Apple: Mittlerin zwischen Welten

In sechs flachen, gepflegten Gebäuden befindet sich Apple Computers Inc. in Cupertino, Kalifornien

Die großen Neuerungen der Zukunft liegen in den Benutzeroberflächen. Apples Leiterin der Human-Interface-Group beschrieb bei unserem Besuch der Apple-Zentrale im kalifornischen Cupertino neue Wege.

Als Apple im Januar 1984 seinen neuen Computer, den Macintosh, präsentierte, schlug er ein wie eine Bombe. Noch nie war ein Computer so einfach zu bedienen, wie der »Mac«. Steven Jobs, einer der beiden Gründer von Apple und Leiter der Macintosh-Gruppe, formulierte seine Grundidee so: »Ich möchte einen Computer bauen, den man auf den Tisch stellt und sofort damit arbeitet.« Apple hat diesen Vorsatz mit dem Macintosh zweifellos besser verwirklicht als jeder andere Computer-Hersteller bisher. Auch heute

noch gilt die grafische Benutzeroberfläche des Macintosh, der »Finder«, als die ausgereifteste Schnittstelle zwischen Mensch und Computer. Apple hat den Einzug der grafischen Benutzerschnittstelle eingeleitet und ein neues Eingabegerät, die Maus, etabliert.

Der kalifornische Computer-Hersteller gilt als die Firma mit dem »Human-Touch«, die Computer für Menschen baut, sich nicht durch die technische Entwicklung diktieren läßt und auch mutig genug ist, revolutionäre Neuerungen einzuführen. Wie sieht diese innovative Firma die Zukunft der Kommunikation zwischen Mensch und Maschine?

Unsere Gesprächspartnerin in der Zentrale von Apple Computers in Cupertino war Joy Mountford, die Leiterin der »Human-Interface-Group«. Sie nimmt mit ihrer Abteilung eine Schlüsselstellung bei Apple ein. Die Human-Interface-Group forscht nach Verbesserungen der Mensch-Computer-Schnittsteile. Ohne die Zustimmung dieser Gruppe erscheint kein Software-Produkt von Apple auf dem Markt.

In einem modernen fensterlosen Konferenzraum mit dick gepolsterten Stühlen und weißen Präsentationswänden sitzen wir Joy Mountford gegenüber.

Die Philosophie von Steven Jobs gilt auch heute noch: Der Computer muß so einfach wie nur möglich zu bedienen sein. Ein großer, revolutionärer Fortschritt in diese Richtung sind die grafischen Benutzeroberflächen wie der Finder. Aber dort stehenzubleiben wäre falsch: »Die Meinung, mit größeren Bildschirmen und höherer Auflösung mehr Informationen bieten zu können, stimmt nicht. Irgendwann ist das Auge einfach nicht in der Lage noch mehr Text oder Grafik aufzunehmen.«

Mehrsinnige Kommunikation

Joy Mountfords Gruppe sieht eine wesentliche Verbesserung in einer anderen Gestaltung des Desktop. Ein weiterer Fortschritt wäre die Dreidimensionalität. Der Mensch nimmt dreidimensionale Objekte besser und schneller wahr. Warum sollte man diese Fähigkeit nicht auch bei der Entwicklung eines zukünftigen Desktop berücksichtigen?

Eine ebenso große Rolle spielen Farben. Vor allen Dingen: Jeder reagiert auf bestimmte Farben gleich, weil er damit von klein auf eine gewisse Signalwirkung verbindet. So bedeutet eine rote Ampel immer stehenbleiben, während uns Grün weiterfahren verdeutlicht.

Aber die höchste Priorität hat bei der Human-Interface-Group eine andere Kommunikationsform: Die »Natural Sounds«, die natürlichen Geräusche, die nach Joy Mountford bislang sträflich vernachlässigt wurden. Auf unsere Frage, was sie denn mit Natural Sounds bezeichne, gab uns die Wissenschaftlerin eine ebenso kurze wie eindrucksvolle Demonstration: Vor ihr auf dem Tisch lag ein kleiner Stapel Blätter. Als sie diese Blätter zwischen Daumen und Zeigefinger laufen läßt, verbinden wir mit dem dabei entstehenden Rascheln sofort »suchen in einem Papierstapel«.

Der »einfachste« Computer der Welt: Apples Macintosh

Sie meint dazu nur: »Jeder Mensch nimmt eine Vielzahl von Geräuschen auf, aber davon nur einen kleinen Prozentsatz wirklich bewußt. Auf die unbewußt aufgenommenen reagieren wir aber genauso stark.«

Computer sind durch Sound-Sampling (digitalisierte Geräusche) in der Lage, eine Vielzahl von Geräuschen wirklichkeitsnah nachzuahmen. Die Wissenschaft ist der Meinung, daß jeder Mensch mindestens zehnmal mehr Geräusche zu deuten weiß als Worte. So lautet Joy Mountfords Schlüsselsatz auch hier: »Wir müssen den Bereich erweitern.« Das heißt: Genauso wie wir nicht auf einem größeren Monitor mehr Text zur selben Zeit lesen können, genausowenig tippen wir auf zwei Tastaturen nicht schneller. Bisher nutzten wir aber fast immer nur einen unserer Sinne bei der Kommunikation mit dem Computer: unseren Sehsinn. Schmecken, Riechen und Fühlen ist nicht einsetzbar, der Hörsinn dagegen sehr wohl. Er blieb bisher bei der Computer-Mensch-Kommunika-tion fast unbeachtet. Die akustische Informationsübermittlung gipfelte bisher in ein kurzes »Ping«, wenn der Anwender einen Fehler begangen hatte. Simultan zur Bildschirmausgabe können wir, auch unbewußt, eine ganze Menge Informationen wie Warnungen als Geräusch aufnehmen.

Erfahrung und Gespür

Die Ausführungen der Wissenschaftlerin sind beeindruckend und einsichtig. Verblüffend ist, daß sich bisher niemand dieser erweiterten Kommunikation angenommen hat. Ihre Meinung dazu lautet: »Heute stecken die Firmen sehr viel Geld in die Entwicklung der Hardware. Das Benutzer-Interface bleibt weitestgehend unbeachtet.«

Nur der Einsteiger in die Computerwelt gehe intuitiv vor, während der Versierte versuche, seine Erfahrungen umzusetzen. Auf den ersten Eindruck seien jedoch nur wenig Gemeinsamkeiten zu entdecken. Dem Computer-Neuling erkläre man die Funktion eines neuen Programms ganz anders als einem Anwender, der von dBase auf eine andere Datenverwaltung umsteige. Und doch würden sich eine Menge Gemeinsamkeiten bei der Benutzung von Geräten ergeben. Jeder, der schon einmal Kontakt mit einem Computer hatte, tue sich mit einer intuitiven Betrachtung äußerst schwer. Versuchen Sie es einfach mal, sich in einen absoluten Neuling zu versetzen: Setzen Sie sich vor Ihren Computer und überlegen Sie, was Sie als erstes tun würden. Wie nähern Sie sich dem Computer? Drücken Sie zuerst eine Taste? Nehmen Sie zuerst die Maus zur Hand? Wo steuern Sie den Mauszeiger hin?

Joy Mountford schildert, daß Apple mit Kindern wie mit älteren Leuten arbeitet. Sie gehen gefühlsmäßig vor. Es liegt auf der Hand: Programmierer sind absolut ungeeignet, um die »einfache« Schnittstelle zum Computer zu ergründen. Deshalb waren bei der Entwicklung des neuen, sensationellen Programms Hyper-Card von Anbeginn an zwei Leute der Human-Interface-Group dabei.

Für Apple lautet die Prämisse nicht, die Computer schneller, sondern sie einfacher zu machen. Die Hardware darf nicht bestimmend sein, sie muß der Diener der Software sein, genauso wie der Computer der Helfer des Menschen sein muß. Joy Mountfords Erklärung ist einleuchtend: »Kein Hersteller wird auch nur einen Computer mehr verkaufen, weil er dessen Taktfrequenz von 16 MHz auf 20 MHz steigert, sondern nur, wenn er den Umgang vereinfacht.« (hb)
Horst Brandl


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