Editorial: Wohin soll das führen?

Betrachte ich mir die Tendenzen auf dem Computermarkt mal aus persönlicher Sicht, dann finde ich die Entwicklung recht besorgniserregend.

Wie Sie sicherlich wissen, haben wir in der Redaktion neben ATARIs auch einen PC und einen Mac installiert, um in allerlei Hinsicht datenkompatibel zu sein. Allerdings hat sich in den vergangenen Jahren so einiges geändert. Musste man Anfang der 90er Jahre „nur“ (und das ist schon ein Hohn!) alle zwei Jahre das PC-System erneuern, um dem Fortschritt der Zeit standzuhalten, so scheint der Trend dahin zu gehen, dass man inzwischen im Abstand von 6 Monaten aufrüsten muss. Leider ist es auch nicht so, dass man als genügsamer Mensch für sich selbst mit einem veralteten System von 1996 zufrieden sein könnte, denn auch die Software stellt bei effektiv gleichbleibender Leistung immer höhere Anforderungen an die Hardware. Während man vor zwei Jahren noch zufrieden war, eine ordentliche Textverarbeitung mit Rechtschreibprüfung zu besitzen, so hüpft beim Tippen auf neueren Textsystemen eine animierte Büroklammer herum, die zu allem einen Kommentar abgibt - und wie viele andere unnötige Features auch nur ein Rechenzeit-Fresser ist.

Dabei sollte der PC-User sich nicht einreden, er habe durch die rasante Entwicklung den Vorteil, dass die CPU-Preise rasch sinken würden, denn wohin ich auch blicke: Überall herrscht Unentschlossenheit darüber, ob man das preislich gesenkte System kaufen sollte oder lieber doch nicht, da es schon in 6 bis 12 Monaten nicht mehr hardwarekompatibel sein könnte.

All dieses scheint sich nur deswegen zu ereignen, weil die Wünsche der Kunden in der Regel befriedigt sind. Was will man denn mehr als eine gute Textverarbeitung, eine Datenverwaltung und Tabellenkalkulation oder ein tolles DTP-Programm? Bevor der Markt also zusammenbricht, weil jeder mit der ihm zur Verfügung stehenden Software glücklich ist, wird ein künstliches Kaufbedürfnis erzeugt, indem Standards geschaffen werden, die eigentlich gar keine sind.

Eine große PC-Fachzeitschrift hat es kürzlich wieder deutlich gemacht: Microsoft benötigte drei Jahre für den Nachfolger von Windows95, um ein System vorzustellen, das nach wie vor unter seiner Schwerfälligkeit leidet, auf DOS basiert und nur von der steigenden Hardwareperformance profitiert.

Offensichtlich ist eine der wichtigsten Neuerungen die Anpassung des Systems an einen Internet-Browser, so dass sowohl Desktop als auch Dateisysteme in Echtzeit ins HTML-Format konvertiert und angezeigt werden. Der „Vorteil“ liegt doch auf der Hand: Der Bildschirm baut sich wieder so langsam auf, als wenn man einen 1994er PC hätte, und der Rechner loggt sich hier und da einfach via ISDN-Karte ins Internet ein, um es in der Telefonleitung rasseln zu lassen. Aber keine Bange: Da ISDN-Karten nicht mehr so altertümlich klackern und tuten wie das Modem, merkt man die Selbständigkeit des Rechners erst bei Eintreffen der Telefonrechnung.

Der Mensch als Geisel der Maschine - sind das nicht rosige Aussichten?

A. Goukassian


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