Soft Story: »Deluxe Mike« im Interview

Mike Posehn, der Schöpfer des Animationsprogramms »Deluxe Video«, besuchte die Happy-Redaktion. Seine Programmierer-Karriere begann im Wohnzimmer und der Amiga ist (natürlich) sein Lieblingscomputer.

Freitag nachmittag in der Happy-Redaktion: Das gewohnte Sägen der Drucker und das hektische Treiben auf dem Flur bestimmen diesmal nicht das Bild, denn wir haben einen Feiertag. Trotzdem hat sich eine Handvoll Redakteure eingefunden, denn Mike Posehn, der Autor des Amiga-Programms »Deluxe Video«, hat seinen Besuch angekündigt. Mike hielt sich eigentlich privat in Europa auf, doch bereits vor seiner Abreise hatten wir einen Interview-Termin vereinbart.

Gegen 14 Uhr trifft er zusammen mit seiner Frau Cynthia ein. Nach der Begrüßung und dem Aktivieren der Kaffeemaschine erzählt uns Mike von seinem Einstieg in die Computer-Szene: »Ich habe die Hochschule als Ingenieur für Elektronik und Mechanik abgeschlossen und arbeitete dann bei einer Firma, die sich mit Nuklear-Technologie beschäftigt. 1977 kaufte ich mir privat einen SOL-Computer. Das Ding hatte etwa 6 KByte RAM, ein Holzgehäuse und kostete damals um die 2000 Dollar!

Der Weg zum Profi

Da es kein Textprogramm für diesen Computer gab, schrieb ich mir eine eigene Textverarbeitung. Dieses Programm wurde dann sogar von MicroPro veröffentlicht — das war noch bevor die Firma mit Wordstar einen Welthit landete! Ich schrieb dann zwei weitere CP/M-Programme und merkte, daß ich mit der Programmiererei ganz gut Geld verdienen konnte. Also wurde die Freizeitbeschäftigung zum Ganztagsjob. Cynthia und ich verschickten meine ersten Programme vom Wohnzimmer aus. das als provisorisches Lager diente.«


Mike Posehn, der Schöpfer von »Deluxe Video«

Mikes Frau hatte Vertrauen in die Pläne ihres Mannes. Sie meint: »Die Sache hat sich von Anfang an gelohnt und ich hatte nie daran gezweifelt, daß wir das Richtige tun. Heutzutage arbeite ich nicht mehr so eng mit Mike zusammen, denn unsere beiden Kinder halten mich auf Trab. Ich kümmere mich aber weiterhin um den Papier- und Steuerkram.«

Und wie kam Mike zu Electronic Arts? Er erzählt: »Eines schönen Tages hatte ich ein Programm namens 'Get Organized' fertig geschrieben und suchte nach einer Firma, die es veröffentlichen wollte. Schließlich habe ich Electronic Arts gefragt und sofort eine Zusage erhalten. 'Get Organized' war mein Einstand bei EA. Es ist ein RAM-residentes Programm für den IBM-PC, mit dem man Textverarbeitung, Dateiverwaltung und einiges mehr machen kann.« Cynthia meint dazu: »Das Programm ist wirklich sehr praktisch. Ich kann das beurteilen, denn ich benutze es täglich, wenn ich mit meinem IBM-XT arbeite.«

Inspiration Amiga

Vor fast zwei Jahren sah Mike die ersten Demos, die auf einem Prototyp eines neuen Computers namens Amiga liefen. Er war spontan begeistert: »Durch die beeindruckenden Fähigkeiten des Amiga bekam ich die Idee zu Deluxe Video', einem Programm, mit dem man animierte Grafik-Sequenzen so einfach wie möglich zusammenstellen kann. Es sollte dem Anwender wie eine Programmiersprache helfen, möglichst unkompliziert seinen Computer auszureizen.

Bei Electronic Arts war man anfangs gar nicht so sehr von meiner Idee begeistert. Mein Producer hat das Konzept aber verstanden. Er ist der Mann, der schon das Animationsprogramm 'Movie Maker' zu Electronic Arts holte und konnte den Jungs schließlich auch Deluxe Video' schmackhaft machen. Ein Producer ist übrigens eine Person, die den Kontakt zwischen Electronic Arts und den Leuten aufrechterhält, die außer Haus für die Firma arbeiten.

Als ich zusammen mit Tom Casey mit 'Deluxe Video' anfing, gab es erst die Amiga-Entwicklungssysteme mit Holz-Tastaturen! Wir haben das Programm größtenteils in C geschrieben, denn damals gab es noch keinen vernünftigen Assembler für den Amiga. Ich würde 'Deluxe Video' gerne schneller machen und habe Lust, eine Maschinensprache-Version zu schreiben. Aber nachdem ich 1 !4 Jahre an dem Projekt gearbeitet habe, mache ich jetzt erst einmal eine kleine Pause. Als nächstes kommt dann eine Daten-Diskette für 'Deluxe Video', auf der neue auf der neue Szenen, Bilder und so weiter gespeichert sind. Ich würde auch in Zukunft gerne Programme für den Amiga schreiben. Leider hat sich der Computer in den USA momentan noch nicht so gut verkauft, wie man sich das erhofft hat.«


Fachsimpeleien am Redaktions-Amiga: Mike (rechts) sieht sich zusammen mit unseren Redakteuren Toni Schwaiger und Gregor Neumann ein neues Videoclip an

Würde es Mike nicht einmal reizen, nach so viel Anwendungssoftware ein Spiel zu schreiben?

»Ich glaube nicht. Ich spiele auch nicht allzu oft am Computer, obwohl bei uns zu Hause zur Zeit oft 'Marble Madness' läuft. Ich weiß auch nicht, wie man ein gutes Spiel programmiert, welche Grafik-Tricks es gibt und so weiter. Am meisten Spaß habe ich an Projekten wie 'Deluxe Video'; spielerische Anwendungssoftware. mit der man etwas Kreatives auf die Beine stellen kann. Ich möchte auf keinen Fall wieder eine Textverarbeitung programmieren — das gehört zum langweiligsten, was man sich vorstellen kann!«

Unser Amiga-Redakteur (und -Freak) Toni Schwaiger nutzte gleich die Gelegenheit, um mit Mike etwas über »Deluxe Video« zu fachsimpeln und tauschte mit ihm ein paar selbstgemachte Animations-Sequenzen aus. Wie gut, daß Programmierer auf Reisen immer ein paar 3 1/4-Zoll-Disketten in der Tasche haben!

Mike war angenehm überrascht. wie stark bei uns die Fachpresse über die 68000-Computer berichtet. »In den USA ist da noch nicht viel los. In der wichtigen Zeitschrift Info-world gab es lediglich eine kleine Produktmeldung über 'Deluxe Video', während Ihr schon einen ausführlichen Test gebracht habt

Nach diesem Lob aus berufenem Munde löst sich unsere Runde langsam auf. Mike und Cynthia verbringen den Abend noch in München und fliegen am nächsten Tag von Frankfurt aus nach Kalifornien zurück, wo Mike wieder seinen Amiga bearbeiten wird. Auf die Resultate darf man jetzt schon gespannt sein. (hl/ts)


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