Editorial - ARAnyM als Linux für den Homebereich?

Ok, ich geb’s offen zu: Die st-computer hat das ARAnyM-Projekt klar unterschätzt. Zu groß war die Begeisterung für neue Hardware wie den ColdFire-„Atari“, als dass wir uns wirklich mit „noch einem Emulator“ intensiv auseinander setzen wollten. Dabei ist uns entgangen, dass hier etwas entsteht, was für die verbleibenden Anwender (von Markt spreche ich in diesem Fall lieber ganz gezielt nicht) von allergrößter Wichtigkeit sein könnte: Ein TOS auf einer modernen Hardware, pfeilschnell bei 2 GHz, hochauflösend bei 16.7 Millionen Farben. Wer bereits die Geschwindigkeit auf einem 68030-Prozessor mag, der wird wohl von einem 2 GHz schnellen Atari fast weg geblasen werden. Und dieser „Atari“ wird auch noch in jedem PC-Laden, jedem Discounter und jedem Media Markt zu finden sein. Denn ARAnyM setzt auf jedem handelsüblichen PC auf. Der Trick: Es ist nicht mehr nötig, als ein Linux-Kernel, auf dem das TOS gestartet werden kann. Nun werden alle notwendigen Komponenten nachgeladen: VDI, AES und (hoffentlich bald) ein moderner Desktop. Der Anwender bekommt vom Linux dabei nichts mit und bootet direkt in seine Atari-Umgebung.

„Und wann soll das fertig sein? In drei Jahren?“, höre ich die leidgeprüften Atari-Fans nun fragen. Nein, das Beste an ARAnyM ist, dass es schon jetzt zu einem gar nicht so kleinen Teil verfügbar ist. Was heißt das konkret? Das heißt, dass Sie ARAnyM heute noch ausprobieren können. Auf der Webseite des weltweiten Projekts stehen alle wichtigen Dateien bereit, auf unserer stCD, die Sie für nur EUR 10.- nachbestellen können (wenn Sie noch kein CD-Abonnent sind) findet sich sogar bereits ein 100 MBytes großes HD-Image mit allen notwendigen Bestandteilen. Natürlich ist ARAnyM noch nicht perfekt (immerhin ist noch nicht die Version 1.0 erreicht), trotzdem sind die Ergebnisse schon jetzt erstaunlich: Komplett nutzbarer 68040-Code, hohe Kompatibilität, freies TOS...

Wird also doch noch alles gut? Vielleicht, aber auf jeden Fall sieht es so aus, als wenn Sie noch lange mit Ihrem Lieblings-System arbeiten können, wenn Sie das wünschen. Und dies auf stets aktueller Hardware. Die Voraussetzungen könnten sich jedoch ändern: Statt in einem „Markt“ bewegen Sie sich in einem Linux-ähnlichen Umfeld, denn abgesehen von der Hardware wird Ihr nächster „Atari“ kostenlos sein. Nun müssen nur noch die verfügbaren Software-Entwickler Gefallen an der Open-Source-Idee finden - Ansätze gibt es ja bereit, man denke nur an HighWire.

Und der ColdFire-Atari? Nun, das Schlaueste wäre wohl, wenn sich das ACP-Team um eine ARAnyM-Distribution für den ColdFire 4e bemüht, damit nicht wieder zwei unterschiedliche Standards in der Atari-Welt entstehen...


Thomas Raukamp
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