Editorial - «Sicher bauen auf einem festen Fundament»

Die Weiterentwicklung des TOS bietet echte Chancen

Wer von der Zukunft des Atari-Markts redet, zögert meist nicht, in demselben Atemzug neue, leistungsfähige Hardware zu fordern. Und immer wieder hält man hier nach Alternativen Ausschau: Der Milan II sollte mit einer 68060-CPU laufen, das Projekt Pegasus favorisiert den Coldfire und hier und da wird sogar der Begriff G3/G4 in den Mund genommen. So lobenswert und wichtig solche Projekte sind, verhüllen sie doch die Problematik, die die Entwicklung einer Alternativ-Plattform mit sich bringt: Sie erfordert Zeit, da man Probleme umschiffen muss, die Hersteller von Mainstream-Plattformen (also von Intel- und AMD-Boards) innerhalb ihres Quasi-Industriestandards längst gelöst haben -das Ausgehen von wichtigen Bauteilen beim Milan II in letzter Minute ist hier nur das allzu tragischste Beispiel.

Einen etwas anderen Weg hat in den letzten zwei Jahren der Amiga-Markt beschritten. Parallel zur Konzeption von Beschleuniger- und PCI-Boards wurde die Entwicklung des Betriebssystems AmigaOS voran getrieben. Der erste Schritt war hier die Veröffentlichung eines Erweiterungspakets, das dem Anwender in erster Linie eine neue Oberfläche, einen Internetzugang und die Definition von neuen Standards - so z.B. für die Integration des PowerPC in das System - bescherte. Außerdem wurden grobe Fehler ausgemerzt und Defizite wie ein veraltetes Dateisystem überarbeitet. Das Ergebnis war ein offizielles Update für alle Anwender des „Classic“ Amiga.

Auch das TOS des Atari könnte schon längst eine Überarbeitung gebrauchen. Dabei geht es gar nicht darum das Rad nochmals neu zu erfinden - immerhin müssen keine Pfade beschritten werden, die mit MagiC und N.AES längst gewiesen sind. Vielmehr geht es auch beim Atari darum Standards zu setzen und Entwicklungen offiziell zu machen. Derzeit gibt es zuviel Wildwuchs, der die Anwender und Entwickler gleichermaßen irritiert: Welcher Internet-Stack sollte unterstützt werden? Wie wird die PowerPC-CPU der Tempest-Karte integriert? Und geht man nun in Richtung MagiC oder MiNT? Mit welchem Desktop sollte ein Programm optimal zusammenarbeiten? Diese und noch viele weitere Fragen könnten durch ein neues, „offizielles“ TOS-Update geklärt werden. Natürlich wird es die optimale Lösung nicht geben und besonders das erste Update könnte den Eindruck erwecken, eine Zusammenstellung der in der Zwischenzeit entstandenen Entwicklungen zu sein. Doch die Definition von neuen Realitäten für Entwickler und Anwender würde frischen Wind bringen und den Markt wieder auf etwas sicherere Beine stellen. Nur ein festes Fundament bietet genug Stand um neue Gebäude zu errichten.


Thomas Raukamp
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