ATARI-DTP in Frankreich - Mut oder kein Geld!

Die Hitze hat die Straßen leergefegt. Alles scheint ein wenig zu schlafen. Ein langsamer Rhythmus liegt über dem Land. Nur die Farben der Natur übertreffen sich in diesen Tagen noch einmal gegenseitig, bevor der Sommer alles verbrennt. Einige Touristen lassen sich im Bistro von gelangweilten Kellnern bedienen. Frühling in der Provence.

Knapp 15 Minuten hinter Avignon ist zu dieser Zeit alles noch ein wenig verträumter. Nur selten verirrt sich ein Urlauber hierher, wo doch das Mittelmeer schon so nah ist. Hier liegt der kleine Ort „Pernes les fontaines“, benannt nach seinen über 20 Brunnen, die in dieser im Sommer ausgedörrten Gegend lebenswichtig sind. Gleich am Ortseingang beginnt auch schon die Innenstadt. Und gleich hier, wo man die ersten Caves und Bistros erwartet, liegt - nicht zu übersehen - die ATARI-DTP-Agentur „Plume d’Ange“, die „Engelsfeder“.

Schon der Name „Plume d’Ange“ ist bei allen, die mit dem ATARI publizieren, Programm. Wer also bei der „Engelsfeder“ aus dem kleinen Örtchen Pernes an das Logo einer bekannten Layoutsoftware aus Walluf denkt (wo in aller Welt liegt denn Walluf?), denkt richtig. Alle DTP-Arbeiten werden bei Plume d’Ange mit dem Calamus SL als zentraler Software erledigt, obwohl der Name „Plume d’Ange“ eigentlich nichts mit der SL-Feder zu tun hat. Er ist einem Chanson entliehen, das die Kraft der menschlichen Phantasie zum Thema hat, so man sie denn zulassen kann, - und das hat nun wohl doch wieder mit dem SL zu tun ...

Auf den ersten Blick ist bei Plume d’Ange alles ganz vertraut, ganz so, wie man es bei jeder gut ausgestatteten kleinen DTP-Agentur anderswo auch erwarten würde. Warum sollte es auch nicht so sein? Nur das Kürzel „DTP“ heißt in Frankreich „einfranzösischt“ „PAO“: „Publicication Assistee par Ordinateur“ - publizieren mit Unterstützung des Computers.

Thierry Lichau und seine Frau Martine wohnen und arbeiten hier seit etwas mehr als 3 Jahren. Und wie die meisten DTP-Grafiker haben sie in völlig anderen Berufszweigen gelernt und gearbeitet, bevor sie die Arbeit mit den Druckvorlagen begannen. Thierry beispielsweise war Lehrer in Bordeaux, bevor er Martine, die in Pernes les fontaines als Maklerin arbeitete, Calamus und den ATARI kennenlernte; genau in dieser Reihenfolge.

Le savoir travailler

„Gib mir eine Arbexit, an die ich glaube, und es wird beides da sein: die Kunst und die Freude!“ Für Thierry bedeutet Desktop Publishing mehr als nur Druckvorlagen zu gestalten und Werbekonzeptionen am Rechner zu realisieren. DTP ist für ihn immer auch ein Mittel zur Entwicklung der eigenen Individualität und nicht ausschließlich Gelderwerb. Neue Ideen zu entwickeln und auch zu realisieren, am Informationsfluß und an neuen technologischen Entwicklungen beteiligt zu sein, vor allem aber am Kommunikationsprozeß teilzunehmen, der über die Computertechnologie so vehement vereinfacht wird, aber gerade auch dadurch genauso schnell ins Beliebige abgleiten kann; das betrifft nicht nur die persönliche Entwicklung, es macht sogar Spaß.

Mit zwei freien Mitarbeitern entwerfen und gestalten Thierry und Martine seit 6 Jahren mit dem Calamus all das, was in der eher ländlichen Umgebung von Avignon benötigt wird. In der Hauptsache sind das Druckvorlagen für den Einzelhandel, Anzeigen, Handzettel und Zeitschriften für die örtlichen Vereine und natürlich Werbung für die Tourismusbranche.

Wie bei den meisten DTP-Agenturen anderswo auch, setzt sich ihr Kundenstamm also vorrangig aus kleineren Firmen und kommunalen Einrichtungen zusammen, die, wegen eines begrenzten Budgets, auch relativ geringe Produktionskosten erwarten. Mit dem Calamus SL hat „Plume d’Ange“ zwar ein Gestaltungswerkzeug in Händen, das alle Arbeiten vom einfachen Satz bis zu trommelgescannten 4C-Prospekten möglich macht. Für Thierry ist farbiges Arbeiten jedoch nur im Schmuckfarbenbereich von Bedeutung. „4 Farben“ sind nicht nur für viele der von ihm betreuten mittelständischen Kunden immer noch zu teuer. Wenn jede zusätzliche Farbe im Offsetdruck vielleicht 15-20% zusätzlich kostet, wird halt oft versucht, gerade hier Geld zu sparen.

Natürlich wohnen und im technologischen High End arbeiten; solch eine Utopie läßt sich sicher im Süden der Provence leichter realisieren als im östlichen Westfalen ...

Auch die dann benötigte Hardware wäre, besonders beim französischen Preisniveau, mit höheren Kosten zu veranschlagen als die bereits vorhandenen

und gut ausgestatteten Schwarzweißarbeitsplätze. Ein 20“-Farbmonitor eine Grafikkarte, ein größerer Arbeitsspeicher, Speichermedien fürdie immersehr großen Datenmengen im 4C-Bereich: all das kostet viel Geld, und High Tech ist in Frankreich nun einmal sehr teuer. Selbst die Preise für Peripheriegeräte wie Scanner oder Drucker sind hier ganz oben auf der Kalkulationsskala der Händler zu finden.

Trotz dieser ökonomischen Realität, mit der die Realität „Plume d’Ange“ genauso oft wie andere Agenturen konfrontiert wird, und die bei einer Zusammenarbeit mit mehreren Leuten immernoch ein bißchen mehr Verpflichtung ist, wählt Thierry die einkommenden Aufträge nach klaren Prinzipien aus.

Da ist zum einen die realistische Einschätzung der eigenen Kompetenz. „Das ist doch einer der größten Fehler, den DTP-Einsteiger machen können: zu meinen, jetzt habe ich eine exzellente Hardware; eine Software, mit der es sich kreativarbeiten läßt; und alles läuft, wenn ich nurden richtigen Knopf drücke! Man muß adäquat anfangen, das Maximum an realisierbaren Arbeiten aus nur wenig Material entwickeln. Daran lernt man und entwickelt eigene Kompetenz. Aber ich lerne nichts, ohne die hierzu notwendige Entwicklung und Erfahrung mitzubringen!“

Sicher völlig ungeschäftsmäßig gedacht, aber auch genau so richtig ist für Thierry das Einbringen der ganz persönlichen Wertmaßstäbe in die alltägliche Arbeit. Über den Monitorrand geschaut, der ja nur allzu leicht das Blickfeld begrenzt, liegt für ihn im DTP auch eine Form von „Macht“, da hier sehr leicht eine stimmigere und seichtere Wirklichkeit vermittelt und somit auch erlogen werden kann. Da muß man schon eigene Verantwortung übernehmen für das, was man da tut, und auch nicht jeden Auftrag unbedingt annehmen. Zu Ende gedacht, heißt das, daß für ein Produkt oder eine politische Werbung, in denen ökologisch oder demokratisch Bedenkliches zum Ausdruck kommt, er die falsche Adresse ist. Zum Nachahmen empfohlen.

Eine besondere Vorliebe scheint es bei „Plume d’Ange“ für das Schriftenschneiden zu geben, das Gestalten von Fonts im CFN-Format für die Arbeit im Calamus. Ein persönliches „Hobby“ Thierrys, das wohl schon viele Nächte gekostet haben mag, denn es füllt mittlerweile einen ganz schön dicken Katalog. Neben dem Spaß am Schriftdesign werden aber wohl auch die Lieferbedingungen der letzten Jahre für professionelle Fonts sowie Kostenfaktoren eine Rolle gespielt haben; manch mittelmäßige Designer-Fonts, die in Deutschland schon vor einigen Jahren hergestellt und vertrieben wurden, erscheinen auch heute noch auf französischen Händlerlisten locker mit dem 5 bis 10fachen Preis! 2 von Thierrys eigenen Fonts finden Sie übrigens auf der ersten Sonderdiskette zur DTP-Praxis, darunter auch genau den Zeichensatz, dessen Schrift einem in Frankreich nun wirklich von jeder dritten Häuserwand und von jeder vierten Boulangerie entgegenlacht.

Zwei ATARI TT, ein Laserdrucker, ein Kopiergerät, ein Modem und das „Minitel“, eine französische Kommunikationsspezialität, unterstützen Thierry und Martine bei der „PAO“-Arbeit. Wie gesagt, alles recht vertraut. Und trotzdem brodelt es unter der vermeintlich ruhigen Oberfläche.

Trotz des schweren Standes, den das professionelle ATARI-DTP in Frankreich immer noch hat, ist Thierrys Projekt „Grafix“ schon mitten in der Planungsphase - mit dem Tandem ATARI/Calamus als zentralem Werkzeug.

War Games

„Willst du einen Roman schreiben?“-so die Antwort Thierrys auf meine Frage, ob er spezifisch französische Probleme in der DTP-Arbeit mit dem ATARI kennt. „Um in Frankreich auf einer ATARI-Plattform professionell arbeiten zu wollen, braucht man entweder Mut oder kein Geld! Ich hatte beides!“ Der Zorn, der in diesen Sätzen mitklingt, hat seine Ursache tatsächlich in einigen Problemen, die die ATARI-Arbeit gerade in Frankreich mit sich bringt. Ein erster Einblick wird schon durch einen Blick auf den Zeitschriftenmarkt möglich. „Zwei ATARI-Zeitschriften erscheinen monatlich in Frankreich, eine davon in einer hohen Auflage, die direkt von ATARI-Frankreich vertrieben wird. Die andere hat ihren Namen inzwischen ins ‚Neutrale‘ geändert, vielleicht, um mit Blick auf eine höhere Auflage auch die Nicht-ATARIaner anzusprechen. An die Qualität der deutschen Publikationen reichen beide nicht heran, und diese hier in Frankreich zu bekommen, ist sehr schwierig.“

Der Inhalt dieser Hefte wird im wesentlichen durch 3 Bereiche bestimmt: Neben Listings und Programmkritik wird der größte Teil oft durch Berichte der neuesten Computerspiele abgedeckt. Und das ist dann auch das Image, mit dem der ATARI in Frankreich populär ist, und mit dem die meisten professionellen DTP-Anwender dann auch auf Distanz gehalten werden können. Thierry faßt dieses Problem mit zwei Worten zusammen: War Games! Kriegsspiele. „Wer soll denn in Frankreich von der professionellen Qualität eines ATARI überzeugt werden, wenn das ATARI-Marketing nur die Spielefreaks im Kopf hat? Hier ist nun einmal der ATARI ein Spielecomputer, das ist das Image, und die ATARI-Werbung unterstützt das noch massiv!“

All diejenigen, die im ATARI-DTP selbständig ihr Geld verdienen, sind auch auf eine hohe Zahl von Mitanwendern angewiesen. Nur das ermöglicht gesunde Software-Unternehmen und somit leistungsstarke Produkte für den Profibereich; nur das ermöglicht durch Belichterinstallationen auch den Belichtungsservice „um-die-Ecke“, und nur das ermöglicht den DTP-Erfahrungsaustausch, den sicher nicht nur Thierry für bitter notwendig hält. Da mag es schon so sein, daß eine leistungsstarke DTP-Computerplattform wie der ATARI seine finanzielle Basis im Massenmarkt suchen muß, um den vergleichsweise wenigen professionellen Anwendern die notwendige Hardware überhaupt liefern zu können. „Aber wenn ich sage, daß ich professionell mit ATARI arbeite, gucken mich die Leute mit ganz, ganz großen Augen an.“

La Situation speciale

Anfang der 80er Jahre, nach dem Regierungsantritt Mitterands, schien sich die Lage im wirtschaftlich ärmeren Süden Frankreichs grundlegend zu ändern. Nach dem Niedergang der Schwerindustrie im Norden, die in Deutschland das Ruhrgebiet und analog dazu in Frankreich Elsaß-Lothringen erfaßte, sollte die High-Tech-Industrie in Frankreich dort konzentriert werden, wo es sich besonders gut leben und arbeiten läßt: im „Midi“ (das ist der Bereich, den wir allgemein „Südfrankreich“ nennen). Spitzenkräfte konnten somit allein schon durch die Geografie gebunden werden. In Montpellier und Toulouse, alte und wunderschöne Städte am Mittelmeer, wird immer noch gebaut. Auch deutsche Unternehmen haben hier inzwischen ihren Platz gefunden. Und wer würde nicht dort arbeiten wollen, wo halb Frankreich und fast soviel Deutschland jedes Jahr den Urlaub verbringt?

Wer bei „Südfrankreich“ jedoch nur an Sonne, Meer und Wein denkt, denkt natürlich zu kurz. Avignon ist nun wahrlich keine Großstadt, aber sicher nicht nur zur Festspielzeit im August attraktiv und jede Reise wert. Trotz der großen wirtschaftlichen Probleme, die diese Stadt momentan mit zu den ärmsten Städten Frankreichs zählen läßt, haben sich hier in den letzten Jahren mehr als 40 DTP-Agenturen angesiedelt! Unter diesen befinden sich nach Aussage von Thierry immerhin zwei, die den ATARI TT als Plattform nutzen: Seine eigene, und die eines befreundeten Siebdruckunternehmens. Das spiegelt vielleicht auch schon ungefähr die Situation des professionell angewandten ATARI-DTP in Frankreich wider, wobei die Sache für ATARI in Avignon noch ganz gut aussieht. Hier sind es immerhin ca. 5% der Agenturen.

Daß dieses Mißverhältnis von Rechnerplattformen nicht unbedingt seinen Grund in der Qualität der Software-Werkzeuge und den damit erzeugten Arbeitsergebnissen hat, dürfte auch deutschen DTPlern nicht fremd sein. Frankreich ist zudem dasjenige Land in Europa, in dem sich grafisches Arbeiten am Apple Macintosh zuallererst und in größeren Zahlen etablieren konnte - und auch das Land, in dem der ATARI als hervorragender Spielecomputer gilt. Für beide Computerhersteller sicher ein gutes Geschäft, für ATARI-DTP-Anwender wie Thierry aber auf Dauer untragbar. Seine Daten zur Filmbelichtung schickt er beispielsweise nach Paris (ca. 650 km entfernt von Avignon), und viel mehr Möglichkeiten hat er auch nicht, da sich Calamus-Belichtungsservice-Büros in Frankreich fast an einer Hand abzählen lassen.

Von der geringen Zahl an Service-Belichtern auf die ATARI-DTP-Situation in Frankreich zu schließen, wäre aber grundfalsch. Wie in Deutschland gibt es auch in Frankreich eine große Zahl von Inhouse-Belichtungen, die lediglich für den eigenen Bedarf zur Verfügung stehen und nicht als Serviceunternehmen in Erscheiung treten. ATARI/Calamus ist hier wie dort in mehr Agenturen vertreten, als sich das durch ATARI-Image und Sevice-Belichtungsangebot errechnen läßt. Zum Vergleich einmal die Situation in Deutschland. Nach einer neuen Untersuchung im Rahmen einer Diplomarbeit über den Einsatz von DTP-Systemen arbeiten allein im Stuttgarter Raum ca. 20% aller Agenturen im professionellen DTP-Bereich mit dem Calamus SL!

Utopisches

Trotz, oder besser vielleicht gerade wegen dieser für ihn schwierigen ATARI-DTP-Situation in Frankreich orientiert sich Thierry nach vorne. Über die erste Planungsphase hinaus ist bereits das Projekt „Grafix“. Hinter diesem Namen verbirgt sich eine Art Medienzentrum der Druckvorstufe, in dem die wesentlichen Bereiche der Druck-, Repro- und Grafikbranche unter einem Dach gemeinsam arbeiten sollen: Litho- und EBV-Fachbetrieb, ATARI-DTP-Agentur, Offset- und Siebdruck und Fotolabor als Dienstleistungsbetriebe unter einem Dach. Als Ansprechpartner für den gesamten Druck- und Werbebereich. Sicherlich eine große und keine schlechte Idee. Der oft erwähnte „Full Service“-Bereich bekommt hier klare und faßbare Konturen.

Und da Leben und Arbeiten nun einmal nicht unbedingt getrennt voneinander existieren müssen, sind auch die Pläne für die zu „Grafix“ gehörenden Wohnhäuser schon fertiggestellt. Faszinierende Wohneinheiten, organisch in die Landschaft eingepaßt und durchgehend nach ökologischen Gesichtspunkten konstruiert (auch der Autor kann heimliche Gedanken an einen Standortwechsel nurschwerunterdrücken...). Eine kleine Stadt ist das schon, die da in der Nähe von Perne entstehen soll; Thierrys Utopie mit PAO et l’ATARI en France!?

Das MIDI ist seit mehr als tausend Jahren ein Land der Gegensätze. Hier entwickelte sich die polyphone Musik und wütete die ach so christliche Inquisition. In diesem Land der Katharer und Troubadoure lebten Päpste und Picasso und Van Gogh, leben Kreative und Einsiedler, Mick Jagger und Pink Floyd, der unselige Le Pen und High-Tech-Ingenieure mit Wein- und Kirschbauern unruhig nebeneinander. Ein guter Nährboden also für Thierrys Utopien.
Jürgen Funcke


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