Diskus 2.70 - Das Pfälzer Taschenmesser

Bereits in der März-Ausgabe haben wir uns mit Harddisk-Utilities beschäftigt und dabei besonders Backup-Programme und Disk-Optimierer berücksichtigt. Aufgrund seines immensen Funktionsumfangs haben wir dabei darauf verzichtet, das Programm Diskus zu testen, da in diesem Vergleichstest nicht ausführlich genug auf die einzelnen Funktionen hatte eingegangen werden können; dies wollen wir nun gesondert nachholen.

Grundsätzlich handelt es sich bei Diskus um einen Diskmonitor, also um ein Programm, mit dem der Inhalt von Disketten und Festplatten bis aufs Byte durchleuchtet werden kann. Doch damit ist Diskus eigentlich nur mangelhaft charakterisiert, schließlich kann das Programm noch viel mehr. Wir haben uns die Version 2.70 angesehen.

Diskus wird in einem handlichen DIN-A-5-Ringordner geliefert und besteht aus einem über 300-seitigen Handbuch und einer Diskette. Die Installation geht recht einfach vonstatten: Man startet das auf der Diskette befindliche Installationsprogramm, gibt die Seriennummer sowie den eigenen Namen ein und erhält ein fertig installiertes Diskus auf der Originaldiskette. Nun kann man diese Version durch einfache Kopieraktionen in einem beliebigen Pfad auf der Festplatte ablegen oder einfach auf eine andere Diskette kopieren. Bei der Eingabe von Adresse und Seriennummer sollte man übrigens besonders aufmerksam Vorgehen, da sich der Installationsprozeß, wenn man die letzte Sicherheitsabfrage mit "Ja“ beantwortet und so die Installation in Gang gesetzt hat, nicht mehr wiederholen läßt.

Fenster zur Disk

Nach dem ersten Starten von Diskus blickt man auf ein Fenster, in dem der Inhalt des Boot-Sektors des Startlaufwerks angezeigt wird. Dieses Fenster bildet das Hauptarbeitsfeld von Diskus, da sich die meisten Funktionen, die Ausgaben zu tätigen haben, dieses Fensters bedienen. In ihm kann man den angezeigten Sektor frei editieren, und zwar zum einen mittels Hexadezimalzahlen und zum anderen mittels der dazugehörigen ASCII-Werte. Anschließend kann man den so veränderten Sektor wieder an eine beliebige Stelle der Platte zurückschreiben. Mittels der verschiedenen Buttons im Funktionsfenster lassen sich dabei die einzelnen Funktionen aufrufen bzw. das Fenster an wichtigen Stellen einer Festplatte positionieren. Man hat so direkten Zugriff den auf Boot-Sektor, die beiden FATs und das Directory. Die Funktionalität dieser Knöpfe ist sehr logisch und übersichtlich, so daß man auch ohne längeres Handbuchstudium sofort damit zurechtkommt, wenn man schon ein wenig Erfahrung im Umgang mit GEM-Programmen hat. Besonders ansprechend gestaltet ist die grafische Übersicht über die FAT, die mittels eines Klicks mit der rechten Maustaste angezeigt wird. Diese Übersicht kann einem erfahreneren Anwender bereits erste Hinweise auf evtl. vorhandene Fehler in der Dateistruktur geben.

Übertragungsrate gemessen in KB/sec. mit SCSI-Tool 3.06

  | HDDriver | AHDI 6.03 | Hushi 3.18 | Quantum | 1690 | 1715 | 1715 | große Blöcke LPS12QS | 253 | 272 | 278 | kleine Blöcke | 16 | 16 | 16 | mittl. Zugriffszeit in ms SyOiiUt | 393 | 403 | 389 | große Blöcke SO 555 | 50 | 51 | 50 | kleine Blöcke | 35 | 34 | 34 | mittl. Zugriffszeit in ms

Mit der Funktion „Daten retten“ aus dem Spezial-Menü lassen sich gelöschte Files, Directories und sogar die FAT halbautomatisch restaurieren.

„Daten testen“ bietet umfangreiche Möglichkeiten, die Konsistenz der gespeicherten Daten zu überprüfen.

„Medium optimieren“ stellt mehrere nützliche Funktionen zur Verfügung; die die Zerstückelung der Dateien auf dem Medium beseitigt und so die Zugriffsgeschwindigkeit erhöht.

Aber bitte mit Sahne

Mit diesen Funktionen wäre Diskus jedoch wirklich nur ein normaler Disk-Editor. Die Schmankerln verbergen sich jedoch in der Menüleiste. Dort befindet sich eine Reihe von Funktionen, die dieses Programm zu einer „eierlegenden Wollmilchsau“, also einem wirklich alles umfassenden Disktool machen. Dort finden sich unter anderem eine Formatierfunktion, die DD-, HD- und ED-Disketten mit nahezu beliebigen Vorgaben formatieren kann (und das auch noch verdammt fix, eine HD-Diskette wird in 1 Minute ohne Verify und in 1:45 Minuten mit Verify formatiert), die Möglichkeit, Dateien ähnlich dem Programm Kobold, wenn auch nicht ganz so schnell, sektororientiert zu kopieren, Dateien physikalisch von der Festplatte zu löschen (die Löschfunktion des Desktops löscht die Datei bekanntlich nicht, sondern markiert diese nur als gelöscht) und noch vieles mehr. Besonders interessant ist es, daß Diskus auch eine Backup-Funktion beinhaltet. Damit lassen sich Sicherheitskopien der Festplatte auf Diskette anlegen. Wie es sich für einen Diskeditor gehört, arbeitet auch diese Funktion sektororientiert und erstellt ein sogenanntes Image-Backup, d.h. daß die Daten einer Festplattenpartition Sektor für Sektor auf die Disketten kopiert werden. Dies hat natürlich den Vorteil, daß es mit einer sehr hohen Geschwindigkeit vonstatten geht; für das aus [1] bekannte 13-MB-Backup benötigte Diskus rund sechs Minuten, also nur etwa die Hälfte bis ein Drittel der Zeit der anderen Backup-Programme. Allerdings ist diese Methode auch mit Nachteilen behaftet: Es lassen sich nur komplette Partitionen sichern, da eben nicht auf die Dateistruktur zugegriffen wird. Es ist also immer der gleiche Zeitaufwand für ein Backup einzukalkulieren, auch wenn sich nur wenige Dateien verändert haben. Eine Komprimierung der Daten findet ebenfalls nicht statt, so daß immer die maximale Anzahl an Disketten benötigt wird.

Harte Scheiben

Sehr interessante Möglichkeiten bieten die Funktionen, die hinter dem Menüpunkt „Harddisk“ zum Vorschein kommen. Hier findet sich zum einen die oben ausführlicher beschriebene Backup-Funktion und zum anderen die Funktion „Verketten“. Damit lassen sich versehentlich gelöschte Dateien von Hand wiederbeleben, wenn seit dem Löschen noch keine Schreiboperation auf den zu der Datei gehörenden Sektoren durchgeführt wurde. Außerdem stellt dieses Menü einige Funktionen zur Verfügung, die nur mit dem mitgelieferten Harddisk-Treiber funktionieren; es kann auch an dieser Stelle vorübergehend installiert werden. Dieser Harddisk-Treiber arbeitet insgesamt sehr zuverlässig, ist jedoch insbesondere bei schnellen Festplatten etwas langsamer als die Konkurrenz wie z B. AHDI 6.03 oder HuSHI 3.18. Bei langsamen Platten hat der HDDriver dagegen zumindest verglichen HuSHI die Nase vom (siehe Tabelle). Hat man den Treiber installiert, kann man auf einige vorher gesperrte Einträge in der Menüleiste zugreifen. So lassen sich jetzt von Diskus aus Festplatten partitionieren, ganze Partitionen kopieren, beliebige SCSI-Befehle direkt an ein Festplattenlaufwerk schicken und der Root-Sektor der Festplatte, also der physikalisch erste Sektor eines Laufwerks, bearbeiten. Besonders die Arbeit an letzterem ist aber mit extremster Vorsicht zu genießen (ich benutze diese Superlative aus eigener, leidvoller Erfahrung ...), da man hiermit nicht nur eine Partition, sondern eventuell sogar ein ganzes Festplattenlaufwerk derart unbrauchbar machen kann, daß es nur noch durch ein Neupartitionieren und den damit verbundenen totalen Datenverlust wieder zum Leben zu erwecken ist. Außerdem können anfangs nicht auffallende Fehler später zu verhängnisvollen Datenverlusten führen. Hierauf sollte im Handbuch meiner Meinung nach noch deutlicher hingewiesen werden!

Auf der Spur...

Hinter dem Menüpunkt Track verbergen sich schließlich ein paar Funktionen, die für Diskettenbenutzer interessant sein dürften. Damit lassen sich die kleinen Datenträger wunderbar filetieren und genauestem unter die Lupe nehmen. So kann für jede Spur auf der Diskette eine individuelle Einstellung aller Formatdaten vorgenommen und auf die Disk geschrieben werden. Außerdem lassen sich mittels des Menüpunktes „Reparieren“ Defekte auf einer Diskette recht komfortabel ausblenden. Dazu wird die komplette Spur ausgelesen, wobei auftretende Fehler, die durch die Defekte auftreten, ignoriert werden. Anschließend werden die betreffende Spur gemäß den Angaben im Boot-Sektor neu formatiert und die gelesenen Daten zurückgespeichert. Durch diese Vorgehensweise lassen sich die meisten Fehler auf Disketten beheben.

Spezialität des Hauses...

Kommen wir nun auf die Funktionen, die unter dem Menüpunkt „Spezial“ zu finden sind. Hierbei handelt es sich um ein paar Leckerbissen, die so manches andere Utility überflüssig machen. Zum einen ist es möglich, beliebige Sektoren auf Diskette oder Platte als File zu speichern und bei Bedarf von dort wieder zurückzuladen. So kann man z.B. die wichtigen Root- und Boot-Sektoren der Festplattenlaufwerke auf eine Sicherungs-Disk kopieren und im Katastrophenfall wieder von dort zurückholen, um damit eventuell noch Daten retten zu können. Möchte man einen Sektor schwarz auf weiß haben, kann Diskus ihn natürlich auch drucken, wobei auch ausschnittweise gedruckt werden kann. Hat man mit irgendeiner anderen Operation, z.B. der Funktion „Verketten“ im Datei-Menü, die FAT verändert, wird diese aus Sicherheitsgründen nicht automatisch auf die Platte geschrieben. Die Funktion "FATs schreiben“ erledigt diese Aufgabe nachträglich. Weiterhin findet sich der Menüpunkt „Daten testen“. Dahinter verbirgt sich ein komplexes Gebilde von Funktionen, die die Datenstruktur der Festplatte auf ihre Richtigkeit prüfen. Diese Funktion sollte man unbedingt vor dem Aufruf von „Medium optimieren“ aufrufen, auch wenn Diskus das zumindest teilweise beim Aufruf dieser Funktion automatisch macht. Die so gewonnene zusätzliche Sicherheit schadet jedenfalls nicht.

„Medium optimieren“ beseitigt die durch ständiges Löschen und Schreiben auf einer Partition entstehenden Sprünge in der Datei. Diese Funktion ist in Diskus gleich in mehreren Varianten vorhanden: Zum einen kann man die Directory-Struktur verändern, was schon für sich eine erhebliche Beschleunigung bringt, zum anderen kann man aber auch die Dateien physikalisch zusammensortieren lassen, was zwar besonders im Modus „langsam“ einige Zeit in Anspruch nimmt, dafür aber sehr sicher gegen Datenverlust durch Stromausfall etc. ist. Die schnelle Variante hingegen ist nur bei vorher gesicherten Datenbeständen zu empfehlen und kann auch nicht die Geschwindigkeit des „Spezialisten“ Crypton erreichen. Ebenfalls sehr nützlich ist die Funktion, Zahlen und Buchstabenfolgen in den Zahlensystemen Hexadezimal, Dezimal, ASCII und Binär beliebig ineinander konvertieren zu können.

Außerdem gibt es unter diesem Menüpunkt noch die Möglichkeit, beliebige Folgen von Anweisungen in Diskus als Makros aufzuzeichnen und diese zum einfachen Zugriff auf die Funktionstasten abzulegen.

... und das Dessert

Neben Diskus gehören noch einige andere Utilities zum Lieferumfang. Einmal der bereits oben erwähnte Harddisk-Treiber HDDriver, der mitsamt einem komfortablen Installationsprogramm auf der Diskette zu finden ist. Außerdem befinden sich dort noch ein Shareware-Festplatten-Cache (TCache 6.0) sowie ein kleines Programm für den Autoordner, das auf TT und Mega STE den Prozessor-Cache bereits beim Booten einschaltet und so den Boot-Vorgang mit erhöhter Geschwindigkeit ablaufen läßt! Außerdem gehört das Programm Hardboot zum Lieferumfang, mit dessen Hilfe man Festplatten mit dem Treiber HDDriver versehen kann, sowie das Programm HDDRCONF, mit dem der so installierte Treiber komfortabel konfiguriert wird. Das Handbuch zu Diskus gehört zur Spitzenklasse dessen, was man bei einem Programm dieser Art erwarten kann. Es ist in zwei Teile getrennt: einen Referenzteil, der die Installation und alle Funktionen von Diskus ausführlich erklärt - und eine „Zusatzdokumentation“, die einiges Hintergrundwissen in Sachen Festplatten vermittelt. Besonders diese Zusatzdokumentation, die gut 100 Seiten des Handbuchs ausmacht, ermöglicht auch dem nicht besonders erfahrenen Anwender das problemlose Benutzen des Programms und aller seiner Möglichkeiten. Von den Problemen der einzelnen TOS-Versionen über Aufbau und Struktur von Festplatten und Disketten bis hin zu Tips für den Kauf einer Harddisk hat der Autor eigentlich alle wichtigen Themengebiete knapp und vor allem verständlich abgedeckt. Besonders umfangreich widmet er sich dem Thema „Datenrettung“. Hier finden auch versierte Anwender noch den ein oder anderen Tip für den „Fall der Fälle“. Zwar kann dieser Teil des Handbuchs vom Informationsgehalt her nicht den „Scheibenkleister I/II“ von Claus Brod ersetzen, wenn man tiefer in diese Materie einsteigen will; doch kann das auch nicht der Sinn eines Handbuchs zu einem Diskeditor sein.

Resümee

Diskus ist der Standard im Bereich Disktools für ST, TT und Falcon. Mir ist kein Programm bekannt, daß auch nur eine annähernde Vielfalt an Funktionen und Möglichkeiten, die Daten auf der Festplatte zu manipulieren, bietet. Zwar gibt es für einige Dinge Spezialprogramme, die einzelne Funktionen schneller und komfortabler lösen können, jedoch darf man dies von einem „Allrounder“ wie Diskus nicht erwarten. Was die Zuverlässigkeit angeht, dürfte Diskus aber meist die Nase vom haben. Auch war es in diesem Test nur in Ansätzen möglich, die Funktionen von Diskus darzustellen, da sonst bei weitem der Umfang dieses Artikels gesprengt worden wäre. Außerdem gibt es ständig neue Möglichkeiten zu entdecken; der Anwender wächst mit dem Programm, das auch ständig weiterentwickelt und gepflegt wird; mit der Version 2.70 hat nun auch die MultiTOS-Tauglichkeit und die XHDI-1.10-Unterstützung Verwendung in Diskus gefunden. Das einzige Manko ist die Druckqualität des Handbuchs. Es ist an manchen Stellen nur schwer zu lesen, da hier eine preisgünstigere Drucktechnik mit den dazugehörigen Qualitätsverlusten Verwendung gefunden hat. Technisch gibt es allerdings wenig zu bemängeln. Während der ganzen Testphase lief das Programm absolut stabil und ließ sich auch durch übelste Fehlbedienung nicht aus der Ruhe bringen. Aufgrund all dieser Fakten kann man Diskus jedem Anwender von ATARI-Computern nur wärmstens empfehlen. Die 189,- DM für dieses Programm sind hervorragend angelegt.

Bezugsquelle:

CCD Creative-Computer-Design Hochheimer Straße 5 65343 Eltville

Diskus 2.70

Positiv:

umfangreiches und übersichtlich gestaltetes Programm
komfortable Bedienung aller Funktionen
hervorragende Dokumentation
kompatibel zu ST, TT und Falcon030 sowie in allen Auflösungen lauffähig
eigener ATARI-kompatibler Harddisk-Treiber

Negativ:

Backup nur unkomprimiert möglich


Dirk Johannwerner


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