NeXT: Klein, stark, schwarz

1985 verließ Steve Jobs seine Firma Apple und gründete "NeXT Inc". Lange wurde gerätselt, wie sein neuer Computer aussehen wird. Jetzt ist er da: superschnell, mit optischen Disketten und einer revolutionären Benutzeroberfläche.

So schön kann Technik sein: In dem kleinen Würfel (großes Bild) befindet sich der ganze Next-Computer. Er ist vollgestopft mit modernster Technik und bietet neben dem ansprechenden Design die Power eines Großrechners.

Der pechschwarze Magnesiumwürfel ähnelt mehr einem überdimensionalen Briefbeschwerer, als einem Computer. Doch im Inneren befindet sich auf kleinstem Raum das Modernste, was die Computer-Industrie heute zu bieten hat:
Der mit 25 MHz getaktete Motorola 68030, ein 32-Bit-Prozessor, sorgt beim Next für höchste Geschwindigkeit. Alle Berechnungen beschleunigt der Mathematik-Coprozessor 68882. Er berechnet komplizierte Funktionen wie Wurzeln oder Sinus, schneller als jedes Programm. Zwei spezielle Chips, die Next selbst entwickelt hat, unterstützen den 68030 beim Kopieren von Daten im Speicher und kontrollieren die Schnittstellen zu den Peripherie-Geräten. Sie entlasten so den Prozessor, was die Geschwindigkeit steigert.

Die maximale Bildschirmauflösung beträgt 1120 x 832 Bildpunkte. Um die hohe Auflösung wiederzugeben, gehört ein spezieller 17-Zoll-Monitor für gestochen scharfe Schwarzweiß-Darstellung zum Next-Computer. Wegen der hohen Bildfrequenz von 68,3 Hertz stellt der Monitor auch feine Grafiken fast völlig flimmerfrei dar. Das schont die Augen, was besonders bei kontrastreichen Schwarzweiß-Bildern sehr wichtig ist. Eine Farbgrafikkarte und ein passender Farbmonitor sollen bis Sommer '89 verfügbar sein. Der Monitor besitzt aber nicht nur eine ungewöhnlich hohe Auflösung, sondern auch ein eingebautes Mikrofon und Stereo-Lautsprecher.

Der Soundchip des NeXT-Computers verarbeitet Töne in CD-Qualität — besser als ein Amiga — und kann automatisch digitalisieren. Durch das Mikrofon im Monitor kann man daher Nachrichten sprechen, die der Computer in digitale Informationen umwandelt. Sendet man diese Sound-Datei über DFÜ oder in einem Netzwerk an einen anderen Next, kann sich der Benutzer die gesprochene Botschaft anhören. Das umständliche Schreiben von Texten für die Kommunikation am Computer hat damit ein Ende. Für die Zukunft öffnet sich ein weites Feld von Anwendungen. Sie gehen von der Eingabe von Befehlen durch gesprochene Kommandos, was besonders Blinden helfen würde, bis zum automatischen Übersetzen. Der Benutzer in England spricht dann mit dem deutschen Next-Besitzer wie am Telefon - nur übersetzen die Computer simultan in die jeweilige Landessprache. Heute ist das noch Zukunftsmusik, morgen vielleicht schon Wirklichkeit.

Eine Weltneuheit sind die Laufwerke. Der Next verwendet als erstes System der Welt "erasable optical disks", löschbare optische Platten mit 256 MByte Speicherkapazität. Das entspricht dem Inhalt von knapp 400 Büchern auf der Fläche eines Bierdeckels. Im Gegensatz zu den bekannten CD-ROMs kann man mit den neuen optischen Platten Daten nicht nur lesen, sondern auch schreiben und wieder löschen. Das Laufwerk liest die Informationen wie ein CD-Player durch einen dünnen Laserstrahl, Diese Methode ist schon lange bekannt. Komplizierter ist das Schreiben, weil die Daten auf der Platte als Löcher und Erhebungen zu sehen sind. Würde man mit dem Laser einfach Löcher brennen, könnten diese nie wieder beseitigt werden. Das Laufwerk verwendet daher ein aufwendiges Verfahren, das mit Hitze und einem konzentrierten Magnetfeld arbeitet.

Jobs: Visionen

Steve Jobs ist Visionär. Er spürte Mitte der siebziger Jahre, daß Computer nicht nur für Wissenschaftler interessant sind, sondern ein nützliches Hilfsmittel und ein kreatives Hobby. Damals lachte man ihn aus — heute ist er Millionär. Er hatte den Mut, vor 12 Jahren die erste Heimcomputer-Firma der Welt zu gründen. Sein Traum: Computer zu bauen, die jeder benutzen kann. Computer, die dem Menschen die Arbeit abnehmen und ihm so Platz für die Kreativität lassen. Jobs: "Computer sind die Autos für den Geist".

Steve Jobs wurde als John Down am 24. Februar 1955 in San Francisco geboren. Seine Mutter gab das uneheliche Kind gleich «nach der Geburt zur Adoption frei. Er wuchs bei Paul und Clara Jobs auf, die ihm seinen heutigen Namen, Steve Paul Jobs, gaben. Seine Kindheit verbrachte er in Mountain View und Los Altos, die beide im Silicon Valley liegen. Durch den Schwimmverein lernte der dreizehnjährige den fünf Jahre älteren Stephen Wozniak kennen, der den wissensdurstigen Jobs durch viele Basteleien beeindruckte. Jobs verkaufte einige Erfindungen Wozniaks, zum Beispiel 1971 dieerste "Blue Box", durch die man in den USA kostenlos telefonieren konnte. Nach Abbruch seines Studiums begann er 1974 als Techniker bei Atari. Im Sommer ging Jobs nach Indien, um dort mehr über Zen zu lernen. Doch er kehrte desillusioniert zurück und baute zusammen mit Wozniak den ersten Break-Out-Automaten für Atari. 1975 entwickelte Wozniak den Apple I und Jobs hat die Idee, mit geliehenem Geld eine Computerfirma zu gründen. Mit dem Apple II gelingt 1976 der Durchbruch. Apple wird zur am schnellsten wachsenden Firma Amerikas und macht keine fünf Jahre später schon eine Milliarde Dollar Umsatz. Privat lebte er stets ohne großen Prunk. Mit seiner ehemaligen Lebensgefährtin Carol hat er eine Tochter namens Lisa. 1981 übernimmt Jobs die Leitung des Macintosh-Projekts. 1983 holte er den Pepsi-Manager John Sculley zu Apple, damit dieser die Freak-Firma zu einem modernen High-Tech-Unternehmen umwandelt. Das prominenteste Opfer des Wandels war schließlich er selbst. Nach langen Streitereien mit Sculley um die Vorherrschaft bei Apple verließ er 1985 mit fünf Entwicklern überraschend Apple und gründete eine neue Firma, die er "NeXT" (die Nächste) taufte, womit er die Computer-Generation nach dem Mac meinte. Jobs besitzt die Aktienmehrheit der Computergrafik-Firma Pixar.

Die Scheibe, auf die die Daten geschrieben werden, ähnelt einer Compact Disk (CD). Sie befindet sich aber in einem stabilen Gehäuse, das sie vor Kratzern schützt, und besitzt eine mit bloßem Auge sichtbare Einteilung in acht Sektoren. Das Laufwerk arbeitet mit einer mittleren Zugriffszeit von 96 Millisekunden (schneller als ein CD-ROM) und überträgt rund 5 MByte pro Sekunde. Dadurch sind auch lange Programme in Windeseile geladen. Eine leere optische Platte kostet knapp 50 Dollar (momentan rund 85 Mark). Das entspricht 3 Pfennig pro 100 KByte. Wem die gigantischen 256 MByte auf der optischen Platte nicht reichen, kann durch den eingebauten SCSI-Controller Festplatten mit 400 und 660 MByte Speicherkapazität anschließen. Diese kann man allerdings nicht in der Tasche mit sich herumtragen. Im Vergleich zu den großen Massenspeichern sehen die 8 MByte Hauptspeicher des Next sehr klein aus. Sie reichen für die meisten Anwendungen. Möchte man aber mit dem Laser-Drucker arbeiten, der keinen eigenen Prozessor besitzt, sind 16 MByte oder mehr empfehlenswert. Der Computer muß die gesamten Daten für den Drucker aufbereiten, was viel Speicher verbraucht.

Eine optische Platte gehört zur Grundausstattung des Next-Computers. Sie enthält neben dem Betriebssystem das englische Wörterbuch "Websters Dictionary", das in den USA so bekannt ist wie hierzulande "Der Große Brockhaus". Neben den Texten sind wie beim richtigen Lexikon alle Bilder gespeichert. Wenn man zum Beispiel nach dem Begriff "China" sucht, findet man nicht nur die Informationen, sondern sieht auch gleich eine Karte Chinas. Außerdem enthält die optische Platte die Textverarbeitung "Write Now", eine Datenbank, ein Mathematik-Programm, ein Synonymlexikon und die komplette technische Dokumentation. Auch das Benutzerhandbuch, das gedruckt beiliegt, ist auf der Platte gespeichert. Und weil noch ein paar MByte frei waren, bekommt der Käufer eine Shakespeare-Gesamtausgabe gratis mit dazu. Ganz voll ist die Disk trotzdem nicht.

Als Betriebssystem verwendet der Next eine spezielle Version des bekannten Unix, die "Mach" genannt wird. Sie bietet schnelles Multitasking. Völlig neu ist die Benutzeroberfläche mit Windows und Pop-Up-Menüs, die das Programmieren revolutioniert.

Mit dem Programmiersystem "Next-Step" kann der Anwender Programme unter der neuen Benutzeroberfläche schreiben, ohne einen einzigen Befehl einzugeben. Die neue Technik ist anfangs schwer zu verstehen, weil Icons bislang nur als Symbole verwendet werden. Man klickt sie an, um eine bestimmte Aktion zu erreichen. Zum Beispiel wird nach einem Doppelklick auf ein Programm-Icon das Programm geladen. Mehr Einfluß hat der Benutzer auch nicht, weil das Icon nur die Rolle eines Stellvertreters hat. Anders bei Next-Step.

Angenommen, ein Programm simuliert das Springen eines Balls, der aus einer bestimmten Höhe fallengelassen wird. Wenn Sie wissen wollen, wie die Schwerkraft den Vorgang beeinflußt, nimmt man bei Next- Step einfach ein Icon, das einen Schieberegler darstellt. Durch einen Befehl aus den Menüs bestimmen Sie, daß der Schalter den Parameter "Schwerkraft" im Programm einstellen soll. Sofern das Programm das zuläßt, ändert jedes Schieben des Reglers die Flugbahn des Balls. Durch Next-Step werden so zwei Programme (die Simulation und der Regler) zu einem verbunden. Wie mit einem Baukasten kann man aus Programmen und Programm-Modulen komplexe Programme zusammenstellen. Es funktioniert ähnlich wie die Programmiersprache Modula II.

Der Anwender muß nicht wissen, wie die beiden Teile genau arbeiten. Die Abstimmung erledigt Next-Step. Wenn ein Entwickler eigene Programmteile schreiben will, muß er sich an die Vorschriften des Systems halten. Wer es nur benutzen will, braucht keine Vorkenntnisse. Die Technik ist so revolutionär, daß IBM für die Nutzungsrechte bereits mehrere Millionen Dollar gezahlt hat, um es auf eigenen Unix-Computern zu verwenden.

Neben den inneren Qualitäten fällt beim Next das elegante Äußere auf. Das ist kein Zufall — das ganze System wurde passend zu einem Entwurf des deutschen Designers Hartmut Esslinger gestaltet. Esslmger schuf mit seiner Firma "Frog-Design" bereits die Gehäuse des Apple IIc und Macintosh II. Nur zwei Kabel gehen von der Zentraleinheit aus: ein Netzkabel und ein Monitorkabel. Letzteres versorgt den Monitor gleichzeitig mit Strom und übermittelt alle Daten von Tastatur und Maus an den Computer. Um Kabelsalat zu vermeiden, werden diese beiden an den Monitor angeschlossen.

Superlative stellt Next nicht nur mit Hard- und Software auf. Jobs engagierte für 100 000 Dollar den Designer Paul Rand, um das Next-Logo zu entwerfen. Jobs bestand trotz der hohen Summe auf Rand, weil dieser bereits das IBM-Logo schuf.

Jobs gab auch viel Geld aus, um seinen Entwicklern die Arbeit so angenehm wie möglich zu machen. Die ersten Angestellten von Next waren daher keine Techniker, sondern Innenarchitekten, die die Büros entwarfen und einrichteten.

So ungewöhnlich wie das Design und die Entstehungsgeschichte des Computers sind auch die Verkaufspläne. Nach den Vorstellungen von Jobs wird der Next nur in Universitäten und bei Studenten stehen. Ob das auch in einem Jahr noch gilt, ist zweifelhaft. Die wenigsten Studenten verfügen über 6500 Dollar (rund 12000 Mark), nur um sich einen Computer zu kaufen. Bislang behauptet Jobs auch, daß der Next nur in den USA verkauft wird. Doch merkwürdigerweise besitzt dieser ein intelligentes Netzteil, das selbständig zwischen 110 und 220 Volt umschaltet. Warum dieser Aufwand, wenn der Next nur in den USA verkauft werden soll? Diese Technik lohnt sich nur, um die unterschiedlichen Netzspannungen in Europa und den USA auszugleichen. Insider vermuten, daß durch die selbst auferlegten Beschränkungen die Lieferschwierigkeiten vertuscht werden sollen. Die ersten Computer werden frühestens Mitte nächsten Jahres ausgeliefert. Bis die Serienfertigung beginnt, dauert es vielleicht noch ein Jahr. Daher ist es im Augenblick geschickter, allen denkbaren Käufern vorzugaukeln, sie würden nie einen Next bekommen. Wenn er dann doch verkauft wird, -freut man sich, ihn zu bekommen, und ärgert sich nicht, so lange gewartet zu haben.

Seinen ersten Käufer, der kein Student ist, hat Jobs bereits. Er sprach mit König Juan Carlos von Spanien bei dessen USA-Besuch im letzten Jahr. Beide standen bei einem Empfang zusammen und Jobs redete fast 20 Minuten lang wild gestikulierend auf den Monarchen ein. Zum Schluß zückte Juan Carlos eine Visitenkarte, schrieb etwas auf die Rückseite und gab sie Steve Jobs. Seine Freunde wollten hinterher wissen, was passiert war. Jobs: "Ich hab' ihm einen Computer verkauft". gn

Next: Stationen

Mai 85: Steve Jobs wird als Leiter der Macintosh-Entwicklungsabteilung abgesetzt

Juli 85: Jobs beginnt mit dem schrittweisen Verkauf seiner 7,5 Millionen Apple-Aktien, die insgesamt rund 90 Millionen Dollar wert sind. Aus Sentimentalität behält er eine einzige.

September 85: Am Freitag, den 13ten verläßt Jobs mit fünf Entwicklern seine Firma Apple und gründet Next Inc.

Februar 86: Der Milliardär ROSS Parrot beteiligt sich mit 20 Millionen Dollar an Next Inc., da Jobs das finanzielle Risiko nicht alleine tragen will. August 88: Als erstes Produkt stellt Next 900 T-Shirts mit dem Firmen-Logo her.

Oktober 88: Steve Jobs stellt in der mit 3000 geladenen Gästen randvollen Davis Symphony Hall in San Francisco den Next vor. Er wird aber erst ab 1989 verkauft.


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