3p, Cello & Atari: Raphael Zweifel im Interview

Raphael Zweifel ist klassisch ausgebildeter Cellist und arbeitet oft im Popbereich. Zu seinen aktuellsten Produktionen gehört die Zusammenarbeit mit der deutschen Soulband Glashaus.

Der Atari hat immer noch einen hohen Status auch bei professionellen Musikern. Ein echter Profi ist Raphael Zweifel, erste Wahl bei dem deutschen Soul- und Hip-Hop-Label 3p. Raphael ist trotz täglicher Konfrontation mit Mac und PC Atari-Fan. In einem Gespräch mit Thomas Raukamp erklärt er, warum.

Raphael, wie ist es, mit echten Stars zusammenzuarbeiten?

Ein echter Star ist für mich jemand, der seine Kunst mit viel Liebe tut und diese mit einer professionellen Attitüde ausübt. Zur Professionalität gehört eine konkrete Vorstellung von dem, was man erreichen will, Pünktlichkeit und die Gabe sich hundertprozentig konzentrieren zu können und dabei trotzdem locker zu bleiben, wenn es darauf ankommt. Diese Fähigkeiten habe ich zum Beispiel bei Cassandra Steen, Moses Pelham und Martin Haas, sprich: Glashaus, auch ausmachen können. Deswegen macht mir die Arbeit mit ihnen sehr viel Spaß. Die Proben werden aufgenommen, um dann von Moses himself analysiert zu werden, damit am folgenden Probetag die Fehler oder Stücke, bei denen irgendwo der Soul fehlt, verbessert werden können.

Ein weiteres Stichwort im diesem Zusammenhang ist „Effizienz“, sprich: „Time is Money“. Die maximale Vorbereitung der Stücke vor der ersten Probe gehört auch dazu, also die Form, die Sounds, und natürlich muss jedem seine Musik bekannt sein.

Der Unterschied zwischen der Arbeit mit guten Musikern, die aber keine Stars sind und den „echten“ Stars liegt wohl darin, dass, sobald ein Starlevel erreicht ist, weniger Zeit da ist, einen kreativen Prozess voll auszuleben, da die zu realisierende Musik irgendwie kommerziell verwertbar sein soll und normalerweise alles schnell gehen muss - Stückeauswahl, Vorproduktion, Aufnahmen, Veröffentlichungstermin, Tour,

Fangen wir vorne an: Wie kamst Du zur Musik, wie ist Deine musikalische Ausbildung?

Ich bin einmal in einen Cellokasten gefallen - Asterix und die Berliner Symphoniker (lacht). Nein, im Ernst: Mama did her job quiet well: In meinem Elternhaus klang immer irgendwo eine Musik, sei es von Schallplatten, oder wenn meine Mutter ihre „Geisch“ bearbeitete. Auch das Klavier zuhause bei meinen Großeltern war großartig, einfach Hände „drauf patschen“, und es klingt - genauso wie ich mir ein Computer vorstelle: Schalter ein und die Sache läuft - Atari! Mit acht Jahren bin ich während vier Jahren jede Woche mit einem Dreirad zur Musikschule gefahren. Das war ein cooles Teil: Genauso wie ein BehindertenFahrrad, aber eben mit einem Einkaufskorb über der Felge der beiden Rückräder. Ich genoss auch während meines Grundschullehrer-Studiums sehr guten Instrumentalunterricht. In der Zeit beschloss ich, dass ich liebend gerne Cello an einer Musikhochschule studieren möchte, was ich dann auch von 1992 bis 1992 an der Frankfurter Musikhochschule tat.

Welche Instrumente spielst Du neben dem Cello?

Ich spiele auch E-Bass, E-Gitarre, Klavier und ein bisschen Schlagzeug. Meine neue musikalische Liebe ist der Gesang - kein Wunder, wenn man live neben einer der schönsten Stimmen Deutschlands sitzt (lacht).

Man muss kein Virtuose sein, um wunderbar Musik machen zu können. Das Wissen um die eigene Kreativität ist der Schlüssel zum künstlerischen Erfolg.

Es ist interessant, dass Du das Cello vornehmlich in der populären Musik einsetzt. Ich habe so etwas live auch bei Heather Nova gesehen, was mich sehr beeindruckt hat. Wie bist Du gerade in die „U-Musik“ reingerutscht, Cellisten sind ja eher doch in der „E-Musik“ beheimatet?

Das ist lustig, denn Du nennst Heather Nova, die - wenn ich mich richtig erinnere - 1994 ihre SirenTour mit dieser Cellistin machte. Ich habe ihr Konzert in Frankfurt in der Batschkapp gesehen. Das war einer der wichtigen Momente für mich, während derer ich mir sagte: Ja, ich möchte auch einmal Cello in einer Popband spielen!

Ein weiterer totaler Flash war das Treffen mit Ion Lord, der im selben Jahr mit seinen Kompositionen im schweizerischen Thun am dortigen Sommer-Openair auftrat, wo ich dann am Cello in seinem Kammerorchester saß.

Auch sonst wird in der populären Musik gern wieder auf „echte“ Streicher zurückgegriffen, obwohl die heutigen Sampler und Synthesizer vom reinen Klangmaterial her eigentlich perfekt sind. Kannst Du einen Trend erkennen? Warum sind echte Musiker wieder stärker gefragt?

Du sagst „perfekt“. Da liegt genau der Ansatz zur Antwort: Menschen sind nie perfekt. „Perfektes“ Klangmaterial klingt unmenschlich. Will ein Künstler dies als Stilmittel ausnutzen, braucht er keinen atmenden Musiker. Betrachtet man den Trend in der Popmusik, ist eindeutig wieder der menschliche Groove gefragt. Bei der Produktion der letzten GlashausPlatte „Jah Sound System“ beispielsweise haben wir das Cello bei fast allen Stücken mit eingebaut. Manchmal ist es aber beinahe unhörbar und drückt sich vor allem als „guter Geist“, als ein spezielles Vibe, aus. Filmmusikkomponisten arbeiten sehr oft so: Der komplette Score wird mit Samplern und Synthesizern aufgenommen und dann von einem Streichquartett und den entsprechenden Bläsern gedoppelt. So erhält man den vollen Klang eines Orchesters mit minimalem räumlichen und finanziellen Aufwand.

Arbeitest Du derzeit auch im klassischen Fach?

Nicht sehr oft, ich spiele aber regelmäßig zuhause Auszüge aus den Bachsuiten für Cello Solo von Johann Sebastian Bach und unterrichte Privatschüler das „klassische“ Cellospiel, wobei ich natürlich nicht umhin komme, diesen dann auch modernere Spieltechniken und Ideen zu zeigen. In letzter Zeit spiele ich im sogenannten klassischen Bereich vor allem moderne und improvisierte Musik. Gegenwärtig arbeite ich mit zwei phantastischen Tänzern des Frankfurter Ballets, das neulich durch den bevorstehenden Abgang von William Forsythe in die Schlagzeilen kam, an einer intimistischen Performance, die am 29. und 30. März im neuen TAT in Frankfurt über die Bühne gehen soll.

Du scheinst eine Menge Arbeiten in spanischsprachigen Ländern gemacht zu haben. Woher kommt diese Verbindung?

Als ich, meiner damaligen Freundin folgend, im Sommer 1997 nach Barcelona zog, war das der Anfang von fünf weiteren sehr lehrreichen Jahren. Bald darauf entdeckte ich auf den 1999 noch aktiven Milan-Webseiten einen Link, der mich auf den Atari-Fanclub in Barcelona brachte. Die Jungs (und ein Mädel) haben einen so andersartigen beruflichen Background (der Vorsitzende Juan Carlos Antunez beispielsweise ist Fenstermacher), dass die Treffen mit ihnen jedesmal sehr gesund waren, da man, wenn man zu lange nur untern Künstlern weilt, doch manchmal ein bisschen abspaced...

Das derzeit angesagteste Projekt, für das Du derzeit arbeitest, ist ohne Zweifel „Glashaus“ von dem Frankfurter Label 3p. Wie kam der Kontakt mit Moses Pelham zustande?

Das lief alles flott über Willy Wagner, dem 3p-Bassisten, den ich während meines Studiums in Frankfurt kennenlernte und weichem ich einmal sagte, dass 3p, falls sie einmal ein Cello brauchten, niemand zu zögern brauche, mich anzurufen.

Glashaus ist ja ein Projekt, dass eher eine minimalistische Instrumentierung bevorzugt. Wird bei den Produktionen daher auch weniger Technik beansprucht?

Da bin ich nicht ganz deiner Meinung. Es ist wohl die Durchsichtigkeit dieser Pelham-/HaasProduktionen, die die Musik minimalistisch erscheinen lässt. Hört man wirklich genau hin, wabern da unzählige kleine und größere Fragmente durch Raum und Zeit. Bei der Produktion wurde genau dieselbe Technik benutzt wie bei anderen 3p-Produktionen von Moses und Martin.

Wie sieht diese Technik aus?

Zwei Macintoshs, einmal mit Cubase für das MIDI-Sequencing und ProTools TDM für den Audiobereich. ich glaube, Martin arbeitet mit Cubase, weil er zu Atari-Zeiten schon mit Cubase hantierte.

In einem älteren VIVA-Bericht über das Rödelheim Hartreim Projekt ist auch öfters ein Atari im Bild. Weißt Du, wie intensiv 3p den Atari eingesetzt hat?

Da ich erst seit 2001 ein 3p-Musiker geworden bin, kann ich das nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen. Ich weiß jedoch, dass der erste Sabrina-Setlur-Longplayer vollständig mit Hilfe eines Atari entstanden ist. Beim zweiten Album wurde der Atari für das MIDI-Sequencing und ein Mac für ProTools verwendet.

Du selbst bevorzugst ja Atari-Computer bei der Musikproduktion. Weshalb haben diese technisch zum Teil veralteten Geräte Deiner Ansicht nach immer noch einen so hohen Stellenwert in der Musikproduktion?

Da sage ich dir nichts Neues: Die Teile sind, was MIDI-Timing betrifft, mindestens so gut, manchmal besser und vor allem leichter zu zu handhaben als aktuelle Systeme - echtes Plug & Play eigentlich. Betrachtet man den MIDI-Teil eines der“großen“ Programme wie Logic, Digital Perfomer oder Cubase, hat sich nicht viel verändert, außer die Möglichkeit, den Bildschirm mit Tausenden von Farben vollzukleckern. Zudem finde ich, dass Atari definitiv auch einen guten Vibe besitzt, ein Feeling, was mir von keinem anderen Computer geboten wird: Einfachheit, Gutmütigkeit (gab es je einen robusteren Computer?) und nach all den Jahren schon so etwas wie eine Persönlichkeit. Gerade diese Komponente sollte man nicht unterschätzen: Denkt man an die Schulzimmer, in welchem man normalerweise Jahre seiner Kindheit verbrachte, fällt sehr schnell auf, dass in angenehmen, einfachen, gut riechenden Räumen viel besser gelernt und dass gute Konzentration viel eher erreicht wird, als in einer überladenen und chaotischen Umgebung - der „Menschen-Faktor“ ist hier also sehr wichtig. Atari ist menschlich, einfach, ehrlich. Wenn ich die Entwicklung des neuen AppleBetriebssystem OS X betrachte, komme ich nicht umhin zu denken, dass diese „Ehrlichkeit“ abhanden kommt: Ohne stundenlanges Lernen von Unix-Befehlen wird es unmöglich, die Struktur und den Unterbau unter den Programmen zu verstehen. Einfach ist die Oberfläche, und sofern man nicht den neuesten G4 besitzt, auch unglaublich langsam, was den Grafikaufbau auf dem Bildschirm betrifft.

Gary Numan sagte einmal, dass er vor Kurzem vom Atari auf den Mac umgestiegen sei, und dass er (Zitat) „Scheiße, nicht wüsste, ob das ein Fehler war“. Angeblich stürzen seine Macs bei jeder Gelegenheit ab. Ich selbst habe den Schritt vom Mac zurück zum Atari ganz bewusst gemacht, da der Notator auf dem Atari mir eigentlich schon alle Funktionen bietet, die ich als Musiker brauche. Ist die Musikwelt Deiner Ansicht konstanter in der Auswahl eines Computersystems?

Ich finde schon: Never change a winning team! Eigentlich ist es ja egal, mit welchem Computersystem man arbeitet, solange es den eigenen Ansprüchen gerecht wird. Das Problem liegt darin, dass durch die Presse der einschlägigen Musikmagazine dem Musiker weiß gemacht wird, welche Ansprüche er haben soll und dass gute Musik nur mit neuestem Equipment realisierbar ist - aus meiner Sicht der totale Trugschluss. Nimm nur die erste Beck-CD: Der Hammer, der kreative Prozess ist auf einer Vierspur entstanden. Spinnt man den Faden weiter, kommt man nicht umhin, an einen der berühmten Komponisten klassischer Musik zu denken, zum Beispiel Mozart. Er würde heute bestimmt auch die verlockenden Möglichkeiten der Computer nutzen. Aber würde seine Musik besser damit? jede neue technische Errungenschaft birgt eine Folge von Reaktionen in sich, die man schlussendlich einfach als Veränderung bezeichnen kann. Ich könnte somit sagen: „Veränderung = Fortschritt“, also „Neuestes Super-Plugin (und den neuesten Dualprozessorsuperpentium) = Fortschritt“. Wird dadurch die Tiefe, das Universum einer Musik besser, tiefer?

Ein weiteres Beispiel ist das Autotune. Fast alle High-Endproduktionen wenden dieses Plugin zurzeit an, weil es neu ist und zum guten Ton gehört. Das ist die Suche nach Perfektion - eine Modeerscheinung bzw. Notmaßnahme, damit nach Möglichkeit auch Stars gezüchtet werden können, die einfach nur gut aussehen, nicht aber zwingend auch gut singen können.

Das Problem für den Fortbestand der Nutzung von Ataris ist die fehlende Kompatibilität mit anderen modernen Computern. Es ist ziemlich kompliziert, Songs, die auf einem Atari entstanden sind, in einem Studio, das keine Ataris besitzt, weiterzuverarbeiten. Da Musik Kommunikation ist, wurde das für mich der Grund, warum ich auch auf einem ibook mit Logic arbeite, damit kann ich wenigstens Dateien aus Logic Atari 2.5 einigermaßen Problemlos weiterverwenden kann.

Ich möchte diese ganze Problematik einmal mit der Welt der Textverarbeitungen vergleichen. Eigentlich benutze ich bei Microsoft Word auf dem G4-Mac immer noch dieselben Funktionen wie bei Script oder papyrus auf dem Atari. Neue Funktionen, die irgendwo in den Menüs verschachtelt sind, benutze ich eigentlich nie. Ehrlich gesagt nutze ich vielleicht 30 Prozent der Funktionen von Word - ich könnte genauso gut weiter auf dem Atari Texte verarbeiten. Ebenso sehe ich Sequenzer-Software. Schon von den 10 Jahre alten Programmen wie Notator SL nutze ich vielleicht 40 Prozent der Funktionen. Von vielen der heutigen Funktionen eines Cubase oder Logic auf dem G4 weiß ich nicht einmal, wozu sie gut sind. Wie siehst Du die Problematik?

Diese Tatsache zeigt, dass Millionen von Megahertz noch kein Garant für einen guten Workflow sind. Ich ziehe zum Beispiel Luna dem Word von Microsoft vor, weil darin keine merkwürdigen Formatierungsautomationen enthalten sind und weil es einfach und logisch aufgebaut ist. Aber auch hier zeigt sich, dass die ganze Weit Word-Dateien als Attachment mailt, papyrus wohl bald nicht mehr die neuesten Wucherungen dieser Dateien interpretieren kann und dass ein „Atari only“-Mensch nicht umhin kommt, sich wohl oder übel ein Word auf die Festplatte zu pflastern.

Wie interessant könnte ein moderner „Atari“ - sei es nun eine ARAnyM-Distribution oder ein ColdFire-Rechner - für die Musikwelt sein?

Wird dieser Rechner professionellen Anspruchen gerecht, denke ich, dass ein komerzieller Erfolg durchaus im Bereich des Möglichen liegt. Er müsste jedoch mit einem Musikprogramm, welches Logic und Co. ebenbürdig ist, angeboten werden. Da müsste man sich vielleicht fragen, für welche „Welt“ ein solcher Atari noch interessanter wäre.

Was müsste so ein heutiger Musikrechner von Haus aus mitbringen? 1985 hatte Atari mit MIDI genau auf das richtige Pferd gesetzt. Was wäre heute das richtige Pferd?

Eine Spezialität besitzen, welche andere Computer von Werk aus nicht als Grundausstattung besitzen, zum Beispiel einen Doiby-Surround-Ausgang mit den passenden Monitor-DolbySurround-Lautsprechern und einer professionellen Soundkarte, die natürlich MIDI onboard hat. Das Design und die Konzeption müssten auf jeden Fall auch einzigartig sein. Der Gedanke des Recyclings der Atari-Idee könnte zum Beispiel mit dem Verwenden von aufbereiteten Materialien für den Gehäusebau dieses neuen Atari und seiner Lautsprecher in Verbindung gebracht werden.

Welche Ataris setzt Du eigentlich selbst ein, und was machst Du damit?

Es sind da ein Mega STE und der Falcon MK-X, die ich je nach Anwendung entweder als Sequenzingmaschine oder als Soundmodul verwende. Ich verwende Speech und die Produkte von Electronic Cow.

Hast Du auf Deinem Falcon schon den Software-Synthesizer ACE eingesetzt? Wie ist Deine Meinung zu diesem Teil?

Na klar! Erste Sahne, a new star is born! Würden die Musikmagazine endlich einen Testbericht bringen, wäre für mich klar, dass der Falcon die neue trendy Maschine im Bereich der komerziellen Musik werden würde, wie es die TR 909 geworden ist - nach dem Motto: „Ich hab’ was, was du nicht hast“, bis es dann eines Tages ausgenudelt ist.

Was hältst Du überhaupt von der Entwicklung, dass Software im Studio immer wichtiger wird? Hardware-Synthesizer sind ja klar auf dem Rückzug, Software wird immer flexibler und verbreiteter.

Da immer mehr Musiker ihre eigenen Studios zu Hause besitzen, ist dieser Trend schon einmal sehr positiv, da immer weniger Equipment herumstehen muss und alles im Computer machbar ist. Aber wie gesagt, man haucht einer Musik durch Flexibilität allein noch keine spezielle Note ein. Neulich hatte ich wieder einmal die Gelegenheit, VIVA und MTV in Deutschland zu gucken. 80 Prozent der Musik erschien mir völlig überflüssig, ohne Persönlichkeit. Darin sehe ich auch das Dilemma der Plattenfirmen, die nur auf das Geld aus sind: Ein neuer Act soll möglichst erst einmal nach einem anderen schon erfolgreichen klingen. Die Optik wird zur Überoptik (mit Gruß an Illmatic), und die Musik ist ein nettes Beigemüse.

Du hast gerade die sehr erfolgreiche „jah Sound System Tour“ (dokumentiert auf dem aktuellen Live-Album) mit Glashaus hinter Dir. Welche Eindrücke haben Dich diesmal besonders geprägt?

Ich hatte den Eindruck, dass wir mit dieser zweiten, größeren Tour wirklich eine Band geworden sind. Im Jahr 2001 wurde die Band nach dem Erfolg von „Wenn das Liebe ist“ im Schnellzug-Tempo zusammengestellt und hatte noch nicht ganz die Tightness, die wir auf der vergangen Tour ausspielen konnten. Und es ist immer ein spezieller Moment, zu Tränen gerührte Menschen im Publikum zu erkennen...

Ein Höhepunkt von „Live in Berlin“ ist ja auch diesmal „Wenn das Liebe ist“, bei dem neben Cassandras Stimme Dein Cello weit im Vordergrund steht. Erfordert so ein „Duo“ lange Proben?

Nicht wirklich, da wir uns, was Tempi und das Arrangement betrifft, an die Vorgabe des Albums halten. Unsere Proben finden ungefähr an sieben Tagen vor einer neuen Tour statt und sind dann jeweils ziemlich intensiv.

Setzt Ihr auf der Bühne auch Sequenzer ein?

Sequenzer setzen wir live nicht ein. Alle Samples, die von einer Akai MPC3000 und einem Kurzweil kommen, werden live von Moses und Maze, dem Glashaus-Keyboarder, angetriggert.

Wie stehst Du als Akustik-Musiker überhaupt zum Einsatz von Elektronik auf der Bühne? Meiner Ansicht nach besteht zwischen Sequenzer und Synthesizer ein interaktives Verhältnis, es tut sich also etwas im Moment der Klangerzeugung. Das ist also etwas ganz anderes, als wenn einfach ein DAT abgespielt wird, wie dies viele angesagte Hüpfbands machen...

Elektronik sehe ich als eigenes Instrument an. Wenn ich damit einem gewünschten Ausdruck mehr Gewicht verleihen kann, ist dies genauso wünschenswert wie ein zuckersüßes CelloSolo, wenn es einmal sein muss.

Wie siehst Du den derzeitigen Stand der populären Musik? Auf der einen Seite haben wir reine MoneyMaschinen wie Bro’Sis, auf der anderen Seite gibt es auch wieder Hoffnungsträger wie Alicia Keys. Steht die Branche still?

Ich finde, dass die Branche zurzeit ziemlich still steht, die Musik jedoch nicht. Den Plattenfirmen fehlt es eindeutig an Mut zum Risiko, weil sie es nicht mehr eingehen können, da die nötigen Gelder fehlen. Ein Flop kann sich niemand mehr leisten. Leute wie Alicia Keys und Vanessa Carlton finde ich super, weil sie einen künstlerischen Anspruch an ihre Musik haben, ihre Instrumente beherrschen und zudem noch eine gewisse Persönlichkeit zeigen.

Wie stehst Du zur ganzen „Copy kills Music“-Diskussion? Ist es nicht so, dass die allgemeine Qualität der Musik derzeit so gering ist, dass die Industrie aus eben diesem Grunde zusammenbricht? Ich finde, das Kopieren durch CDs und MP3 allein verantwortlich zu machen, ist eine billige Ausrede...

Da stimme ich dir zu. Es ist ja auch bekannt, dass in absoluten Zahlen gesehen nicht wesentlich weniger CDs verkauft werden als noch vor 10 Jahren. Das Problem liegt darin, dass immer weniger Musiker - ein Kreis von „ausgewählten“ Superstars - immer mehr verkaufen, und dass unbekanntere Künstler immer weniger, oft nur wenige Tausend Kopien, von ihren Tonträgern verkaufen können.

Du wohnst ja derzeit in Paris. Hast Du einen überblick über die französische Atari-Welt?

Ich habe neulich einen Atari-Dealer entdeckt, der sozusagen nur Ataris verkauft und repariert: Mirobro. Ansonsten surfe ich dann und wann durch die Foren und stelle fest, dass die Szene in Frankreich sehr lebhaft ist. Rudolphe Czuba ist für mich genauso einer dieser Helden aus Frankreich, wie etwa eurer falkemedia mit Matthias Jaap und Dir in Deutschland.

Oh danke. Raphael, was können wir in Zukunft von Dir erwarten? Sind neue 3p-Stücke geplant? Machst Du solo etwas?

Wie es mit 3-P genau weitergeht, wissen die dazugehörigen Musiker nie so genau. Moses und Martin werkeln jedenfalls ohne Unterbrechung an neuem Songmaterial, das dann für Sabrina Setlur, Glashaus oder andere Projekte zugeschneidert wird. Mein Projekt, dem ich diesem Jahr die nötigen Flügel verpassen möchte, heißt LoZee. Es sind Songs mit Cello, Gesang, Schlagzeug und Gitarren. Einen Atari möchte ich live vor allem für die Projektion von einfachen Grafiken und einen zweiten mit BitBopper einsetzten. Check out ab März 2003: http://lozee.free.fr. Auf der Website werde ich einen Songschnipsel zum Download anbieten, auf welchem ACE den Bass spielt!

Da sind wir sehr gespannt. Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg! stc

http://lozee.free.fr/ ¦ www.myspace.com/lozeemusic ¦ http://www.imglashaus.de/

CD-Tipp Glashaus - Live in Berlin

Glashaus ist momentan die einzige Erfolgskuh des Rödelheimer 3p-Stalls. Folgerichtig wird das Soul-Trio um Labelboss Moses Pelham, Cassandra Steen und Martin Haas zu Weihnachten noch einmal kräftig gemolken. Stellt sich die Frage, warum nach nur zwei Studioalben unbedingt eine Live-CD/-DVD unters Pop-Volk gejubelt werden muss. Sind Glashaus on stage wirklich so hörenswert anders?

Vorweihnachtlich fair und milde gestimmt kann die Antwort nur positiv ausfallen. Litten die ersten beiden Werke „Glashaus I und II“ teilweise noch unter druckloser, ja butterweicher Belanglosigkeit, so entwickeln dieselben Soul-Schmalztöpfe live eine groovende Eigendynamik mit Jam -Charakter. Dafür sorgen besonders Könner an ihren Instrumenten wie Dj Release (Turntables), Linda Carriere (Background), Andreas Neubauer (Drums) oder Raphael Zweifel (Cello).

Frontfrau Cassandra Steen blüht vor Publikum ebenfalls merklich auf und lässt ihre schüchterne Zurückhaltung fallen. Sie haucht die Texte nicht mehr leidend ins Mikrofon, sondern erfüllt den Raum zuweilen mit knisternder Spannung und Tiefe („Solange“, „Was immer es ist“). Den Höhepunkt stellt aber eindeutig der Single-Hit „Wenn das Liebe ist“ dar: Nur von Klavier und Cello begleitet, ist die Ballade Gänsehaut pur.

Einzig Moses Spoken Words und Bibelzitate gehen dank des triefenden Pathos und religiöser Beliebigkeit schnell auf die Nerven („Intro“, „Solange“, „Land In Sicht“). Zwar bestätigen Ausnahmen die Regel, wie das schöne „Spuren im Sand“ beweist, doch der 3p-Chef sollte sich trotzdem mehr auf das Rappen beschränken. Denn bei „Land In Sicht“ und „Flutlicht“ sind seine gewohnt energischen Reime sogar das Salz in der Suppe. (Quelle: www.laut.de)


Thomas Raukamp
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