Atarium: Hinter den Kulissen

Über Ataris neue Pläne und die Geheimnisse berühmter Programmierer

Während das Hauptinteresse inzwischen neuen Rechnern mit dem MC 68030, der PC-Linie und der Transputer-Box gilt, beschäftigt sich nach wie vor eine Abteilung von Atari mit der Pflege der »alten« STs. Ergebnisse dieser Arbeit sind beispielsweise der Atari-Makro-Assembler »MadMac« und der Linker »ALN« (erhältlich bei Atari für Käufer des Entwicklungspakets). Landon Dyer, Programmierer des Harddisk-Treibers und des »MadMac« hat mittlerweile Atari verlassen. Er wechselte zu Apple.

Allan Pratt ist zu unserem Glück regelmäßiger Nutzer des internationalen Mailboxnetzes »USENET«, so daß wir hier die Gelegenheit haben, hochaktuelle Informationen schnell weiterzugeben.

Eines der interessantesten Themen ist die Diskussion über Vergangenheit und Zukunft von GEMDOS. Offenbar hat Digital Research selbst eine korrigierte Version (1.1) fertiggestellt, die Atari jedoch nicht übernommen hat, nach dem Motto: Lieber bekannte Fehler selbst ausmerzen als unbekannte neu einkaufen. Im Rahmen der Weiterentwicklung von GEMDOS hat Mr. Pratt die wohl schlimmsten Probleme beseitigt (»Malloc«, Ordnerverwaltung, FAT-Handling, I/O-Umleitung). Über das Wann und Wie einer Veröffentlichung ist noch nicht entschieden, aber man darf optimistisch sein — nach der CeBIT läßt sich dazu sicherlich mehr sagen. Auch kündigen sich bereits einige Neuigkeiten zum Thema »GDOS« an.

Skepsis bei Rekompilaten

Gehöriges Aufsehen hat die Veröffentlichung des Buchs »Das TOS-Listing, Bios-GEM-DOS-VDI« verursacht (siehe ST-Magazin 4/88, Seite 75). Ataris Meinung dazu: Besonders das Dateisystem eines Betriebssystems ist eine so sensible Angelegenheit, daß man doch auf das Update von Atari warten sollte, statt sich selbst an eine Rekompilation zu setzen, um sich dabei beispielsweise seine Harddisk zu zerschießen. Hoffen wir, daß das Warten nicht allzu lange dauert.

Julian Reschke: Atari pflegt die »alten« STs

Schließlich wollen wir noch einen Tip von Allan Pratt zur Behandlung reset-fester Programme weitergeben. Zu diesem Zweck stellt das Bios die Systemvariable »resvector« ($42A) [1] zur Verfügung. Der Rücksprung sollte eigentlich über das Adreßregister a6 erfolgen, ein Bug im TOS verhindert jedoch, daß a6 auf den richtigen Wert gesetzt wird. Abhilfe:

Ein anderes wichtiges Diskussionsthema auf USENET ist die Entwicklungssprache Nr. 1 — also C. Zwei der renommiertesten Compiler — Megamax-Laser-C 2.0 und ein Update des Mark-Williams-Systems — werden bald erhältlich sein. Während Megamax eine erneute Steigerung der Turn-Around-Zeiten und den Wegfall der 32K-Grenzen verspricht, darf man bei Mark-Williams-C auf einen komfortablen Source-Code-De-bugger hoffen. Wo bleibt ein LINT für den ST?

Faszination Programmieren

Nur wenige Programmierer haben es jemals zu einer gewissen Berühmtheit gebracht. Diese großen Namen sind eigentlich immer mit der Entwicklung bekannter Betriebssysteme oder erfolgreicher Programme verknüpft. In ihrem Buch »Faszination Programmieren« [2] hat Susan Lammers Interviews mit einer Reihe solcher Persönlichkeiten zusammengetragen.

Einige haben Kopien von Arbeitsunterlagen herausgerückt — im Anhang findet man beispielsweise einen Ausschnitt aus dem Source-Listing von MS-Basic 1.0 und einen 13 Jahre alten Artikel mit Assembler-Programmiertips (Bill Gates) oder ein komplettes kleines Assembler-Programm von Andy Hertzfeld (Autor des Macintosh-Betriebssystems).

Als Atari-Fan muß man allerdings seine Erwartungen dämpfen — diese Firma taucht höchstens mal in einem Nebensatz auf. An einem Mangel an schillernden Persönlichkeiten liegt dies bestimmt nicht.

Dafür kommen um so mehr Programmierer von »XEROX-Parc« (man denke an »Smalltalk«) zu Wort. Da wäre beispielsweise John Warnock, der der Welt die Seitenbeschreibungssprache »PostScript« bescherte. Oder Scott Kim, den vielleicht einige schon aus dem jüngsten Hofstadter-Werk [3] kennen.

Neben den Pionieren auf dem Gebiet der Datenbanken (C. Ratliff — »dBase«) oder der Tabellenkalkulation (Dan Bricklin — »Visicalc«) sind auch Programmierer der Simulations-und Spieleschmiede Lucasfilm vertreten und gar der Designer von PacMan, Turo Iwatani, der nicht ein Byte des Programms selbst geschrieben hat, aber viel Interessantes über die Verfolgungsstrategien der vier Geister zu erzählen weiß.

Von Jeff Raskin erfährt man interessante Interna aus der Entwicklungszeit des Macintosh: »...Haben Sie jemals MacWrite benutzt? Wir nennen es hier MacWait.« Ein paar Monate später sagte Jobs: »Ich übernehme die Software; Sie können die Öffentlichkeitsarbeit behalten.« Worauf ich sagte: »Die können Sie auch haben« und ging. Das war 1982 im Mai. Er und Markkula sagten: »Bitte gehen Sie nicht weg. Geben Sie uns noch einen Monat, und wir machen Ihnen ein Angebot, das Sie nicht ablehnen können.« Also gab ich Apple noch einen Monat. Man machte mir ein Angebot, und ich lehnte es ab.

Ein Blick in die Vergangenheit

Ein ideales Buch für alle, die gerne mal hinter die Kulissen schauen und sich für die jüngste Vergangenheit der Mikrocomputer-Industrie interessieren.

Wo bleibt ein ähnliches Buch mit Gesprächen mit Tim Oren (Resource Construction Set), Shiraz Shivji, Jack Tramiel, Chris Crawford, Bill Wilkinson, Jay Miner, Tom Hudson, David Small, Nolan Bushnell, Steven Jobs und wie sie alle heißen?

(Julian F. Reschke/ Ulrich Hofner)

Literaturhinweise:

[1]: Jankowski/Reschke/Rabich: »Atari ST Profibuch«, Sybex 1987, 1988

[2]: Susan Lammers: «Faszination Programmieren — Interviews mit 19 führenden PC-Programmierern«, Markt&Technik 1987, ISBN 3-89090-418-1, 49 Mark, 430 Seiten

[3]: Douglas Hofstadter: »Metamagical Themas«, Basic Books 1985


Julian F. Reschke
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