XaAES-Talk: Im Gespräch mit Henk Robbers

Das freie AES für MiNT-Systeme bald als Standard?

Nachdem die Entwicklung von MagiC scheinbar ins Stocken geraten ist, schielen immer mehr Atari-Anwender auf MiNT als Multitasking-Alternative für ihren Rechner. Und tatsächlich ist der freie Kernel in Zeiten von Open Source sowie der weiten Verbreitung von Freeware immer interessanter geworden und steht besonders auf schnellen TOS-Rechnern MagiC in kaum etwas nach.

MiNT macht aber noch kein komplettes Betriebssystem aus, sondert stellt grundsätzlich nur den Kernel für eine Umgebung dar, mit dem der Anwender arbeiten kann. Eine weitere wichtige Ebene ist das AES, das praktisch in Verbindung mit dem Desktop die Kommunikation zwischen Kernel und Anwender bereit stellt. Unter MiNT hat nach Ataris „Erstversuch" MultiTOS besonders das N.AES Verbreitung gefunden. Obwohl es sich dabei besonders in der Version 2.0 um ein exzellentes und schnelles AES-System handelt, pflegt es doch nicht den Open Source-Gedanken. Es ist nicht frei erhältlich, sondern wird kommerziell von woller Systeme vertrieben.

Der Niederländer Henk Robbers versucht mit der Entwicklung von XaAES die Lücke eines frei erhältlichen AES-Systems zu schließen. Thomas Raukamp traf den Computer-Veteranen und freute sich über ein überaus interessantes Gespräch über den Atari sowie den Rest der Welt.

Henk, schön mit Dir zu sprechen. Viele Anwender werden Deinen Namen zum ersten Mal hören. Könntest Du Dich kurz vorstellen?

Ich bin ein ehemaliger Systemprogrammierer. Ich habe von 1986 bis 1983 an Mainframe-Systemen gearbeitet.

Dann habe ich die professionelle IT-World verlassen - in erster Linie deshalb, weil mir deren Qualitätslevel und Anspruch nicht mehr gefiel. Da laufen einfach zuviele Leute aus Softwarehäusern herum.

Die Systeme, an den ich arbeitete, waren der ICL 1900 und der ICL 2900. ICL existiert übrigens noch und stellt jetzt Kassensysteme her.

Wie lange gehörst Du schon zur Atari-Community?

Seit dem Jahre 1987. Zuerst in prächtiger Isolation, seit 1998 bin ich aber durch das Internet mit dem Rest der Welt verbunden.

Wie kamst Du von den Mainframe-Systemen zum Atari?

Nachdem ich ein paar Jahre ohne Computer gelebt habe, vermisste ich das Programmieren, das für mich immer eine der schönsten Beschäftigungen war. Natürlich erschien damals der IBM PC auf dem Markt, für mich war das aber keine gute Wahl. Dieses „C:" in den falschen Farben in viel zu kleinen Buchstaben auf dem Bildschirm hat mich instinktiv abgeschreckt. Dann sah ich zum ersten Mal, wie ein Computer wirklich auszusehen hatte: gestochen schwarze Schrift auf einem weißen Hintergrund, genau wie es in Büchern seit Jahrhunderten vorgemacht wurde. Eigentlich war es die erste wirkliche Benutzeroberfläche, die ich je gesehen hatte. Ich wusste sofort, dass der Atari die einzig wahre Methode lieferte, wie man einen Computer zu bedienen hatte - ohne all die kryptischen Befehle und die ganzen Verzeichnis- und Programmnamen, an die man sich erinnern musste. Endlich keine wichtigen Informationen mehr, die aus dem Bildschirm scrollten. Und endlich keine endlosen Kommandos mehr eintippen!

Seit den frühen 90er Jahren gibt es in der Atari-Welt einen Kampf zwischen MagiC- und MiNT-Fans. Du bist offensichtlich ein MiNT-Anwender. Was halst Du selbst von MagiC?

MagiC ist das schnellste Betriebssystem auf dem Atari und wird zu einem absolut lächerlichen Preis angeboten. Da es aber kommerziell vertrieben wird, entscheiden sich kommerzielle Anwender, die noch mit dem Atari arbeiten, ganz natürlich dafür. Allerdings stellen diese eine aussterbende Gattung dar, befürchte ich...

MiNT erscheint mir dagegen manchmal als ein Projekt reiner Hobby-Enthusiasten. Kann ein Hobby-Projekt im professionellen Markt bestehen? Oder ist MiNT doch nur ein Projekt von Enthusiasten für Enthusiasten?

Das hängt davon ab, wieviele Leute man ins Boot bekommt und wieviel Zeit diese mitbringen. Die Tatsache, dass MiNT aber nicht aus aus Geldgründen entwickelt wird, gibt dem System seinen langen Atem. Ich möchte die Situation einmal mit der beim Fernschach vergleichen. Das gesamte Spiel dauert vielleicht Jahre, aber am Ende könnte dabei theoretisch das perfekte Spiel heraus kommen. gcc und Linux haben sich z.B. zu Referenz-Systemen entwickelt. Wenn Du wissen willst, wie Probleme gelöst werden, schau Dir diese Beispiele an.

Was denkst Du überhaupt über Linux? Kann es gehen Windows bestehen?

Wir dürfen nicht vergessen, dass es sich bei Linux eigentlich nur um einen Kernel handelt. Es hat aber das Potential die „Mutter aller Kernels" zu werden, wenn es dies nicht sogar schon ist. Speicherschutz und virtueller Speicher sind aber keine Erfindungen der Unix-Leute. Diese Technologien gibt es seit den frühen fünfziger Jahren. Ein frei verfügbarer Kernel macht es aber möglich, dass antike Technologien überleben können, ohne dass sie ständig neu erfunden werden müssen. Außerdem ist Unix eigentlich das einzige Betriebssystem, das den Wechsel vom Mainstream- zum Desktop-System überlebt hat. Dies hat es den DEC PDPs zu verdanken, und natürlich nicht den IBM-Kompatiblen. Diese waren bei ihrer Einführung einfach zu schlecht, um mit irgendetwas mithalten zu können, was auf Mainframes lief.

Was übrig geblieben ist, ist der Vergleich zwischen Windows und Linux auf Desktop-Rechnern. Ich fürchte, Windows hat hier ganz klare Vorteile. Es ist einfach kompletter. Ich selbst betreibe ein Linux-System mit KDE. Ich fürchte, das Ganze sieht zu sehr nach nach Windows aus, und es fühlt sich leider auch so an.

Aber es gibt Hoffnung. Microsoft hat sich entschlossen, ein Windows-Version zu veröffentlichen, die sein exponentielles Wachstum beenden könnte. Eine weitere Steigerung könnte es unmöglich machen, dass Windows auf irgendeiner erhältlichen Hardware laufen kann (lacht). Hier kann dann Linux mit KDE eine Alternative darstellen. Wenn KDE nicht denselben Weg wie Microsoft geht...

«Ich würde gern ein System sehen, das zehnmal so schnell arbeitet wie mein Atari TT und trotzdem genauso schnell startet. Mir ist eigentlich egal, wie dies erreicht wird.» Henk Robbers über einen Atari-Clone auf ColdFire-Basis.

Was denkst Du dagegen von Apples Entscheidung für Darwin als Kernel für sein neues Betriebssystem Mac OS X.

Wenn es sich bei Darwin wirklich um einen Unix-Kernel handelt, haben sie einen kleinen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Ich würde aber sowohl Apple als auch Microsoft empfehlen, komplett zu Linux zu wechseln. Der Kernel stellt doch nur einen kleinen Teil des gesamten Betriebssystems dar. Beide Unternehmen könnten sich dann darauf konzentrieren, was sie immer am besten konnten: Geld aus gar nichts zu machen.

Zurück zum Atari. Dein Hauptprojekt ist XaAES. Was hast Du sonst noch für die Atari-Plattform veröffentlicht?

TT-Digger, einen interaktiven Disassembler. Außerdem AHCX, einen experimentellen Texteditor (getestet in st-computer 02-2001). Bei dem Editor handelt es sich eigentlich um ein fehlerbereinigte Version des Pure C-Editors. Er stellte für mich eine Übung in GEM-Programmie-rung dar. Außerdem stellt er den Anfang eines langfristigen Projekts dar, das vielleicht nie enden wird. Es geht dabei um die Entwicklung einer privaten Programmiersprache und dem dazu gehörigen Entwicklungssystem auf Basis des Sozobon-Kerns.

Ein eigenes AES für ein Computersystem zu entwickeln scheint mir doch ein wirklich schwieriges Unterfangen zu sein. Was ist Deine Motivation hinter XaAES?

Erstens will ich mein eigenes haben (lacht). Zweitens wollte ich etwas Fundamentales entwickeln. Drittens fehlte in der Kette „Kernel-GUI-Desktop" noch ein freies AES.

Ich muss aber gestehen, dass ich XaAES nicht komplett allein geschrieben habe. Meine Vorgänger haben das Fundament gelegt, das sehr vielversprechend aussah. Es traf sich gut, dass ich gerade genügend Zeit habe, um es zu vervollständigen.

Wieviele Leute arbeiten denn zurzeit an XaAES? Oder handelt es sich wieder um eine„One-Man-Show"?

Im Moment bin ich der Einzige, der Code hinzufügt. Aber es gibt um mich herum viele hilfreiche Leute, die viel Zeit und Mühe ins Testen investieren. Ohne sie wäre die Vervollständigung eines AES-Systems unmöglich.

**Gibt es irgendwelche speziellen Voraussetzungen (neben MiNT), um XaAES betreiben zu können? »

Nichts dergleichen.

Keep on Rockin' in the free World: Oben Smurf, unten AniPlayer unter XaAES.

Welche Desktops werden zurzeit unterstützt? Oder planst Du für XaAES jetzt oder in Zukunft einen eigenen Desktop?

XaAES muss eigentlich gar nicht wissen, ob ein bestimmtes Programm ein Desktop ist oder nicht. Jedes GEM-Programm kann die Funktion „shell_write" aufrufen und daher Desktop-Funktionen übernehmen.

Gibt es irgendwelche Vorteile oder Nachteile für Entwickler, die XaAES unterstützen möchten?

Ja, es gibt einen Vorteil. Unter XaAES ist es nicht mehr nötig, eigene Fenster zu erschaffen und zu erhalten, um Dialoge zu programmieren, die nicht das gesamte System blockieren. XaAES kann ermittelt die Standardaufrufe, erschafft selbst ein Fenster und blockiert dabei nicht den Bildschirm. Viele alte Programme profitieren davon.

Erreicht wird dies durch die Kombination „form_dial - objc_draw -form„do - form_dial". Solange sich „objc_draw" und „form_do" an den selben Objektbaum halten, können sie so oft wie nötig wiederholt werden.

Fehlen XaAES noch irgend welche Oberflächenelemente, wie z.B. Popup-Menüs oder Radio-Buttons?

Alle GUlI-Elemente des GEM 4-Standards sollten enthalten sein. Scrollende Popups fehlen aber nach wie, werden aber natürlich bald nachgereicht.

Wie stabil läuft das System?

Ich finde immer noch Fehler. Es gibt bei der ganzen Sache ein Problem: immer noch ist der meiste Code nicht von mir selbst verfasst. Das heißt natürlich nicht, dass er schlecht sein muss, sondern dass ich mir nicht über alle Teile einen Kommentar erlauben kann. Ich selbst bin mir meiner Fehler bewusst, was mir die Möglichkeit gibt, herauszufinden, was noch Nachbearbeitung braucht. Wenn es um fremden Code geht, ist dies aber nicht möglich.

In Sachen Stabilität sieht es so aus, dass ein Programm, das einen Tag läuft, auch eine Woche oder einen Monat stabil läuft. Ich habe gehört, dass Calamus SL läuft. Ich selbst habe mit Papyrus und Smurf herumgespielt. Die sind natürlich nur einige Beispiele. Es ist durchaus möglich, dass ich nicht viele Programme nennen kann, weil sich nicht sonderlich viele Leute bei mir beschweren (lacht). Seien wir also optimistisch...

Wie würdest Du XaAES im Vergleich zu der kommerziellen Lösung N.AES sehen?

XaAES macht maximalen Nutzen der MiNT-Leistungen. Es enthält nichts, was MiNT schneller oder langsamer machen könnte. Wenn MiNT langsam ist, ist auch XaAES langsam. Die Motivation liegt dann bei den MiNT-Entwicklern, etwas daran zu ändern. So sieht nun einmal die Realität aus. Stell Dir vor. Du steckst eine Heidenarbeit in die Optimierung Deines Codes, und es stellt sich heraus, dass es keinen Unterschied macht, weil er gar nicht ausgenutzt wird. Wenn also MiNT schneller wird, profitiert XaAES automatisch davon.

Kleine Sensation ganz unscheinbar verpackt: mit dem XII Server laufen Unix-Applikationen unter MiNT, hier der leistungsfähige Browser Opera 5.x.

Der Unterschied zwischen N.AES und XaAES ist einfach nur, dass XaAES viel Zeit hat. Das Ergebnis davon ist, dass genau soviel Arbeit darin investiert wird, wie es nötig ist und dass alle Teile so kompakt und transparent wie irgend möglich entwickelt werden können. Der maximale Nutzen von MiNT stellt dabei sicher, dass die Kombination außerordentlich multitaskingfreundlich agiert.

Wann planst Du die erste finale Version von XaAES?

Sobald XaAES alle Funktionen der Version 4 des AES unterstützt und die Fehlerberichte über einen Zeitraum von 6 Monaten ausreichend gering bleiben.

Das xTOS-Projekt scheint eine ziemlich interessante Entwicklung für den Atari-Markt zu sein? Was denkst Du darüber?

Ich würde gern ein System sehen, dass zehnmal so schnell arbeitet wie mein Atari TT und trotzdem genauso schnell startet. Mir ist eigentlich egal, wie dies erreicht wird. Wichtig ist auch, dass IEEE-Floating-Point-Operationen in einer vergleichbaren Geschwindigkeit ablaufen.

Könntest Du Dir vorstellen, dass XaAES das Standard-System für den Pegasus oder einen anderen neuen TOS-Rechner wird?

Natürlich denke ich über so etwas nach, ich bin schließlich nur ein Mensch (lacht)! Es ist mein Ziel, XaAES zum Standard auf allen Atari-Systemen ab 16 MHz zu machen.

Wie schwierig wäre es, den MiNT-Kernel nativ auf eine PowerPC-Hardware wie z.B. das bpIan-Board zu portieren?

Hm. Warte lieber auf ein 2 GHz schnelles Board von Apple und schreibe einen Emulator. Nenne das Ganze nicht Emulator, nenne es lieber Microcode (lacht).

In den frühen ZOern entwickelte entwickelte ICL eine neue Reihe von Mainframe-Hardware. Die erste Generation war noch komplett festverdrahtet. Die zweite Generation aus dem Jahre 19Z6 war dann schon zehn Mal so schnell. Es gab aber noch sehr viel alte Software. Die zweite Generation hatte bereits einen sehr schnellen RISC-Prozessor, der sowohl alte wie auch neue Programme viel schneller als auf dem festverdrahteten Original laufen lassen konnte. ICL ließ einfach die Bezeichnung „Assembly" fallen und nannte das Ganze „Primitive Level Interface". Das ist nur ein Beispiel.

Der IBM PC hat dann den Stand der Computerentwicklung 1985 um 35 Jahre zurück geworfen. Man hat einfach nur einen Computer aus den 50er Jahren geschrumpft - und den schlechtesten dazu...

Eine Menge Leute in der Atari-Welt diskutieren gerade darüber, ob der Quellcode des TOS frei erhältlich gemacht werden sollte. Würde die verbliebene Gemeinde wirklich davon profitieren?

Keiner würde irgendetwas durch diese sehr alte und schlampig geschriebene Software gewinnen. Stell diese Frage doch einmal Michael Schwingen, der das TOS für den Milan angepasst hat (lacht)...

Die Open Source-Bewegung erfreut sich zurzeit großer Aufmerksamkeit. Mittlerweile möchten auch große Namen wie Sun und Microsoft davon profitieren...

Es ist wirklich sehr wichtig, dass die GPL-Bewegung wirklich sauber erhalten bleibt. Die großen Jungs können viel Unheil anrichten, wenn man nicht auf sie achtet!

Denkst Du, dass Open Source die Zukunft des Computings ist?

Nicht die Zukunft, aber es spielt eine wichtige Rolle, vergleichbar mit der Rolle von Universitäten bei der wissenschaftlichen Forschung.

Henk, es hat viel Spaß gemacht, mit Dir zu reden.

Finde ich auch, a

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Thomas Raukamp
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