Editorial - Mathe, Schnee und Atari

Es der Winter des Jahres 1985. Mein schulischen Leistungen waren miserabel, was ich jedenfalls in der Sympathieskala vor meinen Freunden durch eine Berufung in das BasketballSchulteam wieder ausglich - meine Eltern waren dagegen nicht so leicht zu bestechen. In der Popmusik war es gerade hip, sich originelle Bandnamen zuzulegen. Und so dudelten im Radio Hits von Depeche Mode, Duran Duran und Frankie Goes To Hollywood. Eltern und Lehrer schockten wir mit Frisuren, die wir uns von den Stars aus „Formel Eins" abgeschaut hatten. Ich selbst färbte meine Haare wasserstoffblond, und meine Wochenration an Haarspray, um die ganze Pracht in die Höhe zu stylen, belief sich auf ca. 5 Dosen.

Auf meinem Weg zur Schule lag ein kleines, unscheinbares Heimcomputergeschäft; eines von der Sorte, wie sie damals zu Dutzenden aus dem Boden sprießten. Wie immer leuchteten in den Schaufenstern die Monitore in den frostigen Morgen, als wenn sie noch etwas zur Kälte um mich herum und in mir drin beitragen wollten. Aber an diesem ganz bestimmten Morgen war etwas anders als sonst: ein Monitor flimmerte nicht wie die übrigen, sondern bot eine Schärfe, wie ich sie bis dahin noch nie gesehen hatte. Augenblicklich blieb ich stehen und begann, mir meine Nase an der Schaufensterscheibe platt zu drücken. Vor diesem Monitor stand eine unscheinbare graue Box mit Tasten darin. An diesem Tag sah ich meinen ersten Atari ST, der es aus dem sonnigen Kalifornien bis zu uns in unsere eisige Kleinstadt in Norddeutschland geschafft hatte.

Dieser Tag veränderte tatsächlich mein Leben. Jeden folgenden Tag, jede folgende Woche und jeden folgenden Monat stand ich nun vor diesem kleinen Geschäft und bestaunte immer wieder dieselben Demografiken auf dieser Maschine. Oft war dieses für mich damals unfassbare Schauspiel Schuld daran, dass ich zu spät zum Unterricht oder mittags zu spät zum Essen erschien. Doch der Atari war all den Ärger wert. Nichts schien ich damals mehr zu begehren, nichts schien mehr meine Fantasie anzuregen, nichts sollte je wieder meine Erwartungen an einen Computer derart prägen wie diese kalten Stunden vor den Fenstern des Computergeschäfts.

Nun, mittlerweile habe ich einige Ataris besessen. Die Zeiten haben sich geändert. Beruflich arbeite ich heute am "Big Mac" G4, und der Falcon 030 auf meinem Schreibtisch wich vor ein paar Tagen einem iBook/600 mit MagiCMac. Aber ein paar Dinge ändern sich nie: der November ist wieder kalt vor meinem Fenster, in Mathematik bin ich nach wie vor eine Niete und meine Erwartungen, mein Verständnis und meine Arbeitsweise am Computer ist die eines stolzen Atari-Anwenders. Nie wieder wird diese Inspiration aus meinem Leben verschwinden.


Thomas Raukamp
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