durchführte. Er hatte vor, den Atari einzusetzen, um die Experimente in Verbindung mit einer DEC PCP-11 grafisch zu unterstützen. Atari stellte ihm den gewünschten Computer zur Verfügung. Die Begeisterung für seinen Atari kannte keine Grenzen und bald gründete er einen Atari-User-Club, genannt Abacus. Der Gedanke, eine Atari- Zeitschrift zu gründen, entstand bereits während dieser Zeit. Genau am 15. Januar 1982 setzte er ihn in die Tat um: Er verlies die NASA und gründete am selben Tag Antic Publishing.

Warum gründete er ausgerechnet ein Magazin? Jim meint dazu: »Das ist schwer zu sagen, aber ich war der Meinung: es klappt.«

Jim lebte während dieser Zeit mit Marni Tapscott zusammen. Beide saßen beim Frühstück und aßen Blaubeer-Pancakes - kleine, gefüllte Pfannkuchen. Wieder einmal drehte sich das Gespräch um ein großes Problem: Man hatte noch keinen Namen für das geplante Magazin gefunden. Ein knapper, einprägsamer Name mußte her. Ein Name, den jeder schnell versteht und leicht behält. Marni meinte: »Vielleicht ein Teil eines Computers. So etwas wie Byte.« Marni hatte zwar von Computern wenig Ahnung und wußte nicht, daß Byte kein »Teil« eines Computers ist, aber die Idee war sehr gut. Jim dachte an »Antic«, einen Baustein im Atari 800 - den Alpha Numeric Television Integrated Circuit, einen der Spezialchips. Marni sagte: »Laf3 uns die Buchstaben so gruppieren, daß es so aussieht, als tanzten sie auf der Seite.« Damit war der Name Antic geboren.

Jim konnte das Magazin nicht alleine machen, er brauchte Mitarbeiter. Beim nächsten Clubtreffen fragte er deshalb in die Runde, ob jemand mitmachen wolle. Robert DeWitt stand auf und meldete sich. DeWitt verfügte über etwas journalistisches Wissen und hatte gerade seine Ausbildung als Programmierer beim Control Data Computer Institut beendet. Der ideale Mann für Jim. Er arbeitete kostenlos. Seine Meinung dazu: »Ich sah, das Jim mir sowieso keinen Lohn zahlen konnte. Er hatte kein Geld, und ich fand die Idee toll.« Jetzt mußte man Geld auftreiben, um die erste Ausgabe zu finanzieren. Jim nahm sich einfach das Telefonbuch und rief nacheinander alle Leute an, die vielleicht Anzeigen für das neue Magazin schalten konnten. Ohne jede Erfahrung im Verkauf von Anzeigen, ergaben sich lustige Dialoge:

Ein Gesprächspartner fragte: »Hast du schon jemals Anzeigen für dein Heft verkauft?«.
Jim sagte: »Nein«.
Der Mann wollte wissen: »Hast du ein Muster, wie die Anzeigen im Heft aussehen?«.
Jim sagte: »Nein«.
Er fragte: »Hast du bereits gute Verkaufskanäle?«.
Jim sagte: »Nein«.
Der Mann sagte: »Okay, ich buche eine ganze Seite.«

Und er bezahlte sie auch noch im voraus. Auf diese und ähnliche Weise verkaufte Jim Anzeigen im Wert von 5000 Dollar für ein Magazin, das gar nicht existierte. Heute schüttelt er den Kopf über seine Naivität, aber sagt gleichzeitig: »Es hatte riesig Spaß gemacht.« Unter den ersten Kunden finden sich so illustre Namen wie Broderbund, Optimized System Software, Adventure International, Datasoft und Sierra-Online.

Die erste Ausgabe erschien Ende März 1982. Jim und DeWitt luden 1500 Exemplare in Jims Auto und fuhren sie durch den Regen zur West Coast Computer Fair, eine kleine Computerausstellung, auf der auch der Apple das erste Mal gezeigt wurde. Die erste Ausgabe umfaßte nur 30 Seiten.

Nur 300 Exemplare verkauften sie dort, waren bitter enttäuscht, aber wollten trotzdem weitermachen.

Die Nachricht über die neue Atari-Zeitschrift sprach sich herum und viele abonnierten Antic. Von Ausgabe 4 verkauften sie bereits jedes Exemplar. Auch der Umfang wuchs: Ausgabe 5 hatte schon 112 Seiten. Der Gigant Atari nahm Antic nicht ernst und buchte keine Anzeigen, die in dieser Zeit so wichtig waren. Sie waren immer noch ein sehr kleines Magazin, und es lief noch nicht alles so, wie es laufen sollte. Atari gehörte zu dieser Zeit noch zum Mediengiganten Warner Communications.

1982, im Jahr des Pac Man, war Atari mit einem Jahresumsatz von zwei Milliarden Dollar die am schnellsten wachsende Firma in ganz USA. Mehr als 15 Millionen Videospiele 2600 waren zu dieser Zeit verkauft und mehr als 1,5 Millionen 8-Bit-Computer.

Antic wuchs. Nach DeWitt engagierte Jim einen arbeitslosen Boots-Bauer aus San Francisco als leitenden Redakteur. DeWitt schildert seinen Arbeitsbeginn so. »Er kam an mit einem ganzen Lastwagen voller Möbel und vielen Yacht-Zeichnungen. An seinem ersten Tag hatten wir Redaktionskonferenz. Er bestellte bei einer Bar ein eisgekühltes, kleines Faß Bier. Dann holte er einen Baseball aus der Hosentasche und meinte: Wir spielen erstmal eine Runde Ball. Er tat es nicht lange.« 1983 war ein gutes Jahr für Antic. Die Absatzzahlen wuchsen ebenso wie das Team, nur bei Atari begannen die Probleme. Die Aktien von Warner Communications fielen von 54 Dollar auf 30 Dollar. 1700 Mitarbeiter wurden entlassen. Der Commodore 64 »killte« das zur Zeit aktuelle Atari-Modell 1200. Atari reagierte zwar noch mit der Ankündigung des Atari 1450 XLD. Dieser verfügte über ein eingebautes Diskettenlaufwerk, Modem und Sprach-Synthesizer, ausgeliefert wurde er nicht mehr. Antic betraf diese bedrohliche Entwicklung noch nicht. Die vielen Besitzer der Atari-Computer lechzten nach Information über neue Hard- und Software, sowie nach Listings.

Im Hintergrund lauerte die Pleite bei Atari. Von einer 2-Milliarden-Dollar-Firma rutschte man in nur zwei Jahren in den Abgrund. Bei Antic sank der Umsatz auf weniger als die Hälfte der gewohnten Größe. Warner Communications bot Atari 1984 deshalb zum Verkauf feil. Es gab viele Gerüchte über interessierte Käufer. Alle übertraf aber dann der tatsächliche Käufer: Jack Tramiel. Der Mann, der Atari mit seiner Firma Commodore in den Ruin trieb, hatte kurz vorher Commodore verlassen und kaufte nun seinen bisherigen Konkurrenten. Die Sensation war perfekt. Jim und seine Leute jubelten. Dieser Mann konnte auch das marode Unternehmen Atari auf die Beine bringen. Unter der Herrschaft von Tramiel war aus Commodore, dem kleinen Reparaturladen für Schreibmaschinen, ein Weltunternehmen entstanden. Dieses Aufatmen brachte neuen Schwung. Antic Online wurde gegründet, um den Atari-Interessierten über die große Mailbox Compuserve schneller als mit dem Magazin Informationen zu bieten. Auf der Consumer Electronics Show im Januar 1985 platzte dann eine Bombe, deren Donnerhall auch heute noch zu hören ist: Atari präsentierte den 520 ST. War der Atari 800 der bessere Apple II, so war der 520 ST der bessere Macintosh. Journalisten tauften den 520 ST sofort in »Jackintosh« und nannten Jack Tramiel »Onkel Jack«. Antic reagierte schnell und erweiterte ihr Magazin um ST-Resource, eine Rubrik, die sich ausschließlich mit dem Atari ST befaßt. Bekannte Namen finden sich unter den Autoren von Antic, wie Chris Crawford, Bill Wilkinson, Tom Hudson, Ron Luks, Len Dorfman. Sogar Tim Oren, Mitentwickler von GEM bei Digital Research, ist darunter.

Heute stehen hinter Antic Publishing mehr als 40 Mitarbeiter und mehr als 100000 Leser in der ganzen Welt.

Antic zeigt, daß man in den USA auch heute mit Enthusiasmus Berge versetzen kann. Entscheiden Sie selbst: Könnte diese Entstehungsgeschichte in Deutschland stattfinden? Wir meinen, nie und nimmer.


Horst Brandl
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