Der Computer drückt die Schulbank

Wird die Schule damit zur Kaderschmiede für die Computerindustrie? Lesen Sie zwei Berichte aus der Schulpraxis!

Schule ist in Deutschland Sache der Bundesländer. Die Kultusminister der einzelnen Länder kochen alle ihr eigenes schulpolitisches Süppchen. Neuestes Gewürz in ihren Rezepten ist der Informatikunterricht. Am Beispiel Nordrhein-Westfalen wollen wir die Unterrichtspraxis vorstellen. Auf den nächsten Seiten berichten ein Lehrer und ein Schüler einer Kölner Gesamtschule über ihre Erfahrungen in einem Informatik-Pilotkurs der Sekundarstufe II.

Im bevölkerungsreichsten Bundesland der Bundesrepublik Deutschland setzt der Informatikunterricht in der Klasse 9 im sogenannten Wahlpflichtbereich II ein. Die Schüler haben die Auswahl zwischen mehreren Kursangeboten, die neben den klassischen Unterrichtsfächern immer häufiger neue Fächer beeinhalten. Besonders beliebt sind seit einigen Jahren die Kurse im Fach Informatik. Ein solcher Wahlpflichtkurs hat eine Gesamtdauer von zwei Schuljahren, erstreckt sich also über die neunte und zehnte Klasse. Diese beiden Klassenstufen gehören zur sogenannten Sekundarstufe I. Der Wahlpflichtunterricht »Informatik« befindet sich noch in der Erprobungsphase.

Anders ist die Situation in der Sekundarstufe II, die die Jahrgangsstufen 11, 12 und 13 umfaßt. Hier sind bereits Unterrichtsrichtlinien herausgegeben worden, die für das Fach Informatik Unterrichtsinhalte und deren Abfolge bindend vorschreiben. In der Sekundarstufe II gehört Informatik zum naturwissenschaftlich-technischen Bereich. Durch Belegen eines Informatikkurses erfüllt ein Schüler einen Teil seiner Belegpflicht in diesem Bereich, Informatik kann also unter gewissen Voraussetzungen ein klassisches Fach wie Biologie, Chemie oder Physik ersetzen.

Informatik ein Ersatzfach?

An der Gesamtschule Köln-Porz, an der unsere beiden Autoren ihre Erfahrungen gesammelt haben, wird der Informatikunterricht von fünf Lehrern abgedeckt, die bis auf eine Ausnahme keine Fachausbildung haben und daher regelmäßig einen Teil ihrer Freizeit und der Ferien zur Einarbeitung in die neue Materie investieren müssen. Im Schuljahr 1985/86 wurden in unserer Beispielschule drei Kurse in der Sekundarstufe II und drei Wahlpflichtkurse in den Klassen 9 und 10 durchgeführt. Die Computerausstattung besteht aus lediglich sieben Apple II plus-Computern mit Monitor, zehn Diskettenlaufwerken und einem einzigen und aufgrund seines ehrwürdigen Alters recht klapperigen Matrixdrucker. Wie sich der Unterichtsalltag unter diesen, für Nordrhein-Westfalen nicht einmal untypischen, Voraussetzungen darstellt, zeigen unsere Erfahrungsberichte.

W. Fastenrath/hb

Informatik: Ein Schulfach wie jedes andere?

Es ist sattsam bekannt, daß die »Computerwelle« inzwischen auch die Schulen erreicht hat. Das Interesse der Schüler ist mehr als rege: Etwa 60 Prozent der Schülerinnen und Schüler (Anteile je 50 Prozent) des jeweiligen 11. Jahrgangs und etwa 30 Prozent des 9. Jahrgangs wählen das Fach Informatik! Die Gründe für diese Entscheidung sind recht unterschiedlich.

Schülerwunsch und Lehrplan

So ist in Klasse 9 neben einem unmittelbar berufsbezogenen Interesse vor allem die Neugier auf das Arbeiten mit der Maschine zu nennen. Dementsprechend liegt der Unterrichtsschwerpunkt der Klassen 9 und 10 in der Arbeit mit professioneller Anwendersoftware aus den Bereichen Büro und Handel (sofern solche teuren Programmpakete bei den beschränkten Mitteln der Schulträger gekauft werden dürfen) und in programmiertechnischem Grundlagenwissen. Die verwendete Programmiersprache ist meist das benutzerfreundliche »Logo«, nicht zuletzt als Abgrenzung gegen das »Basic« im Freizeitbereich. Daneben werden selbstverständlich auch Themen wie »Datenschutz«, »Computer und Gesellschaft« und »Schemati-scher Aufbau eines Computers« ausführlich behandelt.

In den Klassen 11 bis 13 ist die Wahl der Themen durch Richtlinien eingeschränkt: Die Richtlinien verlangen als Unterrichtsinhalte Algorithmik (einfache Algorithmen, Fallunterscheidungen, Iterationen, Unterprogramme/Funktionen und Rekursionen) und Datenstrukturen (einfache Strukturen, Felder, Sätze, Listen und Baume). Darüber hinaus zählen der »Aufbau einer Datenverarbeitungsanlage« (oft verbunden mit einem Exkurs in die »Assemblerprogrammierung«), die »relationale Datenbank«, »Betriebssysteme« und »Simulationen« zu den Standardthemen des Faches. Der Bereich der Theoretischen Informatik ist noch weitgehend ausgeklammert. Wie auch in anderen Schulfächern sind die Autoren der Richtlinien der Versuchung erlegen, eine Unmenge an »Stoff« vorzuschreiben und mit einem Auge auf den Studiengang »Informatik« zu schielen. Als Programmiersprache hat sich UCSD-Pascal bewährt, auch wegen der Funktion, Unterprogramme in Assembler einzubinden (einfach, aber aufwendig!). Der Nachteil der langen Compilierzeiten wiegt bei den meist kurzen Schülerlösungen weniger schwer.

Im ersten Halbjahr der Klasse 11 sollen insbesondere die Kenntnisse vermittelt werden, die man benötigt, um sinnvoll (auch alleine) weiterarbeiten zu können, eine Forderung der Richtlinien, die den unterschiedlichen Motivationen der Schülerinnen und Schüler gerecht wird.

Dabei kommt es im Anfangsunterricht auf eine behutsame Einführung in die Thematik an, die den Schülern neben der kreativen Seite des Programmierens, den Computer auch als universelles Hilfsmittel nahebringt. Ob hier kommerzielle Lernprogramme eine ernsthafte Hilfe sind, muß stark bezweifelt werden, da ihr Einsatz eine starre Unterrichtsplanung notwendig macht und so den Schülerinteressen nur wenig entsprochen werden kann.

Auf dem Boden der Praxis

Problematisch für den Lehrer sind neben der absolut ungenügenden Ausstattung mit Geräten und dem kaum vorhandenen fachlichen Fort- und Weiterbildungsangebot vor allem die Unterschiede im Vorwissen der Kursteilnehmer. So sitzen zum Beispiel computererfahrene Schüler neben solchen, die über keinerlei Vorwissen verfügen und oft auch ausgeprägte »Berührungsängste« überwinden wollen. Eine Reihe von Teilnehmern möchte mit der Wahl des Faches im ersten Halbjahr der Klasse 11 nur die vorgeschriebene zweite Naturwissenschaft abdecken und »verabschiedet« sich daher am Ende dieses Halbjahres aus dem Kurs.

Neben der Betreuung der Schüler und der dabei notwendigen »Hilfe zur Selbsthilfe« warten aber noch weitere Aufgaben auf den Informatiklehrer: So muß er mit skeptischen Kollegen (Eltern sind da optimistischer!) reden, die nicht immer zu Unrecht Sorge um die geistige Entwicklung der Schüler haben und dem Phänomen »Computer« in Verbindung mit Angst vor Datenmißbrauch unsicher gegenüberstehen. Nach dem Willen der Lehrplanmacher soll der Computer nämlich sowohl als Lernmittel als auch Lerngegenstand in eine Reihe anderer Schulfächer einbezogen werden. Wer wird da die notwendige Vorarbeit leisten?

Unterricht mit Computerfossilien

Die Geräteausstattung an vielen Schulen läßt häufig sehr zu wünschen übrig. Eine für die Situation in Nordrhein-Westfalen recht gute Austattung besteht beispielsweise aus sieben Computern Apple II plus, sieben Monochrombildschirmen, zehn Diskettenlaufwerken und einem einfachen Matrixdrucker. Gemessen an der sehr hohen Auslastungsquote der Geräte ist die Reparaturanfälligkeit nur gering. Allerdings wirkt sich bei der lächerlich kleinen Zahl der Computer jeder Defekt der oft recht betagten Geräte ausgesprochen störend auf den Unterricht aus und führt bei Lehrern und Schülern gleichermaßen zu Unmut und Verärgerung.

Dennoch erscheint der Ruf nach den jeweils neuesten Errungenschaften der Technik auf dem Computersektor, den die Marketingstrategen der Computerindustrie nur zu gerne aus den Schulen hören wollen, wenig begründet. Der Auftrag der Schule besteht in erster Linie in der Vermittlung von Inhalten und nicht darin, der Industrie hechelnd hinterherzulaufen, im Glauben, nur das Modell XYZ mit mindestens 1 MByte Speicher und 16- oder gar 32-Bit-Prozessor erlaube die sachgerechte Vermittlung des Lehrplans! Verglichen mit den Aufwendungen für andere naturwissenschaftliche Fächer ist der finanzielle Bedarf bei vernünftiger Einkaufspolitik der Schulträger selbst für eine musterhafte Ausstattung im Fachbereich Informatik nur recht gering.

Joachim Thomas/hb

Informatik: ein Fach für Computerfreaks?

Unverkennbar, auch an unserer Schule hatte die moderne Zeit Einzug gehalten: Beim Übergang in die Klasse 11 konnte unser Jahrgang als Grundkurs das Fach Informatik wählen. Natürlich war ich als Computerbesitzer und tüchtiger Hobby-Programmierer sofort Feuer und Flamme und wählte ohne lange zu Überlegen dieses neue Fach. Überhaupt war das Interesse ungeheuer groß, glaubten doch die meisten meiner Mitschüler, genau wie ich, daß man hier endlich einmal was fürs Leben lernt. Computerkenntnisse kann man heutzutage schließlich in jedem Beruf brauchen.

Ich dachte damals, daß die Sache ganz einfach wäre; etwas Basic, ein wenig Grafik. Aber fest umrissene Vorstellungen von den Inhalten des Informatikunterrichtes hatte keiner von uns. In der ersten Stunde, der Lehrer stellte uns seine Kursplanung vor, kam dann das böse Erwachen. Wir sollten doch tatsächlich eine sogenannte höhere Programmiersprache lernen, die sich Pascal nannte. Aus der Traum vom simplen Basic und von der Grafikspielerei!

Sieben Computer für 25 Schüler

Nach dieser ersten Stunde war der Kurs dann auch sofort um ein paar Schüler kleiner, aber es blieben immerhin noch 25 Mann (Frau war auch vorher schon nicht dabeigewesen!) übrig. Bei dieser Kursgröße begannen dann schon die Probleme. Die Schule stellte uns nämlich sieben Computer mit einem einzigen Drucker zur Verfügung. Haben Sie schon einmal versucht, zu viert oder fünft an einem Computer sinnvoll zu arbeiten?

Doch auch der Lehrer hatte seine Schwierigkeiten. Wie er uns bald eingestand, gab er zum ersten Male in seinem Leben Informatikunterricht. Besondere Probleme bereiteten ihm dabei unsere unterschiedlichen Vorkenntnisse. Schüler, die wie ich einen Computer zu Hause haben, waren den anderen immer ein Stück voraus. Schließlich wußten wir ja schon einiges über Computer und ihre Bedienung und mußten nicht erst mit den typischen Anfängerängsten fertig werden. Das soll natürlich nicht heißen, daß wir im Unterricht nichts mehr lernen konnten, aber der Lehrer versorgte uns in fast jeder Stunde mit Sonderaufgaben, um sich den Anfängern besser widmen zu können. Kurz gesagt, das gleichmäßige Arbeiten aller Kursteilnehmer war nicht gerade einfach zu erreichen. Meiner Meinung nach hätte der Lehrer bei mehr Unterrichtserfahrung dieses Ungleichgewicht im Kursniveau schneller erkennen und mildern können.

Viel Pascal und ein wenig Assembler

Es kam, wie es kommen mußte: Einige Schüler kehrten schon nach einem halben Jahr dem Informatikunterricht den Rücken. In unserem nun wesentlich kleineren Kurs ging die Arbeit schneller voran — für einige wohl zu schnell. Denn nach einem weiteren Halbjahr, beim Wechsel in die Klasse 12, war der Informatikkurs auf nur 10 Schüler geschrumpft. Dieser Gesundschrumpfungsprozeß hat dem Kurs aber nur gutgetan.

Als Schüler, aber auch als Computerfreak, kann ich eigentlich nur froh sein, daß sich meine ursprünglichen Erwartungen mit Basic- und Grafikspielereien nicht erfüllt haben. Denn so habe ich ganz gut Pascal und sogar ein wenig Assembler gelernt. Das dürfte für meine späteres Berufsleben viel wichtiger sein als genaue Kenntnisse über die Bedienung eines bestimmten Programmes oder über die inneren Geheimnisse der Computerhardware. Nur sollte bei der Beratung der Schüler vor der Kurswahl besser über das Fach Informatik informiert werden, um Fehlwahlen durch falsche Vorstellungen über die Anforderungen in diesem Fach von vornherein auszuschließen. Der Informatikunterricht ist nur dann eine sinnvolle Ergänzung zu den »normalen« Schulfächern, wenn erfahrene Lehrer unterrichten und genügend Computer zur Verfügung stehen.

Frank Schneider/hb


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