VIDEODAT - und der Computer sieht fern?

Eigentlich waren die Pioniere der Datenfernübertragung (kurz: DFÜ) seinerzeit angetreten, mit neuartigen Übertragungstechniken den papierlosen Informationsaustausch zu fördern, die Mär vom „papierbefreiten Büro“ machte die Kunde. Daß der Einzug moderner Datenverarbeitung in unsere Schreibstuben das Papier nicht überflüssig machte (eher das Gegenteil davon), wissen wir bereits.

Dennoch gibt es verschiedene Datenübertragungssysteme, die einerseits einen wahrhaftigen Boom erleben (das gute alte Telefon beispielsweise oder neuerdings Fernkopieren = Telefax), andererseits ein Mauerblümchendasein fristen (Bildschirmtext, kurz: BTX, oder das hoffnungslos veraltete Telex-System), um nur einige zu nennen. Andere Medien sind zu einer wahren Fundgrube der Computerhobbyisten geworden: Mailbox. Welcher DFÜ-Freak hat noch keinen Account (Zugangsberechtigung) einer der bekannten Hobbynetzwerke wie Fido, Magic oder Zerberus?

Selbst ernsthafte Arbeiten werden per Mailbox abgewickelt, es gibt sogar ein weltumspannendes Wissenschaftsnetz (in Deutschland: „WIN“, in Europa: „IXI“) oder firmeneigene Verbindungen, die oftmals Außenstehenden gerne gegen klingende Münze überlassen werden. Über alle bekannten Informationsaustauschsysteme wacht noch immer ein eifersüchtiger Riese: die Deutsche Bundespost TELEKOM. Gleichgültig, über welche Verfahren Daten transportiert werden sollen, die (liebe) POST ist immer mit dabei. Ob es nun über die normale Telefonleitung oder das exklusive DATEX-Netz geht, selbst bei dem geplanten Mobildatenfunknetz oder per Satellitdirektempfang, immer hält der TELEKOM-Goliath eine Hand auf (für Gebührenzahler) und eine Hand über den Diensten (als Prüfinstitution).

Eine andere Seite modernen Informationstransports lauft aber nicht über die „hoheitlichen“ Telefonkabel, sondern kommt quasi kostenlos mit dem gewohnten Fernsehbild bei uns zuhause an. Gemeint ist das System VIDEOTEXT (international TELETEXT, kurz: TXT genannt), das als „Bildschirmzeitung“ von speziellen Fernsehgeräten wiedergegeben werden kann. Videotext funktioniert fast so wie das BTX-System der Bundespost (und wird deswegen sehr oft mit ihm verwechselt), hat aber zwei entscheidende Unterschiede: 1. Während beim BTX die Post das Rechnernetz unterhält und verschiedenen Anbietern eine Seitenkapazität vermietet, liegt die Verantwortung für den Inhalt von Videotext bei den einzelnen Rundfunkanstalten. 2. Beim BTX sind der Heimfernseher oder ein Homecomputer mit entsprechendem Decoder per Telefonleitung mit dem Zentralrechner verbunden, und man kann mittels Tastatur in einen eingeschränkten Dialog mit dem System treten. Videotext funktioniert leider nur in eine Richtung, und zwar vom Rundfunksender zum Teilnehmer zuhause.

Nicht nur hören und sehen

Es war im Jahre 1986, als der WDR-Computerclub auf der Kölner Messe C’86 einen Riesengag landete: das Duftfernsehen. (Ja, Sie haben richtig gelesen!) Da flimmerten die herrlichsten Landschaftsbilder über eine Mattscheibe, und wie von Geisterhand wurden einige Duftspraydosen angesteuert, die ein passendes Riecherlebnis verbreiteten. Eine laue Meeresbrise wurde sogar mit einem Ventilator verstärkt.

Obwohl dem duftenden Unterfangen fast nur Schmunzeln entgegengebracht wurde, hatte das Prinzip einen durchaus ernsthaften Hintergrund. Man stelle sich vor: Während einer Lektion des Telekollegs kommen Übungsblätter und wichtige Erläuterungen ganz aktuell aus einem Computerdrucker. Spezielle Versuchsaufbauten zuhause bei den Lernenden sind vom Lehrer im Fernsehstudio ansteuerbar. So sind aber auch naheliegendere Anwendungen parallel zum Fernsehempfang denkbar. Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) überträgt seit 1986 während der Sendungen „Computerclub“ und „WM Wissenschaftsmagazin“ eine Menge an Zusatzinformationen (ca. 550 kB), von denen der „normale“ Zuschauer nichts wahrnimmt. Diese Informationen können wahlweise redaktionell bearbeitete Texte sein, sich als Grafik, Programm-Listing oder fertig lauffähiges Computerprogramm herausstellen.

Ursprünglich hatte Wolfgang Back (Redakteur beim WDR) die Idee, ähnlich wie seine Kollegen bei Radio Hilversum, fertige Computerprogramme seinen Zuhörern möglichst kostengünstig zukommen zu lassen. Man übertrug anstelle von gesprochenen Worten die binären Daten als Audiosignal. Das hatte natürlich den gravierenden Nachteil, daß für diese Zeitspanne jegliche Moderation ausfiel.

Das Verfahren, digitale Impulse als Töne während einer Rundfunk oder Fernsehsendung zu übertragen, wurde sehr schnell wieder fallengelassen. Eine andere Lösung mußte her. So ersannen Manfred Fillinger und Michael Wiegand in Koordination mit Wolfgang Back (leitender Redakteur) und Christian Bellin (freier Mitarbeiter beim WDR) ein Prinzip, das den freien Raum im Fernsehbildsignal nutzt. Eine neue Idee namens VIDEODAT war geboren. Um zu verstehen, wie das funktioniert, müssen wir einen kleinen Ausflug in die Fachliteratur der Radio- und Fernsehtechniker unternehmen.

Das Fernsehbild nach europäischer Norm ist in 625 Zeilen aufgeteilt (vgl. Bild 1). Würde nun der Kathodenstrahl der Bildröhre jede Zeile nacheinander von oben nach unten auf die Mattscheibe zeichnen, könnten wir dies kaum aushalten, das Bild würde flimmern. So teilt man das darzustellende Fernsehbild in zwei Hälften auf und läßt vom ersten Halbbild nur die Zeilen mit ungerader Nummer, danach vom zweiten Halbbild die Zeilen mit gerader Nummer von oben nach unten beschreiben. Dadurch ist das Bild wesentlich ruhiger. Pro Sekunde werden 25 Vollbilder, d.h. 50 Halbbilder auf diese Weise auf die Mattscheibe gezeichnet.

Was der Bildschirm nicht zeigt

Interessant ist vor allem die Tatsache, daß im Sendesignal noch Zeilen Vorkommen, die später überhaupt nicht auf der Mattscheibe zu sehen sein werden (außer man verstellt den sogenannten Bildfangregler). So tragen die Zeilen 1 bis 23, 311 bis 336 und 623 bis 625 keine Bildinhaltsinformationen. Das soll nun aber nicht heißen, daß diese Zeilen keinen Zweck erfüllten. In den sogenannten Austastlücken sind wichtige Impulse versteckt, die u.a. der Bildröhre signalisieren, wo ein neues Halbbild beginnt. Die ersten Zeilen eines jeden Vollbildes dienen meist postinternen Zwecken (Meß- und Prüftechnik) und sind für niemanden zugänglich. In den weiteren Zeilen bis 23 versteckt sich das Videotext-Signal, wenn die entsprechende Rundfunkanstalt diesen Dienst überhaupt ausstrahlt. Das sind zur Zeit lediglich ARD, ZDF, die 3. Programme und SAT1. Sogenannte Bildendeinformationen enthalten die Zeilen 623 bis 625.

Dem Kathodenstrahl muß nun genügend Zeit gelassen werden, um bei jedem Halbbild von der untersten Bildzeile wieder zur obersten zu gelangen. Er wird hierfür einfach dunkel geschaltet, aber Informationen laufen dennoch ein. Diese Zeit könnte man doch anderweitig sinnvoll nutzen, so die Idee der Videodat-Erfinder (siehe oben).

Das Datenfensterchen

Im ersten VIDEODAT-Verfahren aus dem Jahre 1986 konnte man keinen Anspruch auf Informationsraum in den 2 Austastlücken erheben, weil dort beim WDR das Videotext-Signal senderseitig hinzugemischt wird, außerdem wäre der technische Aufwand sehr groß. Es mußte eine Lösung gefunden werden, die es der Redaktion Computerclub erlaubte, die VIDEODAT-Informationen schon bei der Produktion der Sendung dem Aufnahmeband (MAZ) hinzuzugeben.

Um zu verstehen, wie die Realisierung später aussehen konnte, muß man wissen, daß die magnetische Bildaufzeichnung einer Sendung sich bei der Ausstrahlung lediglich in den Zeilen 24 bis 310 (1. Halbbild) und 337 bis 622 (2. Halbbild) wiederfindet. Die anderen Zeilen, also die beiden Austastlücken und das Bildendesignal, kommen erst bei der Erzeugung des Sendersignals während der Ausstrahlung hinzu.

Man hatte einen Weg gefunden: Bis vor kurzem war bei den genannten Sendungen des WDR in der oberen linken Ecke ein kleiner Balken zu sehen, der abwechselnd schwarz oder weiß leuchtete. Man nannte diesen „digitalen" Balken liebevoll „Datenfensterchen“, wobei sich viele Zuschauer über entsprechende Bemerkungen in den jeweiligen Sendungen wunderten. Viele Fernsehgeräte waren so großzügig in der vertikalen Bildaufteilung eingestellt, daß dieser blinkende Balken überhaupt nicht zu sehen war.

Das Rätsel ist schnell gelöst: Dieses erste Verfahren (Name „VD 300") benutzte jeweils 13 Zeilen unterhalb der Austastlücken (also im echten Bildbereich), allerdings nicht in der vollen Zeilenbreite, was auf dem Schirm nur etwa 5 cm (von links) ausmachte (siehe Bild 2). Zeile 25 bzw. 338 war immer ein Weißsignal als Start-Bit, die Zeilen 26 bis 33 und ihr Äquivalent die Zeilen 339 bis 346 bildeten die 8 Informations-Bits (wer weiß es? richtig: 1 Byte!), gefolgt von zwei Stop-Bits (immer schwarz). Für DFÜ-Spezialisten im Kurzcode: „8.N.2“.

Jedes Halbbild trug auf diese Weise immer ein Byte, was 50 Bytes pro Sekunde entspricht, oder umgerechnet 400 Bits pro Sekunde, gleich 400 Baud. Das würde bei völliger Fehlerfreiheit in der Übertragung während einer 30-Minuten-Sendung 90.000 gesendeten Zeichen entsprechen, das sind etwa 40 vollgeschriebene DIN A4-Seiten!

Bild 1: So baut die europäische Fernsehnorm unser TV-Bild zusammen.

Bild 2: Das veraltete VIDEODAT-Verfahren benutzte noch für jedes Informations-Bit eine eigene Zeile.

Bild 3: Die Dateninformation liegt im Inhalt unbenutzter Bildzeilen des Fernsehsignals.

Bild 4: So setzt sich das Signal von CHANNEL VIDEODAT zusammen.

Bild 5: Die genügsamen Pull-Down-Menüs des Programms VIDEODAT 1200.

Das 2. Verfahren

Im Jahre 1988 wurde von der Firma Wiegand in Brühl ein völlig neues VIDEODAT-Verfahren (Name: VD 1200) fertiggestellt, das mit seinen Leistungsdaten die 400 Baud der ersten Technik in den Schatten stellt. Videodat hat sich nunmehr zum größten Teil in die beiden Austastlücken zurückgezogen (siehe Bild 3). So dienen jetzt (am Beispiel des ersten Halbbildes betrachtet) die Zeilen 7 bis 22 in der Austastlücke und die Zeilen 24 bis 31 im Bildsignal zur Datenübertragung. Was aber das neue Verfahren auszeichnet, ist die andere Benutzung der Zeilen: Jede einzelne Zeile wird in ihrer ganzen Breite genutzt, und die Bytes liegen komplett in einer Zeile. Weitergehende Verbesserungen haben dazu geführt, daß nicht nur 1 Byte, sondern wahlweise 2 oder 4 in eine Zeile gelegt werden können, was sicherlich noch keine Grenze nach oben darstellt (siehe Bild 4).

An der Informationsdarstellung hat sich aber nichts geändert. Die logische 1 (High) bedeutet Schwarzpegel (0,3 Volt), und der logischen 0 (Low) entspricht der Weißpegel (1 Volt). Der Aufbau eines Informations-Bytes besteht nun aus 1 Start- und nur noch 1 Stop-Bit (Kurzcode: 8.N.1).

Der WDR benutzt seit 1988 dieses neue Prinzip und belegt während der Sendungen die Zeilen 24 bis 27. So wird eine Videodat-Information wie beim alten Verfahren schon während der Bildaufnahme im Studio oder beim Bandumkopieren in diese 4 ersten Zeilen des Bildinhaltes hineingegeben. Der Vorteil für den Fernsehteilnehmer liegt darin, die Videodat-Signale mit einem Videorekorder aufzeichnen zu können.

Channel Videodat

Bislang fristete Videodat ein Schlummerdasein und wurde nur zu zwei Terminen im Monat vom Westdeutschen Rundfunk aus dem Dornröschenschlaf erweckt. Inzwischen ist die Zeit des Verschlafens vorbei! Nachdem sich die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten noch die Wunden des anderen Schlummerdienstes VideoTEXT lecken und nicht über ihren Schatten springen konnten, zeigt uns eine Privatfirma, wie der Hase läuft: die Firma Wiegand aus Brühl bei Köln. Die Deutsche Bundespost TELEKOM stellt die Sendekapazität in der Austastlücke des privaten Fernsehsenders PRO 7 zur Verfügung, Wiegand produziert den „CHANNEL VIDEODAT" als eigenständige Dienstleistung und bietet entsprechende Hard- und Software dazu an.

Weil PRO 7 keinerlei Vorhaben in Sachen Videotext unternehmen wollte, lag die Übertragungskapazität in den Austastlücken brach. Channel Videodat benutzt (bei PRO 7) die Zeilen 11,12 und 13. Da mittlerweile ein noch ausgeklügelteres Verfahren Anwendung findet (quasi Verfahren Nr. 3), sind jetzt sogar 10 Bytes pro Zeile machbar. Insgesamt erreicht dieser (physikalische) Datenkanal eine Übertragungsrate von 15.000 Baud, der zur Zeit in zwei logische Kanäle aufgeteilt ist.

Rechnen wir doch einmal nach:

10 Bits/Byte * 10 Bytes/Zeile
* 3 Zeilen/Halbbild * 50 Halbbilder/Sekunde
= 15.000 Bits/Sekunde!

Während der Sendung laufen auf jedem logischen Kanal bis maximal drei Prozesse parallel. So wird üblicherweise Computersoftware mit der schnellsten Rate von 9.600 Baud als sogenannter Vordergrundprozeß gesendet. Texte benötigen nicht so viel Zeit, so daß sie als Hintergrundprozesse etwas langsamer beim Empfänger ankommen können.

Das ganze ähnelt sehr dem Prinzip von DATEX-P: Eine zusammengehörige Datenkette (beispielsweise ein Listing) wird in einzelne Datenpakete mit fest definierter Länge aufgeteilt. Die Datenpakete schickt man mit einer Kennung versehen auf die Leitung. Der Empfangsdekoder setzt nun die einzelnen Datenpakete wieder (wie ein Puzzle) zusammen. So ist es möglich, Datenpakete unterschiedlicher Quellen hintereinander über die Leitung (hier natürlich die Fernsehzeilen) zu schicken und eine quasiparallele Übertragung zu gewährleisten. Logisch dürfte sein, daß ein schnellerer Prozeß in der selben Zeitspanne entsprechend öfter Datenpakete auf die Reise schickt als ein langsamerer.

Bild 6: Dies sind die hauptsächlichen Parameter eines Einleseprogramms für das WDR-System „VD 1200“

Bild 7: Die Benutzeroberfläche des bisherigen Einleseprogramms

Die Einbahnstraßen-Mailbox

Wer weiß noch nicht, was eine Mailbox ist? Gut, ganz kurz im Schnellkurs: Eine Mailbox hält für gezielt adressierbare Empfänger (Personen) Nachrichten bereit. Damit sowohl Empfänger als auch Absender solcher elektronischer Briefe eine Anlaufstelle haben, gibt es Zentralrechner, die entsprechende elektronische Postfächer bereithalten. Dort werden die elektronischen Nachrichten zwischengelagert. Absender und Empfänger einer solchen Mitteilung müssen Zugang zu diesem Speichersystem haben. Abgesehen von den geschlossenen Netzen, in die ein Unbefugter kaum eindringen kann, gibt es auch öffentlich zugängliche Mailbox-Rechner.

Unter den Mailbox-Nutzern besteht eine grobe Unterteilung von zwei Nachrichtentypen: 1. die private Zusendung („eyes only“), die von einem Absender gezielt nur einem Empfänger zugeleitet werden soll. Dieses Prinzip kennen wir noch von der alten Briefpost, wo jeder Brief einen definierten Absender hat und nur einen vorgegebenen Empfänger kennt. 2. die öffentliche Zusendung („public“), bei der üblicherweise der Absender durchaus bekannt sein kann, aber der (oder die) Empfänger nicht immer festzustellen sind. Am ehesten ließe sich dieses Prinzip mit der Veröffentlichung einer Kleinanzeige in der Zeitung vergleichen.

So haben sich mittlerweile auch in unseren Breiten Mailboxen etabliert, die Nachrichten in „schwarzen Brettern“ sammeln (sogenannte Bulletin-Board-Systeme), und jeder, der berechtigten Zugang zu diesem System hat, kann diese „Public-Notes“ lesen oder auch nicht. Vorteil: Man kann selbst entscheiden, welche Nachricht lesenswert erscheint. Nachteil: Der Nutzer muß sich die Mühe machen, die Bretter in den Mailboxen zu durchstöbern, um per Befehl die Texte aufzurufen (Optional oder Holprinzip).

In größeren Netzwerken hat sich ein anderes Verfahren als viel praktikabler erwiesen. Das Mitglied einer Ziel-Mailbox kann sich in eine Nutzergruppe eintragen lassen und erhält ab sofort alle Nachrichten automatisch in sein elektronisches Postfach gesandt, die von irgendwoher für diesen Nutzerkreis adressiert waren. Schwarze Bretter gibt es dort nicht mehr. Vorteil: Man muß die interessierenden Bretter nicht mehr durchsuchen. Nachteil: Das Mailbox-Fach bläht sich sehr schnell mit Mitteilungen auf (Automations- oder Bringprinzip).

Channel Videodat vereinigt die verschiedenen Verfahrensweisen einer Mailbox, einer „Dateneinbahnstraße“ gleich, d.h. es bleibt dem Teilnehmer überlassen, welche Inhalte er sich von einer mitgelieferten Software aus dem Kanal „herausfiltern“ läßt. Seit Beginn diesen Jahres läuft 24 Stunden täglich, einem Wasserfall gleich, ein nie enden wollender Datenstrom über das Fernsehsignal. Umgerechnet sind das, abzüglich einiger Steuer- und Codierungssignale zwischen 130 und 150 Megabytes Daten pro Tag! Dies ist auch ein Grund, warum der private Fernsehsender PRO 7 als Datenkaravane in Frage kam, denn er sendet ein ununterbrochenes Programm.

Das vielfältige Angebot des Channel Videodat liest sich fast wie das Inhaltsverzeichnis einer Familienillustrierten: Filmlexikon, Börse direkt, Game Box, ddp-Nachrichten, Computermarkt, Shareware-Bibliothek, Kleinanzeigen, Sport, um nur einige zu nennen.

Das Angebot

Ursprünglich waren hauptsächlich sogenannte „Online-Zeitungen“ (Textdienste) im Kanal zu finden (Frankfurter Rundschau, deutscher depeschen dienst, Frankfurter Wertpapierbörse). So kam beispielsweise im März 1990 die „elektronische Tageszeitung für Blinde (ETAB)“ ins Programm, bei der die Ausgabe des Textes auf ein Sprachmodul oder einen Blindenschriftdrucker (Braille) geleitet werden kann. Mittlerweile geht das Angebot aber weit darüber hinaus, denn auch Grafik und lauffähige Programme (vornehmlich Public Domain bzw. Shareware) sind machbar, ein besonderes Schmankerl für Computerfreaks.

Als weiterer Leckerbissen werden eine Reihe von Computerzeitschriften mitarbeiten, die nicht nur ihre News-Meldungen und Demo-Software, sondern auch Sonderausgaben exklusiv für den Channel Videodat veröffentlichen wollen. Es eröffnet sich damit die Chance für interessierte Computeranwender, ein Forum zu finden, ohne in zahllosen Mailboxen Mitglied zu sein.

Der Fernsehsender PRO 7 wurde nicht zuletzt auch wegen seiner Empfangbarkeit in Europa als „Datenträger“ ausgewählt. So hat er einen festen Platz im Breitbandkabelnetz der Deutschen Bundespost TELEKOM. Weitere terrestrische Frequenzen für den Antennenempfang sind bald frei, und über die Satelliten „Astra“ (Luxemburg) und „Kopernikus“ (Deutschland) ist ein Direktempfang mit Parabolspiegel schon heute europaweit möglich. Noch in diesem Jahr wird ein Versorgungsgrad von 50% der Bevölkerung mit PRO 7 erreicht sein.

Bild 8: Auch Bildelemente kann eine VIDEODÄT-Nachricht enthalten.

Anschluß finden

Als Voraussetzung für den Empfang von Channel Videodat wären zu nennen:

Kernstück der Empfangbarkeit ist ein Videodat Dekoder, der von der Firma Wiegand, Brühl hergestellt wird. Monatlich verlassen zwischen 10.000 und 15.000 Dekoder das Fließband. Wenn man überlegt, daß in den Anfängen von Videodat seit 1986 bereits 30.000 Teilnehmer einen entsprechenden Dekoder lediglich für den Empfang der WDR-Sendungen erwarben, dann erkennt man, welches Interessenpotential sich dahinter verbirgt.

Der Videodat-Dekoder erfüllt gleich mehrere Aufgaben. Zunächst ist er verantwortlich dafür, die richtigen Zeilen aus dem Fernsehsignal herauslesen und kurzzeitig zwischenzuspeichern. Zum gegenwärtigen Stand der Technik kommen die Datenströme mit einer Geschwindigkeit von I5.000bps (Bits pro Sekunde) als ein physikalischer Kanal herein. Wie wir weiter vorne gesehen haben, teilt sich dieser physikalische in zwei logische Kanäle, von denen der schnellste 9.600 Baud macht. In dieser Geschwindigkeit laufen die Daten an den Computer weiter.

Weiterhin stellt der Dekoder sicher, daß nur solche Inhalte an den Computer fließen, die auch wirklich für diesen Teilnehmer bestimmt sind. Dazu finden 2 parallel arbeitende Verfahren Anwendung: 1. Adressierung. Die Dekoder können individuell zum Empfang verschiedener Dienste freigeschaltet oder gesperrt werden. Dieser „Fernwartungscode“ kann bis zu 4 Milliarden Dekoder getrennt ansprechen. 2. Verschlüsselung. Alle Signale im Channel Videodat, auch die sogenannten freien Datendienste sind „gescrambled“ (verschlüsselt). Es wurde ein höchst komplizierter Verschlüsselungsalgorithmus (ca. 15 Milliarden Möglichkeiten) angewandt. Damit lassen sich sogar exklusive Benutzergruppen mit Daten bedienen, von denen andere Teilnehmer nichts entziffern können. Ein gutgemeintes Wort an den Hardware-Bastler: Es lohnt sich wirklich nicht zu versuchen, die Videodat-Schaltung der Firma Wiegand entwirren zu wollen und das Gerät nachzubauen.

Wie wir weiter oben festgestellt haben, läuft der Datenstrom des Channel Videodat immer nur in eine Richtung. Das bringt natürlich die Schwierigkeit mit sich, mögliche Fehlübertragungen ausschalten zu müssen, weil es eben keinen Rückkanal gibt, der irgendeine Prüfsumme an den Sender schicken könnte. Außerdem wäre eine individuelle Wiederholung einzelner Datenpakete für einzelne Empfänger total unwirtschaftlich bei tausenden angeschlossener Teilnehmer. Zur Zeit behilft man sich mit dem Trick, die Datenpakete in unregelmäßigen Abständen einfach mehrmals den Empfängern zuzusenden (Zeit-Multiplexing). Bei der extrem hohen Übertragungsrate im Kanal spürt der Anwender gar nichts davon.

Der Videodat-Dekoder, ein Videokabel und die nötige Software sind ab Januar 1991 im ausgesuchten Radio- und Fernsehfachhandel zum Komplettpreis von ca. DM 350 erhältlich. Kostenpflichtige Datenabonnementdienste verschiedener Unteranbieter sind darüber hinaus zu unterschiedlichen Gebühren erhältlich. Verträge hierzu müssen mit der Firma Wiegand gesondert abgeschlossen werden. Das Versprechen von Channel Videodat aber gilt, daß mindestens 50% des Gesamtangebotes dauerhaft von Zusatzgebühren ausgenommen bleiben.

Schlußbemerkung

Wenn man sich in der DFÜ-Landschaft umschaut, ist der Weg zur Information ständig mit Steinen gepflastert. Das Angebot z.B. im Bildschirmtext (BTX) wäre von der Gebührenseite durchaus attraktiv, wenn sich nur genügend Anbieter dort wiederfänden. (Gerüchteweise verlautete, daß BTX ohnehin zum Ende des Jahres 1992 eingestellt werden soll.) An eine weit entfernte Mailbox per Telefon zu gehen, erübrigt sich schon fast wegen der hohen Verbindungsgebühren und der schlechten Übertragungsqualität. Per DATEX-P den Weg zu einer Datenbank zu suchen, scheitert oft an der verwirrenden Gebührenstruktur, oder weil der Anbieter schlichtweg keinen DATEX-Anschluß hat. Videotext hat ein so schmales Angebotsspektrum, daß viele Fernsehbesitzer sich kaum dort umschauen, obwohl es eingebaut ist. Was bleibt denn nun dem Computeranwender für eine Alternative?

VIDEODAT hat durchaus die Chance, die großen Lücken in unserer Telekom-Landschaft sinnvoll zu schließen. Weil der Versorgungsgrad unserer Haushalte mit Fernsehgeräten extrem hoch ist, bietet sich das Fernsehsignal als idealer Träger für Zusatzdienste an. Channel Videodat vereinigt in sich die verschiedenen Arbeitsverfahren einer Mailbox, quasi wie ein gigantisches elektronisches Rundschreiben.

Dennoch darf man die (wenn auch kleinen) Schwächen des Systems nicht verschweigen: Zur Zeit ist zum Empfang des Datenstromes noch ein Fernseher, Videorekorder oder sonstiger TV-Empfänger nötig. Und: Der Kanal von PRO 7 muß beim Empfang der Daten eingestellt sein, so daß andere Fernsehsender während dieser Zeit blockiert sind. Die Firma Wiegand arbeitet aber schon an einem Dekoder mit eingebautem Empfänger der unseren gewohnten Fernsehabend dann nicht mehr stört. Mein Vorschlag: Baut bitte gleich eine Zeitschaltuhr mit ein.

Womit wir bei einem weiteren Manko des Systems wären: Derzeit muß der Anwender noch bis zur maßgeblichen Uhrzeit ausharren, damit die Daten den Computer erreichen. Wohl dem, der einen Videorekorder sein eigen nennen kann, denn wie wir oben gesehen haben, läßt sich das Signal des Channel Videodat glücklicherweise aufzeichnen (zusätzlich zum eigentlichen Fernsehprogramm).

Mein Fazit: Die Angebotspalette kann sich durchaus sehen lassen und stellt (bei entsprechender Resonanz von Nutzern und Anbietern) so manche kommerzielle Mailbox in den Schatten. Das Prinzip der Übermittlung im Huckepackverfahren mit dem Fernsehbild ist bestechend genial. Wenn die Idee konsequent weiterverfolgt, verbessert und das Angebot noch auf andere Kanäle ausgebaut wird, dann ist Channel Videodat mit Sicherheit das interessanteste DFÜ-Medium der Zukunft.

DK

Bezugsquelle

Wiegand Video-Daten-Systeme
Balmersdorfer Hof 11-19 5040 Brühl



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