Atari800-Praxis

Heutige Computer können die 8-Bit-Reihe von Atari in vielfacher Geschwindigkeit emulieren. Wir haben uns das einmal in der Praxis auf dem Mac angeschaut.

Schritt für Schritt zum XE

«Bzzzzzz! READY» Was ist das? Na klar: Ein 8-Bit-Rechner von Atari wurde eingeschaltet und wartet auf Eingaben. Viele heutige Computerbesitzer trauern der Simplizität ihres Einstiegsgeräts nach und würden gern einmal wieder selbstgestrickte Programme ausprobieren. Doch vielfach ist die originale Hardware nicht mehr vorhanden oder sie hat schlicht und einfach das Zeitliche gesegnet - zweiteres soll nicht allzu häufig vorkommen. Was liegt also näher, als den heimischen PC oder Mac für die Emulation eines Atari XL oder XE zu benutzen?

Im Laufe der letzten Jahre gab es immer wieder neue interessante Emulationen für die unterschiedlichsten Plattformen. Nachhaltig durchgesetzt hat sich dabei Atari800, da die Sourcen des Programms frei zugänglich sind und damit Portierungen auf theoretisch alle Systeme möglich sind. Und so verwundert es nicht, dass es neben der obligatorischen Windows-Version auch Portierungen unter anderem auf Macintosh, Amiga Atari ST und Linux gibt. Viele dieser Versionen haben ungefähr denselben Entwicklungsstand und unterscheiden sich in erster Linie durch die Geschwindigkeit der darunter liegenden Hardware. Während ein Atari ST nicht schnell genug ist für eine Simulation in voller XL-Geschwindigkeit, muss ein moderner Pentium oder PowerPC teilweise ausgebremst werden, damit Spiele nutzbar bleiben.

Nicht jedem ist jedoch die Nutzung von Atari800 sofort klar. Was gehört wohin? Wie bekommen ich mein Programm zum Laufen? Daher haben wir uns die Mac OS X-Version von Atari800 [1] installiert, die derzeit in der noch frühen Version 1.01 vorliegt. Trotzdem sind schon alle grundlegenden Funktionen bereits enthalten, und gravierende Probleme konnten wir auch nicht feststellen, sodass sich die Version hervorragend für eine Einführung eignet. Andere Versionen für die verschiedenen Systeme werden nur geringfügig voneinander abweichen.

Was wird benötigt?

Die Emulation Atari800 bildet die Hardware der 8-Bit-Serie von Atari nach. Sie emuliert also die 6502-CPU und die Spezialchips wie AGNES und POKEY. Auch der FREDDY-Chip zum Bankswitching sowie Extras wie zusätzliches RAM werden emuliert, sodass Atari800 tatsächlich ein kompletter XE in Software-Form ist. Nicht mitgeliefert wird jedoch das Betriebssystem des XL bzw. XE, das immer noch unter dem Copyright von Atari steht und somit nicht frei verteilt werden darf. Im Internet finden sich jedoch die verschiedenen Versionen, die Atari produziert hat, sodass es kein sonderliches Problem sein sollte, sie herunter zu laden, um sie für eine Emulation einzusetzen - schaden wird man damit jedenfalls keinem mehr, am wenigsten Atari selbst. Sie sollten darauf achten, dass Sie die richtige ROM-Version erwischen, denn die unterschiedlichen Atari-Systeme unterschieden sich in durch ihre Betriebssystem-Versionen. Auf Nummer Sicher gehen Sie mit einer XL- oder XE-Version des ROM, diese sollten die größtmögliche Kompatibilität bieten. Wer das gute, alte Atari-BASIC auch unter der Emulation nutzen möchte, der muss außerdem darauf achten, dass er zusätzlich die Datei „ATARIBAS.ROM“ installiert, die das komplette BASIC enthält. Nicht alle Rechner wurden standardmäßig mit BASIC ausgerüstet. Beim Atari 400 und 800 musste zusätzlich ein BASIC-Modul eingesetzt werden. Wird auf das BASIC verzichtet, startet der Emulator automatisch in den Selbsttest.

Installation

Nach dem Entpacken von Atari800 ist ein Verzeichnis mit verschiedenen Ordnern entstanden. Im Wurzelverzeichnis befindet sich die startbare Datei. Ein Ordner trägt die Bezeichnung OSRoms. Hier muss das Betriebssystem hinein verschoben werden. Wenn das BASIC mit installiert werden soll, muss sich auch die entsprechende ROM-Datei in diesem Verzeichnis befinden. Beide werden automatisch beim Start des Emulators aktiviert.

Nun kann Atari800 gestartet werden. Wenn korrekte ROMs installiert wurden, sollte sich nach kurzer Zeit ein Fenster öffnen, in dem die bekannte Oberfläche des 8-Bit-Atari sichtbar wird. Nun kann wie bei jedem XL- oder XE-Rechner gearbeitet werden. Theoretisch könnten Sie also nun beginnen, BASIC-Programme oder Directory-Befehle einzugeben. Der Emulator befindet sich nun theoretisch im Zustand eines XL bzw. XE, der noch kein Programm, also auch noch kein DOS geladen hat. Die Eingabe des Befehls „DOS“ führt also zum Selbsttest und nicht zur DOS-Shell.

Konfiguration

Bevor wir Programme nutzen, wollen wir uns erst einmal mit den möglichen Einstellungen beschäftigen. Diese bieten die vielfältigsten Möglichkeiten, sodass eine höchstmögliche Kompatibilität erreicht wird. So kann die Fenstergröße auf den gesamten Monitor gelegt werden (Full Screen). Allerdings ist dies wenig empfehlenswert, denn ein Spiel, das für eine Standardauflösung von 320 x 160 Bildpunkten programmiert wurde, sieht zum Beispiel in einer Auflösung von 1280 x 960 Pixeln gelinde gesagt ziemlich albern aus. Standardmäßig öffnet Atari800 ein Bildschirmfenster, das die originale Startauflösung bietet.

Nicht unwichtig ist die Einstellung des TV-Modus. Einige Spiele und vor allem Demos sind nämlich speziell für die PAL- und NTSC-Auflösung geschrieben worden und nutzen diese Möglichkeiten voll aus. Hier liegt natürlich auch ein weiterer Vorteil eines Emulators. Während eine PAL-Demo auf einem NTSC-Monitor wahrscheinlich nicht oder nicht vollständig darstellbar ist, schaltet der Atari800-Anwender einfach nur elegant in den passenden TV-Modus. Da die meisten Demos und Spiele wohl mittlerweile aus Europa kommen, macht eine Voreinstellung dieses Modus durchaus Sinn.

Äußerst wichtig ist die Einstellung des Atari-Systems, wird hier doch festgelegt, welchen Atari das Programm emulieren soll. Die Liste der verfügbaren Modelle ist weitaus größer als der Produktkatalog von Atari selbst - einen 1088XE hat es (leider) nie gegeben. Es spricht aber nichts dagegen, dieses „Modell“ voreinzustellen, schließlich sollte immer der größtmögliche „Atari“ emuliert werden. Wenn es Kompatibilitäts-Probleme gibt, können Sie immer noch einige Gänge zurück schalten. Generell sollte aber jedes Programm, das auf einem 130 XE läuft, auch auf einem virtuellen 1088 XE seinen Dienst tun. Interessanterweise lässt sich hier auch die Spielkonsole Atari VCS 5200 auswählen, die ja auf der Architektur des XL basiert. Achten Sie zusätzlich darauf, dass alle Patches eingeschaltet sind. Auch dies ist eine Frage der Kompatibilität. Auf schnellen Rechnern sollte außerdem die Limitierung auf die normale Atari-Geschwindigkeit eingeschaltet sein, einige Spiele werden Ihnen sonst davon laufen. Außerdem kann schließlich nur so das wahre „Feeling“ gewährleistet bleiben. Außerdem sollte der Sound standardmäßig eingeschaltet sein. Auf das kultige „Bzzz“ beim Starten muss man aber scheinbar so oder so verzichten.

Die Auswahl der Festplatten ist wohl recht ungewohnt für die meisten XL-/XE-Besitzer, schließlich werden nur die wenigsten so ein „hochmodernes“ Gerät an ihrem originalen Atari betreiben. Die Festplatten, die Atari800 anbietet, sind streng genommen natürlich virtuelle Laufwerke, also Verzeichnisse, die mit ihrem Inhalt eingelesen werden. Eigene Partitionen können nicht formatiert werden. Mit der dazugehörigen Auswahlbox bestimmen Sie die Verzeichnisse, die als Laufwerke anerkannt werden sollen. Mit der Checkbox „Hard Drives Read Only“ verhindern Sie außerdem, dass auf den “Platten“ geschrieben werden kann. Sind Sie reiner Konsument von Programmen, Spielen und Demos sollte dies auch angekreuzt bleiben.

Interessanter ist sicher die Festlegung eines Boot-Mediums. Kaum ein ernsthafter Anwender wird schließlich seinen XL oder XE „roh“ starten, meistens wird zumindest das DOS eingelesen, damit die Diskettenlaufwerke übersichtlich angesprochen werden können. Standardmäßig wird Atari800 immer versuchen, von einer „eingelegten“ Diskette, also einem Disk-lmage, zu starten. Alternativ kann aber auch von einer Cartridge-Datei (wird dann vorgezogen), einer EXE-Datei oder sogar einem Kassetten-Abbild gestartet werden. Das Programm ist hier also hochgradig flexibel.

Verstärkte Aufmerksamkeit sollte der Auswahl der ROM-Dateien gewidmet werden, immerhin bestimmt dies die Emulation des Atari. Wichtig ist dabei, dass Atari800 genau die ROM-dateien der Maschine vorfindet, die wirklich emuliert werden soll. Wollen Sie also einen Atari XL/XE auf Ihrem Rechner betreiben, dann sollte der entsprechende ROM-Inhalt (atarixl.rom) mit der Auswahlbox ausgewählt werden. Wollen Sie zusätzlich das Atari BASIC besitzen, müssen Sie auch diesen ROM-Inhalt auswählen. Nur wenn der zu der Emulation passende Inhalt gefunden wird, kann Atari800 korrekt starten, ansonsten wir gemeckert werden. Sie brauchen übrigens nicht alle zur Auswahl stehenden ROM-Inhalte auch anzugeben. Wenn Sie einen XL emulieren möchten, reichen dessen Inhalte.

Nun muss noch bestimmt werden, wo Atari800 Disk-, Cartridge-, Kassetten-und EXE-Dateien sucht. Die Standardeinstellungen sollten hier in Ordnung gehen, es sei denn, sie haben bereits ein riesiges Verzeichnis mit ATR-Dateien an einen anderen Ort auf der Festplatte geschaufelt.

Die Übersetzung der Controller ist immer ein gewisses Problem bei Emulationen. Atari800 zeigt sich hier recht flexibel. Wie bei einem Atari 400 bzw. 800 können bis zu vier Joystick benutzt werden. Dessen Funktionen können auf verschiedene Elemente der Peripherie verteilt werden. Die besten Erfahrungen haben wir bisher mit den numerischen Tasten gemacht, allerdings variiert dies natürlich von Spiel zu Spiele. Summer Games auf der Tastatur zu spielen, ist bei einigen Sportarten schon etwas mühsam.

Schalten Sie bei einem Joystick den Punkt der Maus-Emulation frei, eröffnen sich hier weitere Möglichkeiten. Unter anderem kann eine ST-Maus, eine Amiga-Maus oder ein Atari Trackball emuliert werden.

Laden von Programmen

Wer einmal mit dem XL/XE gearbeitet hat, weiß, dass sich viele Programme direkt per Kaltstart von einer eingelegten Diskette, einer Kassette oder einem Cartridge starten lassen. Reine BASIC-Programme lassen sich in Atari800 natürlich wie gewohnt im Editor mit dem Befehl „RUN“ starten. Doch wie starte ich Programme, die gar nicht erst das BASIC oder DOS zu Gesicht bekommen?

Zuerst einmal muss die gewünschte Programmdiskette „eingelegt“ werden. Da wir es bei Atari800 ja nur mit Disk-Images, also Abbildern des Disketten-lnhalts, zu tun haben, wählen wir » die entsprechende ATR-Datei aus. Im Menüpunkt „Media“ wird dazu im Unterpunkt „Insert Floppy“ das virtuelle Disk-Laufwerk „DI:“ ausgewählt. Im sich nun öffnende Datei-Requester wird das ATR-File geladen. Figürlich können Sie sich noch vorstellen, dass im Diskettenlaufwerk 1 eine Diskette steckt. Sollen weitere Disketten ausgewählt werden, sie können Sie dies Stück für Stück tun. Die Auswahl können Sie unter dem Menüpunkt „Disk Management“ kontrollieren. Sind nun alle Disketten (die Startdiskette muss in Laufwerk „DI:“ liegen) ausgewählt, muss ein Neustart ausgeführt werden. Lassen Sie nun aber bitte den Reset-Schalter an Ihrem PC oder Mac zufrieden! Unter dem Menüpunkt „Control“ findet sich der Unterpunkt „Cold Reset“, alternativ können Sie auch die Tastenkombination [Shift] und [F5] betätigen. Atari800 agiert nun, als wenn Sie den Rechner mit eingelegten Disketten komplett neu gestartet hätten und versucht, vom Disk-Image „DI:“ zu booten. Befindet sich hier ein startbares Programm, wird dieses direkt hochgefahren. Sollte dies nicht klappen, wiederholen Sie die Prozedur und halten Sie die Taste [Shift] gedrückt.

Disketten-Verwaltung

Sie müssen nicht für jede Diskette, also für jedes Image, einen neuen Ordner anlegen. Schaufeln Sie ruhig alle ATR-Dateien in den Ordner Disks. Per Dateiauswahl picken Sie sich dann immer das richtige Disketten-Abbild heraus.

Weitere Fragen

Sollten Sie weitere Fragen haben, so so kann ich Sie auf die recht umfangreiche Online-Hilfe hinweisen, die Atari800 beiliegt. Hier werden viele Punkte besprochen, die zum Betrieb der Emulation notwendig sind.

[1 ] http://members.cox.net/atarimac/


Thomas Raukamp
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