Spectre 128 - Konkurrenz für die Wunderlampe

Eine neue Version eines 'alternativen Betriebssystems' für den ST ist jetzt in Deutschland auf dem Markt. Computer Mai aus München importiert den amerikanischen Macintosh-Emulator Spectre 128, der mit einigen beeindruckenden Features aufzuwarten vermag.

Spectre 128 kann, um gleich den wichtigsten Vorzug dieses Emulators zu nennen, die 128-kByte-Betriebssystemversion des Mac Plus verwenden. Damit ist der größte Teil der wirklich modernen Mac-Software wie HyperCard, Adobe Illustrator usw., der den anderen Emulatoren bisher noch verschlossen ist, auf dem mit Spectre ausgestattetem ATARI lauffähig. Falls Sie aber schon 64k-Apple-ROMs besitzen: Auch mit diesen ROMs funktioniert Spectre. Dann laufen allerdings, genau wie bei Aladin 3.0, die neueren Programme nicht.

Spectre ist eine Weiterentwicklung des MagicSac, der ja in Europa ein unrühmliches Ende fand, nachdem die wirklich brauchbaren Versionen dieses Emulators nie den Weg zu den europäischen Kunden fanden. Der Programmierer von Data Pacific (MagicSac-Hersteller), der MagicSac im wesentlichen geschrieben hat, verließ diese Firma und verkauft den Spectre 128 jetzt sehr zum Leidwesen der MagicSac-Besitzer in seiner eigenen Firma namens 'Gadgets by Small'. Mr. Small ist, wie wir uns auf der letztjährigen Comdex überzeugen konnten, ein sehr witziger Mensch, was auch seinen Ausdruck in der (bisher) englischen Bedienungsanleitung zum Spectre findet - Sie enthält viele Informationen, aber auch viel Unsinn. Leider hat sie kein Register.

Sie brauchen mindestens einen ATARI mit 1 MB Speicher und ein doppelseitiges Laufwerk für Spectre.

Die wichtigsten Features in Kürze: Der Emulator kann mit allen ATARI-Speichergrößen zusammenarbeiten. Was bei Aladin softwaremäßig gelöst ist - das HFS (Hierarchical Filing System) aller neueren Macs -, ist beim Spectre in den 128k-ROMs enthalten und steht damit uneingeschränkt zur Verfügung. Die Harddisk wird voll unterstützt. Man muß allerdings darauf achten, daß man beim Einrichten einer Spectre-Harddiskpartition einen eventuell installierten Autostart der Harddisk verliert, da Spectre den Rootsektor verändert. Für diesen Fall sichert man am besten den Rootsektor zuvor auf Diskette ab. Eine Soundausgabe ist im Augenblick nicht möglich, entsprechende Zugriffsversuche von Programmen werden recht häufig mit Abstürzen quittiert. Erst in der nächsten Version soll es Mac-Sound geben. Alle getesteten Versionen von Betriebssystem und Finder funktionieren. Selbst der Multifinder, der die Verwaltung mehrerer Mac-Applikationen im Speicher erlaubt, funktioniert, allerdings ziemlich instabil.

Eine weitere Besonderheit: Spectre kann mit einem Farbmonitor Zusammenarbeiten. Natürlich nicht in Farbe, sowas gibt's bei Apple erst in der 256k-Version des Betriebssystems (Mac II & SE). Durch die niedrige Auflösung läßt allerdings die Schriftqualität soweit nach, daß kaum noch etwas zu lesen ist. Man darf dieses Feature getrost als Zugeständnis an den amerikanischen Markt abtun, auf dem ja erheblich mehr Farb- als Monochrommonitore im Umlauf sind.

Was mit Spectre nicht geht: Die meisten Mac-Midiprogramme erwarten den speziellen Timer-Chip, der im ST leider nicht vorhanden ist. Auch AppleTalk-Software erwartet spezielle Hardware und ist daher nicht lauffähig.

Wie auch Aladin besteht Spectre aus einem Modul für den Cartridge-Port, in das die Apple-Original-ROMs eingesetzt werden. Ein spezielles Startupprogramm bootet den Emulator. Dabei sind alle möglichen Parameter wie Speichergröße, Floppy-Cache, Druckeranschluß über parallele oder serielle Schnittstelle sowie Harddiskformatierung (die für Spectre reservierten Partitionen werden von Spectre mit einem neuen Format versehen) einstellbar. Eine Spectre-Harddiskpartition läßt sich nicht ohne Neuformatierung in eine GEM-Partition zurückverwandeln.

Spectre verwendet ebenfalls sein eigenes Diskettenformat. Wenn man versucht, Spectre-Disketten von GEM aus zu lesen, stürzt der Rechner ab. Allerdings ist Spectre in der Lage, das MagicSac-Format zu lesen. Mit Hilfe eines speziellen Hardware-Zusatzes namens Translator, der als Zubehör zum MagicSac verkauft wird, kann man (in ca. 12 Minuten) Mac-Disketten auch direkt lesen (in Deutschland sehr schwer erhältlich). Eine eigene Erweiterung, die nur ca. 2 Minuten braucht, ist bei ‘Gadgets by Small’ bereits in Entwicklung und soll etwa ab Juli erhältlich sein.

Der Mac-Desktop...

... ist bei Spectre nicht ganz so sauber implementiert wie bei Aladin. Es ist nicht möglich, Disketten im Mac-Modus zu formatieren, ausschließlich das Startupprogramm bietet diese Funktion. Versucht man es dennoch im Desktop, stürzt der Emulator ab. Auch die 'Abschalt'- und ‘Neu starten’-Funktionen des Desktops darf man nicht benutzen.

Leider werden in der vorliegenden Version (1.75) die Cursor-, Funktions- und Sondertasten noch nicht unterstützt. Dies soll sich aber ab Version 1.9, die voraussichtlich bei Erscheinungstermin dieser Ausgabe vorliegt, bereits geändert haben.

Da der ST nicht über einen automatischen Diskauswurf wie der Mac verfügt, muß diese Mechanik vom Benutzer simuliert werden; Disketten dürfen nie einfach entnommen werden, sondern der Computer muß erst mit dem ‘Eject’-Kommando angewiesen werden, die Diskette auszuwerfen. Es erscheint dann ein blinkendes ‘A’ oder ’B’, je nach Laufwerk, am oberen Bildschirmrand. Erst dann darf die Diskette entnommen werden. Da der ST manchmal Probleme mit der Diskettenwechselerkennung hat, sind einige der Funktionstasten mit entsprechenden Funktionen belegt. Bei Aladin funktioniert die Diskettenerkennung sicherer. Aladin macht verschiedene Mac-Programme, deren Programmierfehler der Emulator nicht abfangen kann, unter der Emulation lauffähig, indem ein spezielles Patchprogramm die Programme so verändert, daß bestimmte Fehler nicht mehr auftreten. Natürlich muß eine neue Version des entsprechenden Programmes neu gepatcht werden. Allerdings sind es im Laufe der Zeit immer weniger Patches geworden, da Aladin sehr viele Fehler intern abfängt. Spectre dagegen verzichtet darauf und versucht lieber, die Folgen der Fehler abzufangen, nachdem sie aufgetreten sind.

Etwas problematisch ist das bei der Soundverwaltung; wenn man den Lautstärkeregler im Kontrollfeld nicht auf 0 stellt, gibt es manchmal Abstürze mit Programmen, die auf die Sound-Hardware zugreifen wol len.

Bei unseren Versuchen konnte eine wirklich große Zahl von Programmen problemlos gestartet und benutzt werden. Auch Programme, die einen großen virtuellen Speicher aufbauen (wie Stepping-Out) arbeiten.

MacWrite und MacDraw, Adobe Illustrator, FreeHand, Ashton Tate’s Full Write, Microsoft Works, PageMaker und viele andere Programme scheinen, soweit das im Rahmen eines einwöchigen Testes feststellbar ist, einigermaßen normal zu funktionieren. HyperCard funktioniert noch nicht ganz fehlerfrei, Abstürze kommen (wenn auch selten) vor. Allerdings muß man bedenken, daß sehr viele Hypercard-Software die Soundmöglichkeiten des Mac nützt, so daß das oben genannte Absturzproblem aufkommt.

Da Spectre im Gegensatz zu Aladin keine resetfeste RAM-Disk besitzt, ist die Arbeit mit Festplatte sehr zu empfehlen. So macht die Arbeit mit der meist massenspeicherintensiven Mac-Software Spaß. Harddiskpartitionen, die für Spectre reserviert werden sollen, müssen mit dem Startupprogramm formatiert werden.

Druck

Hier liegt der große Schwachpunkt des Spectre. In der nächsten Version 1.9 wird der ATARI-Laserdrucker für Hardcopies und QuickDraw-Ausdrucke mit 72 dpi unterstützt. Dafür müssen Sie allerdings mindestens 2 Megabyte Speicher zur Verfügung haben. Später soll auch der PostScript-Clone UltraScript, der bei ATARI erhältlich ist, unterstützt werden. Leider führt das Anwählen des Laserdruckers im Auswahl-Deskaccessory derzeit zum Absturz. So muß man sich bereits auf einem Macintosh die Systemdatei so konfigurieren, daß man lasern kann. Natürlich darf diese Einstellung nie verändern, da es sonst zum Absturz kommt. Aladin dagegen verfügt bereits über einen Treiber für NEC P6 (360 dpi) und den ATARI-Laser (300 dpi).

Fazit

Im Vergleich mit Aladin mangelt es Spectre vor allem an Komfort, besonders was die Implementierung der Desktop- und Druck-Funktionen betrifft. Auch die Sicherheit läßt in einigen Punkten zu wünschen übrig, da Sound-Zugriffe doch in fast allen Programmen Vorkommen. Diese Kratzer im Lack wird Dave Small noch beseitigen müssen, wenn aus Spectre ein für professionelles Arbeiten geeigneter Emulator werden soll. Spectre ist ein Mac-Emulator, der seinen Anwenderkreis wohl hauptsächlich bei den Computerfreaks sucht. Der Betrieb ist einigermaßen sicher und es läuft (wegen der 128k-ROMs) sehr viel interessante Software, mit der die anderen Emulatoren noch nicht fertig werden (Es gibt allerdings Gerüchte, nach denen unter Aladin in Zukunft sowohl HyperCard wie auch - per Hardware - Apple-Talk-Software lauffähig sein wird). Allerdings ist es auch fraglich, wo die Hersteller bei der gegenwärtigen Marktsituation die notwendige Anzahl an 128k-ROMs hernehmen wollen (s. Kasten).

Bild 2: Dialog zur Formatierung von Spectre-Harddiskpartitionen

Bild 1: Das Spectre-Startupprogramm

CS/HE

Bezugsadressen:

Advanced Applications Viczena GmbH Sperlingweg 19 7500 Karlsruhe 31

Computer MAI Weißenburger Platz 1 8000 München

Die Macintosh-Story oder 64k- contra 128k-ROM

Im Jahre 1981 begann Steve Jobs, seines Zeichens Mitgründer der Firma Apple und Computer-Wunderkind, mit der Entwicklung des Macintosh. Drei Jahre später im Orwell-Jahr 1984 wurde der erste Macintosh mit 128 kByte RAM und 64 kByte ROM der Öffentlichkeit vorgestellt. Der Macintosh verfügte über ein 3 1/2"-Diskettenlaufwerk mit einer Speicherkapazität von 400 kByte auf einer Seite (zur gleichen Zeit konnten IBM PCs 360 kByte auf einer doppelseitigen 5 1/4"-Diskette speichern). Das Besondere an dem neuen Computer waren die Maus und die einfach zu bedienende Benutzeroberfläche. Beides war zwar schon von der Lisa (Vorgänger des Macintosh) her bekannt, die kostete aber mehr als das Doppelte eines Macintosh.

Apple merkte sehr schnell, daß 128 kByte RAM für einen Computer mit einer grafischen Benutzeroberfläche nicht ausreichend ist, und brachte kurz darauf einen Macintosh mit 512 kByte RAM (den “Fat Mac") auf den Markt. Zur gleichen Zeit wurde der IBM PC noch in der Grundversion mit 64 kByte ausgeliefert.

Die Weiterentwicklung zum Macintosh Plus bezog sich nicht mehr nur auf den Speicherausbau. Der Macintosh Plus verfügte über eine SCSI-Schnittstelle, die zum Anschluß von Festplatten und anderen Geräten, die eine schnelle Datenübertragung erfordern, dient. Der Hauptspeicher wurde auf 1 MB ausgebaut und konnte bis auf 4 MB hochgerüstet werden. Die Kapazität der Floppies wurde durch die Verwendung von doppelseitigen Laufwerken auf 800 kByte erhöht. Da die Tastatur ein häufiger Kritikpunkt an den 128k- und 512k-Macs war, wurde sie beim Macintosh Plus um Cursortasten und um einen Zehnerblock erweitert. Die Anschlußbuchsen für die serielle Schnittstelle und Appletalk, das Apple-eigene Netzwerk, wurden von DB-9- auf SCC-8-Buchsen geändert. Und schließlich bekam der Macintosh Plus auch ein neues ROM, das 128k-ROM mit der Versionsnummer 117 (die Nummer der 64k-ROMs ist 105). Worin unterscheiden sich nun die 128k-ROMs des Macintosh Plus' von den 64k ROMs der 128k- und 512k-Macs? Diese Frage klärt der vierte Band der Macintosh-Bibel "Inside Macintosh". Dieses Werk beschreibt die Funktionen des Macintosh-Betriebssystems für Programmierer. Die ersten drei Bände gelten für alle Macintoshs, der vierte Band für den Macintosh Plus und der fünfte Band gilt für die neueren Macs wie den SE und die Macintosh II-Familie. Bleiben wir bei den Unterschieden zwischen 64k- und 128k-ROMs.

An erster Stelle ist da der File Manager zu nennen. Das Filesystem der ersten Macs hieß MFS (Macintosh File System). Das MFS war ein flaches Filesystem, d.h. man konnte seine Dateien zwar in Ordnern ablegen, diese wurden dem Benutzer aber nur vorgegaukelt. In Wirklichkeit lagen alle Dateien auf einer Ebene. Im Finder (so heißt die Desktop-Applikation beim Macintosh) macht das keinen Unterschied, beim Öffnen von Dateien mit der Fileselectorbox bekommt man jedoch alle Dateien einer Diskette angezeigt, egal in welchen Ordnern sie sich befinden. Wie man sich vorstellen kann, wird das bei Festplatten sehr unübersichtlich.

Deshalb hat Apple das HFS (Hierarchical File System) eingeführt, das echte Ordner unterstützt. Das Gewicht dieser Änderung wird nicht zuletzt dadurch deutlich, daß dem File Manager etwa ein Drittel des Umfangs des Inside Macintosh IV gewidmet ist.

Außer dem File Manager gibt es noch drei andere neue Manager in den 128k ROMs: den SCSI Manager, mit dem die Schnittstelle auf der untersten Ebene programmiert werden kann; den List Manager, der, wie der Name schon sagt, zum Verwalten von Listen dient und dem Programmierer einen Großteil der Arbeit beim Entwickeln eines Spreadsheets abnimmt (er ist aber bereits seit System 3.2 in der Systemdatei enthalten und kann von dort bei Bedarf geladen werden); und der Time Manager, der es ermöglicht, Unterprogramme zu einem auf die Millisekunde genau bestimmten Zeitpunkt aufrufen zu lassen. Soviel zu den wesentlichen Unterschieden zwischen den 128k- und den 64k-ROMs. Natürlich hat sich noch an anderen Stellen etwas geändert, aber da es sich um kleinere Änderungen handelt und bei fast jedem Manager ein paar kleine Routinen dazugekommen sind oder Fehler behoben wurden, spare ich mir an dieser Stelle die Details. Wie gesagt, Inside Macintosh IV enthält alle Einzelheiten.

Was lernen wir nun aus dem Ganzen? Außer dem HFS beinhaltet das größere ROM keine Wunderdinge. Da die ROMs aufwärtskompatibel sind, läuft die Software auch auf einem Macintosh Plus wie gewohnt. Ein ganz großer Nachteil der 64k-ROMs ist jedoch, daß Apple die Unterstützung mit neuer Systemsoftware eingestellt hat. Das macht es unmöglich Programme, die nur mit einer neueren Version der Apple-Systemsoftware laufen, auf einer Maschine mit 64k-ROMs zu benutzen. Und das sind nun einmal die meisten neuen und interessanten Programme.

Übertragen auf die Macintosh-Emulatoren auf dem ST, pardon, die alternativen Betriebssysteme, heißt das, entweder Aladin 3.0 mit 64k-ROMs, guter Unterstützung, was z.B. Druckertreiber angeht, aber alten Systemversionen und Programmen oder Spectre 128 ohne serienmäßige Druckeranpassung, aber mit der neuesten Software (System 6.0.2, HyperCard, More etc). Das muß natürlich jeder selbst entscheiden. Eine kleine Anmerkung zur Verfügbarkeit von 128k-ROMs möchte ich noch machen. Im Gegensatz zu den 64k-ROMs sind diese nicht ohne weiteres von Apple erhältlich. Die Vorstellung des Macintosh-kompatiblen Rechners “Jonathan" auf der CeBIT (Er wird ohne ROMs geliefert.) wird sicher nicht dazu beitragen, daß Apple sich entscheidet, die 128k-ROMs einzeln zu verkaufen. Einen steigenden Umsatz von EPROM-Programmiergeräten halte ich dagegen für wahrscheinlicher. Aber Vorsicht, das verletzt das Copyright Apples, und man munkelt, Apple beschäftige mindestens genausoviele Anwälte wie Entwickler.

JL



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