Editorial: Das klassische Dilemma

Liebe Leser!

Aurea prima sata est. Sehr frei übersetzt: Früher ging’s uns noch gold. Jeder mochte jeden, keiner tat einem anderen ein Leid. Doch eines Tages begab es sich, daß ein paar Menschen zusammen fanden, die sich unsterblich verliebt hatten - in einen Computer. Sie gründeten frohgemut eine Zeitschrift für diese neue machina arithmetica und nannten sich fürderhin Redaktion. Und die Pinien stiegen herab von den Hügeln und Bergen and ließen sich zu Papier verarbeiten und mit Druckerschwärze veredeln, um geduldig das in die Welt hinauszutragen, was unsere Redakteure in selbige zu setzen trachteten.

Man bemühte sich stets redlich, es ;edem recht zu machen. Neue Soft-und Hardware wollte wohlwollend gewogen werden, zu dem Ende, daß sich die Leserschaft, wie sich die Menschen draußen im Lande jetzt nennen durften, davon ein Bild machen könne. Worin die Kandidaten fehlten, sollte nicht beschönigt oder sogar verschwiegen werden, aber gleichzeitig sollte auch keine harsche Kritik da geübt werden, wo es nur an Kleinigkeiten hakte. Man wußte, wieviel Fleiß und Geduld Softwerker auf ihre Programme und Hardwerker auf Steckkarten und Peripheriegeräte verwenden mußten. Und man wußte, daß diese jetzt auf eine gute Presse bauten.

Gewiß war man sich auch bewußt, daß ein loyaler Hofbericht einen königlichen Werbeauftrag bescheren konnte, der mit einem Beutel puren Goldes dotiert wäre, während ein Verriß allenthalben tiefen Gram säte, so daß man es beim König Werbekunden selten noch über eine Anstellung als Hofnarr hinausbrächte.

Diese moralisch-monetäre Zwickmühle zerrte an den Drahtseilen unserer Redakteure, aber sie nahmen sich vor, die beschwerliche Route über den Grat zu nehmen, gleichwohl dessen gewahr, daß es sich im Tal der Könige bequemer liefe. Ruhe und Geflissenheit setzten sie sich zum Ziel, alldieweil die stillsten Wasser stets am tiefsten gründen.

Schon ging es ihnen nicht mehr gold! Kam ihnen ein Prüfling unter ihre unbestechlichen Augen, der nach Entfernen blendender Verpackung grobe Mängel offenbaren mußte, und entdeckten sie eingedenk ihres Wahlspruchs seine Larve dem Publikum, so kam es oft, daß sich in der Folge die Gestirne verfinsterten und sich die Erde zu Füßen unserer Redakteure zumindest einen kleinen, kaum sichtbaren Spalt auftat, bereit, sie alle zu verschlingen. Telephonos, der Gott der Ferngespräche, zürnte. “Das ist doch alles nicht wahr”, “Ihr Tester kommt wohl vom Sonntagsblatt”, “Der hat keine Ahnung wovon er schreibt” oder anders schrien betroffene Werbekundenkönige wutschäumend und ohrenbetäubend in ihre magischen Muscheln - so laut, daß selbst der benannte Gott und der Postminister aufschraken.

Und dann, eines Morgens, geschah es, daß eine Botin mit einem auf rätselhafte Weise hellenisch anmutendem Gesichtsausdruck in nicht ganz zeitgemäßer Gewandung seltsam feierlich in die Mitte einer in schauriger Andacht erstarrten Redaktion schritt und eine alte, verstaubte Büchse auf den Boden stellte, um schon im nächsten Augenblick wieder vor aller Augen zu entschwinden. Naja, die Tür war offen.

Als der Chefredakteur endlich mittels moderner Alchemie den Deckel gesäubert hatte, traten ein paar griechische Zeichen zum Vorschein, die ein Philologe in der entsetzten Runde endlich zu entschlüsseln vermochte. Was da in zierlicher Schrift stand, war: “Gruß und Kuß, Pandora!”

Indes, seien Sie versichert, liebe Leser, daß Ihnen die ST-Redaktion weiter sachlich als Ratgeber zur Seite stehen wird. Jedenfalls solange, bis unser Philologe, der seit jenen mysteriösen Geschehnissen völlig verwirrt ist, diesen verflixten Büchsenöffner herausrückt!

Ihr
Meinhard Ullrich


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