Interschul ’90

Vom 12.-16. Februar fand in Dortmund die Interschul-Messe statt. Was es auf dieser Messe, die eigentlich nur für den Schulbedarf gedacht ist, an Neuigkeiten und Besonderheiten für den ST zu sehen gab, haben wir in diesem Artikel für Sie zusammengestellt.

In den letzten Ausgaben der ST-Computer berichteten wir bereits über “ATARI in der Schule” und eine Interessensgemeinschaft, die sich zusammen mit ATARI für den Einsatz des ST im Schulunterricht einsetzt. Eben diese Gemeinschaft war mit ATARI auf einem gemeinsamen Stand (Bild 1) auf der Interschul vertreten. Hier wurden sowohl für Lehrer als auch für Schüler interessante Gerätschaften und Programme demonstriert, die hoffentlich bald in vielen Schulen zur Anwendung kommen werden.

Das Herz der Geräte ist jeweils der sogenannte “Oktobus”, ein universelles Interface-System für den Unterricht. Das Gerät besitzt 8 Digital-Eingänge, spannungsfest bis 40 Volt, mit Schmitt-Trigger; 8 Digital-Ausgänge, dauerkurzschlußfest, je Ausgang 1000 mA; Leuchtdioden für die Ein- und Ausgänge. Außerdem sind zwei voneinander unabhängige A/D-Wandler eingebaut. Über zwei Schiebeschalter können die Spannungen für die ersten sechs und die letzten zwei Ausgänge getrennt festgelegt werden. Alle Ausgänge lassen sich auch über ein Flachbandkabel herausführen, so daß nicht unbedingt die aus dem Physik-Unterricht bekannten Kabel benutzt werden müssen, sondern auch Platinen problemlos angeschlossen werden können. Bis zu vier Schrittmotoren können problemlos an extra hierfür angebrachte Buchsen angeschlossen werden. Das Interface benötigt kein Spezialnetzteil, sondern wird über ein handelsübliches Netzgerät mit 9 Volt bis 12 Volt Gleichspannung versorgt. Bild 2 zeigt das Interface.

Zur eigenen Programmierung des Oktobus-Interfaces steht eine Prozeßsprachenerweiterung zunächst in GFA-BASIC zur Verfügung. Andere Sprachen folgen in Kürze. Diese Erweiterung besteht aus Unterroutinen, die die Ansteuerung des Interfaces zum Kinderspiel machen, indem sie einfach nur als Prozedur angesprungen werden müssen.

Bild 1: Der Atari-Stand auf der Interschul

Bild 2: Das Oktobus-Interface

Bild 3: Der kombinierte Schneider/Plotter bei der Arbeit

Kombinierter Plotter/ Schneider

An das Oktobus-Interface läßt sich beispielsweise ein NC-Hitzedrahtschneider/ Plotter anschließen. Dieses universelle Gerät dient zum Beispiel dazu, NC-Steuerungen am Beispiel von Styropor zu verdeutlichen. Dazu wird im Computer eingegeben, was aus dem Styropor-Stück geschnitten werden soll, etwa ein Auto, ein Buchstabe oderein Schriftzug. Bild 3 zeigt das Gerät beim Ausschneiden des Schriftzugs “HOHL” aus einem Styropor-Block. Wenn der Schneider nicht mehr benötigt wird, kann man ihn problemlos zu einem Plotter mit einer Genauigkeit von 1/200 mm umbauen. Dadurch müssen Schulen keinen immensen Gerätepark mehr kaufen, sondern kommen ab sofort mit einem Gerät aus.

Auch ein Gerät namens “Experimentierbahn Hösbach”, besser bekannt unter dem Namen “Glasfahrbahn”, wurde gezeigt (Bild 4). Dieses ebenfalls sehr universelle Gerät ist ein mehrfach ersetzbarer Meßwandler für Bewegungen und Kräfte. Die Glasfahrbahn ist ein Meßwandler für y-t-Schreiber und Computer mit A/D-Wandler. Mit ihr ist die Schwerpunktsbewegung eines Körpersystems schnell und genau quantitativ erfaßbar. Unter anderem etwa: die experimentelle Herleitung des Schwerpunkt- und Impulssatzes, die quantitative Beschreibung der gleichförmigbeschleunigten Bewegung, die Messung der Erdbeschleunigung g, die Behandlung von Relativbewegungen, die Darstellung der Sinusfunktion anhand einer kreisenden Kugel u.v.m. Ein Beispiel: Auf einem auf der Glasfahrbahn stehenden Wagen liegt ein Becher. Darin lassen wir eine Kugel kreisen. Der Wagen wird durch ein an der Kante der Glasrollbahn herabhängendes Gewicht über die Glasfahrbahn gezogen. Anhand der Bewegung läßt sich nun mit Hilfe des Oktobus' und eines entsprechenden Programms eine Sinuskurve darstellen. Auch Zusatzgeräte zur Glasfahrbahn sind erhältlich, so zum Beispiel ein Zentralkraftgerät, ein Pendelkreisel zur Einführung des Drehimpulses oder ein Ausflußgefaß mit textilem Boden zur Darstellung der e-Funktion.

Haben Sie schon versucht, die Steuerung eines Aufzugs nachzuprogrammieren? “Ich stehe im dritten Stock eines Wohnhauses. der Lift ist im neunten, im fünften drückt jemand auf den Liftknopf, weil er in den Keller möchte, und ich möchte in den siebten Stock.” Wie erkennt die Fahrstuhl-Elektronik die Fahrwünsche, wie wird der Lift-Fahrplan optimiert, und wie verläuft die Lift-Steuerung? Der Teufel steckt im Detail, wie man schon an diesem Beispiel sieht. Ein anschauliches, in GFA BASIC geschriebenes Programm erlaubt jetzt mit dem Oktobus dem Schüler, per Simulation so durchs Haus zu fahren, wie er es in seiner Steuer-Elektronik programmiert hat - inklusive falscher Richtung oder ohne Halten im richtigen Geschoß. Während der Messe riß der Nylonfaden, an dem der Modellaufzug hing. Fazit: acht Simulations-Tote. Nachdem der Nylonfaden erneut befestigt war, lief alles wieder korrekt. Das komplette Fahrstuhlmodell sehen Sie in Bild 5.

Einen für Schulen höchst interessanten und wohl unverzichtbaren Dienst hat die Initiative mit der “medien cooperative ober-Schwaben” (mco) vereinbart: Hier ist ein kostenloser Public Domain-Kopierservice vorhanden. Lediglich eine Leerdiskette mit Rückporto muß eingeschickt werden, um daraufhin eine volle Diskette mit Public Domain-Programmen, die in der Schule gebraucht werden können, zurückzuerhalten.

Bild 4: Mit der Glasfahrbahn auf physikalischen Abwegen

Bild 5: Die Simulation eines komplexen Fahrstuhls

Schul-CAD

Ein Programm, das auf einem anderen Stand vorgeführt wurde, ist Schul-CAD (Bild 6). Es ist ein CAD-Programm, das speziell für Schulen entwickelt wurde. Es geht einen komplett neuen Weg und hebt sich von allen bisher bekannten CAD-Programmen auf eine positive Weise ab. Hier ist beispielsweise ein unterbrechungsfreies Arbeiten durch strikte Trennung zwischen Einstellungen (Hilfswerkzeugen) auf der linken und Zeichen- bzw. Bearbeitungsfunktionen auf der rechten Seite möglich. So kann die Linienbreite problemlos geändert werden, während ein Polygonzug gezeichnet wird. Hier muß man nicht, wie bei den meisten anderen Programmen, zuerst die Funktion beenden, um dann die Linienbreite im Nachhinein zu ändern, sondern sie ist sofort ausführbar. Genauso verhält es sich auch mit allen anderen Funktionen, das Konzept wurde im gesamten Programm eingehalten und macht es gerade Schülern leicht, mit der Anwendung schnell zurechtzukommen. Schul-CAD wurde ursprünglich auf einem PC entwickelt und konnte durch den C-Source leicht auf den ST umgesetzt werden. Zeichnungen, die mit Schul-CAD auf dem PC entstanden sind, können problemlos auch mit dem ST weiterverarbeitet werden und umgekehrt. So ist auch eine Mischung verschiedener Computer in einer Schule kein Problem mehr. Alle Erläuterungstexte, die das Programm jederzeit durch Druck auf F1 ausgibt, sind vom Lehrer mit einem Texteditor problemlos zu ändern.

Das Karstadt Profi-Computer-Studio Dortmund war mit einem eigenen Stand auf der Messe vertreten. Hier wurden Desktop-Publishing- und CAD-Programme wie Calamus und CADja vorgeführt. Sicherlich auch keine schlechte Idee für Schüler, die eine Schülerzeitung mit der Schule herausgeben wollen. Auf diesem Stand waren allerdings keine Neuerungen zu sehen, sondern es wurden tatsächlich nur bereits bekannte Programme vorgeführt.

Ein Interface wie Oktobus kam auch bei Leybold (Hersteller von Meßgeräten für den Physik und Chemie-Unterricht) zur Vorstellung. Ein ATARI ST bediente das Gerät. Lehrer, die mit dem ST im Unter rieht arbeiten wollen, sollten sich auf der Suche nach geeigneten Gerätschaften also auf jeden Fall auch bei den herkömmlichen Herstellern erkundigen, ob bereits Interfaces und/oder Umsetzungen für den ST vorhanden sind .

Geplante Umsetzungen

Soweit die Neuerungen für den ST-Bereich. Allerdings wurden auch einige Programme vorgestellt, die in nächster Zeit für den ST erhältlich sein sollen. So gab es bei Lego ein Interface zur Ansteuerung von Lego dacta und Legotechnic zu sehen, das allerdings zunächst nur für PCs und kompatible Rechner erhältlich ist. Eine Umsetzung für den ST ist mit Sicherheit in den nächsten Monaten zu erwarten, andere Rechner müssen noch länger auf den Lego-Anschluß warten.

Die auf dem ST-Sektor (noch) recht unbekannte Firma BBH plant, ihr Universal-Interface auch für ATARI ST Benutzer anzupassen. Mit diesem Gerät ist es möglich, Messungen im Abstand von 20 Mikrosekunden (33000 Werte pro Sekunde mit einer Auflösung von 0,4%) durch zu führen und so beispielsweise Kraftfahrzeug-Zündanlagen etc. zu prüfen oder physikalische Vorgänge zu verdeutlichen. Weiterhin sind HF-und NF-Zähler, Rechteckgeneratoren und Ereigniszähler eingebaut. Das Universal-Interface hat jeweils acht Digital- und acht Analog-Ein- und Ausgänge und ist damit für jede Art von Messungen uneingeschränkt nutzbar. Preis und Erscheinungstermin stehen noch nicht fest. Das Gerät ist in abgewandelter Form bereits im Schulungszentrum bei VW in Wolfsburg und anderen Firmen im Einsatz und hat sich bestens bewährt. Man darf gespannt sein.

Die Zukunft

Schüler, die momentan noch nicht mit Computern in der Schule arbeiten, das jedoch gerne möchten, können beruhigt schlafen. Der Trend zum Schulcomputer läßt sich nicht mehr verleugnen. Selbst der Stand des Kultusministeriums NRW war mit einem Computer ausgestattet. Richtlinien für den Unterricht mit Computern müssen jedoch erst noch festgelegt werden, da sie noch nicht überall einheitlich sind. Kein Anbieter von Lehrmitteln kann es sich heutzutage noch leisten, sein Angebot ohne Computer aufzubauen - die Konkurrenz ist einfach zu groß.

Latein-Unterricht mit dem Computer? Warum nicht? Ein Anbieter stellte jedenfalls bereits ein Programm (leider vorerst nur MS-DOS) vor, mit dem Grammatik auf einfache Art und Weise vermittelt werden soll. Ob Cornelsen, Klett, Westermann, Vandenhoek & Ruprecht, Winkler, Bertelsmann oder Beltz: Programme für Latein, Englisch, Französisch, Kurzschrift, mathematische Gleichungen, Maschinenschreiben, physikalische und chemische Messungen, Lehrpläne, Raumbelegungen oder Stundenpläne und, und, und... Alles ist vorhanden. Wie die Schule der Zukunft aussehen wird, wird die Zukunft zeigen. Man darf auch hier gespannt sein.

Kontaktadressen:

ATARI in der Schule
Interessensgemeinschaft "ATARI ST in der Schule"
c/o Dieter Schulte-Borherg
Am Graben 45
5757 Wickede/Ruhr

Universal-Interface
BBH
Wittekindweg 11
5870 Hemer

Schul-CAD
cis GmbH
Am Eisernen Schlag 27
6000 Frankfurt 50

MP

Bild 6: Eine Hardcopy des Schul-CADs



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