Bildschirmtext auf dem ATARI ST

Gut Ding will Weile haben - und wenn es dieses Sprichwort nicht schon langst gäbe, spätestens für Bildschirmtext hatte es erfunden werden müssen. Eigentlich war die Idee von Sam Fedida einfach und bestechend zugleich: Fernseher, Telefon und Datenbank miteinander zu verbinden. So wollte die britische Post Anfang der 70er Jahre damit ebenfalls in den sich abzeichnenden Trend nach dem papierlosen Büro einschwenken.

Heute wissen wir, daß doch alles ganz anders gekommen ist - und das papierlose Büro wird es wegen Bildschirmtext alleine auch nicht gleich geben (ganz im Gegenteil). Oft kommt es auch heute noch zu Verwechslungen, was Bildschirmtext denn eigentlich sei. Die häufigste Verwechslung geschieht mit dem “Fernsehtext" (Name in Deutschland: VIDEOTEXT - international: TELETEXT), wo die Information quasi als Bildschirmzeitung parallel zum Fernsehprogramm über die Antenne ausgestrahlt wird. Dies ist ein Zusatzdienst der einzelnen Fernsehanstalten. Das hat mit dem BILDSCHIRMTEXT überhaupt nichts zu tun, obwohl eine wahnsinnige Ähnlichkeit besteht! Leider hat man sich aber gerade bei der internationalen Benennung von BTX auf VIDEOTEX (man beachte das fehlende ‘T) geeinigt - und schon ist die Namensverwirrung komplett.

BILDSCHIRMTEXT war ursprünglich geplant als Mischung zwischen Werbefernsehen. Datenbank und Supertelefon. Da sollte der liebe Postkunde (man dachte zu allererst an Privatleute) so banale Handlungen wie Kontoüberweisung, Versandhausbestellung oder Börsenkursabfrage abwickeln. Nur wollte das der “Otto-Normalverbraucher" nicht. Die altgewohnte Methode, wie bislang eine Kontotransaktion zum Beispiel ablief, war den Bürgern gut und schnell genug. Und auch die Kosten für die benötigten Geräte waren nicht unbedingt in Größenordnungen, die der Privatkunde akzeptieren wollte. Daran hat sich (was den Privatkunden anbelangt) bis heute kaum etwas geändert. Eigentlich hat man hierzulande dem “Kind BTX" zu viele Schuhe gekauft, bevor man es laufen lehrte. Der normalerweise einsetzende Reifeprozeß wurde von vielen Anbietern in extreme Richtungen gelenkt - und das hat die Entwicklung gebremst: Da gab es die falsche Zielgruppe, viele Anbieter erhofften sich vom Start weg das große Geld, die Geräteentwickler dachten in zu großen Dimensionen (und leider wieder nicht an den Privatmann), und auch die POST selber ist nicht frei von Fehlern gewesen. Besonders aber die “traditionellen Medien" wie Zeitung und Fernsehen befürchteten einen kometenhaften Aufstieg von BTX und sorgten wider besseres Wissen mit Negativberichten für ein stiefmütterliches Dasein der vermeintlichen Konkurrenz. Daß Bildschirmtext und Fernsehen durchaus auch nebeneinander existieren können (übrigens zum Wohle beider Medien), zeigt die jüngste Kooperation zwischen der ARD mit der Musiksendung “Formel eins" und BTX.

Anzahl der BTX-Teilnehmer 1988 (Tausend)

Anzahl der Seiten im System 1988 (Tausend)

Anzahl der Anrufe pro Monat 1988 (Millionen)

Im Ausland

Gerne wird in diesem Zusammenhang auf das positive Beispiel Frankreich gezeigt. Dort stehen zur Zeit etwa 3,6 Millionen sogenannter MINITEL-Geräte (vergleichbar mit dem deutschen MULTI-TEL, einem Telefon mit winzigem Bildschirm und ebenso winziger Tastatur) bei den Postkunden, aber der Vergleich mit deutschen Verhältnissen hinkt: Erstens hat sich beim MINITEL-Kauf durch die Post der französische Staat gewaltig finanziell beteiligt, zweitens gibt es in Frankreich keinen landesweiten Ortsgesprächstarif für TELETEL (wie BTX dort heißt), alles wird also wie eine normale Gesprächsgebühr abgerechnet, und drittens wurden das Fräulein vom Amt und die Telefonbücher rigoros abgeschafft, wofür dann TELETEL als Ersatz einspringen mußte - so einfach ist das.

Zurück nach Deutschland. Mittlerweile ist hierzuland eines aber klar geworden: BTX kann viel mehr als man ihm zutraut. Allein schon diese Tatsache genügt, daß BTX nie verschwinden wird. Nur die Zielgruppe ist mittlerweile eine andere geworden. Allen Unkenrufen zum Trotz bemüht sich die Post dennoch um den Privatkunden. So werden wir zur nächsten CeBIT-Messe 1989 in Hannover ein superbilliges Komfort-BTX-Telefon (Arbeitstitel "CEPT-Tel", neueste Namensschöpfung: "Multikom") vorgestellt bekommen, das dem Bildschirmtextsystem den lange gewünschten Auftrieb geben wird. Endlich wird “der Dienst” (Postlerjargon) für “Otto-Normalteilnehmer" interessant, auch preislich versteht sich.

Besonders der Aspekt, daß Bildschirmtext als erster Postdienst nach dem Fernsprechen in das neue ISDN bis 1993 integriert werden soll, zeigt, welche Perspektiven sich hier für Computernutzer (ob Firma oder Privatmann) auftun. Ein extrem preisgünstiger Weg in das weltweite TELEX-Netz per BTX ist längst realisiert und wird erstaunlich gern genutzt. Ein Übergang zum neuen Europieps-Ersatz "Cityruf" läuft in den Proberufzonen Berlin und Frankfurt bereits. Zur Zeit experimentieren die BTX-Postler an einem ähnlichen "Gateway" für TELETEX und TELEFAX. Teletex (nicht zu verwechseln mit TELETEXT - man beachte das fehlende "T") ist quasi nur ein schnelleres Telex mit einem größeren Zeichenvorrat und insbesondere für Geräte gedacht, die diese Möglichkeiten ohnehin schon haben: Die PCs, HCs, STs!

BTX mit dem Rechner

Und gerade da beginnt eine neue, vielversprechende Zielgruppe für BTX: Das weite Feld der PC-Besitzer und -Nutzer. Eigentlich ist es doch logisch.

Was ist denn Bildschirmtext wirklich? Ein Gerät, das verschiedene Grafikmodi zu verarbeiten versteht (inklusive Textdarstellung); ein Farbmonitor, der bitteschön 4096 Farben zu unterscheiden vermag (wenn's wirklich mal darauf ankommt); eine Datenfernverbindung, welche uns das Telefon ermöglicht und am anderen Ende der Leitung eine riesige Datenbank.

Aber kann unser PC oder ST die Anforderungen diesseits der Leitung nicht schon längst erfüllen? Na klar - kann er. Aber es ist ein Politikum, den vielen PCs, HCs und STs den direkten Zugang zum Bildschirmtextsystem nicht allzu leicht zu machen. Wo käme die POST denn da hin, wenn jeder alles, was er will, so einfach ans Telefon anklemmen könnte? Auch wenn die PCs einwandfrei funktionieren, die Modems kein Telefonnetz stören und sonst keine Manipulationen möglich sind, allem die Tatsache, daß da eine Prüfnummer fehlt macht alles plötzlich illegal.

Man denke an die gerade auflebende Diskussion in unserem Lande um die Hayes-kompatiblen Modems, die in den USA anscheinend noch nicht zu dem befürchteten Zusammenbruch des Telefonnetzes geführt haben. Hierbei wird bald der Markt die Postbürokraten aus ihrem Dornröschenschlaf übertriebener Bürokratie hochreißen. Laut einer Studie der EG-Kommission wird die Telekommunikation auf unserem Kontinent bis zum Ende des nächsten Jahrzehnts den Stellenwert erreichen, den heute die Automobilindustrie inne hat.

Zurück zu BTX

Daß die Post nicht mehr so felsenfest an ihren Bedingungen festhält, beweist die Tatsache, daß sie selbst sogenannte "MULTITELs” zur Miete anbietet, die eben nur schwarzweiße BTX-Seiten abbilden. Auch sind z.B. Softwaredekoder zugelassen, die noch nicht einmal Grafik darstellen. Und eine rege Diskussion darüber ist noch lange nicht verstummt. Das liegt aber hauptsächlich an der hausgemachten Problematik der Meßschnittstelle an den Dekodern, und dort müssen nun mal alle Farben und Attribute abgreifbar sein (jedenfalls war diese Bestimmung während der Recherchen zu diesem Artikel noch in Kraft). Was die Frage der Netzsicherheit anbelangt, ist man bereit, einen BTX-Fähigen Akustikkoppler (mit FTZ-Nr.) zu dulden, oder eine direkte galvanische Ankopplung an das ("störsichere") Postmodern "DBT-03" hinzunehmen, gleichgültig welches Gerät danach noch kommt.

Eine ständig laufende Fragebogenaktion der Post (Auswertungsstichtag September 1988) bei BTX-Neuanmeldern zeigt bei der Frage nach den benutzten Geräten ebenfalls in diese Richtung! Dort wird der Microcomputer mit 47,8% vor den Multitels mit 41,9% und den BTX-fähigen Fernsehgeräten mit 10% genannt.

Noch ein bißchen Statistik gefällig?

Im Vergleich der Jahresendstände läßt sich ein langsamer, aber unaufhaltsamer Aufwärtstrend erkennen: W aren es Ende 1987 noch 95.932 Anschlüsse, so konnten Ende 1988 davon 146.929 gezählt wer den. ein Plus von 53,2%, Einziger negativer Faktor ist die Abnahme der Anbieter im Sy stem von 3.419 Ende 1987 auf 3.380 Ende 1988, knappe 1,1%. Alle weiteren wichtigen Zahlen deuten nach oben: Leitseiten plus 15,8%, Gesamt-BTX-Seiten plus 9%, Extern-Rechneranschlüsse plus 19,1%.

Der 150.000ste BTX-Teilnehmer dürfte in der 3. Kalenderwoche dieses Jahres gefeiert worden sein. Prof. Dr. Klaus Frank. BTX-Fachmann und Leiter des renommierten BTX-Instituts in Worms hofft auf 210.000 Anschlüsse bis Ende 1989. Er sieht zudem die Schwelle der Teilnehmermillion in diesem Jahre deswegen erreichbar, weil mindestens 4 bis 5 Nutzer einen Anschluß verwenden.

Wir sehen, daß der totgeglaubte Dienst nicht kleinzukriegen ist, auch wenn der Bundesrechnungshof eine unglückliche Hand bei der Zusammensetzung der Argumente hatte.

Das BTX-Lexikon

Alpha-Mosaik: eine von CEPT festgelegte Norm zur Vereinheitlichung der VIDEOTEX-Systeme. Verfügbar sind 335 Buchstaben, Ziffern und Sonderzeichen sowie die fünf verschiedenen Grafikmodi (1. Blockmosaik, 2. Schrägflächen-, 3. Liniengrafik, 4. Spezialzeichen und 5. DRCS): 120 Bildpunkte in der Schriftmatrix; 20 oder 24 Zeilen pro Seite; 4096 Farben insgesamt bei 32 darstellbaren pro Seite; 17 Blinkrhythmen; dynamischer Seitenaufbau (z.B. Movies).

Attribute: Darstellungsformen für Text, wie doppelt groß, doppelt breit oder beides; 8 Basisfarben normal stark oder in halber Intensität; Zeichen oder Zeilen invertieren, unterstreichen, blinken lassen; Teile des Bildes verdecken (siehe auch "reval"); Fenster im Bild mit eigenen Attributen.

Bulk-Updating: im Gegensatz zum "Online-Editor”, wo BTX-Bilder vom Anbieter bei bestehender Verbindung Stück für Stück im Zentralrechner zusammengestellt werden, können beim BULK komplette Bilder oder Bildfolgen zunächst offline vorediert und in einem Stück an den BTX-Rechner geschickt werden.

CEPT: Konferenz europäischer Postbehörden zur Standardisierung im Bereich der Telekommunikation. Gleichzeitig ist dies auch der Name für die europaeinheitliche Norm der Darstellung.

DBT-03: Modem von der Deutschen Bundespost mit 1200/75 Baud Übertragungsrate. Wird üblicherweise für Teilnehmeranschlüsse installiert, die z.B. Externdekoder oder Multitels benutzen wollen. Einwahl in BTX erfolgt vollautomatisch und nur von dem eingerichteten Anschluß aus. Die Zugangskennung wird vom DBT-03 unsichtbar verschickt. Da dieses Gerät den DBP-Bestimmungen hundertprozentig entspricht, wird eine hohe Übertragungsqualität garantiert.

DRCS: frei definierbare Zeichen. Unter der veralteten PRESTEL-Norm waren Symbole oder gar Bilder nur sehr grob darstellbar. Man hat bei der Einführung der CEPT-Norm neben den Alpha-Mosaik-Zeichensätzen Platz für eigene Zeichensätze bzw. Symbolsätze gelassen. Diese werden vordem Bildaufbau jedesmal an den Dekoder übertragen.

Externer Rechner: Für umfängliche Anwendungen und viele BTX-Seiten können Anbieter ihre eigene EDV an den Zentralrechner in Ulm über DATEX-P anschließen lassen. Dadurch existiert nur eine Übergabeseite im offiziellen BTX-Rechner und der restliche "Blätterwald” läuft im Hause des Anbieters ab. Besonders interessant wird dies bei grüßen Datenmengen (Datenbanken), die nicht zusätzlich vollständig im BTX-Zentralrechner präsent gehalten werden sollen (man bedenke die Speicherkosten!).

reveal: Verschiedene Bildinhalte können verdeckt gesendet werden, erst mit dieser Funktion wird es sichtbar gemacht. Insider sprechen von der "Quiztaste”.

Softwaredekoder: Hier wird der BTX-Dekoder im normalen Personal Computer durch entsprechende Software simuliert bzw. emuliert. Üblich waren bis vor kurzem nur externe Dekoder (also Hardware) mit fester "EPROM"-Intelligenz. Jetzt kann jeder handelsübliche PC oder ST "softwaremäßig” diese Arbeit übernehmen.

Softwarekennung: Zugangskennung, für Teilnehmer, die mittels Akustikkoppler oder Fremdmodem (also nicht posteigen) sich manuell in BTX einwählen wollen. Diese Art des Zugangs ist ähnlich wie bei DATEX. Im Gegensatz dazu steht das Post-Modem DBT-03 mit ein programmierter Kennung.

Telesoftware: Übertragen von kompletten Programmen per BTX. Man kennt das Verfahren bei Download von der Mailbox. Leider gibt es hier keinen Übertragungs-/Protokollstandard (wie etwa Kermit oder Xmodem), so daß fast jeder Hersteller von BTX-Programmen sein eigenes Verfahren hat. Die Seiten haben ganz wirre Zeichen (und diese sind während der Übertragung leider auf dem Schirm sichtbar), aber das ist normal.


Dieter Kühner



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