Editorial - Zu gut und zu preiswert?

Als ich Shiraz Shivji wieder einmal in Sunnyvale besuchte, fragte er mich, mit welchen Computer im letzten Jahr der meiste Umsatz gemacht wurde. Ich tippte auf IBM. Er sagte: »Fast richtig, die Kompatiblen.«

Natürlich hat er recht. IBM ist zwar die bei weitem größte Computerfirma, aber dagegen stehen die Stückzahlen der vielen Firmen, die zu IBMs PCs oder ATs kompatible Computer anbieten.

Warum bietet niemand einen Atari ST-kompatiblen Computer an? Ist der ST zu exotisch? Bei über 250000 verkauften Geräten allein in Deutschland sicher nicht. Ist es ein technisches Problem? Die Komponenten ließen sich kopieren. Verzeihung, das sagt man nicht, es heißt: »clonen«. Das Betriebssystem besteht nur zum kleinen Teil von Atari selbst. Etwa 24 KByte ist das TOS groß. Den größten Teil umfaßt die von Digital Research stammende grafische Benutzeroberfläche GEM. Lizenzen lassen sich dafür erwerben.

Liegt es an der Hardware? Sie enthält zwar einige speziell entwickelte Chips, aber die zu »clonen« ist für einen guten Chip-Designer kein Problem.

Hätte Atari etwas gegen einen ST-Clone? Rechtsstreitigkeiten sind in den USA besonders teuer und langwierig. Solange die Kompatiblen für IBM keine Konkurrenz darstellten, duldete der Computergigant diese Anbieter. Schließlich trugen sie zur Entstehung einer riesigen, lebenswichtigen Software-Welle für IBMs Computer bei.

Also, warum gibt es keine ST-Clones?

Ganz einfach: Ein Clone muß mehr bieten als das Original. Mehr Ausstattung, mehr Leistung oder einen wesentlich niedrigeren Preis. Und solange Jack Tramiel seine »Power without the Price«-Politik durchhält und seinem Chefentwickler nicht die guten Ideen ausgehen, solange wird es keinen ST-Clone geben können.

Für das Gute gibt es keinen Ersatz.

Ihr
Horst Brandl Chefredakteur


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