Atari-Fans des Monats: Gorillaz

Es gibt genügend Mitmenschen, die gerne und ausgiebig über die Stagnation zeitgenössischer Musik lamentieren, während man mal wieder dem Live-Auftritt einer austauschbaren XY-Combo beiwohnt. Es gibt aber auch Menschen, die etwas dagegen unternehmen. Irgendwann im Jahr 1999 lungern Damon Albarn und Jamie Hewlett in ihrer Londoner WG herum und auch sie sind unzufrieden mit so ziemlich allem im Musikbiz. Dann die Eingebung: eine Zeichentrick-Süpergroup müsste her; eine Projektionsfläche, die einem sämtliche Promotion abnimmt, da man die Fäden im Hintergrund zieht. Mit einem Soundtrack, der keine Stilgrenzen zulässt, da ständig Gastmusiker angeheuert würden.

Im nächsten Moment verwirft Blur-Sänger Albarn Pläne für ein Soloalbum und „Tank Girl"-Comiczeichner Hewlett lässt seine gesammelten Filmideen in der Schublade. Die Aussicht, eine virtuelle Band zu erschaffen, die auch ohne physische Präsenz in der Öffentlichkeit agiert, begeistert beide und das Projekt „Gorillaz" wird geboren. Hewlett bringt flugs vier Zeichentrick-Charaktere zu Papier: Murdoc (aka Hewlett), 2-D (Albarn) sowie Russell und Noodle. Für die letzten beiden werden Ice Cubes Cousin Del Tha Funky Homosapien (dr) sowie Miho Hatori (g) von der New Yorker Indieband Cibo Matto verpflichtet. Ins Aufnahmestudio schauen u.a. Ibrahim Ferrer vom Happy Cuba-Club, Hip Hop-DJ Kid Koala und zwei alte Talking Heads-Members (Tina Weymouth, Chris Frantz) vorbei. Produzieren soll Mischpult-Wizard Dan „The Automator" Nakurama. Soweit zu den Akteuren aus Fleisch und Blut. Noch bevor man musikalische Eindrücke vernimmt, präsentieren sich die Gorillaz auf ihrer Homepage als vollwertige Band mit Biographie.

Nun ließen schon Kraftwerk 1978 ihre Roboter auf Pressekonferenzen Interviews geben. Die Gorillaz-Musiker nutzen Videoclips und das Internet, um ihren Comic-Abbildern Leben einzuhauchen. Ende 2000 entert die Single „Tomorrow Comes Today" die UK-Charts; eine Jamaica-Groove-Nummer mit Melodica-Hookline. In Deutschland chartet erst die Nachfolge-Single „Clint Eastwood". Auf dem Debutalbum stehen Punkkracher so dicht an Easy Listening- und Hip Hop-Versuchen, dass auch neue Genre-Kreationen wie „Zombie Hip Hop" das Phänomen nicht wirklich fassen.

Einen Live-Auftritt hat die Combo bereits hinter sich: im März 2001 durfte London eine 45-Minuten-Performance erleben, bei dem die Comichelden auf die Leinwand proji-ziert wurden, hinter der sich ein Teil der wahren Musiker, für die Zuschauer unsichtbar, an den Instrumenten zu schaffen machte. Für den Sommer sind neue Auftritte in Planung. Dort können die von gängigen Liveshows gelangweilten Musikfreaks dann nachprüfen, ob die Gorillaz das neue Pop-Entertainment verkörpern. Mit leblosen Körpern.

Interessant ist die Webseite der Band auch aus einem anderen Grunde: es findet sich ein Atari VCS-Emulator zum Herunterladen - Comic-Realität pur.

Quelle: laut.de/wortlaut/artists/g/gorillaz/



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