Computereinsatz an einer Schule für Körperbehinderte

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Manfred bringt seinem Fischertechnik-Roboter gerade bei, wie er Kupferstücke umsortiert, Öztürk erstellt ein Formular für den Schülerbogen, Thomas und Christine fertigen eine technische Zeichnung mit CAD an, Sabine gestaltet mit DTP die Titelseite der neuen Schülerzeitung. Nicht unbedingt ein alltäglicher Schulbetrieb, der hier im Klassenraum der Berufsschulklasse der Schule für Körperbehinderte in Coburg abläuft -für die körperlich beeinträchtigten Schüler hat der Computer sowohl ihr Schulleben als auch ihre Zukunftsperspektive ganz wesentlich verändert.

Nach dem derzeit gültigen Lehrplan sind an der Oberstufe der Schulen für Behinderte und Kranke mindestens 40 Stunden Unterrichtszeit für die sogenannte ITG (Informationstechnische Grundbildung) vorgesehen. Schwerpunkt ist hier die Integration des Computers in die traditionellen Unterrichtsfächer.

Das ist zunächst nichts Außergewöhnliches; eine Schule für Körperbehinderte hat sich hier aber noch mit zusätzlichen Problemen und Ansprüchen auseinanderzusetzen.

So treten vielfach schon bei der Bedienung des Rechners Schwierigkeiten auf. Mehr oder weniger schwere motorische Beeinträchtigungen müssen mit speziellen Adaptionen so weit wie möglich kompensiert werden. Für den Atari ST steht hier eine Großtastatur zur Verfügung, an der Konstruktion einer Mini-Tastatur wird gerade gearbeitet. Der C64 ist über einen Fünf-Flächen-Joystick zu steuern.

Um Mobilität und optimale Nutzung der Rechner zu gewährleisten, sind sie auf fahrbaren Holztischen installiert, die im Werkunterricht von den Schülern auch selbst gebaut wurden. Der Computer wird direkt im Klassenzimmer eingesetzt - mit Blick zur Tafel beim Abschreiben.

Auch die eingesetzte Software muß unter besonderen Gesichtspunkten ausgewählt werden. Fachberater Helmut Gensler testet die immer zahlreicher auf dem Markt erscheinenden Programme auf ihre Verwendbarkeit im Körperbehindertenbereich.

Da die Lesbarkeit und das Erscheinungsbild der eigenen Handschrift häufig problematisch sind, liegt der Schwerpunkt zunächst auf Schreibprogrammen - möglichst mit klarer Benutzerführung, übersichtlicher Oberfläche und umfangreicher Rechtschreibkorrektur. Wissenschaftliche Untersuchungen bescheinigen dem Computer hier ganz wesentliche Erfolge.

Da der Leistungsstand innerhalb einer Klasse oft sehr unterschiedlich ist, bieten sich Lernprogramme zur individuellen Differenzierung an. Vor allem in den Kernfächern Deutsch und Mathematik, aber auch in einigen Sachfächern wie zum Beispiel Erdkunde liegen bereits Programme vor, die die Förderung jedes einzelnen Schülers nach seinem jeweiligen Leistungsstand ermöglichen.

Mit einem der Projekte unter Genslers Leitung, der Schülerzeitung, hat die Redaktion bereits zweimal den Wettbewerb gewonnen. Die Texte der 7days werden auf dem Schreibprogramm geschrieben, ins DTP-Programm Timeworks übertragen, wo auch über Videokamera digitalisierte Bilder eingeladen werden, und zum Schluß mit einer eigenen Druckmaschine fertiggestellt.

Die bisherigen Erfahrungen in den Klassen sind durchgehend positiv. Der Computer wirkt sehr motivierend, selbst sonst verhaltensauffällige Schüler arbeiten konzentrierter und ausdauernder, weil sie nicht "vom Lehrer gestört" werden.

Für manche Schüler - etwa mit schweren Sprachstörungen - bietet der Computer überhaupt erst den Einstieg in die "Kulturtechniken" bzw. ermöglicht Kommunikation - auch hier mit spezieller Software.
Besonders intensiv wird die Arbeit am Computer im Berufsschulbereich betrieben. Die beiden Klassenlehrer Bernhard Schneider und Helmut Franz gehen mit Blick auf die Zukunft der Schüler in den Werkstätten für Behinderte auch verstärkt auf den industriellen Einsatz von Computern ein.

Von der Programmierung und Steuerung von Fischertechnik-Modellen über CAD bis hin zu einfachen CNC-Programmierungen steht ein vielfältiges Angebot zur Verfügung, um jeden Schüler nach Möglichkeit seinen intellektuellen und körperlichen Fähigkeiten entsprechend auszubilden -natürlich auch ein gerne genutzter "ShowEffekt" für Besuchergruppen.
"Wir stehen hier aber noch am Anfang", meint Schneider, "wir haben im Moment einfach noch nicht die Ausstattung, die wir uns eigentlich wünschen; es ist aber von allen offiziellen Seiten Unterstützung signalisiert worden, auch die Schulleitung hat immer ein offenes - und gelegentlich auch notwendigerweise ein unbürokratisches - Ohr für uns." Dazu Schulleiter Horst Steinacker: "Unser wesentliches Anliegen ist das Wohl des Schülers. Dazu müssen unter Umständen auch unkonventionelle Wege beschritten werden."

Für die Lehrer nicht immer einfach: Neben der eigentlichen Unterrichtsarbeit müssen Konzeptionen und Pläne erstellt werden, die eigene Fortbildung muß in Abendkursen und - vom Schulamt immer großzügig geförderten - Betriebspraktika in Großfirmen erfolgen. "Ohne das Entgegenkommen der Firma Brose, speziell der Ausbilder in der Lehrwerkstatt, wären wir noch nicht so weit", gibt Franz zu, der auch eigene Programme in solchen Fällen mit Turbo-C erstellt, wo keine behindertengerechten erhältlich sind.

Als Fazit zieht Gensler:" Der Computer hat gerade den körperbehinderten Schülern den Weg zu einer neuen Lebensqualität eröffnet,"


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