Das Abenteuer geht weiter... Erfahrungen

Eine halbnackte Nixe und ein strammer Feuerwehrmann waren zwei Stationen auf dem Weg von Brigitte Möhle in die Selbständigkeit. Wir haben die begabte Programmiererin und ihren Mann besucht und nach ihren Erfahrungen als Selbständige befragt.


Eineinhalb Jahre Arbeit haben Brigitte and Günter Mühle in das Feuerwehrschulungsprogramm gesteckt.

Angefangen hat alles vor zwei Jahren. Mit einem Artikel in Happy-Computer über Brigitte und Günter Möhle. Die beiden hatten gerade ihr erstes Grafik-Adventure geschrieben. »Atlantis« hieß es und lief auf dem Atari 800. Mit lieblicher Nixe, Schätzen und was sonst noch so alles dazugehört zu einem zünftigen Abenteuer unter Wasser. Dabei stand bei der Entwicklung von »Atlantis« die Überlegung, Geld damit zu verdienen, im Hintergrund. Aus Freude am Programmieren haben sie es gemacht: »Am Anfang habe ich gedacht, daß das doch gar nicht so schwer sein dürfte. Wieviel Arbeit drin steckt, habe ich erst später gemerkt« erzählt Brigitte Möhle. Unsere Reportage »Vom Abenteuer, ein Abenteuer zu schreiben« in der Februar-Ausgabe des Jahrgangs 1985, endete mit der Beschreibung eines Traums. Mit dem Traum der Möhles von der Selbständigkeit.

Jedoch schon ein halbes Jahr später geht für Brigitte Möhle dieser Traum völlig unerwartet in Erfüllung: Unsere Reportage hat Karsten Keudel gelesen. Ihm gehört im Hessischen ein kleiner Handel für Ausbildungsmittel. Auch er hat einen Traum: Er will ein Schulungsprogramm auf den Markt bringen. Speziell für Feuerwehrleute. Doch die Softwarehäuser, mit denen er Kontakt aufnimmt, stellen Bedingungen, für die die Kapitaldecke seines kleinen Unternehmens zu kurz ist. Vorfinanzierung kann er sich nicht leisten. So nimmt Karsten Keudel mit den beiden talentierten Hobbyprogrammierern Kontakt auf. Rasch werden die drei handelseinig: Statt Vorschuß vereinbaren sie für Brigitte und Günter Möhle einen höheren Anteil pro verkauftem Programm. Und auf noch etwas einigen sie sich: Das Programm soll auf einem Computer geschrieben werden, der ganz neu auf den Markt gekommen ist: Auf dem Atari 520 ST, der für unter 5000 Mark sensationelle Grafikfähigkeiten besitzt und darüber hinaus den sagenhaften Prozessor 68000 von Motorola eingebaut hat.

»Die Selbständigkeit war ein Sprung ins kalte Wasser«, gesteht mir Brigitte Möhle. »Ohne das Einkommen von meinem Mann hätte ich mir das nicht leisten können.« Günter Möhle arbeitet weiterhin als Hardwarespezialist bei einem großen Computerhersteller. Dafür, daß auch er voll in die Firma einsteigen konnte, langte das Geld nicht, das sie mit ihrer kleinen Firma hereinbekamen. Über ein Jahr hat die Entwicklung von »FEUDAL*)«, dem Feuerwehrschulungsprogramm, gedauert. Daran verdient haben die beiden in dieser Zeit nichts. Dazu kamen hohe Kosten: Das Entwicklungspaket von Jack Tramiels Atari belastete die Haushaltskasse mit viereinhalbtausend Mark. Wenig für die gebotene Hardware, aber viel für die Möhles. Dazu kam Pech: »Sereamis«, das zweite Abenteuerspiel von »Adventure-Soft«, wie sich die beiden inzwischen nannten, wurde wegen der Wirren der Atari-Übernahme schlecht vermarktet. Geld, das fest eingeplant war, blieb aus. Doch inzwischen geht es den beiden finanziell wieder besser. Zusammen mit Tochter Diana, Papagei Coco und den beiden Katzen Alabama und Arizona wohnen die Möhles in einem kleinen Haus in einem Ort bei Hanau. »PICOP«, ein Grafik-Konvertierungsprogramm für den Atari ST, ist seit einiger Zeit fertig. Inzwischen beginnt es sogar, bescheidene Gewinne abzuwerfen. Seit Februar ist auch »PANIP«, ein Animationsprogramm, auf dem Markt. Beide Tools sind Abfallprodukte von »FEUDAL«. Denn für die Bearbeitung der zahlreichen Bilder war kein Mal- oder Zeichenprogramm ausreichend. Also mußte etwas Eigenes her. Und warum diese Programme dann nicht gleich verkaufen? Gut genug sind sie schließlich.

Bis auf Grafik (für die ist ihr Mann zuständig) und Musik (die komponierte ein Freund aus dem Atari-Rhein-Main-Userclub) hat Brigitte Möhle im Laufe des vergangenen Jahrs das ganze Programm allein geschrieben. Daß sie dafür wesentlich mehr arbeiten mußte, als in der Zeit, als sie noch fest angestellt war, gibt sie offen zu: »Das ging oft bis zum Morgengrauen. Da macht man einen Compilerlauf und dann läuft’s nicht. Und dann denkt man sich: Einen kann ich noch machen, bevor ich ins Bett gehe. Und dann kommt noch einer und noch einer.« Besonders schwer abzuschalten sei es gewesen, wenn wieder irgendein wichtiger Termin anstand: »Meine Träume waren dann oft ein einziges C-Programm. Viele Probleme habe ich so buchstäblich im Schlaf gelöst.« Buchhaltung, Programmbestellungen und Händleranfragen kommen dazu. Weswegen von einer 40-Stunden-Woche im Hause Möhle keine Rede sein kann.

Vor allem in der Anfangszeit ihrer Firma sind viele wichtige Kontakte über den Atari-Rhein-Main-User-club gelaufen. »Jedoch nach dem dritten Treffen hat sich schon herausgestellt, mit wem man was anfangen kann und mit wem nicht«, schränkt Günter Möhle ein. »Viele kommen nur auf ein flottes Spielchen oder wollen bloß kopieren. Aber wichtig sind solche Kontakte auf jeden Fall.« Und seine Frau ergänzt: »Der Traum, daß sich jemand in sein stilles Kämmerlein setzt und ein Spitzenprogramm schreibt, ist utopisch.« Genau wie die großen Softwarehäuser für jedes Fachgebiet ihren Spezialisten hätten, sei gerade für kleine Firmen Teamwork lebensnotwendig.

Bei den Möhles kümmert er sich um die Grafik. Sie hat vor allem Spaß daran, Parser zu entwickeln. Also das Programmteil, das die Sätze, die der Benutzer eingibt, zerlegt und analysiert. Beide programmieren in C, weil die Sprache flexibler ist und leichter auf andere Computer übertragen werden kann. Von Basic sind sie abgekommen (»zu langsam«) und Parser in Assembler schreiben? Brigitte Möhle kichert: »Nur Masochisten tun so was.«


Zwischen fünfzig und siebzig Stunden die Woche sitzt Brigitte Möhre in ihrem kleinen Computerzimmer vor ihrem Atari ST

Was die beiden aus ihren Erfahrungen den Happy-Lesern raten würden, wenn sich einer selbständig machen will? Ein kurzer, verstehender Blick zwischen den Möhles, dann ist sie es, die tief Luft holt und anfängt, aufzuzählen: Am wichtigsten sei der Aspekt der Sicherheit. Wer sich selbständig machen will, brauche entweder Geld auf der hohen Kante (»für ein Jahr muß Geld zum Leben auf der Bank liegen«) oder bereits eine kontinuierliche Einnahmequelle (»ein Programm, das sich bereits gut verkauft, genügt«). Eine Ausbildung vorher machen sei wichtig, denn »wer wirklich erfolgreich sein will, braucht heute eine kaufmännische Ausbildung.« Ihr nütze ihre kaufmännische Ausbildung sehr. Auf neue Computersysteme solle man sich stürzen und sich genau überlegen, ob das Programm, das man schreiben will, auch genügend Leute interessiert. »Denn auch die großen Softwarehäuser brauchen Zeit zur Entwicklung. Wer heute auf dem C 64 anfängt, hat kaum noch Chancen. Denn der Softwaremarkt ist hart.« Sie holt tief Luft: »Sehr hart.« Verkaufen könne man auch nur ein fertiges Produkt. Das bedeutet: die Vorlaufkosten muß jeder selber tragen. »Vorschuß von einem Softwarehaus? Das kann man sich abschminken.«

»Ein bißchen Lebenserfahrung gehört wohl auch dazu«, wirft Günter Möhle ein. »Man muß Angebote kalkulieren, mit der Druckerei verhandeln, Verträge schließen, seine eigene PR-Abteilung sein. Wer da nicht die Erfahrung gemacht hat, wie es in der Geschäftswelt zugeht, der fällt auf die Nase.«

Er schmunzelt. »Es sei denn, er oder sie hat einen reichen Papa, der alles zahlt.« »Nun nimm ihnen doch nicht gleich allen Mut«, beschwert sich seine Frau. »Doch, doch«, beharrt er. »Ohne eine Ausbildung und die Erfahrung, wie es im Geschäftsleben geht, läuft nichts.« Aussichtslos sei der Schritt in die Selbständigkeit natürlich nicht, schwächt er dann doch ab: »Gute Ideen werden auch heute noch gut bezahlt.«


Coco, der Blaustimamazonen-Papagei, ist beim Programmieren immer mit dabei.

Ob Brigitte Möhle heute noch einmal das Risiko auf sich nehmen würde, wenn sie vor die Wahl gestellt würde, will ich von ihr wissen. Brigitte Möhle nickt spontan und lehnt sich wie zur Bestätigung so heftig aus ihrem hellbraunen Ledersessel nach vorn, daß sich Alabama, die schwarzweiß getigerte Hauskatze vor Schreck unter den Couchtisch verzieht. »Ja«, nickt sie dann noch einmal nachdenklich. »Ich würde alles genauso wieder machen. Ich bereue nichts.« (jg)

*) Einen ausführlichen Bericht über »FEUDAL« können Sie in der ersten Ausgabe unserer Schwesterzeitschrift »68000er« lesen.


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