Atari800 Win+

Es ist kaum zu glauben, was alles bei einer Computerreihe emuliert werden muß, die 23 Jahre auf dem Buckel hat. So ist Atari800 bzw. dessen weiterentwickelter Ableger für Windows einer der am häufigsten aktualisierte Emulator. Wie so viele Emulatoren ist Atari800 ein Open Source-Projekt, das sich auf verschiedenen Systemen heimisch fühlt. Der Emulator kam genau zu der Zeit, als bekannte Projekte wie XL-it! oder Pokey aufgegeben wurden.

Atari800 Win+ (im folgenden kurz Atari800) ist ein Multiemulator, der die komplette 8-Bit-Atari-Reihe mit Ausnahme der Prototypen emuliert. In der Konzeption erinnert das Programm stark an den Commodore 64/VC20/128/PET-Emulator VICE, auch die Bedienung ähnelt sich stark. Bei beiden Emulatoren erscheint zum Start ein schnuckeliges kleines Emulatorenfenster, dass mit 320x200/192 dem emulierten Computer entspricht.

Atari800 kommt ohne die notwendigen ROMs. Auch wenn Atari (oder der übriggebliebene Rest) kaum noch etwas dagegen haben dürfte, kam noch niemand auf die Idee, nach der Freigabe der System-ROMs zu fragen. Diese sind allerdings sehr einfach im Internet zu finden, einigen anderen Emulatoren ("XFormer") liegen diese sogar bei. Um alle Maschinen abzudecken, sind vier ROMs erforderlich: OS-A, OS-B, XL-OS, XL-Basic und das 5200 Boot-ROM. OS-A/B gehören zum Atari 400/800 und dürften nur in wenigen Einzelfällen notwendig sein. Mit dem XL-ROMs laufen 99% aller Programme. Das nur zwei KB "große" 5200 Boot-ROM wird von allen VCS5200-Spielen benötigt. Da über AtariAge in letzter Zeit immer mehr interessante 5200-Spiele ("Combat II Advance", "Adventure II") angekündigt werden, sollte dies zur Standardausrüstung gehören.

Neben dem ROM sollten natürlich auch ein paar XL-Programme vorhanden sein. Diese tragen die Endungen BIN, XEX, COM oder EXE, wobei letztere natürlich nicht automatisch mit Atari800 verknüpft werden können. Häufiger kommen die Diskimages vor, die den Inhalt einer gesamten XL-Diskette in einer Datei zusammenfassen. Gängiges Format ist ATR, auch XFD und DCM gibt es. Atari-Kassetten haben die Endung CAS, Cartridges ROM oder CRT.

In der Statuszeile zeigt Atari800 stets die Geschwindigkeit der Emulation. Sinkt diese unter 100%, kann der Sound leiden, das Spiel ruckelt oder es zeigen sich andere unerfreuliche Effekte. Grundsätzlich sollte der PC schon mit mindestens 400 MHz laufen, auf viele Hintergrundprogramme muß verzichtet werden. Zwar erscheint es manchmal paradox, dass ein 400 MHz-Rechner benötigt wird, um einen 1,79 MHz Rechner zu emulieren, aber Atari800 bildet wie jeder bessere Emulator sein Vorbild bis ins Detail nach. Viele Spiele verlassen sich darauf, dass das Timing exakt das gleiche ist wie beim Original.

Der Maschinentyp wird unter Atari > Machine Type eingestellt. OS/A bzw B entsprechen dem Atari 400/800 in der Revision A/B. Gleich darunter sind die Einstellungen für die Speichergröße. Ist als Maschinentyp XL/XE ausgewählt, kann die Speichergröße bis zu 1088 KB (über 1 MB) betragen. Atari800 kennt die Speichergrößen 16 KB, 48 KB, 52 KB, 64 KB, 128 KB, 320 KB (Compy), 320 KB (Rambo), 576 KB und 1088 KB. Selbst für professionelle Anwendungen sind die beiden letzten Speichergrößen fast überflüssig, denn eine RAM-Disk wird durch das Benutzen der Festplatte in Atari800 fast überflüssig. 320 KB werden hingegen von einigen Demos ausgenutzt, u.a. von dem sehr sehenswerten "Numen".

Atari800 kennt verschiedene Wege, um ein Atari-Programm zu starten. Zunächst verknüpft es sich auf Wunsch mit XL-Disk-Images, so das diese einfach per Doppelklick gestartet werden können. Zum anderen gibt es im Datei-Menü unterschiedliche Arten, eine Atari-Datei anzusprechen. Zuerst ist da "Autoboot image". Ein Disk-Image wird ausgewählt und sofort gestartet. "Autoboot" ist im grunde eine Zusammenfassung von "Attach disk" und einem Reset. Unter "Attach disk" stehen acht Laufwerksslots bereit. Die virtuelle Diskette kann nicht nur eingelegt, sondern auch entfernt (detach) und gedreht werden. Ab und zu taucht auch eine EXE- oder COM-Datei auf. In dem Fall wird "Load executable" ausgewählt. Ähnlich wie die Disketten funktionieren Kassetten und Module: sie werden mit "Attach" verbunden und mit "Detach" entfernt. Neue Disk-Images werden im Atari-Menü unter "Disk Images" erstellt.

Nachdem das gewünschte Programm ausgewählt wurde, müßte dieses starten. Auf Dauer stört jedoch der kleine Bildschirmausschnitt. Dieser kann in View > Graphics Options geändert werden. Für den Betrieb im Fenster gibt es nur zwei Größen: 336x240 und 672x480. Ganz ohne Dialog kommt die Vollbild-Funktion aus: mit Alt+Return wird das Emulatorfenster auf Bildschirmgröße geändert - ohne Menüleisten oder Windows-Taskbar. Die gleiche Tastenkombination wechselt zurück in den Fenstermodus.

Größter Nachteil der PC-Tastatur im Vergleich zum echten Atari sind die Sondertasten. Viele XL-Spiele werden nicht durch den Feuerknopf, sondern mit der "Start"-Taste gestartet. "F1" ruft die Windows-Hilfe zu Atari800 auf, die XL-Sondertasten beginnen ab F2:

F2:    Option
F3: Select
F4: Start
F5: Reset

Auch sonst weicht die Tastenbelegung von der (deutschen) PC-Tastatur ab. Shift+2 erzeugt das "@" und nicht die Anführungszeichen.

Zur Kompatibilität läßt sich nur so viel sagen, das sowohl Anwendungen als auch aufwendige Spiele und Demos problemlos liefen. Atari800 wird auch mit modernen Demos wie "Numen" von Tarquart fertig. Seit der Version 3.1 werden auch große Cartridges des XE-Game-Systems unterstützt. Die größte Ansammlung an inkompatiblen Programmen dürfte die Utility-Disk des Atari 65XEM sein, der mangels Informationen wohl für einige Zeit unemuliert bleiben wird.

Steuerung

Es ist sinnvoll, aber nicht notwendig, ein Gamepad am PC zu haben. Atari800 unterstützt vier Joystickports und auch das MultiJoy 4-Interface, das von einigen neuen Spielen unterstützt wird. Ohne Gamepad können zwei frei belegbare Keysets, der Nummernblock oder die Cursortasten benutzt werden. Leider konnte nicht in Erfahrung gebracht werden, ob auch digitale Atari-Joysticks über die PCI-Steckkarte von Individual Computers funktionieren. Der zweite Feuerknopf vieler Gamepads fungiert als Pauseknopf.

Auch die Maus muß nicht untätig bleiben, denn die Atari-Computer haben schließlich eine große Auswahl an Peripherie. Die PC-Maus kann daher wahlweise Paddles, die Atari-Maltafel, das Koala-Pad, einen Lightpen, eine Lightgun, Trakball, Atari-Maus, Amiga-Maus oder einen Joystick nachahmen. Es gibt tatsächlich einige Atari-Programme, die eine Atari ST-Maus am XL unterstützen, darunter u.a. grafische Benutzeroberflächen.

Bildschirm

Neben dem Einstellen der Fenstergröße gibt es noch einige andere Optionen. So läßt sich vom aktuellen Bildschirm ein Screenshot im PCX-Format speichern. Der Screenshot hat immer eine Größe von 336x240 und 256 Farben. Wenn das Bild des emulierten Atari etwas flimmert, ist das ein Hinweis darauf, das ein Programm einen Interlace-Modus benutzt, um mehr Farben darzustellen. Das Flimmern ist normalerweise auf einem normalen TV-Gerät kaum zu erkennen, fällt aber im Emulator-Fenster auf. Das Bild wird dann von Atari800 im TrueColor-Format gespeichert.

Eine Spezialität des Emulators ist auch die Aufnahme von Video. Atari800 zeichnet das Emulatorfenster in einer AVI-Datei mit oder ohne Ton auf. Nach dem Festlegen des Dateinamens wird ein Codec ausgewählt, um das AVI z.B. mit MPEG4 oder DivX zu komprimieren. Der Video-Mitschnitt belastet natürlich neben dem freien Speicherplatz der Festplatte auch die Systemressourcen.

Beim Vergrößern des Emulatorfensters können Scanlines oder ein Weichzeichner eingesetzt werden. Letzterer überzeugt allerdings nicht und raubt nur Rechenzeit. Die Scanlines fügen schwarze Linien in jeder zweiten Zeile ein und geben dem Bildschirm etwas "TV-artiges".

6 Millionen Atari-Fans online

Das Zauberwort, das viele Emulatoren schmückt, ist "Kaillera". Kaillera ist eine Netzwerk-Library und wird von Emulatoren benutzt, um Spiele über das Internet zu ermöglichen. Das bedeutet, das jedes Spiel, das mehr als einen Spieler unterstützt, auch über das Internet gespielt werden kann. Ein Spieler agiert dabei als "Master" und hat z.B. Kontrolle über die Tastatur. Anders als bei aktuellen PC-Netzspielen muß man sich bei einem klassischen 8-Bit-Spiel schon verabreden, denn eine zentrale Netzwerk-Lobby für Emulatoren gibt es nicht. Wer aber einmal mit Atari-Fans auf der anderen Seite des Erdballs gemeinsam ein 8-Bit-Spiel gespielt hat, wird begeistert sein, denn es ist ein völlig neues Spielerlebnis.

Kleiner Wermutstropfen: Kaillera gibt es nur für Windows.

Patches

Atari800 kann vier Patches anwenden, um die Leistungsfähigkeiten des emulierten 8-Bitters zu erhöhen.

Der erste Patch erhöht den Datentransfer über Diskette/Kassette indem die Emulation des SIO-Bus übersprungen und die Daten des virtuellen Datenträgers direkt in den Speicher kopiert wird.

Der Harddisk-Patch ist sehr nützlich, um Daten auszutauschen. Ein PC-Verzeichnis wird wie eine große Atari-Diskette behandelt, nur dass der Filehandler "H" lautet:

LIST "H6:HELLO.LST"

Dateien dürfen auf die Festplatte geschrieben und gelesen werden, ein umbenennen oder löschen ist nicht möglich. Auf Wunsch findet eine automatische Konvertierung von ATASCII zu ASCII statt. Über "Misc > Convert" ist die Konvertierung auch manuell möglich.

Der Printer-Patch ermöglicht die Benutzung jedes an dem PC angeschlossenen Druckers. Drucker sind ein traditionelles Stiefkind von Emulatoren und auch Atari800 unterstützt den Drucker nur teilweise. Einfacher Text (auch über LPRINT) wird problemlos ausgegeben, aber die Ausgabe von formatiertem Text oder Grafiken funktioniert nicht. Kleines Trostpflaster ist die Möglichkeit, die Drucker-Ausgabe auch noch auf bestimmte Programme umzulenken. So kann die Druckerausgabe in Word oder Notepad umgelenkt werden.

Der letzte Patch betrifft die RS232-Schnittstelle. Damit kann eine Mailbox auf dem emulierten Atari betrieben werden, andere User können sich per Telnet einwählen. Der umgekehrte Weg ist derzeit nicht möglich, d.h. ein Atari-Programm kann nicht per TCP/IP fremde Server anwählen.

Fazit

Atari800 Win+ gehört zu den derzeit besten Emulatoren. Es gibt zwar noch einige andere XL-Emulatoren, die aber alle nicht mehr auf dem aktuellen Stand sind. Größtes Manko ist die Druckerausgabe, obwohl ein Screenshot auf den Drucker ausgegeben werden kann.

Zudem wäre es sehr reizvoll, wenn sich die Programmierer an der Emulation des 65XEM und 1450XLD versuchen könnten. Das es möglich ist, Prototypen zu emulieren, zeigt das M.E.S.S.-Team, das in ihren Emulator eine (unvollständige) Commodore 65 und 364 Emulation eingebaut haben.

Für Entwickler ist natürlich die Emulation der neuesten Hardware-Erweiterungen notwendig, wie ISA-Interface oder älteren Erweiterungen wie der 80-Zeichen-Karte.

Atari800 ist auch für andere Systeme erhältlich, u.a. auch für den ST. Diese Version ist aber nur bei einem sehr schnellen Clone empfehlenswert, dafür ist die Kompatibilität ähnlich hoch wie die der Windows-Version.

http://www.a800win.atari-area.prv.pl/


Mia Jaap
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