Das ATARI-MIDI-Studio Teil 3: Aufnahme - Ruhe bitte!

Abb.1: Eine nützliche Repeatfunktion für alle Wiederholungen

Kommen wir heute zum dritten und letzten Teil des ATARI-MIDI-STUDIOS. In den ersten beiden Teilen ist bereits auf den ATARI-STE, KAWAI MS 710(Keyboard) und Happy-Music, das Sequenzerprogramm, eingegangen worden. Happy Music ist zwar in der letzten Ausgabe ausführlich beschrieben, aber aus Platzgründen nicht bis ins letzte Detail durchleuchtet worden.

Um jedem Einsteiger die Arbeit mit diesem Sequenzerprogramm zu erleichtern, werde ich versuchen, Stück für Stück, einen kompletten Song aufzunehmen und dies in jedem Schritt naher erläutern.

Die Aufnahme -Vorbereitungen

Bevor Computer und MS 710 eingeschaltet werden, sollten auf jeden Fall alle Kabelverbindungen hergestellt werden. MS 710 „MIDI OUT“ mit ATARI „MIDI IN“ und ATARI „MIDI OUT“ mit MS 710 „MIDI IN“ verbinden. HAPPY MUSIC einlegen und ATARI einschalten. Es erscheint ein Arrangement mit dem Namen „Arrange - DEF,all“. Dies ist ein Leersong, der nur die Einstellungen beinhaltet, die auf den MS 710 zugeschnitten sind. Falls im Options-Menü die MIDI Thru-Funktion abgehakt ist, ist diese Funktion rückgängig zu machen, da der MS 710 über keine „LOCAL OFF“-Funktion verfügt. Andernfalls käme es zu unerwünschten Klangverdoppelungen. Daß eine formatierte Leerdiskette bereitgehalten werden sollte, um sein Werk jederzeit sichern zu können, möchte ich nur der Vollständigkeit halber erwähnen. Auf keinen Fall auf die original Programmdiskette sichern.

Abb.2: Ein möglicher Song-Aufbau mit markierten Parts

Hintergründe

Bevor der Entschluß gefällt wird, die Aufnahme zu beginnen, sollte eine kurze Songablaufplanung stattfinden. Nehmen wir uns also vor, ein Intro, gefolgt von einer Strophe, eine Bridge, wieder eine Strophe und ein Ending einzuspielen. Der MIDI-Sende-Kanal des MS 710 kann wohl verändert werden, bringt in diesem Fall aber keine Vorteile, da die Tastatur immer den momentan angewählten Sound über den Audioausgang ausgibt. Belassen wir also den voreingestellten Midi-Kanal auf „1“. Happy Music spielt die Spuren ohnehin auf dem eingestellten Kanal ab. Somit ist es unerheblich, auf welchem Kanal die MIDI-Daten eintreffen. Das MS 710 empfängt auf den Kanälen 1-4 und 16. wobei Kanal 16 für die Drums reserviert ist und keine Programm-Change-Befehle akzeptiert. Die Midi-Kanäle werden empfangsseitig verschieden behandelt. Tonanfang/ende und Anschlagdynamik, werden von allen Kanälen gleichermaßen empfangen. Für die Kanäle 1-4 kommen dann noch Programmwechsel und Sustain-Pedal hinzu. Die Tonhöhenbeugung gehört zu Kanal 1 und 2. Vibrato Ein/Aus ist für den Kanal 1 reserviert. Um später eine bessere Orientierung zu gewährleisten, ist die Programmierung des linken und rechten Locators zu empfehlen. Dies geht sehr einfach und komfortabel. Durch Betätigen der Shift-Taste und gleichzeitigen Druck auf eine Funktionstaste (F1-F10) legt man die momentanen Positionen fest (siehe Tab. 1).

Mit den Funktionstasten wird nun jede einzelne Locator-Position aufgerufen, ohne für den Cycle-Modus umständlich alles neu einstellen zu müssen. Diese Arbeitserleichterung sollte man sich auf jeden Fall schaffen, um möglichst schnell nachbearbeiten zu können. Die Locator-Programmierungen werden mit dem Song zusammen auf Diskette abgelegt und beim Laden automatisch wieder bereitgestellt. Beachtet man diese wenigen Hinweise, so sollte die Aufnahme eigentlich keine Probleme machen. Ein Sequenzerprogramm ist in der Regel so allgemein gehalten, daß jedes Midi-Instrument angesteuert werden kann. Die Eigenarten eines jeden Synthesizers oder Expanders sind in der Bedienungsanleitung des Gerätes nachzulesen. da nicht alle Klangerzeuger mit den selben Werkseinstellungen ausgeliefert werden. Beginnen wir mit der Aufnahme.

Und los geht’s

Zu Anfang drücken wir die F1-Taste der ATARI-Tastatur, um die Locator-Positionen für das Intro herzustellen, (falls programmiert). Durch Klick auf Track 5, bewegen wir den inversen Balken auf die erste mit „Drums“ bezeichnete Spur. Hier soll das Intro von Anfang Takt 1 bis Ende Takt 2 ablaufen. Durch Klick auf den „Cycle“-Button oder Drücken auf den Schrägstrich (/) der Atari-Tastatur im Nummernblock aktivieren wir den Cycle-Modus. Um die Drumsounds über die Tastatur des Keyboards zu spielen, ist es erforderlich, den unteren Schieber auf „Drum & Pad select“ zu stellen, damit nur das Schlagzeug zu hören ist. Nun erfolgt der Aufnahmebeginn durch Klicken auf den Play-Button des Transportfeldes oder durch im Nummernblock. Der Songposition-Pointer läuft ständig vom linken zum rechten Locator. Es besteht die Möglichkeit. in Real-Time das Drum-Intro einzuspielen. Wenn nicht sofort alles korrekt aufgenommen wurde, weil man eventuell nicht schnell genug war. dann spielt man einfach beim nächsten Durchlauf die restlichen Noten ein, bis alles paßt. Bei dieser Verfahrensweise wird nichts gelöscht, sondern lediglich hinzugefügt. Während der Aufnahme empfiehlt es sich, durch erneutes Betätigen von in den normalen Play-Modus umzuschalten („Punch-Out“), um erst einmal mit den schon aufgenommenen Noten die Sounds zu spielen, die als nächstes hinzugefügt werden sollen. Hat man erst den Part richtig geübt, schaltet man einfach, ohne anzuhalten, mit in den Aufnahme-Modus zurück. Dies nennt man „Punch-IN“. Bei Nichtgefallen, oder falscher Einspielung einfach den Part löschen und nochmal von vorne beginnen. Soll das Intro nur aus einem Schlagzeugsolo bestehen, ist es jetzt fertig.

Der Drum-Part

Um nicht die kompletten Drums von vorne bis hinten einspielen zu müssen, bedienen wir uns der Repeat-Funktion unter dem Parts-Menü. Zuvor drücken wir die Taste F6, um die Locator-Positionen für den dritten Takt einzustellen. Genau hier soll der Drum-Part eingespielt werden, der dann den restlichen Song durchlaufen soll.

Wer lieber ein mehrtaktiges Drumpattern verwenden will, sollte unter F6 andere Locator-Positionen abspeichern. Ist der Drum-Part zur vollsten Zufriedenheit eingespielt, wird das Repeat-Fenster geöffnet. Da die Drums bis einschließlich Takt 26 laufen sollen, verändert man den Wert neben „COUNT“ auf 23. Der Wert 23 errechnet sich aus der Songlänge (26 Takte) minus 2 für die Intro-Takte und minus I für den original Drumpart. Dieser muß invertiert vorliegen, damit diese Funktion nur Einfluß auf Takt 3 hat.

Weiterhin kann man sich entscheiden, ob die Kopien wie einzelne originale Parts behandelt werden oder aber als Geister-Parts fungieren sollen. Im letzteren Fall folgen die Kopien den Änderungen des Original-Parts und verändern ihr Aussehen gleichzeitig. Wer glaubt, daß die Drums noch nicht richtig klingen, kann versuchen, mit der „Quantize-Funktion“, die über dem Part-Display aufgerufen wird, noch den letzten Schliff herauszuholen. Wenn dabei alles nur noch schlimmer wird, nimmt man einfach mit „Undo Quantize“ alles wieder zurück. Die Originaleinspielung bleibt in jedem Fall in einem dafür reservierten Puffer erhalten. Es stehen 12 Spuren bereit und erlauben die Aufnahme einzelner Drumsounds auf separaten Spuren, was den Vorteil hat, daß verschiedene Klänge durch „MUTEN“ oder Hinzuschalten zu Testzwecken dienen können. Selbstverständlich besteht die Möglichkeit, die Drums generell auf mehrere Tracks aufzusplitten. Betrachten wir hiermit die Drums erst einmal als abgeschlossen und wenden uns der I.Strophe zu.

Intro | Linker | Locator | 1.1.0 | Rechter | Locator | 3.1.0 | (ShiftFI) 1. Strophe | F* | n | 3.1.0 | n | n | 9.1.0 | (Shift F2) Bridge | „ | M | 9.1.0 | VI | VI | 17.1.0 | (Shift F3) 2.Strophe | | *1 | 17.1.0 | n | n | 23.1.0 | (Shift F4) Ending | „ | VI | 23.1.0 | „ | n | 27.1.0 | (Shift F5) Drum-Part | | II | 3.1.0 | • | - | 4.1.0 | (Shift F6)

Die 1.Strophe

Die hierfür programmierten Locator-Positionen sind unter F2 abgespeichert. Nun ist die Veränderung des unteren Mode-Schalters am MS 710 erforderlich, damit die Sounds über die ganze Breite des Manuals spiel bar sind. In Stellung „off“ bringen. Spätestens jetzt fällt die Entscheidung. mit welchen „nicht-percussiven“ Sounds die 4 ersten Tracks starten sollen. Die Drums reagieren nicht, wie oben schon erwähnt, auf Programm-Change-Befehle und sind fest dem Midi-Kanal 16 zugeordnet. In die Spalte „PRG“ wird nun die Sound-Nummer (1 bis 24) eingetragen, was den 24 Sounds des MS 710 entspricht. Sind die Einstellungen gemacht, wechselt das Keyboard schon beim Spurwechsel seinen Sound. Fangen wir beim Background auf Spur 4 an. Track 4 muß invertiert sein. Begeben wir uns nun durch Betätigen der „Enter-Taste“ in den Play-Mode und hören uns jetzt die Drums für die erste Strophe an. In diesem Mode ist es gefahrlos, mal ein paar Akkorde zu spielen, um einen Ablauf einzuüben. Steht die Akkordfolge fest, kann die Aufnahme beginnen. Ich bevorzuge hier wieder ein "Punch-In" und spiele die Akkorde ein. Ist dies gelungen, wird, ohne zu stoppen, mit den Cursor-Tasten auf Track 3 gewechselt. Der Aufnahme-Modus kann bei dieser Operation aktiv bleiben und erlaubt das übergangslose Aufnehmen auf der nächsten Spur. Das Gleiche gilt für Spur 1 und 2, jedoch ist hier die Eigenart der Controller-Verteilung, wie oben beschrieben, zu beachten. Wer die Aufnahme erst einmal ohne Pitch-Bend und Chorus/Vibrato durchführen möchte, kann nachträglich auf einer anderen Spur diese Daten aufnehmen und bei Bedarf die Parts auf die anderen schieben.

Wenn die Anzahl der Spuren mal nicht mehr reichen sollte, ist die Notwendigkeit gegeben, alle Tracks mit gleichen Midi Kanälen zusammenzukopieren. um Platz zu schaffen.

Die Bridge

Dies soll ein etwas vom Thema abweichender Part werden, der aber genau nach demselben Schema wie die 1. Strophe eingespielt wird. Soll hier für den Background ein anderer Sound erklingen, wählt man einfach während der Aufnahme den entsprechenden Klang am MS 710 aus. Dies ist die zweite Möglichkeit, einen Programm-Change-Befehl zu realisieren. Die Einstellung der Programmnummer in der Track-Liste wird hierdurch aufgehoben und erst bei einem Neustart wieder aktiv. Alle weiteren Programm-Change-Befehle innerhalb des Stückes bedürfen einer Einspielung im Real-Time-Modus, also während der laufenden Aufnahme.

Abb.3: Noten editieren und Notendruck sind ebenfalls möglich.

Die 2. Strophe

Das Einspielen der 2. Strophe kann analog zur ersten oder aber durch Kopieren der ersten geschehen. Beim Kopieren ist darauf zu achten, daß die betroffenen Parts invers (schwarz) sind. Durch Halten der „Shift-Taste“ und Anklicken mit der linken Maustaste wird nacheinander markiert. Sind es zusammenhängende Parts, die einer Kopie unterworfen werden sollen. rahmt man den Bereich mit heruntergedrückter linker Maustaste ein. Nach dem Loslassen sind die Parts schwarz. Zum Kopieren benötigt man die „Control-Taste“ der Atari-Tastatur. Herunterhalten und mit der Maus den ganzen Block auf einmal an den gewünschten Platz bringen. Ohne „Control-Taste“ würde nur ein Verschieben der Parts vollzogen. Um die anfänglichen Programm-Change Befehle wieder herzustellen, ist es erforderlich, diese für die 2.Strophe wieder neu einzuspielen, da nun die Programm Wechsel der Bridge noch ihre Gültigkeit haben. Ist das Ending sauber eingespielt, betrachten wir den Song als fertiggestellt und speichern das Werk auf Diskette. Der vorsichtige Komponist speichert nach jeder Fertigstellung eines neuen Parts seine Kreation ab. damit nach einem Hardware-Absturz oder Software-Dilemma noch etwas zu retten ist.

Score-Edit

Im Noteneditor sind noch eine Vielzahl von Nachbearbeitungsmöglichkeiten vorhanden, so daß hier jeder mal probieren sollte, was er davon für seine Arbeit gebrauchen kann. Die Noten können direkt angewählt, verändert oder neu gesetzt werden. Pausen einfügen oder mit dem Radiergummi etwas herauslöschen, sind nur einige der zahlreichen Funktionen des Score-Editors. Die zuvor programmierten Locator-Positionen sind auch hier noch aktiv. Der Notendruck ist von akzeptabler Qualität und braucht sich nicht zu verstecken.

Schlußwort

Das Arbeiten mit Sequenzerprogrammen ist sicherlich für Einsteiger eine recht komplizierte Sache, ich hoffe jedoch, den Neulingen auf diesem Gebiet einen guten Einstieg ermöglicht zu haben. Die eigentliche Musik, um die es hier zweifellos noch geht, ist durch Worte natürlich nicht rüberzubringen. Da muß sich jeder schon auf sein eigenes Ohr verlassen. Hat man erst ein wenig mit Happy-Musik herumexperimentiert, fällt einem die Bedienung nach ein paar Tagen nicht mehr schwer. Zusammen mit dem unscheinbar aussehenden MS 710 hat man für diesen Preis schon ein recht gutes Midi-Studio an der Hand. Leider muß man im MIDI-Zeitalter eine Menge „Fachchinesisch“ lernen, bevor man auf den ersten Blick erkennt, um was es eigentlich geht. Die Bedienungsanleitung von Happy-Musik ist so ausführlich geschrieben, daß jeder nach dem Lesen mitreden kann. Und nun viel Spaß beim Sequenzing.

Bezugsquelle: Fachhandel/ATARI

Nachtrag:

Im ersten Teil des Midi-Paketes hat sich ein kleiner Fehler eingeschlichen. Auf Seite 146 heißt es „einstufige Hüllkurve“, es muß aber vierstufige Hüllkurve lauten. Und der MS 710 ist nur per Midi anschlagdynamisch.
Wolfgang Weniger


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