Der ATARI-Nachfolger ist im Anflug: Milan

Der Milan - ein ATARI-Nachfolger par Excellence wird auf der ATARI-Messe in Neuss seinen ersten Auftritt feiern.

Unsere Milan-Artikel der vergangenen Ausgaben sind in der jüngsten Vergangenheit teils euphorisch, teils mit Skepsis aufgenommen worden. Und das zurecht: Schließlich hat es bereits viele Versuche gegeben, einen adäquaten ATARI-Clone zu produzieren - lediglich der Hades konnte bislang erfolgreich vermarktet werden. Doch wenige Tage vor Redaktionsschluß halten wir die Möglichkeit, einen ersten Milan zu begutachten. Prototypen für diverse Entwickler wurden bereits im Juli in Auftrag gegeben, so dass diese seit Ende August emsig an der Anpassung von Software und Treibern arbeiten können.

Doch beginnen wir am Anfang der Milan-Story:
Was ist der Milan? "Die logische Fortführung der ATARI-Produktpalette, allerdings unter Berücksichtigung des technischen Fortschritts der 90er Jahre". So oder ähnlich könnte man kurz zusammenfassen, was sich hinter dem Namen des Falken-ähnlichen Greifvogels verbirgt.

Um es aber präziser auszudrücken: Der Milan ist ein TOS-kompatibler Computer, der auf Basis des MotorolaChipsatzes und mit Integration moderner PCI-Technologie entwickelt wurde. Er wurde getreu der ATARI-Prämisse "Power without the price" oder "Wir machen Spitzentechnologie preiswert" konzipiert und sollte das perfekte Werkzeug für den privaten aber auch kommerziellen ATARI-Anwender darstellen.

Seit unserer letzten Vorstellung hat sich aber eine Menge geändert. So z. B. die CPU, die im Herzen des Milan schlagen wird:
Anstatt eines 68030-Prozessors mit 33 MHz (wie ursprünglich geplant) wird im neuen Milan eine 68040-CPU verwendet.

Nehmen wir aber einige technische Daten vorweg (siehe Tabelle 1 - nächste Seite).
Was Sie den technischen Details dieses Rechners entnehmen können, klingt für den einen Anwender sicherlich sehr beeindruckend, für den anderen ist es aber nur Fachchinesisch. Daher möchten wir einige der genannten Punkte etwas näher beschreiben:

Die CPU

Entgegen der Absicht, eine 68030-CPU zu verwenden, haben die Entwickler den höheren Preis der 68040-CPU in Kauf genommen, um eine hohe, der heutigen Zeit angemessene Rechengeschwindigkeit zu erreichen. Dank des integrierten Burst-Cache und der Verwendung schneller RAM-Bausteine wird es keinen Flaschenhals-Effekt beim Transfer der Daten zwischen CPU und Speicher geben.

Weiterhin sollte bei dem Vergleich zwischen Motorola- und Intel-CPUs beachtet werden, dass gleich Betaktete Motorola-Chips deutlich schneller als die Konkurrenz-Chips sind, da sie über einen geringeren Befehlssatz verfügen. Beispiel: Versuchen Sie auf einem 386er mit 16 MHz die Leistung eines ATARI-Falcon zu erreichen ...

Dies ist, speziell mit Hinblick auf das Harddiskrecording, erst seit der Veröffentlichung des Pentium möglich.

Steckplätze

Der Milan verfügt über insgesamt 7 Steckplätze: 4 Steckplätze entsprechen der PCI-Norm, 3 weitere der ISANorm.
Die PCI-Technik ist die modernere Variante, zumal diese über einen 32 bit-Zugriff verfügt. Heutige PC-Karten im Bereich Grafik-, SCSI- und 3D-Beschleunigungs-Anschluss werden aufgrund der hohen Übertragungsraten nahezu ausschließlich im PCI-Format verkauft.

Karten, bei denen die Übertragungsgeschwindigkeit nicht so sehr relevant ist (Soundkarten, einige Netzwerkkarten, ISDN-Karten ...) werden nach wie vor als ISA-Karten vertrieben.
Sämtliche hier genannten Karten werden über kurz oderlang auch am Milan anzuschließen sein, da dieser über genormte PCI-Schnittstellen verfügt.

Beim Verkaufsstart wird auf jeden Fall eine Grafikkarte angepasst vorliegen (da man ansonsten beim Einschalten des Gerätes nichts sehen würde ...).

RAM-Speicher

Der RAM-Speicher ist ähnlich komfortabel wie bei PCs auszubauen. Die vier vorhandenen Steckplätze können einzeln bestückt werden. Das empfohlene Minimum liegt bei 8 MB-RAM. Die erforderlichen EDO-RAMs sind standardisiert und werden von nahezu jedem modernen PC-System unterstützt. Der maximale Ausbau liegt bei 512 MB-RAM - ein Grundstock für den Einsatz in professionellen Bereichen.

Betriebssystem

Aufgrund der angestrebten Kompatibilität wird der Milan über ein modifiziertes ATARI-TOS-Betriebssystem verfügen. Dieses wird auf Flash-Eproms geschrieben und kann somit jederzeit vom Anwender selbst durch überarbeitete, neue Versionen getauscht werden.

Weiterentwickelte TOS-Versionen werden über das Internet angeboten oder vom Hersteller ausgeliefert.
An der Anpassung von Betriebssystemerweiterungen wie z. B. Multitasking, moderne Desktops mit langen Dateinamen usw. wird derzeit gearbeitet.

Kompatibilität
Der Milan ist ein erweiterbares, durch die vielen Steckplätze modular ausgelegtes Computersystem. Er verfügt nicht über:

Der Grund hierfür ist sehr einfach. Bei Integration dieser Komponenten wäre der Preis für das System erheblich gestiegen. Es muss aber davon ausgegangen werden, dass die Einsatzgebiete für den Milan sehr differenziert sein werden. Angefangen von der einfachen Textverarbeitung und Tabellenkalkulation, die weder eine SCSISchnittstelle, den ROM-Port noch eine Soundausgabe benötigen, bis zum DTP- und Musikrechner werden verschiedene Aufgaben an das System gestellt. Warum sollen aber alle Anwender einen einheitlich höheren Preis zahlen müssen?

Das Nachrüsten der oben genannten Komponenten wird schon bald ermöglicht.
Allerdings sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Signaltöne für den TastaturKlick oder Fehlermeldungen auch über den internen, im Gehäuse eingebauten PC-Lautsprechererfolgen können.

Die erste Karte, die nach Erscheinen des Milan für das TOS-Betriebssystem angepasst wird, ist die SCSISchnittstelle, d a viele ATARI-Anwender alte Festplatten direkt übernehmen oder auch externe Geräte - wie z.B. einen CDSchreiber oder einen Scanner - anschliessen werden.

Die nächste Anpassung richtet sich an die Musiker. Parallel zur Milan-Entwicklung wurde an einer Falconkompatiblen DSP-/S-P-DIF- und DMA-Matrix-Karte gearbeitet. Diese soll den Milan für einen vergleichsweise geringen Aufpreis zur professionellen AudioWorkstation machen, wobei - so alles wunschgemäß klappen sollte - die Anpassung der bestehenden Falcon-Programme in wenigen Schritten realisierbar sein wird.
Ebenso ist die Anpassung von 16-bitSoundkarten in Planung, so dass der Anwender zumindest nicht lange auf hochwertige Soundausgabe verzichten muss.

Die Geschwindigkeit

Aufgrund des schnellen Speicherzugriffs, der schnellen CPU und der modernen Komponenten ist davon auszugehen, dass der Milan rund 8- bis 12fache ATARI-ST-Geschwindigkeit (trotz höherer Auflösungen und TrueColor-Darstellungen) erreicht. Damit besitzt er eine adäquate Grundlage und muss den Vergleich mit PCs nicht scheuen, denn eines muss man bedenken:

Wegen der niedrigen Geschwindigkeit alter ATARI-Systeme sind nahezu alle Programme so schlank und raffiniert erstellt worden, dass sie schon jetzt in vielen Bereichen - wie z. B. Tabellenkalkulation, Textverarbeitung, Harddiskrecording usw. - den Vergleich mit moderner PC-Technik wagen können. Wenn diese Programme nun noch einmal einen 10fachen Schub erhalten, sollte dem anspruchsvollen Arbeiten nichts mehr im Wege stehen.

Abstriche

Der Milan wird in Bezug auf Spiele nicht abwärtskompatibel zum ATARI 1040 ST sein. Auch das wäre mit einem erheblichen Aufwand verbunden, der sich stark auf die Produktionskosten und somit auch auf den Verkaufspreis auswirken würde. Hier ist es für jeden ATARI-Anwender günstiger, den Verkauf des alten ATARI ST zu vermeiden.

Kompatibilität

Die Entwickler sind um größtmögliche Kompatibilität bemüht - dies unterstreicht der Einsatz eines angepassten ATARI-TOS-Betriebssystems. Moderne Betriebssystemaufsätze für den Multitasking-Betrieb sind selbstverständlich möglich. Allerdings ist die Einsparung des VM E-Busses etc. richtungsweisend. D.h., dass man alte ATARI-Fehler, ein System der ewigen Abwärtskompatibilität wegen unnötig umfangreich, kompliziert und teuer zu gestalten, vermeiden möchte.
Was den ROM-Port und MIDI-Ports betrifft, so ist eine ISA-Einsteckkarte in Aussicht.

Das Debüt

Der Milan wird erstmals auf der ATARI-Messe in Neuss vorgestellt. Neben einer Präsentation auf einer übersichtlichen Leinwand werden die Entwickler über das System referieren und sich den Fragen des Publikums stellen. Ebenfalls werden auf der Messe Vorbestellungen angenommen - die Auslieferung des Gerätes wird Mitte bis Ende des 4. Quartals 1997 beginnen, so dass die ersten Kunden rechtzeitig zu Weihnachten beliefert werden. Anschließend steht allen registrierten Anwendern eine Support-Hotline zur Verfügung, bei der sie kompetenten Rat in allen Fragen erhalten können.

Die Zukunft

Wie bereits berichtet, wird schon jetzt an der Fortführung des Systems gearbeitet. Werbeanzeigen in den einschlägigen Fachzeitschriften (Musikzeitschriften etc.) sind ebenso geplant wie die Wiederaufbereitung des "alten" ATARI-Händler-Netzes. Ziel ist, dass der Kunde neben dem Entwickler-Support auch Hilfestellungen von seinem ATARI-Händler erhalten kann. Des weiteren werden Händler Anfang 1998 auch mit Bare-Bones (nackten Boards im Milan-Gehäuse) beliefert, so dass der Milan in verschiedenen Konfigurationen, mit und ohne CD-ROM, CD-Brenner, mit viel oder wenig Speicher, angeboten wird.
Außerdem wird auch an der Distribution des Rechner innerhalb des europäischen Auslands gearbeitet. Das garantiert eine größere Menge an Software-Neuentwicklungen und Anpassungen. Demnach wird das System Anfang 1998 auch in Frankreich, England, Holland, österreich und der Schweiz angeboten. Folgen werden weitere Benelux-Staaten sowie die skandinavischen Nachbarn, die ebenfalls über eine große Fangemeinde verfügen.

Die Frage der Fragen: der Preis

Der Milan wird Ende des Jahres voraussichtlich in der Konfiguration mit 68040-CPU, 8 MB-RAM, Floppy-Laufwerk, 270 MB - 540 MB-Festplatte, Grafikkarte, Tastatur, Softwarebundle usw. zum Preis von 1.499,DM ausgeliefert. Damit liegt er im Preis deutlich niedriger als jeder ATARI-Rechner es bei seiner Präsentation tat (Falcon ca. 2500 DM, ATARI-TT gut 4200 DM).
Je nach Konfiguration wird der Milan auch mit Monitor und großer Festplatte deutlich unter 2.000,- DM erhältlich sein, wodurch ATARI-(kompatible-) Computer endlich wieder konkurrenzfähig auf dem undurchsichtigen PC-Markt hervorstechen können.

Anmerkung

Nach wie vor werden Entwickler gesucht, die sich gerne mit der Hardware auseinandersetzen und Software, Treiber usw. für dieses System entwickeln möchten. Interessenten wenden sich bitte direkt an die Redaktion (siehe Impressum).

Red.


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