Hinter den Kulissen von Atari-Lab

Atari-Lab — das ist für den Computer-Fan wie Hollywood für den Kino-Begeisterten. Und Shiraz Shivji, Ataris Entwicklungschef konnte bei unserem Besuch da einiges Neue und Interessante bieten.

Für Stefan Wischner, den Gewinner unserer Leserreise ging ein großer Wunsch in Erfüllung: Ein Besuch in der Atari-Zentrale in Sunnyvale, Kalifornien. Eine Autostunde von San Franzisko entfernt befindet sich Atari-Lab. Nachdem uns das Sicherheitspersonal am Eingang gut gecheckt hatte, holte uns Ataris Entwicklungschef Shiraz M. Shivji ab und ging mit uns zu seinem hellen Eckzimmer im oberen Stockwerk.

Was uns seit der Comdex brennend interessierte: Atari hat ganz offensichtlich mehr PC- als ST-Modelle im Lieferprogramm. Bedeutet das einen Schwenk in die PC-Richtung?

Shiraz Shivji: »Nein, der ST ist nach wie vor unser Hauptprodukt. Wir wollen aber nicht einseitig sein. Manche Kunden bestehen einfach auf die Kompatibilität zum Industriestandard. Außerdem haben wir mit den Geräten auf der Comdex gezeigt, daß wir nicht nur mit den STs hervorragende Computer bauen können. Die PCs schlagen viele Konkurrenzprodukte nicht nur im Preis, sondern auch in der Leistung.«

ST-Technik auch für PCs

Ataris Entwicklungschef Shiraz Shivji und der Gewinner unserer Leserreise Stefan Wischner

Diese Aussage wurde schon auf der Comdex von einem Aussteller unterstrichen, der ein leistungsfähiges CAD-Programm demonstrierte. Für den Bildaufbau benötige ein vergleichbarer PC mit 80386-Prozessor knappe 10 Minuten. Der PC 5 von Atari sei fast doppelt so schnell.

Shivji hatte das so kommentiert: »Nicht allein die CPU und die Taktfrequenz des Computers ist für die Geschwindigkeit entscheidend. Ausschlaggebend ist das Umfeld der CPU. Wie schnell die Kommunikation der einzelnen Bausteine untereinander funktioniert ist äußert wichtig und bestimmt maßgeblich die Geschwindigkeit des Computers.«

Und die Pressevertreter hatten ihn schließlich mit Applaus bedacht, als er locker hinzufügte: »Wir bringen die ST-Technologie in die PC-Weit.« Wann aber werden diese Geräte lieferbar sein, wollen wir nun, wo wir in seinem Dienstzimmer sitzen, von ihm wissen. Shivji sagt: »Viele vermuteten auf der Comdex diese Geräte sind einfach von fernöstlichen Firmen zugekauft. Das stimmt nicht.

Wir haben die Boards hier entwickelt. Kommt mit, ich möchte Euch etwas zeigen.«

Shivji steht auf und geht mit uns durch einige Türen und Gänge. Von jeder Tür führen starke, metallummantelte Kabel zu einem Kasten an der Wand. In diesem Teil des Gebäudes ist alles mit Alarmanlagen gesichert. Dieses Sicherheitssystem hat Jack Tramiel beim Kauf mitübernommen. Es gilt als eines der sichersten.

Wir befinden uns in einem Raum voller elektronischer Bauteile, Oszillatoren, Meßinstrumenten, Lötstationen. Zahlreiche Platinen liegen herum. Eine davon nimmt Shivji in die Hand. Das ist die Platine des PC2. Er deutet auf eine andere: »Und hier haben wir das Motherboard des PC3«. Wir folgen ihm in einen anderen Raum.

»Schau Dir die an«, sagt er und reicht mir eine Platine, in der Größe des Mega ST-Boards. Ich bin recht erstaunt, als ich die verschiedenen Aufschriften der Chips lese. Eine PMMU, eine 68020-CPU, ein Arithmetikcoprozessor 68881.

»Das ist der EST«, rufe ich.

Shivji grinst: »Er ist fertig und läuft einwandfrei. Aber wir bringen ihn nicht. Wir möchten den 68020 überspringen und gleich den 68030 verwenden. Er ist doppelt so schnell.«

In einer Ecke des großen Raums steht ein sonderbar aussehendes Gebilde: Um einen dicken Holzpfahl gruppieren sich vier große Platinen. Wir wissen wirklich nicht, ob es sich um eine moderne Plastik oder um einen Computer handelt. »Das ist der erste ST. Er entstand zu Hause auf meinem Küchentisch«, erklärt Shiraz.

Der Urvater aller STs. Entstanden auf dem Küchentisch von Shiraz Shivji

Atari hatte zu dieser Zeit noch keine Räume. Man hatte Shivjis Haus als Entwicklungslabor umfunktioniert. Seine Truppe bestand zu dieser Zeit aus fünf Mann. Vier davon hatte er von Commo-dore mitgebracht. »Wir nennen ihn die Cray«. Crays sind Superrechner, die sich durch diese eigenartige Anordnung der Platinen optisch hervorheben.

Hinter den vielen Platinen der »Cray« steht eine weitere große, quadratische Platine.

»Das ist der zweite ST. Wir brauchten statt vier nur noch eine Platine.« Am meisten irritierte uns die Unterseite. Trotz der vielen Bauteile hatten Shivji und seine Leute alles frei verdrahtet. Das Gewirr besteht aus Kilometern von dünnen, isolierten Drähten. »Die Maschine, die die Verdrahtung vornahm, steuerte ein C 64«, erläutert uns der Chefentwickler von Atari mit einem süffisanten Lächeln. Wer hätte das gedacht! Der C 64 arbeitete also bei der Konkurrenzfirma an der Entstehung eines neuen Computers mit.

Die Verdrahtung des zweiten ST steuerte ein C 64

Wir kehrten wieder zu Shivjis Eckzimmer mit den großen schrägen Fenstern zurück. Viele Unterlagen und Schaltpläne stapeln sich in seinem Zimmer.

»Shiraz, viele Atari-Besitzer warten auf die Aufrüstsätze für den Blitter. Warum sind sie noch nicht lieferbar?«

»Wir hatten Schwierigkeiten beim Layout. Normalerweise haben die Bahnen einen Abstand von 2,5 Micron. Wir haben diesen Chip höher integriert und mußten feststellen, daß sich die Leiterplatten an einigen Stellen berührten. Die Ausfallquote war zu hoch.

Doch die Entwicklung zukunftsweisender Technologie geht weiter. Nicht nur der Transputer ist für Atari interessant. Shivji führt folgendes aus: »Heute wird viel über MIPS gesprochen, aber die Geschwindigkeit läßt sich nicht ermitteln, solange nicht eine Maschine als Ausgangsmodell herangezogen wird. Ich bin dafür, eine VAX 11/780 zu nehmen. Dann ergibt sich diese Reihenfolge: I MIPS VAX 11/780,2 MIPS 80386-CPU, 3 MIPS 68030-CPU, 4 MIPS Transputer. Wir sind heute bereits in der Lage einen Computer zu bauen, der bei dieser Wertung 10 MIPS zu leisten vermag.«

Er merkte das Erstaunen in meinen und Stefan Wischners Augen. Möchte sich Atari in Zukunft teureren Computern zuwenden? Soll das etwa eine dritte Modellreihe nach ST und PC werden? Und die Hauptfrage: Was soll dieser Computer kosten?

Shivji bleibt gelassen: »Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich noch nicht mehr darüber sagen. Aber wir sind heute in der Lage eine solche Maschine zu einem sehr guten Preis auf den Markt zu bringen. Unser Leitsatz ist nach wie vor: Power without the Price.« (hb)

Der Vater und seine beiden »Kinder«


Links

Copyright-Bestimmungen: siehe Über diese Seite
Classic Computer Magazines
[ Join Now | Ring Hub | Random | << Prev | Next >> ]