Analog-Feeling auf dem Atari: AEX Version 2

In dieser Ausgabe der st-computer verbinden wir Retro und Zukunft in der MIDI-Welt: AEX und Pulsar bedienen Freunde analoger Sequenzer, mit dem Easy Sequencer ist endlich wieder eine neue Sequenzer-Software für den Atari in Arbeit.

Tangerine Dream Machine

Die Retro-Welle macht auch vor der Musik nicht halt. Analoge Sounds sind angesagt wie lange nicht mehr, und auf eBay erreichen analoge Synthesizer hohe Preise. Der Atari kann mit einem analogen Sequenzer kontern...

Der analoge Sequenzer AEX wurde von uns zum ersten Mal in der Ausgabe 04-2002 der st-computer gestestet. AEX ist streng genommen schon seit einigen Jahren auf dem Markt, im vergangenen Jahr hat sich der niederländische Entwickler Guido Goebertus, auch bekannt unter dem Namen „Dr. Ambient", an die Weiterentwicklung seines Projekts gemacht. Heraus kam eine funktionell und besonders optisch topaktuelle Applikation, die für den Atari Falcon optimiert wurde. Doch die Entwicklung stand nicht still. Mittlerweile liegt die Version 2.0 des analogen Sequenzers vor. Mussten bisher Besitzer eines Atari ST und TT auf neue Funktionen verzichten, da deren separate Versionen nicht aktualisiert wurden, können sich nun alle Atari-Anwender über eine neue Version freuen. Das Release 2 liegt nämlich für alle klassischen Ataris vor. Auf dem Atari Falcon werden jedoch die zusätzlichen Grafikmöglichkeiten genutzt, was in der Praxis bedeutet, dass in Auflösungen mit 256 Farben eine aktuelle Benutzeroberfläche im schicken Metallic-Design vorliegt. Grafikkarten werden dagegen bisher nicht unterstützt.

Verfügbarkeit

Auch in der Version 2.0 bleibt AEX trotz eines erweiterten Funktionsumfang Freeware. Jeder interessierte Atari-Anwender kann das Programm also frei aus dem Internet herunterladen. Zusätzlich findet sich die aktuelle Version auf der stc-Diskette von diesem Monat, die Sie jederzeit bei falkemedia nachbestellen können.

AEX wird nach wie vor nur mit einem englischsprachigen Hilfetext ausgeliefert. Wer sich nicht durch das gesamte Dokument arbeiten möchte, der kann von der Webseite des Entwicklers [1 ] auch eine GIF-Grafik laden, die die Bedienung von AEX auf einen Blick darstellt. Einmal ausgedruckt und neben den Atari gelegt, hat der Anwender alle Funktionen stets vor Augen. Hinzu kommt eine Einweisung auf der Webseite von MIDI-Guru Tim Conrardy [2],

Wie erwähnt arbeitet AEX auf allen klassischen Ataris. Beim Atari TT wird die hohe Auflösung von 1280 x 960 Bildpunkten unterstützt (AEX wurde ursprünglich auf dem TT entwickelt). Außerdem wird der Atari-Emulator STEEM für Windows und Linux unterstützt. Das optimale System für AEX ist jedoch der Atari Falcon.

Analoge Sequenzer?

Bevor der MIDI-Standard eingeführt wurde und damit besonders auf dem Atari ST polyphone Software-Sequenzer wie Pilze aus dem Boden schossen, mussten sich die Pioniere der elektronischen Musik mit Hardware-Sequenzern abmühen. Die Noten wurden nicht durch ein Keyboard extern eingespielt, sondern direkt am Sequenzer programmiert. Dabei kontrollierten verschiedene Programmierreihen unterschiedliche Funktionen am Synthesizer: Einige waren für Noten zuständig, andere lenkten bestimmte Filterfunktionen des angeschlossenen Synthesizers, wieder andere kontrollierten andere Reihen innerhalb des Sequenzers. Weitergegeben wurde dabei jeweils nur ein Signal, also zum Beispiel eine Note. Eine Polypho-nie, wie von heutiger Sequenzer-Software gewohnt, konnte nicht erzeugt werden, was bei den zumeist monophonen Synthesizern wie den ersten MOOGs auch nicht nötig war.

Wer ein hervorragendes Beispiel für die Verwendung analoger Sequenzer haben möchte, der sollte sich zum Beispiel den Klassiker „Oxygen" von Jean-Michel Jarre oder diverse Werke von Tangerine Dream, ELP oder Kraftwerk anhören.

Die Zeit der analogen Sequenzer ist (zum Glück) natürlich längst vergangen. Trotzdem lassen sich speziell durch die Nutzung des beschriebenen Prinzips recht interessante Effekte erzielen, weshalb es mittlerweile Software-Varianten der alten Veteranen gibt, die ihre Vorbilder in Puncto Bedienung und Leistung zumeist weit übertreffen. Ein solcher analoger Software-Sequenzer ist AEX.

Bedienung

So schön das Interface von AEX besonders auf dem Falcon auch ist, so ungewöhnlich ist die Bedienung des Programms für den verwöhnten Atari-Anwender: AEX wird auch in der Version 2.0 komplett mit der Tastatur bedient. Die Belegung der Tasten wird dabei im Programm selbst eingeblendet, durch die verschiedenen Belegungen wird in der neuen Version mit der [Help]-Taste geblättert. AEX bedient sich hier zu allem Übel auch noch einer recht eigenwilligen Belegung. Wer zum Beispiel mit dem Notator arbeitet, ist gewohnt, Start- und Stopp-Funktionen mit dem numerischen Keyboard auszulösen. AEX benutzt hier die [Space]- bzw. [Alternate]-Taste. Es wäre schön, wenn sich der Entwickler hier an vorhandenen Lösungen orientiert hätte (Sweet Sixteen ist hier ein gelungenes Gegenbeispiel). Das Verlassen des Programms wird über die Taste [Backspace] erreicht, ungeübte Anwender erwarten hier wohl eher die [Esc]-Taste. In der Tat verlangt AEX also einiges an Einarbeitung, bis alle Tastaturbelegungen in Fleisch und Blut übergegangen sind. Ein Ausdruck des erwähnten GIF-Bildes sollte zumindest in den Anfangstagen also immer zur Hand sein...

Auf die Maus muss der Atari-Besitzer im Fall von AEX hingegen völlig verzichten. Dies wurde laut Entwickler notwendig, damit das Programm komplett in Echtzeit bedient werden kann. So werden zum Beispiel Parameteränderungen und Funktionsgrup-pen-Wechsel während des Abspielens erst möglich. Trotzdem wäre es schön, wenn AEX auf Wunsch die Maus unterstützt, wenn dann auch Echtzeit-Funktionen zeitweise gesperrt sind.

Arbeitsfenster

Nach wie vor ist AEX in fünf verschiedene Arbeitsfenster aufgeteilt, zwischen denen der Anwender mit Hilfe der numerischen Tastatur hin- und herschaltet.

Die Eingabe der eigentlichen Noten erfolgt in dem großen Pattern-Screen. Hier werden auch bestimmte Controller-Werte, wie zum Beispiel die Anschlagdynamik, kontrolliert. Ein Pattern besteht dabei aus bis zu 32 Teilen, die eigene Noten- und Controllerwerte enthalten. Diese Teile werden mit den Cursor-Tasten ausgewählt. Die einzelnen Daten können mit einer Kopierfunktion vervielfältigt werden, um zusätzliche Arbeit zu ersparen.

Der Modulator-Screen ist ein einfacher Wellenform-Generator, der zum Beispiel zur Herstellung von Sweep-Effekten dient. Die hier eingestellten Parameter wirken sich auf den Pat-tern-Screen aus.

Interessant für Klangtüftler ist auch der Logic-Screen. Hier wird ein LFO simuliert. Die Einstellungen wirken sich wiederum auf die Parameter des Pattern-Screens aus. Ähnlich wie die Möglichkeiten des Modulator-Screens erkundet man die Fähigkeiten am besten per Ausprobieren. Sie werden über die Ergebnisse überrascht sein!

Das Scale-Fenster dient als Index-Funktion von AEX. Hier werden die die Noten-Limits festgelegt. Auch ein Zufalls-Generator steht bereit. In der Version 2.0 werden 48 Algorithmen geboten, wobei neue Arpeggio-Algorithmen hinzugekommen sind. AEX mutiert auf diese Weise also zum komfortablen Apeggia-tor für den MIDI-Einsatz.

Im Global-Screen werden die globalen Einstellungen festgelegt. Dazu gehört zum Beispiel die Auswahl des MIDI-Kanals (hier ist in der Version 2 etwas verwirrend jetzt ein USB-Stecker statt eines MlDI-DIN-Ports zu sehen) oder auch der Lautstärke. Interessant ist auch die direkte Unterstützung des XG-Standards von Yamaha. So können hier zum Beispiel direkt die Filter angesprochen werden.

Abgerundet wird die Fensteraufteilung noch durch den Transport-Screen, der allerdings erst in Auflösungen ab 640 x 480 Bildpunkten sichtbar wird und zum Abspielen des programmierten Materials dient.

AEX liegt ein praktisches Tutorial im GIF-Format zum Ausdrucken bei. Hinzu kommt ein Handbuch im TXT-Format. Wer die Texte nutzen möchte, muss allerdings der englischen Sprache mächtig sein.

Analoge Polyphonie?

Wie erwähnt war eine polyphone Programmierung mit den originalen Hardware-Sequenzern nicht möglich. AEX ist zwar kein echter polyphoner Sequenzer vom Stil eines Cubase (dies wäre ja auch ein Bruch mit dem Prinzip), trotzdem ist das Programm etwas flexibler als die Originale. Ab der Version 2.0 können nämlich insgesamt zwei unabhängige Stimmen und eine Percussion-Spur ausgegeben werden. Dabei können auf die zweite Stimme und die Percussion-Spur verschiedene Algorithmen angewendet werden. Jede der drei Stimmen kann auf Wunsch abgeschaltet werden. Hierzu werden die Tasten [A], [E] und [X] benutzt.

Transponierfunktionen. In der Version 2.0 sind außerdem neue Transponierfunktionen hinzugekommen, die selbstverständlich in Echtzeit arbeiten. Der Anwender kann Klänge um eine Oktave nach oben transponieren, indem er zum Beispiel die [+]-Taste benutzt. Auf diesem Weg kann er über die zwölf Halbtöne springen.

Snapshots

Wer intensiv mit AEX arbeitet, möchte seine Einstellungen nicht immer wieder nach justieren. Besonders im Live-Einsatz ist ein schnelles Abrufen von Parametern unersetzlich. AEX 2.0 bietet nun die Möglichkeit, verschiedene Snapshots der Einstellungen auf die Funktionstasten des Atari zu legen. Somit kann der Musiker also jederzeit bis zu zehn verschiedene Setups abrufen und zwischen ihnen hin- und herspringen.

Fazit

AEX ist eine interessante Anwendung, die sich in erster Linie an MIDI-Tüftler und experimentierfreudige Musiker wendet. Natürlich verlangt das Konzept einige Einarbeitung, besonders die komplette Tastaturbedienung ist gewöhnungsbedürftig. Trotzdem lassen sich Ergebnisse erzielen, die mit heutigen polyphonen Sequenzern so nicht, und schon gar nicht so intuitiv, erreicht werden können. Auch im Live-Einsatz macht AEX durchaus Sinn: Mutige Keyboarder erschaffen so interessante Sequenzen in Echtzeit vor den Augen des Publikums - die Ergebnisse werden immer wieder spannend und neu sein.

Die grafische Gestaltung (sichtbar am besten auf dem Falcon in 256 Farben) und der hohe Funktionsumfang machen AEX auch plattformübergreifend zu einem der besten Analogsequenzer-Simulatoren, die zurzeit auf dem Markt sind. Da das Programm kostenlos ist, sollte ruhig jeder MIDI-Musiker dem Programm einmal etwas Zeit widmen. Sie werden überrascht über die ungewöhnlichen Ergebnisse sein! stc

[1] http://members.chello.nl/g.goebertus/
[2] http://tamw.atari-users.net/aex.htm

Literaturhinweis:

Back to the Roots, AEX 1 im Test, st-computer 04-2002, Seite 16


Thomas Raukamp
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