Amiga: Softwarewogen an der Pazifik-Küste

Erwartungsvolle Spannung liegt in der heißen Luft Kaliforniens, wenn sich traditionsgemäß einmal im Jahr die Amiga-Entwickler aus berühmten Softwarehäusern und Hardwareschmieden in Monterey treffen, um Ideen auszutauschen und neue Produkte zu präsentieren.

Vorsicht, wenn heute immer noch jemand behauptet, es gäbe angeblich keine Software für Commodores Traumcomputer Amiga! Solche Aussagen beruhen meist auf mangelnder Information. Während der jüngsten »Amiga Developers Conference« in Monterey an Kaliforniens Pazifik-Küste kursierte eine 26 Seiten starke Software-Liste mit insgesamt 320 unterschiedlichen Amiga-Programmen — zirka 500 Public-Domain-Programme auf den Fred Fish-Disketten nicht mitgerechnet. Bereits ein Jahr nach der Markteinführung dieses Computers findet sich Software für alle erdenklichen professionellen und privaten Anwendungen.

Diese Software-Liste räumt auf mit dem, was die Amerikaner treffend als »rumors« bezeichnen — also mit Gerüchten. Bereits jetzt sind Programme für Büro- und Schulanwendungen, wie zum Beispiel Management-Programme, Datenbanken, Textverarbeitung, Telekommunikation oder Lernprogramme in den Sparten Mathematik, Sprachen, Geographie, Geschichte oder Politik verfügbar. Nicht zu vergessen die überwältigende Menge an Software für die speziellen Amiga-Applikationen wie Grafik, Animation, Musik und Sprache. Und natürlich jede Menge Spiele, Programmiersprachen (Basic, C, Fortran, Forth, Lisp, Pascal, Modula und anderes mehr in diversen Versionen) sowie Programmierhilfen.

Gut Ding will Weile haben

Auch lange angekündigte Programme kommen jetzt in den Handel, darunter das Grafik-Programm Deluxe Paint II von Electronic Arts mit Fähigkeiten, die das Herz eines jeden Amiga-Fans höher schlagen lassen: Perspektiv-Modus, Umschalten der Bildauflösung während das Programm läuft, leichtere Veränderungen der Farben und grafischen Formen. Einen ausführlichen Test finden Sie in der Februar-Ausgabe unseres 68000er-Magazins. Auch Deluxe Music — lange erwartet — ist jetzt endlich fertiggestellt. Es wird in den USA bereits jetzt und in wenigen Wochen auch in Deutschland ausgeliefert. Herausragend aus der Softwarewelle sind zwei weitere Programme, die endlich professionelle Amiga-Anwendungen erschließen: das Datenbankprogramm Superbase und das Textprogramm Vizawrite, beide erstaunlich gut an die Amiga-Fähigkeiten angepaßt und auch in deutscher Sprache verfügbar.

Besonders wichtig für deutsche Anwender: die Betriebssystem-Software Version 1.2 (Kickstart und Workbench), die deutsche und fremdsprachige Tastaturen unterstützt und eine Vielzahl weiterer Verbesserungen wie beispielsweise eine höhere Auflösung bringt. Version 1.2 gehört in Europa zur Standard-Konfiguration des Amiga.

Auch wenn Commodore den Amiga ab sofort mit 512 KByte RAM ausliefert, sind für deutsche Anwender sicherlich einige Hardware-Erweiterungen interessant, die auf der Messe in Monterey vorgestellt wurden: gleich mehrere Firmen bieten Speichererweiterungen in unterschiedlichen Größenordnungen zu erstaunlichen Preisen an (zum Beispiel eine 2-MByte-Erweiterung für rund 1700 Mark). Daneben sah man — und das ist noch erfreulicher — 20-MByte-Festplatten für umgerechnet unter 2000 Mark, die demnächst sicherlich auch in Deutschland die Schaufenster der Computerläden zieren werden. Schließlich: lang nachleuchtende Farbmonitore, ideal für den Interlace-(flimmer)-Modus des Amiga, Farbdrucker, Plotter, der Video-Digitizer »Framegrabber« und das Genlock-Interface (beides in Amerika ab Dezember im Handel).

Lieblingsprodukt der Amiga-Entwickler war ein hochgerüsteter /Turbo Amiga« der kalifornischen Firma Computer Systems Associates. Der mit stolzen 14 MHz getaktete Amiga arbeitet mit dem Motorola 32-Bit-Mikroprozessor 68020 und wird unterstützt vom MC 68881 Floating-Point-Coprozessor, seines Zeichens Spezialist für mathematische Berechnungen aller Art. Dieser 32-Bit-Amiga mit 2 MByte RAM und integrierter 20-MByte-Winchester-Festplatte leistet nach Herstellerangaben etwa 40mal mehr als ein PC/AT. Diese Maschine wartet zum Beispiel im Grafikbereich und in bezug auf Geschwindigkeit mit einer derart unglaublichen Leistung auf, wie man sie noch nie vorher bei einem Computer dieser Größenordnung (Preis in der Grundversion rund 12000 Mark) gesehen hat.

Gerüchteküche geschlossen

Und um schließlich noch mit einem weiteren Gerücht aufzuräumen: vergessen Sie alles, was bislang über den neuen MS-DOS-Amiga zu lesen und zu hören war. Das neue Modell, der Amiga 2500, wird in Braunschweig entwickelt und von Commodore noch dieses Jahr auf den Markt gebracht. Der A2500 verfügt über 1 MByte RAM, zwei integrierte Laufwerke (wahlweise ein Laufwerk plus Festplatte), verwendet den MC 68000-Mikroprozessor und erlaubt es, in dieser integrierten Version sowohl Amiga-Programme als auch MS-DOS-Software zu verarbeiten.

Am Rande der Konferenz in Monterey wurden auch die besten Amiga-Produkte des Jahres 1986 ausgezeichnet. Den ersten Preis in der Software-Kategorie erhielt das Grafikprogramm Deluxe Paint von Electronic-Arts-Mitarbeiter Dan Süva. Der Hardwarepreis ging an NewTek für den Video-Digitizer DigiView. Verdient haben sie es sicherlich, doch im nächsten Jahr werden es bei der rasanten Entwicklung im Amiga-Bereich ganz andere Produkte sein, die eine Auszeichnung erhalten. Man darf gespannt sein!

(Jens A. Hertwig/ts)


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