It’s Showtime - Messen im April

Vom 10. bis 13. April fand in Chicago die COMDEX Spring '89 statt. Die COMDEX ist die größte Computermesse in den USA. Sie findet zweimal im Jahr statt, einmal im Frühjahr und einmal im Herbst. Etwa 1000 Aussteller zeigten in zwei großen Hallen des McCormick Centers neuste Hard- und Software und sogar neue Chips, wie z.ß. Intel seinen neuen 80486 und einen mit 33 MHz getakteten 80386 Mikroprozessor.

Beim Durchstöbern der Hallen stellt man schnell fest, daß sich fast alles um "Big Blue" alias IBM dreht. PCs aller möglichen Hersteller, Erweiterungskarten, Zubehör, Drucker und Monitore alles anschlußfertig für MS-DOS-Rechner. Und irgendwo vor einem riesigen IBM-Schild befindet sich dann der ATARI-Stand, recht klein, mit grellblauem Teppichboden und etwa 20 Arbeitsplätzen, an denen Fremdhersteller ihre ATARI-Produkte vorführen. Die Firma Computer Avenue konnte ihr einziges Produkt, ein Backup-Programm für Festplatten, gleich an drei Arbeitstischen vorführen, weil die Nachbarn zur Linken und Rechten nicht erschienen waren. Überhaupt hatte ich das Gefühl, als hätte ATARI Mühe gehabt, den Stand zu besetzen. Bei uns schon etwas länger bekannt, wurden den Amerikanern hier drei neue Produkte vorgestellt: PC 4 und der PC Folio als MS-DOS-Rechner und Stacy, der tragbare ST.

Am zweiten Messeabend fand in einem Hotel eine Presse- Entwicklerkonferenz statt, in der Sam Tramiel einige Änderungen beim ATARI-Management bekannt gab. So ist z.B. Shiraz Shivji, der Vater der ST-Rechner, aus gesundheitlichen Gründen ausgeschieden. An seine Stelle ist Richard Miller, Chip-Designer und Entwickler des ATW, von Perihelion England gerückt. Sam Tramiel wird sich selbst verstärkt um die Unterstützung des amerikanischen Marktes kümmern. Alle Produkte seien in den europäischen Markt gegangen, so daß nicht genügend Geräte in den USA zur Verfügung standen. Durch eine groß angelegte Werbekampagne und schnellstmögliche Lieferung der TT-Modelle (voraussichtlich im Herbst dieses Jahres) soll die Marktsituation in Amerika noch in diesem Jahr erheblich verbessert werden. Man darf gespannt sein, denn das wäre nicht das erste Mal, daß ein Herr Tramiel versucht, den amerikanischen Markt in Schwung zu bringen.

World of ATARI

Zwei Wochen nach dieser doch recht enttäuschenden COMDEX Spring, an der übrigens ATARI im nächsten Jahr nicht mehr teilnehmen will, fand in Ana-heim, das liegt etwa 50 Kilometer südöstlich von Los Angeles, am 22. und 23. April eine ATARI-Verkaufsmesse "World Of ATARI" im Disneyland Hotel statt. Interessant an dieser reinen ATARI-Show war, daß man neben bekannter Hard- und Software auch Ersatzteile und Zubehör meist zu günstigen Messepreisen kaufen und gleich mitnehmen konnte. So bestand die Möglichkeit, fast alle Einzelteile eines Mega STs, angefangen vom Gehäuse bis hin zum Tastaturkabel, einzeln zu erwerben, oder ein Maus-Reinigungsgel und Ersatzteile für diese mitzunehmen. Solche Stande und eine lockere "kalifornische Atmosphäre" gaben dem Ganzen eine Art Flohmarktcharakter.

Typisch amerikanisches Show-Business mit lautstarker Musik und Video-Vorführung konnte man am ersten Abend in einem Saal des Hotels im Rahmen eines Midi-Konzerts live miterleben. Mick Fleetwood, der Schlagzeuger der legendären Rockgruppe, und der Plattenproduzent Jimmy Hotz sowie weitere Prominenz zeigten, wie man mit dem ATARI ST mittels Midi Musikstücke komponieren kann. Jimmy Hotz präsentierte seine eigene und völlig neue Entwicklung, das sogenannte "Hotz Instrument". In der Grundversion ist dieses Instrument etwas größer als ein Aktenkoffer, auf dessen Oberseite sich mindestens 16 Pads (Sensortasten) befinden. Angeschlossen an den ATARI ST und/oder an einen CD-Player kann das Gerät vorhandene Musikstücke einlesen, die dann durch kreatives Anschlägen der Pads auf dem Hotz Instrument weiter bearbeitet werden können. Inwieweit sich das Hotz Instrument durchsetzt, oder ob es ATARI vertreiben wird, bleibt abzuwarten.

Bill Teal, Geschäftsführer von Avant-Garde Systems, stellte seinen PC ditto II vor.

PC ditto II Der Hardware MS-DOS-Emulator

Avant-Garde Systems, der Hersteller des bekannten Software-Emulators PC ditto, präsentierte in Anaheim der Öffentlichkeit erstmals seinen neuen Hardware-Emulator PC ditto II. Schon vor über drei Jahren auf der CeBIT 1986 stellte ATARI einen MS-DOS Emulator vor, der wegen technischer Schwierigkeiten niemals Wirklichkeit wurde. Danach folgten einige Versuche anderer Hersteller, aber außer vieler Gerüchte über Liefertermine passierte nichts.

Doch jetzt ist es Wirklichkeit geworden, der erste Hardware MS-DOS-Emulator für alle ST-Modelle ist fertiggestellt. Basierend auf der Softwarelösung entstand die Hardwarelösung PC ditto II. Die Hardware besteht aus einer Platine mit sieben Logikbausteinen, einem EPROM. das als Tabelle dient, und einem hochintegrierten, selbstentwickelten LSI-Gate-Array, das das Herzstück des Emulators bildet. Dieser Custom-Chip gleicht sozusagen den Intel- (IBM) an den Motorola Prozessor (ATARI ST) an. Befehle (Op-Codes) des Intel Prozessors, die der 68000er-Prozessor von Motorola nicht kennt, und solche, die bei MS-DOS-Programmen sehr häufig verwendet werden, werden durch diesen Chip hardwaremäßig so aufbereitet, daß sie direkt vom Motorola-Prozessor verarbeitet werden können. Dadurch konnte eine erstaunliche Geschwindigkeit erreicht werden. MS-DOS-Programme laufen auf dem ATARI ST mit der Geschwindigkeit eines IBM AT-Modells! Der Norton Benchmarktest gibt unter PC ditto II auf einem ATARI ST den Faktor 3,0 aus, was der dreifachen Geschwindigkeit eines IBM XT-Modells entspricht!

Die Platine des PC ditto II wird in den Rechner, ohne löten zu müssen, eingebaut, so daß der ROM-Port des Rechners für andere Anwendungen freibleibt. Ansonsten entsprechen die Eigenschaften der bisherigen Softwarelösung, im einzelnen bedeutet dies:

PC ditto II soll etwa ab August '89 lieferbar sein. Der Preis wird bei ca. DM 750,- liegen. Der Vertrieb erfolgt exklusiv über MAXON Computer, Eschborn. Registrierte Kunden des PC ditto werden über Sonderkonditionen informiert.

Spectre GCR - Der Mac-Emulator

Hatten wir gerade in unserer letzten Ausgabe der ST-Computer den Spectre 128 einem Test unterzogen, so zeigte David Small in Anaheim den Spectre GCR. Dieser Macintosh-Emulator ist eine Weiterentwicklung des Spectre 128. Durch eine recht aufwendige Hardware ist es nun möglich, Mac-Disketten direkt mit einem ATARI Laufwerk SF 314 zu lesen, zu schreiben und zu formatieren - und dies extrem schnell. Von der Funktionstüchtigkeit des Prototyps konnte man sich nur am ersten Messetag überzeugen, denn am zweiten verweigerte er seinen Dienst. Lieferbar soll er Ende August sein.

Turbo 16 - Der ST Beschleuniger

Eine Firma mit dem passenden Namen FAST Technology zeigte eine kleine Platine in der Größe des 68000er-Prozessors, die die Geschwindigkeit des STs verdoppelt. Der Einbau gestaltet sich recht einfach: Der vorhandene Prozessor mit 8 MHz Taktfrequenz wird durch einen mit 16 MHz ersetzt. Auf einer kleinen Adapterplatine, die in den Sockel des Prozessors gesteckt bzw. gelötet wird, befinden sich 32 kByte statische CMOS-RAMs, die als Cache-Speicher dienen, und ein programmierbarer Logikbaustein. Auf diese Platine wird dann ein 68000er Prozessor mit 16 MHz Taktfrequenz gesteckt. Sämtliche ST-Software soll lauffähig sein und beschleunigt werden, selbst PC ditto II soll eine nochmalige Geschwindigkeitssteigerung erfahren. Mit einem Preis von 450 US Dollar ist diese Erweiterung aber nicht ganz billig.

Modellflugzeugsimulation am ST

Modellflieger können jetzt ihre ersten Flugstunden zu Hause am Schreibtisch absolvieren, ohne gleich die teuren Modelle in die Lüfte steigen zu lassen. Das Programm R/C Aerochopper gestattet das "Fernsteuern" eines Hubschraubers, eines Jets und eines Propeller-Modellflugzeuges mit dem ATARI ST. Die Bedienung erfolgt wie bei Funkfernsteuerungen üblich über zwei Steuerknüppel, die in ein Leergehäuse einer handelsüblichen Funkfernsteuerung eingebaut sind. Verschiedene flugzeugspezifische Parameter sowie Windparameter lassen sich einprogrammieren. Das Set besteht aus der Software, die nur auf einem Farbmonitor lauffähig ist, einer Hardware, die am ROM Port angeschlossen wird, der Steuerungseinheit und einem Handbuch. Das Ganze soll über einen bekannten Modellbauhersteller in Deutschland vertrieben werden.
Jutta Krill


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